Neue atheistische wissenschaftliche Argumente gegen den Theismus
New Atheist’s Scientific Arguments Against Theism
Neue Atheisten betrachten den Darwinismus als ein Mittel, die Existenz Gottes beinahe zu widerlegen. So fasst Richard Dawkins in seinem Buch das zentrale Argument gegen die „Gottesthese“ in sechs Punkten zusammen. Er schließt mit der Feststellung, dass, wenn das Argument akzeptiert wird, „die sachliche Prämisse der Religion – die Gotteshypothese – unhaltbar ist. Gott existiert mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht“ (Dawkins, 2006, S. 156). Erstens behauptet er, dass „eine der größten Herausforderungen für den menschlichen Intellekt über die Jahrhunderte hinweg darin bestand zu erklären, wie das komplexe, unwahrscheinliche Erscheinungsbild von Design entsteht“, und dass „die natürliche Versuchung darin besteht, das Erscheinungsbild von Design dem tatsächlichen Design selbst zuzuschreiben.“ Weiter ausführend zu seinen dritten und vierten Punkten fährt Dawkins fort: „Die Versuchung ist eine falsche, denn die Designer-Hypothese wirft sofort die Frage auf, wer den Designer entworfen hat.“ An dieser Stelle schreibt Dawkins:
New Atheists view Darwinism as a means to almost disprove the existence of God. For instance, Richard Dawkins details the central argument against the ‘God thesis’ in his book by summarising it into six points. He concludes by stating that if the argument is accepted ‘the factual premise of religion – the God hypothesis – is untenable. God almost certainly does not exist’ (Dawkins, 2006, p.156). Firstly, he claims that ‘one of the greatest challenges to the human intellect, over the centuries, has been to explain how the complex, improbable appearance of design arises’ and that ‘the natural temptation is to attribute the appearance of design to actual design itself.’ Elaborating further on his third and fourth points, Dawkins continues, ‘the temptation is a false one, because the designer hypothesis immediately raises the question of who designed the designer’. At this point Dawkins writes:
Darwin und seine Nachfolger haben gezeigt, wie sich Lebewesen mit ihrer spektakulären statistischen Unwahrscheinlichkeit und dem Anschein von Design durch langsame, allmähliche Schritte aus einfachen Anfängen entwickelt haben. Wir können heute mit gutem Gewissen sagen, dass die Illusion von Design bei Lebewesen eben das ist – eine Illusion (Dawkins, 2006, S. 157–158).
Darwin and his successors have shown how living creatures, with their spectacular statistical improbability and appearance of design, have evolved by slow, gradual degrees from simple beginnings. We can now safely say that the illusion of design in living creatures is just that – an illusion (Dawkins, 2006, p.157-8).
Für Dawkins hat Darwin es „möglich gemacht, ein intellektuell erfüllter Atheist zu sein" (Dawkins, 1986, S. 2). Dawkins räumt ein, dass die Welt der Physik keine gleichwertige Theorie hervorgebracht hat, wie es die darwinistische Evolutionstheorie ist, glaubt jedoch, dass es Aufgabe der Physiker sei, solche gleichwertigen kosmologischen Theorien zu finden. Zu diesem Zweck erklärt Dawkins:
For Dawkins, Darwin ‘made it possible to be an intellectually fulfilled atheist’ (Dawkins, 1986, p.2). Dawkins admits that the world of physics has not resulted in an equivalent theory of Darwinian evolution, but believes it to be the responsibility of physicists to find such equivalent cosmological theories. To this end Dawkins states:
Und obwohl der Darwinismus für die unbelebte Welt – etwa die Kosmologie – nicht unmittelbar relevant sein mag, schärft er unser Bewusstsein in Bereichen außerhalb seines ursprünglichen Gebiets, der Biologie (Dawkins, 2006, S. 113).
And although Darwinism may not be directly relevant to the inanimate world – cosmology for example – it raises our consciousness in areas outside its original territory of biology (Dawkins, 2006, p.113).
Daher ist es laut Dawkins Darwin allein, der Atheisten erlaubt, einen schlüssigen Einwand gegen das Argument aus dem Design zu formulieren – das für Dawkins „im Kern das Lieblingsargument der Kreationisten“ ist (Dawkins, 2006, S. 113). Dawkins hält den Verweis auf Gott für überflüssig, denn „Gott müsste überhaupt nichts tun“, damit Lebewesen so sind, wie sie sind (Dawkins, 2006, S. 118). Daher lautet das erste Argument der Neuen Atheisten, dass Darwin den stärksten Beleg für einen Designer durch die Evolution wirksam widerlegt.
Therefore, according to Dawkins, it is Darwin and Darwin alone who allows atheists to articulate a cogent case against the argument from design – which is to Dawkins ‘in a nutshell the creationists’ favourite argument’ (Dawkins, 2006, p.113). Dawkins considers reference to God as superfluous as ‘God wouldn’t have to do anything at all’ for living beings to be the way they are (Dawkins, 2006, p.118). Hence, the first argument of the New Atheists is that Darwin effectively disproves the strongest evidence for a designer through evolution.
Dawkins’s Argumente sind auf philosophischer Ebene vielfach widerlegt worden. Es gab zahlreiche solcher Widerlegungen in öffentlichen Debatten. So hat John Lennox den Einwand zurückgewiesen, Darwinsche Evolution sei mit der These von Gott unvereinbar, indem er erklärte: „Dawkins begeht einen Kategorienfehler, er verwechselt Mechanismus mit Handlungsfähigkeit“ (Fixed Point Foundation, 2017, 00:30:55). Dawkins selbst räumt angesichts seiner eigenen philosophischen Grenzen ein, dass er „kein Philosoph ist, und das wird offensichtlich sein“ (The Archbishop of Canterbury, 2012, 00:35:52). Dennoch werden Dawkins’ Schlussfolgerungen von einigen seiner philosophischen Mitstreiter geteilt, die ihn als „Kollegen und Mitstreiter in der Sache“ betrachten (Grayling, 2014).
Dawkins’s arguments have been heavily refuted on philosophical grounds. Many such refutations have been made to Dawkins in public debates. For example, John Lennox has refuted the point that Darwinian evolution is incompatible with the God thesis by stating that ‘Dawkins is making a category mistake, he is confusing mechanism with agency’ (Fixed Point Foundation, 2017, 00:30:55). Aware of his own philosophical limitations, Dawkins admits that he is ‘not a philosopher and that will be obvious’ (The Archbishop of Canterbury, 2012, 00:35:52). Nevertheless, Dawkins’s conclusions are shared by some of his philosopher associates who consider Dawkins ‘a colleague and fellow in the cause’ (Grayling, 2014).
A.C. Grayling, den wir dabei beobachtet haben, wie er sich anderen „Neuen Atheisten“ anschließt, führt ähnliche Argumente gegen „die Gott-These“ an wie Dawkins. Er behauptet: „Überdies ist hinsichtlich der Designhypothese unplausibel, dass sie eine Erklärung vorgibt, indem sie etwas heranzieht, das selbst unerklärt ist“ (Grayling, 2013, S. 77). Ähnlich wie Dawkins verwendet Grayling wenig Zeit darauf, sich mit den gängigen philosophisch-theistischen Einwänden auseinanderzusetzen, nämlich dem Verweis auf eine „unverursachte Ursache“, die notwendig sei, um den unendlichen Regress zu durchbrechen. Stattdessen entscheidet er sich dafür, den Darwinismus als vernichtendes Argument gegen die Gott-These anzuführen. Obwohl Grayling vielen Behauptungen Dawkins’ zustimmt, unterscheidet sich seine Argumentation leicht. Bezüglich der Feinabstimmung der universellen Konstanten lehnt Dawkins die Vorstellung eines Designers als vernünftige Erklärung ab und erklärt: „Er müsste mindestens kompliziert genug sein, um das zu tun“ (The Archbishop of Canterbury, 2012, 01:45:30).
A.C. Grayling, who we observed associating himself with other ‘New Atheists’, makes similar arguments against ‘the God thesis’ to Dawkins’s, claiming, ‘moreover the design hypothesis is implausible because it purports to offer an explanation by invoking something itself unexplained’ (Grayling, 2013, p.77). Similar to Dawkins, Grayling spends little time engaging with the stock philosophical theistic contentions; namely reference to an ‘uncaused cause’ as being necessary to break the infinite regress, rather, he opts to invoke Darwinism as a fatal argument against the God thesis. Though Grayling is in agreement with much of Dawkins’s claims, his argument differs slightly. In referencing the fine tuning of the universal constants Dawkins rejects the idea of a designer as a reasonable recourse stating ‘he’s got to be at least complicated enough to do that’ (The Archbishop of Canterbury, 2012, 01:45:30).
Professor Anthony Kenny, der die Debatte mit Dawkins und dem ehemaligen Erzbischof Rowan Williams leitete, hakte bei Dawkins nach, indem er zwischen Komplexität der Struktur und Komplexität der Funktion unterschied. Kenny führte das Beispiel eines elektrischen Rasierers und eines Rasiermessers an und stellte fest, dass „das Rasiermesser im Aufbau einfacher, in seinen Möglichkeiten aber komplexer ist als der elektrische Rasierer“. Darauf erwiderte Dawkins: „Ich verstehe wirklich nicht, was Sie meinen“, während im Hintergrund das Publikum der Universität Oxford lachte (The Archbishop of Canterbury, 2012, 01:56:40). Da er den Gottesbeweis zwei Seiten und Thomas von Aquins fünf Wege fünf Seiten gewidmet hat, ist es berechtigt zu dem Schluss, dass Dawkins’ philosophischer Beitrag zur akademischen Auseinandersetzung mit klassischen Argumenten praktisch nicht existent ist. Dennoch werden Dawkins’ Argumente bis hin zu persönlichem Spott und Herabwürdigung angefochten. Um diesen Punkt zu betonen, schreibt Alister McGrath, dass Dawkins, wenn er zu:
Professor Anthony Kenny, who chaired the debate with Dawkins and the ex-Archbishop Rowan Williams, probed Dawkins by differentiating between complexity of structure and complexity of function. Kenny presented the example comparing an electric razor with a cut throat razor and stating that ‘the cut throat razor is more simple in design but has more complex powers than the electric razor’ to which Dawkins replied, ‘I really don’t see what you are saying’ as the Oxford university audience laughed in the background (The Archbishop of Canterbury, 2012, 01:56:40). Having dedicated two pages to the design argument and five to Thomas Aquinas’ five ways, it is safe to conclude that Dawkins’s philosophical contribution to academia regarding classic arguments has been virtually non-existent. Nevertheless, Dawkins’s arguments are contested to a point of ad hominem ridicule and degradation. To emphasise this point, Alister McGrath writes that when Dawkins comes to:
sobald es um Gott geht, scheint er in eine andere Welt einzutreten, eine Welt wie die eines Schülerdebattierclubs, die sich auf eher erhitzte, enthusiastische Übertreibungen stützt, gewürzt mit einigen auffallenden Vereinfachungen und mehr als gelegentlichen Verzerrungen (McGrath, 2007, S. 9).
deal with anything to do with God he seems to enter a different world, it is a world of a schoolboy debating society, relying on rather heated, enthusiastic overstatements, spiced up with some striking oversimplifications and more than occasional misrepresentation (McGrath, 2007, p.9).
Solche Verallgemeinerungen beziehen sich auf Dawkins' offenen Szientismus, seine Missachtung (oder mangelnde Kenntnis) …
Such generalisations relate to Dawkins’s overt scientism, his disregard (or lack of awareness)
...philosophischer und theologischer Fragen (wobei Theologie für Dawkins offenbar kein Fach ist, „überhaupt ein Fach“ (Dawkins, 2006, S. 57)). Professor Michael Ruse, selbst Atheist, geht noch weiter und erklärt:
of philosophical and theological issues (theology being a subject that Dawkins does not appear to believe is ‘a subject at all’ (Dawkins, 2006, p.57). Professor Michael Ruse, an atheist himself, goes further than this stating:
Ich habe geschrieben, dass mich Der Gotteswahn zutiefst beschämt hat, Atheist zu sein, und ich habe es ernst gemeint. Um zu verstehen, wie Gott keine Ursache benötigen könnte, behaupten Christen, dass Gott notwendigerweise existiert. Ich habe mir die Mühe gemacht, zu verstehen, was das bedeutet.
I have written that The God Delusion made me ashamed to be an atheist and I meant it. Trying to understand how God could need no cause, Christians claim that God exists necessarily. I have taken the effort to try to understand what that means.
Dawkins und Konsorten sind mit solchen Behauptungen nicht vertraut und verachten geradezu jene, die sie auch nur zu verstehen versuchen, geschweige denn daran glauben. So kann er wie ein Erstsemester-Student munter und lautstark fragen: „Was hat Gott verursacht?", als hätte er eine bedeutende philosophische Entdeckung gemacht (Der Erzbischof von Canterbury, 2009).
Dawkins and company are ignorant of such claims and positively contemptuous of those who even try to understand them, let alone believe them. Thus, like a first-year undergraduate, he can happily go around asking loudly, "What caused God?" as though he had made some momentous philosophical discovery (The Archbishop of Canterbury, 2009).
Dennett ebenso wie Dawkins verspottet die klassischen Argumente von der ersten Ursache und weicht einer vollständigen Darlegung und Widerlegung aus, indem er behauptet:
Dennett, much like Dawkins, ridicules and evades a full explication/refutation of the classical first cause arguments claiming:
Manche Menschen würden offenbar die endlose Kette von Rätseln weit vorziehen, doch in unserer heutigen Zeit ist der Preis dafür unerschwinglich: Man muss sich selbst täuschen lassen (Dennett, 1995, S. 26).
Some people would much prefer the infinite regress of mysteries, apparently, but in this day and age the cost is prohibitive: you have to get yourself deceived (Dennett, 1995, p.26).
Vielleicht ist der meistkritisierte Aspekt des Ansatzes der Neuen Atheisten ihr Übergang von den Naturwissenschaften zur Religionsphilosophie. In diesem Zusammenhang stellt McGrath fest:
Perhaps the most critiqued aspect of the New Atheist approach is its progression from the natural sciences to religious philosophy. In this regard, McGrath states:
Das eigentliche Problem für mich ist, wie Dawkins von einer darwinistischen Evolutionstheorie zu einer selbstsicheren atheistischen Weltanschauung übergeht, die er mit messianischem Eifer und unangreifbarer Gewissheit verkündet (McGrath, 2006, S. 10).
The real issue for me is how Dawkins proceeds from a Darwinian theory of evolution to a confident atheistic world-view which he preaches with messianic zeal and unassailable certainty (McGrath, 2006, p.10).
John Gray hält die Art, wie die Neuen Atheisten die Wissenschaft benutzen, um die „Gott-Hypothese“ zu widerlegen, für eine Manipulation.
John Gray considers the New Atheist manipulation of science in attempting to disprove the ‘God hypothesis’ as:
Eine ermüdende Neuauflage eines viktorianischen Streits zwischen Wissenschaft und Religion. Doch die Vorstellung, Religion bestehe aus einer Ansammlung widerlegter Theorien, ist selbst eine widerlegte Theorie – ein Überbleibsel der Philosophie des Positivismus aus dem neunzehnten Jahrhundert (Gray, 2018, S. 9).
A tedious re-run of a Victorian squabble between science and religion. But the idea that religion consists of a bunch of discredited theories is itself a discredited theory - a relic of the nineteenth-century philosophy positivism (Gray, 2018, p.9).
Gray identifizierte Ähnlichkeiten zwischen diesen Ideen und denen von Auguste Comte in dessen *Catéchisme positiviste* (1852) (Gray, 2018, S. 10). Der Neue Atheismus geht jedoch über die positivistischen Annahmen von Bedeutungslosigkeit oder metaphysischem Diskurs hinaus, da er Religion mithilfe der Wissenschaft widerlegen will. Ein solcher Ansatz ist kritisiert worden, weil er eine sorgfältige Unterscheidung zwischen metaphysischem und methodologischem Naturalismus vermissen lässt, wie Massimo Pigliucci feststellt, der schreibt:
Gray identified similarities between these ideas and those of Auguste Comte in Catchechisme Positiviste (1852) (Gray, 2018, p.10). However, New Atheism transcends positivist assumptions of meaningless or metaphysical discourse as it aims to disprove religion using science. Such an approach has been criticised as it lacks careful distinction between metaphysical and methodological naturalism as noted by Massimo Pigliucci who writes:
Der entscheidende Punkt ist, dass eine Wissenschaftlerin im Grunde ihrer Definition nach eine methodische Naturalistin ist; sie hat jedoch keinerlei spezifische Verpflichtung (abgesehen von ihren eigenen metaphysischen Ansichten) gegenüber dem philosophischen Naturalismus. Anders ausgedrückt: Wissenschaft impliziert nicht notwendigerweise Atheismus, was die Befürchtung der Fundamentalisten ist (Pigliucci, 2006, S. 2).
The crucial point here is that a scientist is, essentially by definition, a methodological naturalist; however, she does not have any specific commitment (aside from her own metaphysical views) to philosophical naturalism. In other words, science does not necessarily entail atheism, which is the fundamentalist's fear (Pigliucci, 2006, p.2).
Pigliucci führt dies weiter, indem er hinzufügt:
Pigliucci furthers this by adding:
Daher gibt es einen guten Grund dafür, dass viele Wissenschaftler selbst religiös sind, und es ist ein Fehler (sowohl in Bezug auf die Öffentlichkeitsarbeit als auch aus philosophischer Sicht),
There is, therefore, a good reason why many scientists are themselves religious , and it is a mistake (both in terms of public relations and from a philosophical standpoint)
um die wissenschaftliche Weltsicht so darzustellen, als führe sie zwangsläufig zum Atheismus. Die Wissenschaft kann sich einen frontalen Zusammenstoß mit der Religion weder leisten, noch benötigt sie ihn (Pigliucci, 2006, S. 2).
to present the scientific worldview as if it necessarily leads to atheism. Science can neither afford, nor does it need, a head-on confrontation with religion (Pigliucci, 2006, p.2).
Elliott Sober greift Pigliucci auf und stellt fest:
Elliott Sober echoes Pigliucci stating:
Für manche Menschen legen die Newtonsche Theorie und die Darwinsche Theorie nahe, dass es keinen Gott gibt. Diese Theorien sagen dies jedoch nicht aus; es handelt sich um eine philosophische Interpretation, die zusätzliche Prämissen erfordert (Sober, 2009, S. 376).
For some people, Newtonian theory and Darwinian theory suggest that there is no God. However, this is not what these theories say; it is a philosophical interpretation that requires additional premises (Sober, 2009, p.376).