Ibn Sinas Argumente
Ibn Sina's Arguments
Ibn Sīnā legt seine Argumente für die Existenz Gottes in einer Reihe seiner Schriften dar, vor allem in der Metaphysik des Heilens (Al-Ilāhiyāt al-Shifā‘), im Buch der Rettung (Al-Najāh) und in den Hinweisen und Mahnungen (Al-Ishārāt wa al-tanbīhāt). Diese Werke behandeln auch viele andere Themen, etwa Logik, Mathematik und Naturphilosophie. Ibn Sīnā verwendet in diesen Schriften eine Reihe verschiedener Argumente: einige begründen die Existenz Gottes aus der Bewegung (inspiriert von Aristoteles), andere aus der Kausalität, und wieder andere aus der Komposition (die ein wichtiges Korollar zu Argumenten darstellt, die sich auf die Kausalität berufen). In diesem Kapitel werde ich Ibn Sīnās Argumente aus diesen Quellen kurz darstellen und dabei sowohl ihre Relevanz als auch ihre Funktion im Hinblick auf die zeitgenössischen Debatten zwischen Atheisten und Theisten erläutern. Ziel der Kapitel 1 und 2 ist es zu zeigen, warum gerade diese besondere Fassung des Arguments in diesen Debatten von besonderem Wert ist. Beabsichtigt ist, Theisten intellektuelle Munition an die Hand zu geben, die derzeit entweder unterentwickelt ist oder in der akademischen Literatur der Religionsphilosophie sowie in den bekanntesten öffentlichen Auseinandersetzungen zwischen Theisten und Atheisten im letzten Jahrhundert völlig fehlt. Beim Lesen Ibn Sīnās muss man im Auge behalten, dass er häufig von informierendem zu überzeugendem Schreiben wechselt. Dementsprechend muss man darauf achten, Ibn Sīnās logische und metaphysische Taxonomien (die als sachliche Klarstellungen gedacht sind) nicht mit seinen formalen Argumenten zu verwechseln. Als Beispiel wurde das 6. Kapitel der Metaphysik des Heilens von Ibn Sīnā fälschlicherweise als Argument verstanden, obwohl Ibn Sīnās Absicht vermutlich rein taxonomischer Natur war. Zu diesem Punkt äußert sich Daniel De Haan wie folgt:
Ibn Sīnā presents his arguments for God’s existence in a number of his writings, mainly in Metaphysics of the Cure (Al-Ilāhiyāt al-Shifā‘), The Deliverance (Al-Najāh), and The Pointers and Reminders (Al-Ishārāt wa al-tanbīhāt). These works address many other topics as well, like logic, mathematics, and natural philosophy. Ibn Sīnā employs a range of different arguments in these writings: some of which argue for God’s existence from motion (inspired by Aristotle), others from causation, and even others from composition (which is an important corollary to arguments appealing to causation). In this chapter, I will briefly outline Ibn Sīnā’s arguments from these sources, referring to both the relevance and function of his arguments in relation to contemporary debates between atheists and theists. The aim of Chapters 1 and 2 is to demonstrate why this particular rendition of the argument is particularly valuable in these debates. The intention is to provide theists intellectual ammunition that is currently either under-developed or completely lacking in both academic literature found in Philosophy of Religion publications and the most famous public engagements between theists and atheists in the last century. When reading Ibn Sīnā, one must keep in mind that he often switches from informative to persuasive writing. Accordingly, one must be careful not to conflate Ibn Sīnā’s logical and metaphysical taxonomies (which are intended as matter-of-fact clarifications) and his formal arguments. As an example, the 6th chapter of Ibn Sīnā’s Metaphysics of the Cure has been misunderstood to be an argument, where Ibn Sīnā’s intention was most probably simply taxonomical. On this point, Daniel De Haan states:
Avicennas Analyse von notwendiger und möglicher Existenz in Ilāhiyyāt I.6–7 könnte keinen formalen Beweis für die Existenz Gottes darstellen, da diese Kapitel darauf ausgerichtet sind, uns Einsichten in die richtigen ersten Prinzipien der Metaphysik zu vermitteln.5
…Avicenna’s analysis of necessary and possible existence in Ilāhiyyāt I.6– 7 could not be a formal demonstration for God’s existence since these chapters are oriented towards providing us with insights into the proper first principles of metaphysics.5
Andere Gelehrte Ibn Sīnās, wie Fazlur Rahman6
Other scholars of Ibn Sīnā, such as Fazlur Rahman6
und Parvis Morewedge7
and Parvis Morewedge7
Betrachte diese Art der Einteilung als ein Argument an und für sich.8
regard this kind of classification as an argument in and of itself.8
In dem vielleicht umfassendsten und zugleich knappsten Abschnitt, den der persische Philosoph zum Beweis der Existenz Gottes verfasst hat, schreibt Ibn Sīnā in „Al-Ishārāt“ bzw. „Die Errettung“ (The Deliverance): Es besteht kein Zweifel, dass es Existenz gibt. Alles, was existiert, ist entweder kontingent oder notwendig. Ist es notwendig, so ist die Suche nach dem notwendig Existierenden abgeschlossen. Ist es kontingent, so werde ich deutlich machen, dass diese kontingente Existenz letztlich auf eine notwendige Existenz zurückführt. Zuvor werde ich Prämissen darlegen (um diese These zu beweisen). Unter diesen Prämissen befindet sich [die Behauptung], dass es unmöglich ist, dass eine unendliche Kette von Ursachen eine kontingente Existenz hervorbringt. Das liegt daran, dass alle kontingenten Existenzen entweder allesamt zugleich existieren oder allesamt zugleich nicht existieren. Existieren sie nicht allesamt zugleich, und sind sie unendlich, eine der anderen vorausgehend, so werden wir diese Sache in einem anderen Abschnitt dieses Buches behandeln. Sind sie alle zusammen, und es gibt in der Gesamtheit keine notwendige Existenz, so zeigt sich bei eingehender Analyse [und unabhängig davon, ob sie endlich oder unendlich ist], dass die Gesamtheit [der kontingenten Dinge] entweder aus kontingenten oder aus notwendigen Dingen bestehen kann. Gibt es in der Gesamtheit eine notwendige Existenz und sind alle übrigen Dinge der Gesamtheit kontingent, so wird es so sein, dass die notwendige Existenz alle kontingenten Existenzen überwiegt. Besteht die Gesamtheit nur aus kontingenten Existenzen, so verlangt sie nach dem, was Existenz verleiht. Dieses kann entweder innerhalb der Gesamtheit der kontingenten Existenzen oder außerhalb der Gesamtheit liegen. Liegt es innerhalb der Gesamtheit, so ist dies bereits ausgeführt worden. Oder es handelt sich um eine kontingente Existenz, die die Ursache der Gesamtheit ist, und die Ursache der Gesamtheit ist folglich die Ursache aller ihrer Bestandteile. Liegt es innerhalb der Gesamtheit [oder ist es die Gesamtheit selbst] – auch wenn dies unmöglich ist –, so könnte diese Argumentationslinie dennoch gültig sein, sodass man aus einer Perspektive das Ziel dieser Schlussfolgerung erreicht haben wird (d. h. weil dies den Beweis für die Existenz des notwendigen Seins erbracht hätte. Denn alles, was selbstgenügsam ist (d. h. die betreffende Menge), ist ein notwendiges Sein. Und das notwendige Sein kann nicht diese Menge sein; ebenso ist es unmöglich, dass ein kontingentes Sein außerhalb der Menge existiert, da die Menge per Definition eine Sammlung aller kontingenten Seienden ist. Daher muss es (der Geber des Seins) auch außerhalb von ihr sein und seinem Wesen nach notwendig. So hat die Menge der kontingenten Seienden in der Notwendigkeit eines notwendigen Seins außerhalb der Menge geendet, um sie zu erklären. Es ist nicht so, dass jede kontingente Wirkung eine kontingente Ursache hat, im Sinne eines unendlichen Regresses.9
In what is perhaps the most comprehensive, yet concise passage written by the Persian philosopher demonstrating God’s existence, we find Ibn Sīnā state in The Deliverance: There is no doubt that there is existence. Everything that exists is either contingent or necessary. If it is necessary, then the pursuit of the necessary existence is complete. If it is contingent, I will make clear that this contingent existence will ultimately return back to a necessary existence. Before this, I will present premises (to prove this thesis). Among these premises is [the assertion] that it is impossible for an infinite regress of causes to account for a contingent existence. That is because all contingent existences either all exist at once or do not exist at once. If they do not all exist at once and they are infinite, one preceding another, we will deal with this matter in another section of this book. If they are all together and there is no necessary existence in the set, [we find that] upon exhaustive analysis [and whether or not it is finite or infinite] the set [of contingent things] can either be composed of contingent things or necessary things. If, in the set, there is a necessary existence and all other things in the set are contingent it will be such that the necessary existence overrides all of the contingent existences. If the set is composed of only contingent existences, then it requires that which supplies existence. This can either be in the set of contingent existences or outside of the set. If it is inside the set, then this has already been elaborated upon. Or, [it could be] that it is a contingent existence such that it is the cause of the set, and the cause of the set is by extension the cause of all of its constituent parts. If it is inside the set [or is the set itself] – even though this is impossible – this line of argumentation could still be valid, so from one perspective then one will have fulfilled the object in making this conclusion (i.e. because this would have proven the existence of the necessary existence). This is because anything that is self-sufficient (i.e. the set in question) is a necessary existence. And the necessary existence cannot be this; it is also impossible that a contingent existence can exist outside the set, as the set is by definition a collation of all contingent existences. Therefore, it (the supplier of existence) must be outside of it as well as necessary in essence. Thus, the set of contingent existences has culminated in the need for a necessary existence outside of the set in order to explain it. It is not the case that every contingent effect has a contingent cause as a matter of infinite regress.9
Die erste Stufe von Ibn Sīnās Gedankengang besteht darin, das „Sein“ als die grundlegendste, transzendentale und universellste Kategorie der Analyse zu etablieren. Die erste wesentliche Behauptung, die Ibn Sīnā aufstellt, lautet, dass es unmöglich sei, dass es für ein kontingentes Sein eine unendliche Kette von Ursachen gebe.10 Dabei bedient sich Ibn Sīnā einer mengentheoretischen Argumentationsweise: Er fasst alle Glieder einer bestimmten Beschreibung in einer Menge zusammen und analysiert diese Menge anschließend. Zu diesem Punkt hinsichtlich „möglicher“ oder „kontingenter“ Existenzen führt Ibn Sīnā aus:
The first stage of Ibn Sīnā’s discourse is to establish ‘existence’ as the most foundational, transcendental, and universal category of analysis. The first major postulation which Ibn Sīnā makes is to state that ‘it is not possible for there to be an infinite regress of causes for a contingent existence’.10 Ibn Sīnā employs a set theory type of reasoning for this, gathering together all members of a specific description in one set and analysing that set thereafter. On this point regarding ‘possible’ or ‘contingent’ existences, Ibn Sīnā states:
Wenn sie alle zusammen sind und in der Menge kein notwendig Seiendes vorhanden ist, so ergibt sich bei erschöpfender Untersuchung [und unabhängig davon, ob sie endlich oder unendlich ist], dass die Menge [der kontingenten Dinge] entweder aus kontingenten Dingen oder aus notwendigen Dingen bestehen kann.11
If they are all together and there is no necessary existence in the set, [we find that] upon exhaustive analysis [and whether or not it is finite or infinite], the set [of contingent things] can either be composed of contingent things or necessary things.11
Einfach gesagt schließt eine Menge einer Art von Dingen andere Arten aus. Eine Menge von Stühlen schließt zum Beispiel Tische aus. Ebenso schließt eine Menge von Stiften Bleistifte aus. Letztlich bedeutet das, dass eine Menge kontingenter Existenzen notwendige Existenzen ausschließt und umgekehrt. Ibn Sīnā führt aus, dass es für jeden, der ein solches notwendiges Sein leugnen will, eine widersinnige Behauptung wäre, wenn ein notwendiges Sein irgendwie in der Menge der unmöglichen Existenzen enthalten sein könnte (obwohl dies logisch unmöglich ist). Ibn Sīnā geht weiter und legt nahe, dass es ebenso unmöglich ist, dass eine kontingente Existenz nicht von der Menge aller kontingenten Existenzen repräsentiert wird, wie es unmöglich ist, dass ein notwendiges Sein in einer Menge nur kontingenter Existenzen vertreten ist. Auf dieser Grundlage schließt Ibn Sīnā, dass „die Menge der kontingenten Existenzen in der Notwendigkeit eines notwendigen Seins außerhalb der Menge gipfelt, um sie zu erklären“.12 Zur weiteren Zusammenfassung des Arguments erwähnt Herbert Davidson Ibn Sīnās Argument als einen Hinweis darauf, dass „möglicherweise existierende Wesen auf ein notwendiges Sein zurückführbar sind (aufgrund seiner selbst)… etwas existiert, das aufgrund seiner selbst eine mögliche Existenz ist; daher existiert etwas, das aufgrund seiner selbst auf ein notwendiges Wesen zurückführbar ist“.13
Simply put, a set of one type of things excludes other types. For example, a set of chairs excludes tables. Likewise, a set of pens excludes pencils. Ultimately, this means that a set of contingent existences excludes necessary existences and vice versa. Ibn Sīnā states that if somehow a necessary existence can exist in the set of impossible existence (though this is logically impossible), this would be a counterintuitive proposition to make for anyone who aims to deny such a necessary existence. Ibn Sīnā goes on to suggest that just as it is as impossible for a necessary existence to be represented in a set of only contingent existences, it is also impossible for a contingent existence not to be represented by the set of all contingent existences. With this groundwork put in place, Ibn Sīnā concludes that ‘the set of contingent existences has culminated in the need for a necessary existence outside of the set in order to explain it’.12 Summarising the argument further, Herbert Davidson mentions Ibn Sīnā’s argument as pointing that ‘possibly existent beings are traceable to a necessary existence (by virtue of itself)…something exists which is a possible existence by virtue of itself; therefore something exists which is traceable to a necessary being by virtue of itself’.13
Dessen ungeachtet ist es vielleicht ein guter Ausgangspunkt, um die metaphysischen Unterteilungen zu verstehen und zu erfassen, wie Ibn Sīnā das Sein einteilt, da dies im Wesentlichen die Grundlage für seine Argumentation legt. Diesbezüglich beginnt Ibn Sīnā das 6. Kapitel der Metaphysik des Heilmittels (al-Shifāʾ), indem er definiert, was „notwendige Existenz“ ausmacht, und sagt:
Notwithstanding this, it is perhaps a good place to start understanding the metaphysical compartmentalisations and how Ibn Sīnā categorises existence, as this effectively lays the groundwork for his argument. Regarding this matter, Ibn Sīnā starts the 6th chapter of Metaphysics of the Cure by defining what constitutes ‘necessary existence’ by stating:
Wir sagen also, dass die notwendige Existenz unverursacht ist, während eine „kontingente Existenz“ verursacht ist, und dass die notwendige Existenz in jeder denkbaren möglichen Hinsicht und Betrachtungsweise notwendig ist. Ihre Existenz kann nicht die Folge der Existenz von irgendetwas anderem sein. Wäre dem so, so wäre es, als seien beide Dinge (d. h. die vermeintlich notwendige Existenz in Frage und das Ding, aus dem sie folgt) hinsichtlich der Existenz gleich und voneinander abhängig. Und es ist nicht bündig möglich, dass die Existenz der notwendigen Existenz die Folge vieler Dinge ist. Die notwendige Existenz kann bündig auch nicht „die Wirklichkeit“ sein, die irgendeinen gemeinsamen Aspekt mit dem hat, was nicht notwendig ist. Um als „notwendig“ eingestuft zu werden, darf die notwendige Existenz daher weder hinzugefügt, konstruiert, veränderlich oder teilbar sein, noch einer von mehreren Beiträgen zu ihrer eigenen Existenz, die ihr eigentümlich sind.14
So we say that the necessary existence is uncaused, whereas a ‘contingent existence’ is caused, and that the necessary existence is necessary in all possible ways and perspectives conceivable. Its existence cannot be a result of the existence of anything else. If that were so, it would be as if each of those two things (i.e. the supposed necessary existence in question and the thing which it results from) are equal in terms of existence and interdependent of each other. And it is not cogently possible for the necessary existence’s existence to be as a result of many things. The necessary existence cannot cogently be ‘the reality’ that has any common aspect of it (with that which is not necessary). Thus, in order to be classified as ‘necessary’, the necessary existence cannot be added upon, constructed, mutable, divisible, or one of multiple contributors to its own existence which is specific to it.14
In "The Pointers and Reminders" beginnt Ibn Sīnā mit einer Einteilung dessen, was möglich oder „kontingent“ (mumkin) ist, dessen, was unmöglich (muḥāl) ist, wie ein viereckiger Kreis, und dessen, was notwendig ist.15 In ähnlicher Weise geht Ibn Sīnā in seiner Metaphysik dazu über, direkt über die modalen Besonderheiten der notwendigen Existenz zu sprechen: Was die notwendige Existenz betrifft, so hat sie keine Ursache. Denn wenn sie eine Ursache hätte, wäre ihre Existenz aufgrund dieser Ursache. Alles, was wesenhaft an und für sich betrachtet wird und dessen Existenz nicht an sich notwendig ist, kann keine „notwendige Existenz“ sein … Es ist somit klargestellt, dass eine notwendige Existenz ursachlos ist. Als Folgerung daraus ist es nicht möglich, dass ein Ding zugleich aus sich selbst heraus und aufgrund eines anderen Dinges eine notwendige Existenz ist … Ferner: Bei allem, was seinem Wesen nach eine kontingente Existenz ist, würde sowohl seine Existenz als auch seine Nichtexistenz aufgrund einer Ursache zustande kommen. Denn wenn das [kontingente] Ding vorstellbar ist, dann lässt sich seine Existenz vom Nichts (bzw. vom Fehlen seiner Existenz) unterscheiden, und wenn es nicht existiert, dann wäre seine Nichtexistenz von seiner Existenz unterscheidbar. Eine erschöpfende Darlegung der Möglichkeiten würde also nahelegen, dass seine Existenz oder sein Fehlen entweder durch etwas anderes verursacht ist oder nicht. Wenn sie von etwas anderem herrührt, dann ist dieses andere die Ursache davon. Und wenn sie nicht von etwas anderem herrührt, dann ist sie selbst die notwendige Existenz.16
In The Pointers and Reminders, Ibn Sīnā starts off with a classification of that which is possible or ‘contingent’, muḥāl or ‘impossible’ (like a square circle), and necessary.15 On a similar note, in his Metaphysics Ibn Sīnā moves on to speaking directly of the modal specialities of the necessary existence: As for the necessary existence, it has no cause. This is because, if it had a cause, its existence would be because of it. Anything which is considered essentially by itself and its existence is not necessary in itself cannot be a ‘necessary existence’…so it has been made clear that a necessary existence is uncaused. As a corollary to this, it is not possible that a thing is a necessary existence in and of itself and also because of another thing…Moreover, [regarding] anything that is a contingent existence in essence, both its existence or non-existence would come about because of a cause. This is because if the [contingent] thing can be located, then its existence can be discerned from nothingness (or lack of its existence), and if it is not in existence, then its non-existence would be discernible from its existence. So, an exhaustive rendering of the options would suggest that its existence or lack of existence would either be caused because of something else or not. If it is from something else, then that something else is the cause of it. And if it is not from something else, then it is itself the necessary existence.16
In The Pointers and Reminders, Ibn Sīnā spricht von einer jumlah (grob übersetzt als Folge oder sogar Menge), die aus einer unendlichen Anzahl kontingenter Dinge besteht, und argumentiert ad absurdum, dass eine solche Menge nicht das notwendige Sein sein kann. Wendet man dies auf Argumente an, die von den Neuen Atheisten vorgebracht werden, so ist dieser Teil der Argumentation einer der wirkungsvollsten und nützlichsten Beweise gegen die These eines unendlichen Multiversums. Diese These wird häufig als Ersatz für ein notwendiges Sein oder „Gott“ eingesetzt, ein Punkt, der in den folgenden Kapiteln weiter ausgeführt wird. In der Metaphysik formuliert Ibn Sīnā das Argument am deutlichsten in der maqālah (Abschnitt) 8, Kapitel 1–3. Es verdient Beachtung, dass Ibn Sīnā sein Buch im Grunde mit diesem Argument beschließt und dass frühere Kapitel in vielerlei Hinsicht auf diesen Punkt hinzuführen scheinen. In diesem Abschnitt argumentiert Ibn Sīnā ad absurdum für die Unmöglichkeit eines unendlichen Regresses, und er tut dies auf zwei neuartige Weisen, die unten hervorgehoben werden: erstens, indem er für die Unmöglichkeit argumentiert, dass alle „mittleren Ursachen“ denselben modalen Status haben, und zweitens, indem er ein Argument aus der Zusammensetzung verwendet. Wie erläutert werden wird, sind diese Arten von Argumenten vielleicht am besten geeignet, um mit atheistischen Einwänden umzugehen, die ein unendliches Multiversum voraussetzen. Nachdem er eine Menge aller existierenden Dinge (die bereits erwähnte jumlah) begrifflich gefasst hat, stellt Ibn Sīnā fest: [Die] „letzte Ursache“ kann weder das Letzte in der Reihe der Ursachen noch etwas in der Mitte sein. Das liegt daran, dass die mittlere Ursache in der Menge nur eine Wirkung hervorbringen kann. Außerdem bewirkt die Wirkung selbst nichts. Und jedes Ding der drei Arten an jedem Ende der Menge [der existierenden Dinge] hat einen spezifischen modalen Status. Somit ist der spezifische modale Status des Dings am Ende der Menge, dass es [per Definition] für nichts eine Ursache ist.17
In The Pointers and Reminders, Ibn Sīnā talks about a jumlah (roughly translated to a sequence or even a set) consisting of an infinite number of contingent things, arguing ad absurdum that such a set cannot be the necessary existence. Applying this to arguments posited by New Atheists, this part of the argument is one of the most potent and useful proofs in arguing against an infinite multiverse thesis. This thesis is often employed as a substitute for a necessary existence or ‘God’, a point that will be expanded on in following chapters. In the Metaphysics, Ibn Sīnā is most explicit in making a formal argument in maqālah (section) 8, chapters 1-3. It merits consideration that Ibn Sīnā effectively ends his book with this argument, and in many ways earlier chapters seem to build up to this point. In this section, Ibn Sīnā argues ad absurdum for the impossibility of an infinite regress, doing so in two novel ways highlighted below: first, arguing for the impossibility of all ‘middle causes’ having the same modal status, and second, employing an argument from composition. As will be explained, these types of arguments are perhaps best placed to deal with atheistic interrogations which stipulate an infinite multiverse. After conceptualising a set of all existent things (the aforementioned jumlah), Ibn Sīnā posits that: [The] ‘ultimate cause’ cannot be the last in the set of causes, nor can it be in the middle. That is because the middle cause in the set can only cause one effect. In addition, the effect does not cause anything. And each thing of the three types at each extremity in the set [of existent things] has a specialised modal status. Thus, the specialised modal status of the thing at the end of the set is that it is not a cause for anything [by definition].17
Um dieses Argument zu veranschaulichen, stelle man sich eine lineare Reihe von P bis P10 vor. Ibn Sīnā stellt schlicht fest, dass P5 mit logischer Notwendigkeit nur Ursache für P6 innerhalb der Reihe sein kann, nicht aber für die Dinge, die ihm vorausgehen. P10 ist in dieser Reihe nicht Ursache für irgendetwas. Er setzt diese Gedankenführung fort, indem er sagt: Am anderen Ende der Reihe (d. h. an ihrem Anfang) ist die Ursache (per Definition) Ursache für alle anderen Dinge in dieser Reihe. Der besondere modale Status des Dinges, das in der Mitte der Reihe steht, besteht darin, dass es durch eines verursacht werden muss und selbst Ursache für eines sein muss.18
To illustrate this argument, conceptualise a linear set from P to P10. Ibn Sīnā is simply stating that by logical necessity P5 can only be a cause for P6 in the set, and not for those things which come before it. P10 is not the cause for anything in this set. He continues this line of reasoning by stating: At the other extremity of the set (i.e. at the beginning of it) the cause (by definition) is the cause for all other things in that set. The specialised modal status of the thing which exists at the middle of the set is that it must be caused by one thing and be the cause for one thing.18
Wenn die Reihe endlich und linear ist, muss P5 durch P4 verursacht sein und selbst die Ursache von P6 sein; dies gilt auch dann, wenn die Glieder zwischen P1 bis P10 mehrere sind, denn Ibn Sīnā legt nahe: Das gilt unabhängig davon, ob das Ding bzw. die Dinge in der Mitte eines ist oder mehr als eines. Wenn es mehr als eines ist, dann ist es entweder endlich oder unendlich: Ist es endlich, so befindet sich die Reihe zwischen zwei Extremen (d. h. der ersten Ursache und der letzten Wirkung). Daher wird jedes der Dinge zwischen diesen beiden Extremen einen besonderen Status haben, der der Endlichkeit der Reihe entspricht.19
If the set is finite and linear, P5 must be caused by P4 and must be the cause of P6; this is the case even if the elements between P1-10 are multiple, for as Ibn Sīnā suggests: That is [the case] regardless of whether the thing(s) at the middle is one thing or more than one thing. If it is more than one thing(s), then it is either finite or infinite: if it is finite, then the set is between two extremities (i.e. the first cause and the final effect). Therefore, each of the things in between these two extremities will have a specialised status (which corresponds to the finitude of the set).19
Ibn Sīnā erweitert dieses Argument einer unendlichen Menge in sowohl „The Pointers“ als auch „The Deliverance“, indem er eine kreisförmige endliche Menge betrachtet. Herbert Davidson behandelt diesen Punkt in seinem Werk zur mittelalterlichen Kalām (scholastische Theologie) mit dem Titel „Proofs for Eternity“: …ein in sich geschlossener kreisförmiger Regress wird als absurd erwiesen, und zwar durch ein Argument, das nur auf ihn selbst angewendet wird. In dem kreisförmigen Regress x y z wäre x eine entfernte Ursache von z, und z wäre die unmittelbare Ursache von x. x wäre folglich eine entfernte Ursache seiner selbst, was Avicenna für absurd hält. Auf dieselbe Weise wäre x eine entfernte Wirkung seiner selbst, was ebenso absurd ist. Und der Punkt lässt sich auf etwas andere Weise noch einmal so darlegen: x würde zu seiner Existenz von etwas abhängen – von z –, dessen Existenz posterior zu ihm ist. Wenn aber „die Existenz von etwas von der Existenz von etwas anderem abhängt, das seinem Wesen nach posterior zum ersten ist, dann ist die Existenz des ersten unmöglich.“ Ein in sich geschlossener kreisförmiger Regress von Ursachen kann daher nicht existieren.
Ibn Sīnā expands this argument of an infinite set in both The Pointers and The Deliverance by considering a circular finite set. Herbert Davidson addresses this point in his work on medieval Kalām (scholastic theology) entitled as Proofs for Eternity: …a self-contained circular regress is shown to be absurd by an argument applying only to it. In the circular regress x y z, x would be a distant cause of z, and z would be the immediate cause of x. x would consequently be a distant cause of itself, which Avicenna regards as absurd. By the same token, x would be a distant effect of itself, which is equally absurd. And the point can be made again in a slightly different way, as follows: x would be dependent for its existence upon something-z-whose existence is posterior to it. But “when the existence of something depends upon the existence of something else that is essentially posterior to the first, the existence of the first is impossible.” A self contained circular regress of causes cannot, therefore, exist.
Nachdem Ibn Sīnā einen endlichen Satz behandelt hat, wendet er sich dem Einwand des unendlichen Regresses zu und erklärt: Wenn die Menge hingegen unendlich ist, dann werden solche Extremitäten (die erste Ursache und die letzte Wirkung) nicht verwirklicht worden sein, und alle Dinge in der Menge werden den [gleichwertigen] Status der Dinge zwischen den beiden Mengen haben (d. h. sie werden weder erste Ursachen noch letzte Wirkungen sein).21
Having dealt with a finite set, Ibn Sīnā moves on to address the infinite regress objection, stating: If the set, on the other hand, is infinite, then such extremities (the first cause and final effect) will not have been realised, and all things in the set will have the [equivalent] status of the things between the two sets (i.e. they will not be first causes or final effects).21
Vor diesem Hintergrund – und zurückkehrend zu unserem Beispiel P1–P10 – sind P1, P5 und P10 in einer unendlichen Menge bedeutungslos. Alle Ps haben dieselbe modale Bestimmung, und sie können unmöglich als „Anfangsglied“, „Mittelpunkt“ oder „letzte Wirkung“ betrachtet werden. Ibn Sīnā führt dazu aus: [Hinsichtlich] dieser unendlichen Menge bleibt ihr Status als „unendlich“ unverändert, wenn man etwas hinzufügt oder davon abzieht. In diesem Fall [der unendlichen Menge] ist es nicht möglich, dass die Menge der Ursachen existiert, ohne dass es eine Ursache gibt, die selbst unverursacht und ursprunggebend ist. Demnach hätten alle Dinge der Menge den Status der mittleren Glieder der Menge (d. h. weder letzte Wirkung noch erste Ursache zu sein), und das ist logisch unmöglich.22
On this rendering – and returning back to our P1-P10 example – P1, P5, and P10 are meaningless in an infinite set. All Ps have the same modal specification, and they cannot possibly be considered ‘initiators’, ‘middle points’, or ‘final effects’. Ibn Sīnā elaborates on this point by stating: [Regarding] this infinite set, if you add or subtract from it, its status as ‘infinite’ will remain the same. In this case [of the infinite set], it is not possible for the set of causes to exist without having a cause that is itself uncaused and originating. Accordingly, all of the things in the set will have the status of the middle things in the set (i.e. being neither final effect or first cause), and this is logically impossible.22
Ibn Sīnā war, wie Aristoteles, ein Vertreter der Ewigkeit der Welt. Mit anderen Worten: Er glaubte tatsächlich, dass das Universum vorewig sei. Diese überraschende Tatsache stellt ihn in Gegensatz zu vielen islamischen Denkern, die solchen Vorstellungen widersprachen (allen voran al-Ghazālī). Trotz seines Glaubens an ein ewiges Universum hat Ibn Sīnā, wie Aristoteles, mit aller Deutlichkeit für die Unmöglichkeit eines unendlichen Regresses von Ursachen argumentiert.23 Neben dem Argument aus den mittleren Ursachen führt Ibn Sīnā ein Argument aus der Zusammensetzung in folgender Weise an: Daher sagen wir, dass die notwendige Existenz nicht als ein „zusammengesetztes Gebilde“ betrachtet werden kann, in dem ein bestimmtes „Washeit“-Attribut [ihr zugeschrieben] ist und dieses „Washeit“ selbst die Eigenschaft der Notwendigkeit ist … Es wäre logisch unmöglich, dass in einer solchen „Washeit“ eine tatsächliche Wirklichkeit besteht, denn wenn sie eine Wirklichkeit hätte und diese sich von der notwendigen Existenz unterschiede, so würde dies anzeigen, dass etwas Unnotwendiges etwas Notwendiges hervorgebracht hätte. Und dies würde anzeigen, dass das betreffende Ding in Wahrheit nicht notwendig ist.24
Ibn Sīnā, like Aristotle, was an eternalist. In other words, he actually believed that the universe was pre-eternal. This startling fact puts him at odds with many Islamic thinkers who opposed such notions (most notably al-Ghazālī). Despite believing in an eternal universe, Ibn Sīnā, like Aristotle, argued quite clearly for the impossibility of an infinite regress of causes.23 In addition to the argument from middle causes, Ibn Sīnā makes an argument from composition in the following manner: So we say [that] the necessary existence cannot be considered a ‘composite construction’ such that there is a certain ‘whatness’ attribute [attributed to it], and that such ‘whatness’ is itself the quality of necessity…it would be logically impossible that in such a ‘whatness’ there is an actual reality, for if it had a reality and that it was differentiated from the necessary existence then it would indicate that something unnecessary had brought about something necessary. And this would indicate that the thing in question is not, in fact, necessary.24
Das Argument aus der Zusammensetzung besagt, dass alles, was zusammengesetzt ist, erzeugt und daher abhängig ist. Gibt es in einem Ding eine Eigenschaft, die es „notwendig“ macht und die daraus herausgelöst werden kann, während es zugleich durch Unterschiedenheit gekennzeichnet ist, dann würde dies nahelegen, dass das betreffende Seiende dieser Eigenschaft bedarf. Damit wäre dies bereits hinreichender Beweis dafür, dass dieses Seiende kontingent ist. Ausgehend von Ibn Sīnās Prämisse, dass jedes zusammengesetzte Seiende, das durch seine Teile existiert (und nicht aus sich selbst heraus), ein Komposit und daher jedes Komposit abhängig ist,25 wird die Vorstellung einer unendlichen Zahl kontingenter Dinge in der Existenz zu einer unhaltbaren Annahme. Herbert Davidson fasst dieses Argument folgendermaßen zusammen: Daher bedarf diese Gesamtheit, „ob die Gruppe endlich oder unendlich ist“, nach dieser Alternative eines Faktors, der sie fortwährend „mit Existenz versorgt“. Dieser Faktor, so nimmt Avicenna an, muss entweder (β1) innerhalb der Gruppe oder (β1) außerhalb von ihr liegen. Die Annahme jedoch, dass die gesamte Gruppe (β1) letztlich von einem ihrer eigenen Glieder aufrechterhalten werde, liefe darauf hinaus, dass dieses Glied die Ursache seiner selbst wäre. Denn die Ursache der Existenz einer Gruppe zu sein heißt „in erster Linie“, die Ursache der einzelnen Glieder zu sein; und insofern die vermeintliche Ursache selbst eines der Glieder ist, wäre sie notwendigerweise Ursache ihrer selbst. Doch die vermeintliche Ursache wurde bereits als eines der Glieder der Gruppe als möglicherweise seiend vorausgesetzt; und das möglicherweise Seiende ist gerade das, was nicht aus sich selbst heraus existiert. Daher kann es nicht die Ursache der Gesamtheit sein, deren Glied es ist.26
The argument from composition suggests that anything which is composed is generated and is therefore dependent. If there is a quality within something that makes it ‘necessary’ and capable of being extracted from while also being characterised with differentiation, then it would suggest that the entity in question is in need of it. As such, this would be enough proof to indicate the contingency of that entity. Taking Ibn Sīnā’s premise that any composed entity that exists by its parts (and not by virtue of itself) is composite and therefore any composite is dependent,25 the prospect of an infinite number of contingent things in existence becomes an impossible prospect to maintain. Hebert Davidson summarises this argument in the following way: Hence, on this alternative, “whether the group is finite or infinite,” it stands in need of a factor that will continually “provide it with existence.” The factor, Avicenna assumes, must be either (β1) within the group or (β1) outside it. Assuming that the whole group is (β1) ultimately maintained by one of its own members would, however, be tantamount to assuming that the member in question is a cause of itself. For to be a cause of the existence of a group is “primarily” to be the cause of the individual members; and inasmuch as the supposed cause is itself one of the members, it would perforce be a cause of itself. Yet the supposed cause has already been assumed, as one of the members of the group, to be possibly existent; and the possibly existent is precisely what does not exist by reason of itself. Therefore, it could not be the cause of the collection of which it is one member.26
Dieser Punkt ist besonders relevant für die Diskussion über die New-Atheism-Bewegung und ihre Infragestellung des Theismus. In seinem dreiteiligen Fachpodcast über Ibn Sīnā erwähnt Peter Adamson die Bedeutung dieses Arguments für moderne Debatten zwischen Theisten und Atheisten. Bei der Besprechung des Teils von Ibn Sīnās Argumentation, in dem er die Unplausibilität untersucht, dass die gesamte Menge des Seienden notwendig sei, wenn ihre Teile kontingent sind, verweist Adamson auf Bertrand Russells berühmten Einwand des Kompositionsfehlschlusses. Auf diesen Einwand wird im Kapitel über Einwände noch ausführlicher eingegangen. Adamson führt das Beispiel einer großen Uhr an, die aus kleinen Teilen besteht, und merkt an, dass allein deshalb, weil es innerhalb des Universums Ursachen gibt, nicht notwendigerweise folgt, dass das Universum selbst eine Ursache hat. Adamson erklärt, dass dies: …nach der Art klingt, wie ein moderner Atheist argumentieren könnte. Avicenna nimmt diesen Punkt gelassen. Er sieht, dass ein Gegner diesen Einwand erheben könnte, und sagt, gleichsam mit einem Achselzucken, dass der Gegner ihm in diesem Fall nur genau das geben würde, was er will … schließlich ist es sein Ziel zu beweisen, dass es ein notwendiges Sein gibt. Der Gegner hat dies tatsächlich eingeräumt – nur meint er, dass das notwendige Sein das Universum selbst sei. Der Einwand ist daher kein Einwand, sondern eine Kapitulation.27
This point is particularly relevant to the discussion on the New Atheism movement and its interrogations of theism. In his three-part specialised podcast on Ibn Sīnā, Peter Adamson mentions the relevance of this argument to modern day discussions between theists and atheists. When discussing the part of Ibn Sīnā’s argument in which he examines the implausibility of the entire set of existence being necessary if its parts are contingent, Adamson refers to Bertrand Russell’s famous fallacy of composition objection. The latter will be revisited in greater detail in the chapter on objections. Adamson provides the example of a big clock made up of small parts and mentions that just because there are causes within the universe, it does not necessarily mean that the universe itself has a cause. Adamson explains that this: …sounds like the sort of thing a modern-day atheist may say. Avicenna is relaxed on this point. He sees that an opponent might raise this objection and, as if shrugging his shoulders, says that in that case, the opponent would just be giving him what he wants…after all, he is out to prove that there is a necessary existence. The opponent has actually admitted that – it’s just that the opponent thinks that the necessary existence is the universe itself – the objection is no objection at all, but a capitulation.27
Davon ausgehend erklärt Adamson, dass nach Ibn Sīnā das Universum (oder die Menge der Einheiten) nicht das notwendig Seiende sein kann, weil: Wenn ein einziges notwendig Seiendes Teile hätte, müsste etwas diese Teile voneinander unterscheiden. Dann aber würden, nach demselben Schluss, den wir gerade angewandt haben, die Teile voneinander verschieden werden, und sie wären dann nicht notwendig – doch wie kann ein notwendig Seiendes kontingente Teile haben?28
Having said this, Adamson explains that according to Ibn Sīnā, the universe (or the set of units) cannot be the necessary existence because: If a single necessary existent had parts, then something would need to distinguish those parts from one another. But then, by the same reasoning, we just used, the parts would wind up being different from one another, and then they would not be necessary – but how can a necessary existent have contingent parts?28
Bei der pastoralen Verwendung der Argumente Ibn Sīnās ist es wichtig, die Schwelle zu beachten, an der ein Gesprächspartner sich von atheistischen Erklärungen abwendet und zu Erklärungen gelangt, die eher mit dem Deismus oder dem klassischen Theismus vereinbar sind. Ziel dieser logischen Argumente ist nicht, den Gesprächspartner von allen Eigenschaften Gottes gemäß der Schrift zu überzeugen, indem man (wie Ibn Sīnā es oben tut) von ersten Prinzipien ausgeht. Vielmehr besteht das vorrangige Ziel darin, einem atheistischen Kritiker zu zeigen, dass eine Weltanschauung, die nicht den Status eines Ursprungs des Daseins anerkennt, mangelhaft ist und leicht widerlegt werden kann. Zusammengefasst lässt sich Ibn Sīnās Burhān-Argument als ursachenbasiertes Argument aus der Kontingenz einordnen. Der Kern des Arguments lautet, dass das Dasein nicht nur kontingente Wirklichkeiten enthalten kann, da kontingentes Dasein nicht aus sich selbst hervorgehen kann. Eine Sammlung kontingenter Daseinsformen – ob endlich oder unendlich – ist weder selbstgenügsam noch notwendig, da eine solche Sammlung aus vielen Bestandteilen besteht. Gäbe es etwas, das Teil A von Teil B unterscheidet, so würde dies auf die Nicht-Notwendigkeit von Teil A oder Teil B hinweisen, ebenso wie auf das „Ganze“, das beschrieben wird. Aus diesem Grund kann das notwendig Seiende nicht aus Bestandteilen zusammengesetzt sein. Aus demselben Grund kann eine Menge kontingenter Daseinsformen – ob endlich oder unendlich – kein notwendiges Dasein sein. Daher muss ein notwendiges Dasein existieren, das außerhalb der Menge kontingenter Daseinsformen besteht und letztlich diese Menge sowie alle ihre Glieder verursacht. Ein solches notwendiges Dasein, das außerhalb der Menge kontingenter Daseinsformen steht, muss selbstgenügsam sein; es bedarf nichts, das es hervorbringt oder verursacht, denn das Unvermögen, dies zu sein, würde notwendigerweise auf seine Kontingenz hinweisen.
When using Ibn Sīnā’s arguments pastorally, it is important to note the threshold at which an interlocutor has shifted away from atheistic explanations and moved towards explanations which are somewhat more commensurate with deism or classical theism. The purpose of these logical arguments is not to convince the interlocutor of all of the attributes of God in accordance with scripture by arguing (as Ibn Sīnā does above) from first principles. Rather, the prime objective is to demonstrate to an atheistic detractor that a worldview which does not acknowledge the status of an originator of existence is deficient and can be easily repudiated. To summarise, Ibn Sīnā’s Burhān argument can be categorised as a cause-based argument from contingency. The thrust of the argument is that existence cannot contain only contingent actualities, as contingent existence cannot bring rise to itself. A collection of contingent existences –whether finite or infinite – is not self-sufficient or necessary, as such a collection is made up of many component parts. If there is anything to differentiate Part A from Part B, such a thing would indicate the non necessity of Part A or Part B, as well as the ‘whole’ which is being described. For this reason, the necessary existent cannot be composed of component parts. In addition, because of this reason, a set of contingent existences – whether finite or infinite – cannot be a necessary existence. Therefore, there is the requirement for a necessary existence to subsist outside of the set of contingent existence, which ultimately causes this set, as well as all of its members. Such a necessary existence which is outside the set of contingent existences must be self-sufficient; it requires nothing to generate or cause it, as the failure to be such would necessarily indicate its contingency.
In der Anwendung
In application
Richard, den ich in der Einleitung beschrieben habe, mag den Vorschlag eines notwendigen Seins zugunsten eines unendlichen Multiversums zurückweisen. Die Frage, die an Richard gerichtet werden kann, lautet, ob ein solches Multiversum selbstgenügsam oder abhängig ist. Antwortet Richard, es sei abhängig, so lautet die Frage: Hängt es von etwas ab, das selbst abhängig ist, oder von etwas, das unabhängig (selbstgenügsam) ist? Ist es unabhängig, dann besteht zumindest Einigkeit darin, dass es ein „unabhängiges Seiendes“ gibt. Ist es abhängig, gibt es dann einen unendlichen Regress abhängiger Dinge? Falls ja, wovon hängt dieser unendliche Regress ab? Richard könnte sagen, er hänge von nichts ab. Wenn dem so ist, gesteht Richard ein, dass das unendliche Multiversum unabhängig ist, was wiederum ein Punkt der Übereinstimmung wäre, da Richard dann der Existenz von etwas Selbstgenügsamem zustimmen würde. Der Hauptpunkt der Meinungsverschiedenheit betrifft die Frage, was das unabhängige Wesen ist. Man kann argumentieren, dass alles, was aus ablösbaren/anfügbaren Teilen zusammengesetzt ist, abhängig ist, und da das Universum auf diese Weise zusammengesetzt ist, ist das Universum daher abhängig. Dasselbe lässt sich über ein unendliches Multiversum sagen. Dies wird in den kommenden Kapiteln weiter ausgeführt.
Richard, who I have described in the introduction, may reject the proposition of a necessary existence in exchange for an infinite multiverse. The question that may be posed to Richard is whether such a multi-verse is self-sufficient or dependent. If Richard replies that it is dependent, then the question is: is it dependent on something which is dependent or something which is independent (self-sufficient). If independent, then there is agreement at least on the point that there exists an ‘independent entity’. If dependent, then is there an infinite regress of dependent things? If so, what does such infinite regress depend on? Richard may say that it depends upon nothing. If this is so, Richard is admitting the infinite multiverse is independent, again a point of agreement as Richard would be agreeing to the existence of something self-sufficient. The major point of disagreement relates to what the independent being is. One can argue that anything composed of detachable/attachable parts is dependent, and since the universe is composed in this way, therefore the universe is dependent. The same thing can be said about an infinite multiverse. This will be fleshed out in the chapters to come.
5 De Haan, D. (2016). Where does Avicenna demonstrate the existence of God? Arabic Sciences and Philosophy, 26(1), S. 104.
5 De Haan, D. (2016). Where does Avicenna demonstrate the existence of God? Arabic Sciences and Philosophy, 26(1), p. 104.
6 Rahman, F. (1963). Ibn Sina. In M.M. Sharif (Ed.), A History of Muslim Philosophy, S. 480–506.
6 Rahman, F. (1963). Ibn Sina. In M.M. Sharif (Ed.), A History of Muslim Philosophy, pp. 480-506.
7 Morewedge, P. (1979). Islamic Philosophical Theology. Suny Press, pp. 234-350.
7 Morewedge, P. (1979). Islamic Philosophical Theology. Suny Press, pp. 234-350.
8 Sowohl Morewedge als auch Rahman betrachten das Argument als ontologisch.
8 Both Morewedge and Rahman regard the argument as ontological.
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Ibn Sīnā, A. (1937) Al-Najāh. Al-Maktabah al-Murtaḍawiyyah, S. 230. 10 Ibid.
Ibn Sīnā, A. (1937) Al-Najāh. Al-Maktabah al-Murtaḍawiyyah, p. 230. 10 Ibid.
11 Ebd.
11 Ibid.
12 Ebd.
12 Ibid.
13 Davidson, H. (1987). Proofs for eternity, creation and the existence of God in medieval Islamic and Jewish philosophy. Oxford University Press, S. 304. 14 Ibn Sīnā, A. (1997) Al-Shifā’. Markaz al-Nashr, S. 50.
13 Davidson, H. (1987). Proofs for eternity, creation and the existence of God in medieval Islamic and Jewish philosophy. Oxford University Press, p. 304. 14 Ibn Sīnā, A. (1997) Al-Shifā’. Markaz al-Nashr, p. 50.
15 Ibn Sīnā, A. (1957). Al-Ishārāt wa al-tanbīhāt. Kairo: Dar al-Maʿārif, S. 3.