4. Die Gesellschaft als komplexes Geflecht
4. Society as a Complex Mesh
Vorurteile und die Ausgrenzung anderer gehören zu den größten Hindernissen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Prejudice and ostracising others is one of the greatest impediments to social cohesion.
Forscher haben herausgefunden, dass Babys in ihren ersten Lebensstunden zu weinen beginnen, wenn sie andere Babys weinen hören. Sie bezeichnen dies als Mimikry, also das Nachahmen emotionaler Ausdrücke anderer – in diesem Fall die Muster des Weinens. Es handelt sich um eine rudimentäre Form von Empathie. Nach der Theorie der primitiven emotionalen Ansteckung ahmt man unbewusst und spontan die emotionalen körperlichen, mimischen oder stimmlichen Ausdrucksformen eines anderen nach. Für den Beobachter deutet dies auf eine Anerkennung des Leidens des anderen hin. Dieses Beispiel der Mimikry bei Babys scheint nahezulegen, dass Menschen nicht mit einer Veranlagung zu Vorurteilen geboren werden; diese wird vielmehr erlernt. Wären wir darauf angelegt, einander Vorurteile entgegenzubringen, auszugrenzen, zu schikanieren, zu misshandeln, zu hassen und zu töten, würde unsere Welt schlicht nicht mehr funktionieren, wir hätten uns gegenseitig längst vernichtet. Vorurteile werden erlernt, und deshalb können sie auch wieder verlernt werden. Harry Bridges sagte: „Niemand wurde jemals als Neger-Hasser, Juden-Hasser oder als irgendeine andere Art von Hasser geboren. Die Natur weigert sich, sich an solch selbstzerstörerischen Praktiken zu beteiligen.“36
Researchers have found that during their first hours of life, babies will cry if they hear other babies crying. They call this mimicry, the act of mimicking emotional expressions of others - in this case, the patterns of grieving. It is a rudimentary form of empathy. According to the theory of primitive emotional contagion, one unconsciously and spontaneously mimics the emotional bodily, facial or vocal expressions of another. For the audience it suggests an acknowledgement of the other’s distress. This example of mimicry in babies appears to suggest that humans are not born with a disposition towards prejudice; it is instead something they learn. If we were predisposed to show prejudice to one another, to ostracise, bully, victimise, hate and kill, our world would simply cease to function, we would readily have destroyed each other. Prejudice is something we learn, and it is therefore something we can also unlearn. Harry Bridges said, “No one has ever been born a Negro hater, a Jew hater, or any other kind of hater. Nature refuses to be involved in such suicidal practices.”36
Die Auseinandersetzung des Islam mit bestehenden Glaubenssystemen
Islam’s interaction with existing belief systems
Die Beziehung zwischen dem Islam und anderen Glaubens- und Überzeugungssystemen war schon immer vielschichtig und facettenreich. Von der Entstehung des Islams an knüpften Muslime bedeutsame Kontakte zu Nicht-Muslimen und deren Kulturen. Jacques Waardenburg beschreibt: „Seit seinen Anfängen stand die muslimische Zivilisation in ständiger Beziehung zu anderen Kulturen und Zivilisationen.
The relationship between Islam and other faith and belief systems has always been intricate and multifaceted. From the advent of Islam, Muslims established meaningful contact with non-Muslims and their cultures. Jacques Waardenburg describes: “Since its inception the Muslim civilization has been in continuous relationship with other cultures and civilizations.
Es erstreckt sich vom Atlantischen bis zum Pazifischen Ozean und durch Regionen, die seit langer Zeit Träger der Kultur sind. Infolgedessen sind die Muslime mit vielen Religionen in Berührung gekommen.
It extends from the Atlantic to the Pacific Oceans and through regions which have long been carriers of culture. As a consequence, Muslims have come into contact with many religions.
Man mag dabei nicht nur an verschiedene Formen des Christentums und des Judentums innerhalb und außerhalb des Nahen Ostens denken, sondern auch an den Zoroastrismus und den Manichäismus, an den Hinduismus und sogar an den Buddhismus, ganz zu schweigen von den nicht-schriftlichen Religionen in vielen Teilen Asiens und Afrikas.37
One may think not only of various forms of Christianity and Judaism inside and outside the Middle East but also of Zoroastrianism and Manicheism, Hinduism, and even Buddhism, not to speak of non-literate religions in many parts of Asia and Africa.”37
Obwohl der Koran sehr deutlich die Wahrheit des Islam, seines Propheten (ﷺ) und des Weges der Dienerschaft gegenüber Gott betont, teilt er uns auch mit, dass es andere gibt mit abweichenden Ansichten, Lebensweisen, Glaubensrichtungen, Abstammungen, Sprachen und Zivilisationen. Die menschliche Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft, doch die Menschheit bleibt verschieden: „außer denen, deren Herr sich erbarmt – und dazu hat Er sie geschaffen“ (11:118-119). Einige Kommentatoren beziehen dies auf die Fähigkeit des Menschen, intellektuell voneinander abzuweichen.38
Though the Qur’ān is very clear in stressing the truth value of Islam, of its Prophet (peace be upon him), and of the path servitude to God, it also informs us that there are others with differing views, lives, faiths, race, languages and civilisation. The human community is a single community but mankind continues to have differences – “except those on whom your Lord has mercy – for He created them to be this way” (11:118-119). Some commentators relate this to man’s ability to differ intellectually from one another.38
Nichts ist beständig außer dem Wandel
Nothing Is Consistent, Except Change
Die Persönlichkeiten im Qur'an – von Propheten und Gesandten, von jenen, die mit positiven Eigenschaften von Rechtschaffenheit und Frömmigkeit ausgestattet sind, von den Hochmütigen und hartnäckig Ablehnenden, von Männern und Frauen, Kindern und Alten, Gesunden und Kranken – bilden eine unzählbare Vielfalt von Lebenserfahrungen. Die Lehren, die wir in den Biografien der Gefährten des Propheten ﷺ sowie der Ungläubigen von Quraisch finden, bieten tatsächlich unzählige Beispiele dafür, wie sich die Lebenserfahrungen verschiedener Menschen miteinander verweben – mal einander ergänzend, mal aufeinanderprallend.
Personalities in the Qur’ān, from prophets and messengers; those endowed with positive qualities of uprightness and piety; the arrogant and obstinately rejecting; men and women; children and elderly; healthy and infirm - form a myriad of life experiences. The lessons we find in the biographies of the companions of the Prophet (peace be upon him), as well as the disbelievers of the Quraysh actually provide endless examples of how different people’s life experiences interact with one another. Sometimes complimenting and other times colliding.
Der Qur'an lehrt, dass das Leben selbst im Fluss ist, dass sich auf jeder Ebene der Existenz eines Menschen und in unserer sichtbaren Welt Veränderungen vollziehen. Die Nacht und der Tag wechseln einander ab, Planeten ziehen ihre Bahnen, und aus dem Nichts durchläuft der Mensch die Stufen des Lebens, die Kindheit, und der Mensch wandelt sich in seinem körperlichen Sein, in seiner geistigen Fähigkeit und in seinem Bewusstsein. Der bedeutsamste Wandel eines jeden Menschen betrifft seinen Glauben und seine Überzeugung. Allein die Tatsache, dass Menschen sich wandeln, ist ein hinreichender Beweis dafür, dass selbst der Hartnäckigste eine Wende des Herzens erfahren kann, und ebenso kann der Nachsichtige und Sanfte hartnäckig werden. Menschen können den Glauben wechseln, den Glauben annehmen und den Glauben gänzlich verlassen. Es ist wesentlich, dass der Muslim niemals annimmt, jemand sei für die Rechtleitung unerreichbar.
The Qur’ān teaches that life itself is in flux, that changes occur at every level of a person’s existence, and in our observable world. The night and day alternate, planets swim in orbit, from nothingness we pass through stages of life, of infancy, and man transitions in his physical being, his mental aptitude and in his consciousness. The most significant transitioning of any person relates to his or her faith and belief. The simple fact that people do transition is a proof enough that the most obstinate can have a turn of heart and so too can the forbearing and mild become obstinate. People can change faith, embrace faith and leave faith altogether. It is essential that the Muslim thus never assume that anybody is beyond guidance.
Eine solche Herabstufung eines Menschen kann entmenschlichend sein, denn sie suggeriert, dass er kein Herz besitzt, wie verdorben auch immer, das sich wandeln und umkehren kann, so wie unser eigenes es vermag.
36 Sherman A. Jackson, „Muslims, Islam(s), Race, and American Islamophobia“ in Islamophobia: The Challenge of Pluralism in the 21st Century, Hrsg. John L. Esposito, Ibrahim Kalin (New York, Oxford University Press: 2011), S. 93.
36 Sherman A. Jackson, ‘Muslims, Islam(s), Race, and American Islamophobia’ in Islamophobia: The Challenge of Pluralism in the 21st Century, eds. John L. Esposito, Ibrahim Kalin (New York, Oxford University Press: 2011), p. 93.
37 Jacques Waardenburg (Hrsg.), Muslim Perceptions of Other Religions: A Historical Survey, Oxford: Oxford University Press, 1999, S. xi.
37 Jacques Waardenburg (ed.), Muslim Perceptions of Other Religions: A Historical Survey, Oxford: Oxford University Press, 1999, p. xi.
38 Muḥammad Asad, The Message of the Qur’ān (Gibraltar: Dar al- Andalus), 335.
38 Muḥammad Asad, The Message of the Qur’ān (Gibraltar: Dar al- Andalus), 335.
39 http://quran.ksu.edu.sa/tafseer/katheer/sura3-aya113.html#katheer.
39 http://quran.ksu.edu.sa/tafseer/katheer/sura3-aya113.html#katheer.
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40 http://quran.ksu.edu.sa/tafseer/tabary/sura3-aya113.html#tabary.
‘Uddat al-Ṣābirīn.
41 ‘Uddat al-Ṣābirīn.
42 Ṣaḥīḥ Muslim, 1067.
42 Ṣaḥīḥ Muslim, 1067.
Sunan Abū Dāwūd 4765.
43 Sunan Abū Dāwūd 4765.
Ṣaḥīḥ al-Bukhārī 4023.
44 Ṣaḥīḥ al-Bukhārī 4023.
Ṣaḥīḥ Muslim 2898a.
45 Ṣaḥīḥ Muslim 2898a.