6 Das Verständnis von Kitāb und Sunnah
6 Understanding the Kitaab and Sunnah
39. Das Kitab und die Sunna sind eine arabische Rede und eine gesetzgebende Rede. Ihre Heranziehung als Beweis hängt von der Kenntnis der arabischen Sprache ab.
39. The Kitaab and Sunnah are an Arabic speech and a legislative speech. Deducing them as evidence depends on knowledge of the Arabic language.
40. Die arabische Sprache ist wie alle anderen Sprachen; sie wurde von den Arabern geprägt, und sie einigten sich auf sie durch Übereinkunft. Somit stammt die Sprache aus dem konventionellen Gebrauch der Araber und ist nicht durch Allah (SWTH) festgelegt. Solange es so ist, dass die Araber diejenigen waren, die sich konventionell auf ihren Gebrauch geeinigt haben, ist der einzige Weg, sie zu verstehen, sie von den Arabern selbst zu übernehmen. Wenn sie sagen, dieses oder jenes Wort sei für diese oder jene Bedeutung geprägt worden, oder wenn sie sagen, diese oder jene Bedeutung sei für dieses oder jenes Wort geprägt worden, so wird ihre Aussage angenommen und bestätigt, ohne dass darüber diskutiert werden dürfte. Dies liegt daran, dass der konventionelle Gebrauch (istilaah) unanfechtbar ist. Die Frage betrifft den fachsprachlichen Gebrauch und nicht eine rationale Angelegenheit oder das Verständnis.
40. The Arabic language is like the rest of the languages; it has been coined by the Arabs and they agreed upon it by convention. Thus the language is from the conventional usage of the Arabs and not fixed by Allah (SWTH) So long as it is the case that the Arabs were the ones who conventionally agreed on its usage, then the only way to understand it is to take it from the Arabs themselves. If they say such and such word has been coined for such and such meaning, or if they say such and such meaning has been coined for such and such word, then their saying is accepted and sanctioned, without being open to discussion. This is because the conventional usage (istilaah) is incontestable. The issue is one of technical usage and not a rational matter or related to comprehension.
41. Mit den Arabern, die in diesem Zusammenhang gemeint sind, sind diejenigen Araber gemeint, die das reine und unverfälschte Arabisch sprechen. Sie sind diejenigen, die Arabisch sprachen, bevor es verdorben wurde. Einige von ihnen blieben noch bis zum vierten Jahrhundert nach der Hidschra bestehen. Sie lebten als Beduinen, weshalb ihre Sprache nicht verdorben war. Was diejenigen betrifft, die nach ihnen kamen, so wird die arabische Sprache von ihnen nicht übernommen, und ihre Rede dient auch nicht als Beweis.
41. The Arabs intended in this context are the Arabs who speak the pure and unadulterated Arabic. They are the ones who used to speak Arabic before it became corrupted. Some of them still remained until the fourth century Hijri. They used to live as Bedouins and so their language was not corrupted. As for those who came after them the Arabic language is not taken from them, nor is their speech a proof.
42. Man muss sich auf die Bedeutung beschränken, die das Wort hat, so wie die Araber es geprägt haben. Und die Bedeutung eines Wortes muss auf das beschränkt bleiben, was die Araber geprägt haben. Denn es geht allein um die Überlieferung von dem, der den Begriff geprägt hat, und um nichts anderes. Daher bedeutet die Tatsache, dass ein Wort von einer bestimmten Wurzel abgeleitet ist, nicht, dass alle seine Ableitungen dieselbe Bedeutung haben, oder dass eine dieser Ableitungen die Bedeutung der anderen wiedergibt. Die Sprache kann für eine Bedeutung mehr als ein Wort bereitstellen. Oder die Sprache kann einem Wort nur eine einzige Bedeutung geben, die keinem anderen Wort zugeschrieben werden kann. Denn all dies richtet sich nach der Prägung der Araber. Somit bedeutet die Übereinstimmung von Wörtern durch Ableitung nicht ihre Übereinstimmung in der Bedeutung; vielmehr wird die Bedeutung jedes Wortes gemäß der Prägung der Araber entnommen, unabhängig von der Wurzel der Ableitung.
42. One must restrict oneself to the indication of the word coined by the Arabs. And the meaning of the word must be confined to what the Arabs have coined. This is because the issue is to do with the transmission from the one who coined the term and nothing else. Therefore, the fact that a word is derived from a certain root does not mean all its derivatives have the same meaning, or that any one of these derivatives gives the meaning of the other. The language may give more than one word for one meaning. Or the language may give the word only one meaning, which cannot be given to any other word. This is because all of this is according to the coinage of the Arabs. Thus, the agreement of words by derivation does not mean their agreement in meaning; rather the meaning of each word is taken according to the coinage of the Arabs, regardless of the root of derivation.
43. Sich auf die Bezeichnung zu beschränken, die die Araber geprägt haben, bedeutet nicht, dass man an der Ableitung (Ištiqāq) oder Arabisierung von Wörtern oder an ihrem uneigentlichen (metaphorischen) Gebrauch gehindert ist. Wir haben das Recht, die Sprache durch die Anwendung dieser drei Verfahren zu bereichern. Denn diese sind nicht allein den reinen Arabern vorbehalten; vielmehr besteht das Spezifische bei ihnen (den Arabern) darin, die Grundlagen der Ableitung, der Arabisierung und des metaphorischen Gebrauchs gelegt zu haben, ebenso wie die Einzelheiten und Formen (Awzān) der arabischen Sprache. Was den Gebrauch von Ableitung, Arabisierung und Metapher betrifft, so kann dies jeder Araber, der die Sprache versteht, solange er sich an das hält, was die Araber geprägt haben. Auf diese Weise vermag die arabische Sprache dank ihrer Metaphern, Ableitungen und Arabisierungen jede neue Bedeutung auszudrücken. Folglich besitzt sie die Fähigkeit, neue Ereignisse zu erfassen, um deren Urteil aus den Texten der Sharīʿa abzuleiten.
43. Confining oneself to the indication of the word coined by the Arabs does not mean one is prevented from derivation or arabisation of words, or using them metaphorically. We have the right to enrich the language through using these three styles. Since these are not only for the pure Arabs; but rather what is specific to them (the Arabs) is laying down the foundations of derivation, arabisation and metaphoric usage, as well as laying down details and forms (awzaan) of the Arabic language. As for the use of derivation, arabisation and metaphor, any Arab who understands the language, as long as he proceeds according to what the Arabs have coined, can do this. Thus the Arabic language, due to its metaphors, derivation and arabisation, is able to express any new meaning. Consequently, it has the capacity to express new events so as to extract their ruling from the Sharee’ah texts.
44. Die Fähigkeit des Kitaab und der Sunnah, für jeden Vorfall Urteile zu geben, hängt von der Fähigkeit der arabischen Sprache ab, jede neue Bedeutung auszudrücken. Dies bedingt, ja macht es unausweichlich, dass die arabische Sprache mit dem Islam verbunden ist, d. h. mit dem Kitaab und der Sunnah, so dass sie ein unteilbares Ganzes werden. Mit anderen Worten: Die arabische Sprache ist ein wesentlicher Bestandteil des Islam, d. h. Teil des Kitaab und der Sunnah, und kann von ihnen nicht getrennt werden. So war es in der Vergangenheit, und so soll es bis zum Ende der Zeit bleiben. Daher ist die Kenntnis der arabischen Sprache eine grundlegende Bedingung für Ijtihaad; das Rezitieren der Fatiha auf Arabisch ist eine Bedingung für die Gültigkeit des Salah. Die Übersetzung des edlen Qur'an war nicht erlaubt. Deshalb zogen die Muslime von der Arabischen Halbinsel hinaus in die Welt, das Kitaab und die Sunnah in der einen Hand und die arabische Sprache in der anderen. Sie lehrten die Menschen die arabische Sprache, ebenso wie sie ihnen das Kitaab und die Sunnah auf genau dieselbe Weise lehrten. Deshalb muss die arabische Sprache hinsichtlich der Notwendigkeit, sie zu lernen und zu bewahren, genauso behandelt werden wie das Kitaab und die Sunnah. Denn ohne die arabische Sprache werden das Kitaab und die Sunnah in der Wirklichkeit des Lebens bzw. in der Wirklichkeit neu entstehender Verhältnisse nicht mehr bestehen.
44. The capacity of the Kitaab and Sunnah to give rulings for every incident depends on the capacity of the Arabic language to express every new meaning. This necessitates, or rather makes it inevitable, that the Arabic language is united with Islam, i.e. the Kitaab and Sunnah, such that they become one indivisible whole. In other words, the Arabic language is an intrinsic part of Islam, i.e. part of the Kitaab and Sunnah and cannot be separated from them. This is how it was in the past, and how it should remain until the end of time. Thus, knowledge of the Arabic language is a fundamental condition of Ijtihaad; recitation of the Faatiha in Arabic is a condition for the validity of Salah. Translation of the Noble Qur’an was not allowed. Hence the Muslims went out of the Arabian Peninsula to the world, carrying the Kitaab and Sunnah in one hand and the Arabic language in the other. They taught the people the Arabic language, just as they taught them the Kitaab and Sunnah in exactly the same way. That is why the Arabic language needs to be treated like the Kitaab and Sunnah in terms of the necessity to learn it and protect it. This is because the Kitaab and Sunnah will cease to exist in the reality of life, or the reality of newly emergent relations, without the Arabic language.
45. Die Beschränkung auf die Bedeutung, für die die Araber Wörter geprägt haben, und das Festhalten an dem, was sie geprägt haben, hindern die arabische Sprache nicht daran, die Wissenschaften und neuen Erfindungen aufzunehmen. Denn es ist jedem Fachmann in jeder Disziplin oder bei jeder Erfindung erlaubt, Fachbegriffe für seine Disziplin oder Erfindung festzulegen, damit sie sich auf neue Fachbegriffe aus der arabischen Sprache einigen, die für ihre Disziplinen oder Erfindungen eine bestimmte Bedeutung haben. Diese Angelegenheit ist erlaubt. Die Araber selbst hatten damit begonnen, und sie gestatteten den Gebrauch von Fachbegriffen, solange sie auf den Gegenstand beschränkt blieben, für den sie geprägt wurden. So gaben die Araber für die Grammatikwissenschaft, die Grundsätze der Diktion und so weiter keine Fachbegriffe vor. Vielmehr waren es die Meister dieser Wissenschaften, die die Terminologie festlegten. Die Araber kannten diese Terminologien nicht. Daher legten die Fachleute dieser Wissenschaften und Disziplinen die Fachbegriffe fest, die in solchen Disziplinen verwendet werden. Dies wurde von den reinen Arabern akzeptiert und anerkannt. Deshalb prägen die Meister dieser Disziplinen und Erfindungen für jede neue Disziplin oder Erfindung Fachbegriffe. Sie verwenden dafür die arabische Sprache, unter der Bedingung, dass sie sich an die arabischen Ausdrucks- und Bildungsformen halten, sodass das Wort weiterhin arabisch bleibt, so wie es die Araber geprägt haben. Am arabischen Wort ändert sich nichts außer der Bedeutung, auf die es fachlich übertragen (isTilaaHan) wurde. Auf diese Weise umfasst die arabische Sprache neue Disziplinen und Erfindungen, während sie an dem festhält, was die Araber geprägt haben, und sich an die Grenzen hält, die sie gesetzt haben.
45. Limiting oneself to the meaning for which the Arabs have coined words and adhering to what they have coined, does not prevent the Arabic language from accommodating the sciences and new inventions. This is because it is allowed for every expert in every discipline or invention, to lay down terminology for his or her discipline or invention, so that they agree on new technical terms, from the Arabic language, which have a specific meaning for their disciplines or inventions. This matter is allowed. The Arabs themselves had begun this, and they permitted the usage of terminology as long as it was specific to the subject matter it was coined for. Thus, as regards the science of grammar, principles of dictation and so on, the Arabs did not give technical terms for them. Rather it was the masters of those sciences who laid down the terminology. The Arabs did not know these terminologies. Thus, the experts of these sciences and disciplines set down the technical terms used in such disciples. This was accepted and recognised by the pure Arabs. Therefore, the masters of these disciplines and inventions coin technical terms for every new discipline or invention. They use the Arabic language for this purpose, on condition that they adhere to the Arabic expressions and forms, so that the word continues to be Arabic as coined by the Arabs. Nothing changes regarding the Arabic word except the meaning, which it was technically (isTilaaHan) transmitted to. In this manner, the Arabic language encompasses new disciplines and inventions, whilst adhering to what the Arabs have coined and restricting oneself to the limits they placed.