Kapitel Eins: Das Erkennen von Voreingenommenheit
Chapter One: The Recognition Of Bias
In jeder Diskussion ist es von höchster Wichtigkeit, den eigentlichen Streitpunkt zwischen den beteiligten Parteien genau zu bestimmen. Worüber debattieren wir eigentlich? Wo beginnt unsere tatsächliche Meinungsverschiedenheit? Eine Debatte über die Glaubwürdigkeit der Hadith-Methode ist keine Ausnahme; wir müssen darlegen, wo unser Dissens liegt. Viele Kritiker der Hadith-Methode konzentrieren sich auf die Hadith-Kritiker selbst und versuchen, Schlüsse aus der bloßen Tatsache zu ziehen, dass sie Menschen sind und zu Irrtümern neigen, ein Punkt, über den kein Streit besteht. Da sich ein großer Teil der Hadith-Methode darauf richtet, Fehler der Überlieferer aufzuspüren und deren Zuverlässigkeit entweder zu bestätigen oder ihre Ungenauigkeiten zu kritisieren, bekannt als Al-Jarh wal Ta'dil, weisen die Kritiker der Hadith-Methode darauf hin, dass diese Kritiken und Bestätigungen nicht ohne Weiteres für bare Münze genommen werden können, da die Hadith-Kritiker verschiedenen Voreingenommenheiten unterliegen. Doch unsere Behauptung lautet nicht, dass die Hadith-Kritiker vollkommen gewesen seien oder niemals ihren persönlichen Vorurteilen und Animositäten zum Opfer gefallen wären. Unsere Behauptung ist vielmehr, dass Fehler aufgrund persönlicher Animositäten – etwa – durchaus vorkamen, dass sie jedoch die Ausnahme und nicht die Regel bildeten, und dass sich die frühesten Hadith-Kritiker dessen bewusst waren.
In any discussion, it is of utmost importance to pinpoint the actual area of contention between the various parties involved. What is it that we are actually debating? Where does our actual disagreement start at? A debate on the veracity of Hadith method is no different; we must highlight where our disagreement lies. For many detractors of Hadith Method, they focus on the hadith critics themselves and seek to draw conclusions from the very fact they are human and those prone to error, a point about which there is no disagreement. Because much of Hadith Method relates to pinpointing errors of transmitters, and subsequently either endorsing their reliability or criticizing their inaccuracies, known as Al-Jarh wal Ta’dil, the detractors of Hadith Method point out that these criticisms and endorsements cannot be taken at face value because of the various biases that hadith critics are subject to. But it is not our claim that hadith critics were perfect or that they would never fall prey to their personal biases and grudges. Our claim is that mistakes due to personal grudges - for example - did occur, yet they were the exception and not the rule and at that, the earliest hadith critics were aware of this.
Abschnitt A – Theorie
Section A - Theory
In der Theorie erkannten die Hadith-Kritiker durchaus das Problem der Voreingenommenheit und waren sich der Möglichkeit ihres Auftretens sehr bewusst. So erkannte Yahya b. Ma'in dies, als er die Kritik Abu Nu'ayms an anderen behandelte. Ibn al-Junayd schreibt:
In theory, the hadith critics did recognize the problem of bias and were acutely aware of the possibility of its occurrence. For instance, Yahya b. Ma’in recognized this when discussing Abu Nu’aym’s criticisms of others. Ibn Al-Junayd writes:
Ich hörte Yahya b. Ma'in sagen: „Abu Nu'aym, wenn er eine Person erwähnt und sagt: ‚Er ist gut', und ihn lobt, dann muss er ein Schiit sein. Und wenn er eine Person einen Murji'i nennt, dann muss sie rechtgläubig sein, an ihr ist nichts auszusetzen.1" In diesem Zitat weist Yahya darauf hin, dass Abu Nu'aym aufgrund gewisser theologischer Neigungen dazu neigte, Überlieferer mit theologischen Etiketten zu beschreiben, die in Yahyas Augen nicht ganz zutreffend sein mochten. Ein weiteres wichtiges Zitat zu diesem Thema, das zeigt, dass die frühen Hadith-Kritiker das Problem der voreingenommenen Kritik verstanden, stammt von Abu Zur'ah Al-Razi (gest. 264). Al-Bardha'i zitiert Abu Zur'ah mit den Worten:
I heard Yahya b. Ma’in say: “Abu Nu’aym, if he mentions a person and says, „He is good,’ and praises him, then he must be a Shi’ite. And if he calls a person a Murji’, then he must be orthodox, nothing wrong with him.1” In this quote, Yahya is pointing out that, due to certain theological leanings of Abu Nu’aym, he was prone to describe transmitters with theological labels that may be less than accurate in the eyes of Yahya. Another important quote on this topic that shows early hadith critics understood the problem of biased criticism is a quote by Abu Zur’ah Al-Razi (d. 264). Al-Bardha’i quotes Abu Zur’ah as saying:
„Wer auf diesem Gebiet nicht religiös spricht, stürzt sich ins Verderben. Wer ein Problem oder ein Unheil zwischen sich und einem anderen hat, dem ist es möglich, es zu erwähnen. Al-Thawri und Malik pflegten jedoch Überlieferer religiös zu kritisieren, weshalb ihre Meinungen befolgt wurden. Wer auf diesem Gebiet nicht religiös spricht, dessen Schaden kehrt zu ihm zurück.“ In diesem Zitat von Abu Zur'ah warnt er davor, in die Falle unfairer Kritik an Hadith-Überlieferern zu geraten, und erkennt implizit an, dass dies vorkommt. Anschließend weist er darauf hin, dass Al-Thawri und Malik im Allgemeinen frei von Voreingenommenheit waren, weshalb ihre Rechtsurteile so beliebt waren.
“Anyone who doesn’t speak about this field religiously, they throw themselves into destruction. Anyone who has a problem or calamity between them and another, it is possible for them to mention it. Though Al-Thawri and Malik used to critique transmitters religiously, hence their opinions were acted upon. Whoever doesn’t speak in this discipline religiously, it will come back to [haunt] them.2” In this quote from Abu Zur’ah, he is warning others from falling into the pitfall of unfair criticism against hadith transmitters and implicitly accepts the fact that it occurs, then pointing out that Al-Thawri and Malik were generally safe from prejudice, hence the popularity of their rulings.
Abschnitt B – Anwendung
Section B - Application
In Bezug auf praktische Beispiele, in denen Hadithkritiker eine Kritik an einem anderen Überlieferer aufgrund von Voreingenommenheit der Beteiligten zurückweisen, gibt es mehrere. So schreibt Al-Sijzi, während er Al-Hakim (gest. 405) befragt: Und ich fragte ihn (d. h. Al-Hakim) nach Ibrahim b. „Abdillah Al-Sa’diy, woraufhin er sagte: „Er ist zuverlässig und vertrauenswürdig, obwohl er Muslim b. Al-Hajjaj geringschätzte, und daher hat Muslim ihn ohne Berechtigung als unglaubwürdig bezeichnet.3“ Al-Hakim führt die Motivation hinter Muslims Kritik an Al-Sa’diy auf einen persönlichen Konflikt zwischen beiden zurück und erklärt sie am Ende für ungerechtfertigt. In dem folgenden Zitat von Abu Ya’la Al-Khalili (gest. 446) führt er die Kritik Al-Nassa’is an einem Überlieferer auf eine Form von Voreingenommenheit gegen ihn zurück und erklärt sie für inakzeptabel. Er schreibt:
In terms of practical examples where hadith critics reject a criticism against another transmitter due to biases of those involved, there are several. For example, while questioning Al-Hakim (d. 405), Al-Sijzi writes And I asked him (i.e. Al-Hakim) about Ibrahim b. „Abdillah Al-Sa’diy, so he said, “He is reliable and trusted though he used to belittle Muslim b. Al-Hajjaj, and thus Muslim impeached him without justification.3” Al-Hakim attributes the motivation behind Muslim’s criticism of Al-Sa’diy to a personal problem between the two and ends by declaring it to be unjustified. In the following quote from Abu Ya’la Al-Khalili (d. 446), he attributes Al-Nassa’i’s criticism of a transmitter to be based on a form of prejudice against him and declares that it is unacceptable. He writes:
„Ahmed b. Salih Al-Misri: ein zuverlässiger (thiqah) Gelehrter und Hafiz. Al-Bukhari überlieferte von ihm, und Muhammad b. Yahya Al-Dhuhli schrieb von ihm, ebenso Abu Zur’ah und Abu Hatim. Abu „Abd Al-Rahman Al-Nasa’i kritisierte ihn, doch die Huffaz waren sich einig, dass seine Kritik von Voreingenommenheit geprägt ist, und die Kritik von seinesgleichen (d. h. Al-Nasa’i) schadet ihm nicht.4“ In der letzten Zitatstelle zeigt sich, dass Al-Hakim sich fragte, ob die Kritik des Yahya b. Sa’id an einem bestimmten Überlieferer berechtigt war oder nicht. Al-Hakim berichtete, dass er Al-Darauqtni fragte:
“Ahmed b. Salih Al-Misri: a reliable (thiqah) Authority (Hafiz). Al-Bukhari recorded from him, and Muhammad b. Yahya Al-Dhuhli wrote from him, as did Abu Zur’ah and Abu Hatim. Abu „Abd Al-Rahman Al-Nasa’i criticized him, but the authorities (Huffaz) agreed that his criticism is prejudice, and the criticism from his likes (i.e. Al-Nassa’i) doesn’t harm him.4 “ In the last quote, it shows Al-Hakim wondering if Yahya b. Sa’id criticisms against a particular transmitter were justified or not. Al-Hakim reported that he asked Al-Darauqtni:
1 Su’alat Ibn Al-Junayd (469).
1 Su’alat Ibn Al-Junayd (469).
2 Su’alat Al-Bardha’i (2/329).
2 Su’alat Al-Bardha’i (2/329).
3 Su’alat Al-Sijzi Lil Hakim (82).
3 Su’alat Al-Sijzi Lil Hakim (82).
4 Al-Irshad fi Ma'rifat „Ulama' Al-Hadith (1/424)
4 Al-Irshad fi Ma’rifat „Ulama’ Al-Hadith (1/424) .
5 Su'alat Al-Hakim Lil Daraqutni (180).
5 Su’alat Al-Hakim Lil Daraqutni (180).
6 Siyar A'lam Al-Nubala’ (11/82).
6 Siyar A'lam Al-Nubala’ (11/82).