9. Die Psychologie der Entmenschlichung
9. The Psychology Of Dehumanisation
Distanz ist nicht allein ein physischer Raum; sie ist auch ein moralisches und psychologisches Konstrukt. Auf diese Weise wird auch die Reichweite durch die Wahrnehmung der Opfer durch die Täter bestimmt. Tötung von Angesicht zu Angesicht wird ermöglicht, wenn die Opfer ein tödliches Übergangsritual durchlaufen haben, in dessen Verlauf sie in den Augen der Täter bereits einen „sozialen Tod“ gestorben sind.
Distance is not simply a physical space; it is a moral and psychological construct as well. In this way, range also is defined by the perpetrators’ perception of the victims. Face-to-face killing is enabled when the victims have been through a lethal rite of passage in which they have already died a “social death” in the eyes of the perpetrators.
Col. Dave Grossman verweist in seinem populären Werk „On Killing: The Psychological Cost of Learning to Kill in War and Society“ darauf, was es einem Menschen leichter macht oder überhaupt ermöglicht zu töten. Als entscheidenden Anhaltspunkt betrachtet er das Distanzspektrum, das er als maßgebliche Spanne versteht – von maximaler Entfernung bis zum Nahkampf. Die Distanz zum Opfer verhindert, dass man sich mit diesem Opfer als Individuum identifiziert. Wer aus der Ferne eine Waffe abfeuert oder eine Bombe abwirft, verwandelt die Opfer in „unbekannte“ Ziele, ein Geflecht aus Nichts, das sich mühelos „auslöschen“ lässt. Der Pilot eines Flugzeugs verlässt sich auf technische Hilfsmittel: ein projiziertes Bild, auf dem als Silhouetten erscheinende Opfer auf einem Bildschirm erfasst werden. Die räumliche Distanz erleichtert das Töten und mindert damit Verantwortung und Schuldgefühle. Die Distanz erzeugt eine emotionale Loslösung vom Ziel und verhindert so Gefühle des Mitgefühls. Grossman stellte fest, dass es bei physischer Distanz beim Töten „…nicht einen einzigen Fall von Einzelpersonen gibt, die unter diesen Umständen die Tötung des Feindes verweigert haben“, und ebenso „nicht einen einzigen Fall von psychischem Trauma, das mit dieser Form des Tötens in Verbindung steht.“75
Col. Dave Grossman in his popular work, ‘On Killing: The Psychological Cost of Learning to Kill in War and Society’ details what makes it easy (or easier) for a person to kill. He considers the distance spectrum as a vital indicator, seeing it as a defining range - from maximum range to hand-to-hand combat. Distance from a victim disallows individual identification with that victim. Firing a weapon or dropping a bomb from a range converts the victims into ‘unknown’ targets, a mesh of nothingness easily ‘obliterated’. The aircraft pilot relies on mechanical assistance; a projected image showing silhouetted victims spotted on a screen. The physical distance facilitates the killing and therefore responsibility and guilt are stemmed. What distance creates is an emotional disassociating with the target, and thus disallowing feelings of empathy. Grossman found that with physical distance in killing, there is no “…one single instance of individuals who have refused to kill the enemy under these circumstances” and nor “a single instance of psychiatric trauma associated with this type of killing.”75
Je geringer dieser Abstand zwischen Täter und Opfer wird, desto schwerer fällt das Töten. Dem Täter begegnen menschliche Kennzeichen des Wiedererkennens, in denen vieles von uns selbst wahrnehmbar und in anderen spürbar wird. Der Qur'ān lehrt uns, dass wir auf der grundlegenden Ebene in so vielerlei Hinsicht einander ähnlich sind:
As this range between perpetrator and victim decreases, the killing becomes far more difficult. What a perpetrator would be exposed to is human codes of recognisability wherein much of ourselves is observable and felt in others. The Qur’ān informs us that at the base level we are similar in so many ways:
49:13 – Ihr Menschen, Wir haben euch alle aus einem einzigen Mann und einer einzigen Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Vor Gott ist der Angesehenste unter euch derjenige, der Ihn am meisten fürchtet. Gott ist allwissend und allkundig.
49:13 - People, We created you all from a single man and a single woman, and made you into races and tribes so that you should recognize one another. In God’s eyes, the most honoured of you are the ones most mindful of Him: God is all knowing, all aware.
Je näher ein Täter sein Opfer wahrnimmt, desto schwieriger wird eine Tötung, es sei denn, diese Opfer haben bereits einen „sozialen Tod“ erlitten, bei dem sie an die Ränder dessen gedrängt werden, was gesellschaftlich akzeptabel ist, aus den Normen dessen ausgeschlossen werden, was in der Gesellschaft als moralisch gilt, und in einen Zustand der Schande versetzt werden, in den auch ihre Nachkommen hineingeboren werden.
The closer a perpetrator perceives his victim the more difficult a killing becomes, unless and until those victims have already experienced a ‘social death’ wherein victims are pushed to the margins of what is socially acceptable, excommunicated from the norms of what is moral in society, relegated to a state of dishonour into which their descendants will also be born.
Patterson argues, diese Faktoren führten dazu, dass ihre nachfolgenden Generationen daran gehindert würden, auf den Traditionen ihrer Vorfahren aufzubauen. Der soziale Tod bringe daher das Aufkommen genozidaler Tendenzen mit sich, denn das Leben der Opfer eines Völkermords sei bereits bedeutungslos gemacht worden. Diese Entmenschlichung richtet sich gegen die Gruppenidentität. Primo Levi beklagte, dass die Nazis alles, sogar die Selbstidentität der Juden und selbst ihre Namen, ihnen genommen hätten. Das Einzige, was sie behalten könnten, sei die Bedeutung ihrer selbst aus den Namen, die sie einst trugen:
These factors, Patterson argues, mean that their subsequent generations will be prevented from building on the traditions of their forefathers. Social death therefore necessitates the burgeoning of genocidal tendencies, because the lives of victims of genocide have already been rendered meaningless. This dehumanisation targets group identity. Primo Levi lamented that with the Nazis stripping everything of Jewish self-identity and even their names. The only thing which they can retain is the meaning of themselves from the names they once had:
„Uns gehört nichts mehr; sie haben uns unsere Kleider genommen, unsere Schuhe, sogar unser Haar; wenn wir sprechen, hören sie uns nicht zu, und wenn sie zuhören, verstehen sie nicht. Sie werden uns sogar unseren Namen nehmen: Und wenn wir ihn behalten wollen, müssen wir in uns selbst die Kraft dazu finden, es irgendwie zu schaffen, dass hinter dem Namen etwas von uns bleibt, von uns, so wie wir waren.“76
“Nothing belongs to us anymore; they have taken away our clothes, our shoes, even our hair; if we speak, they will not listen to us, and if they listen, they will not understand. They will even take away our name: and if we want to keep it, we will have to find in ourselves the strength to do so, to manage somehow so that behind the name something of us, of us as we were, still remains.”76
Die Entmenschlichung beginnt mit dem Entzug jenes moralischen Menschheitskodex, der uns als Menschen verbindet. Die soziale Lebendigkeit, die einen Menschen oder eine Gruppe trägt, wird ihnen genommen, und diese Entstellung geht jeder körperlichen Verletzung oder Tötung des Opfers voraus. Für den Muslim ist es wichtig, seinem Gegenüber stets die übliche Achtung zu erweisen. Der Prophet ﷺ sprach die Menschen mit ihren Titeln an, erkannte ihren gesellschaftlichen Rang an und bezeugte ihre Leistungen. Diese Faktoren sind nicht nur für den Aufbau wirksamer Beziehungen unerlässlich, sondern wirken auch vorbeugend gegen das gesellschaftliche Aufkommen genozidaler Tendenzen, indem sie einen positiven gesellschaftlichen Hintergrund bieten, falls eine Gemeinschaft oder Volksgruppe zum Ziel wird. In nicht seltenen Fällen ist dies in einem weiteren Sinne die Erfüllung eines Auftrags „zum Wohle der Menschheit“, da es den gesellschaftlichen Zusammenhalt bewahrt und verhindert, dass die Keime des gesellschaftlichen Todes gesät oder verbreitet werden. In Deutschland erlitten die Juden lange vor ihrem physischen Tod einen sozialen Tod, den gewöhnliche deutsche Männer und Frauen ihnen Tag für Tag zufügten. Dies wird eindringlich in Filip Müllers Schilderung des Familienlagers spürbar, das nach Auschwitz gebracht wurde. In seiner Beschreibung wird deutlich, wie eine Ordnung zerstört wurde, in der Juden einst geschützt waren. Mit seinen Worten beschreibt er einen gemeinschaftlichen sozialen Tod, in dem seine vertraute Lebenswelt entstellt und ihm das Gefühl von Ort und Zugehörigkeit verweigert wurde:
Dehumanisation begins with a stripping away of the moral human code which bonds us as human beings. The social vitality behind a person or group is stripped away and this defacing precedes any physical injury or death inflicted on that victim. It is important for the Muslim to always afford a customary privilege to the one with whom he is engaged. The Prophet (peace be upon him) would refer to people with their titles, recognise their social standing and bear testimony to their achievements. These factors are essential not only for the progression of effective relationship building, but also as a preventative in the social emerging of genocidal tendencies, providing a positive social backdrop if any community or ethnicity is targeted. In less-than-rare situations, this, in a broad context, is a fulfilment of a coming out “for the good of mankind” since it maintains a social cohesiveness and disallows the saplings of social death from being planted or spread. In Germany, long before the physical deaths of Jews began, ordinary German men and women made Jews suffer a social death every day. This is felt evocatively in Filip Müller’s description of the Family Camp taken to Auschwitz. In his description, we are alerted to a decimation of what Müller views as a social order in which Jews were once protected. In his words, he describes a communal social death in which his familiar landscape had been disfigured and a sense of place and belonging denied:
„Als ich dann mit ansehen musste, wie meine Landsleute tapfer, stolz und entschlossen in die Gaskammer gingen, fragte ich mich, was für ein Leben mich erwarten würde, falls ich das Lager entgegen aller Wahrscheinlichkeit lebend verlassen sollte. Was würde mich erwarten, wenn ich in meine Heimatstadt zurückkehrte? Es ging dabei weniger um materiellen Besitz, der sich ersetzen ließ. Doch wer könnte meine Eltern, meinen Bruder oder den Rest meiner Familie ersetzen, von der ich als einziger Überlebender übrig geblieben war? Und was ist mit Freunden, Lehrern und den vielen Mitgliedern unserer jüdischen Gemeinde?“
“Now, when I watched my fellow countrymen walk into the gas chamber, brave, proud and determined, I asked myself what sort exemplary of life it would be for me in the unlikely event of my getting out of the camp alive. What would await me if I returned to my native town? It was not so much a matter of material possessions, they were replaceable. But who could replace my parents, my brother, or the rest of my family, of whom I was the sole survivor? And what of friends, teachers, and the many members of our Jewish community?
„Waren nicht sie es, die mich an meine Kindheit und Jugend erinnerten? Ohne sie wäre doch alles seelenlos und tot, jener vertraute Umriss meiner Heimatstadt mit ihrem hübschen Fluss, der so geliebten Landschaft und den ehrlichen, rechtschaffenen Bürgern? Und was würde geschehen, wenn ich den Hlinka-Garden und den Judenquälern begegnete, oder den FS-Männern*, lauter Blutsauger, die ihre jüdischen Mitbürger vor deren Deportation ausgesaugt und ihnen ihre irdischen Habseligkeiten gestohlen hatten? Ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, würde mich in die dunkelste Vergangenheit zurückwerfen. Es wäre einfach unmöglich, die Fäden meines einstigen glücklichen und sorglosen Lebens wieder aufzunehmen. In unserem Haus, einst der Mittelpunkt meiner Existenz, würden Fremde wohnen. In der jüdischen Schule, in der ich jeden Winkel kannte, herrschte Stille.“77
For was it not they who reminded me of my childhood and youth? Without them would it not all be soulless and dead, that familiar outline of my home town with its pretty river, its much loved landscape and its honest and upright citizens? And what would happen if I ran across the Hlinka guardsmen and Jew tormentors, or the FS men*, leeches all of them who had sucked their Jewish fellow citizens dry before their deportation and stolen their worldly belongings? Coming face to face with them would take me back to the darkest past. It would simply not be possible to pick up the threads of my former happy and carefree life. In our house, once the centre of my existence, there would be strangers. In the Jewish school where I knew every nook and cranny there would be silence.”77
S. Yizhar beschreibt in seiner Novelle Khirbet Khizeh die gewaltsame Vertreibung der Palästinenser aus dem Dorf Khirbet Khizeh im Jahr 1948 und reflektiert den inneren Gewissenskonflikt eines Täters. Zugleich von Selbstreflexion und den Zeitlichkeiten des Raumes herausgefordert, dient dies als Medium für die Auseinandersetzung mit menschlichen Grenzen im Zusammenhang mit Leid, Opferschaft und Zugehörigkeit. In Khirbet Khizeh zeigt Yizhar, wie diese Orte im Fluss sind, während die Dorfbewohner vertrieben werden und die jungen Besatzer sich ein neues Zuhause ausmalen. Vor dem Hintergrund der kollektiven Gleichgültigkeit der Soldaten kann der Erzähler das seelische „Nicht-Aufgeben“ des Zuhauses erkennen.
S. Yizhar describes in his novella Khirbet Khizeh, the violent expulsion of Palestinians from the village of Khirbet Khizeh in 1948 and considers the struggle in conscience of a perpetrator. At once challenged by self-reflection and temporalities of space, this serves as a medium for consideration of human boundaries related to suffering, victimhood and belonging. Yizhar shows in Khirbet Khizeh how those sites are in flux, as the villagers are pushed out and the young occupiers imagine a new home. It is in the frame of collective indifference of the soldiers that the narrator can see the mental ‘unabandoning’ of the home.
Er sieht:
He sees:
„Wände, aufmerksam verziert … kleine Zierstücke, die an den Wänden hingen und von einer liebevollen Fürsorge zeugten, deren Grundlage getilgt worden war; Spuren von Weisheit-der-Frau-baut-ihr-Haus, die auf unzählige Einzelheiten achteten, deren Zeit nun vergangen war; eine Ordnung, die jemandem verständlich war, und eine Unordnung, in der sich jemand nach Belieben zurechtgefunden hatte; Reste von Töpfen und Pfannen, die planlos gesammelt worden waren, wie der Bedarf es verlangte, berührt von sehr privaten Freuden und Sorgen, die ein Fremder nicht verstehen konnte; Fetzen, die für jemanden Sinn ergaben, der an sie gewöhnt war – eine Lebensweise, deren Bedeutung verloren war, ein Fleiß, der sich selbst aufgehoben hatte, und über der Liebe, dem Treiben, der Mühe, den Hoffnungen sowie den guten und weniger guten Zeiten lag eine große, sehr tiefe Stummheit, so viele unbeerdigte Leichname.78
“walls attentively decorated…little ornaments that hung on the walls, testifying to a loving care whose foundation had been eradicated; traces of female-wisdom-hath-builded-her-house, paying close attention to myriad details whose time now had passed; an order intelligible to someone and a disorder in which somebody at his convenience had found his way; remnants of pots and pans that had been collected in a haphazard fashion, as need arose, touched by very private joys and woes that a stranger could not understand; tatters that made sense to someone who was used to them – a way of life whose meaning was lost, diligence that had reached its negation, and a great, very deep muteness had settled upon the love, the bustle, the bother, the hopes, and the good and less-good times, so many unburied corpses.”78
Während wir durchs Leben gehen, sehen wir im Leid eines anderen, dass in unserem eigenen Leben ein ähnliches, vorgestelltes Leid entstehen kann. Yizhar beschreibt:
As we navigate through life, we see in the distress of another that there may be a potential for similar imagined distress in one’s own life. Yizhar describes:
„Würden die Mauern nicht den Menschen, die in diesem Dorf leben würden, in den Ohren schreien? Jene Anblicke, Schreie, die geschrien wurden und die nicht geschrien wurden, die verwirrte Unschuld benommener Schafe, die Unterwürfigkeit der Schwachen und ihr Heldentum, dieses einzigartige Heldentum der Schwachen, die nicht wussten, was sie tun sollten, und nichts tun konnten, die verstummten Schwachen – würden die neuen Siedler nicht spüren, dass die Luft hier schwer war von Schatten, Stimmen und starren Blicken?“79
“The people who would live in this village – wouldn’t the walls cry out in their ears? Those sights, screams that were screamed and that were not screamed, the confused innocence of dazed sheep, the submissiveness of the weak, and their heroism, that unique heroism of the weak who didn’t know what to do and were unable to do anything, the silenced weak – would the new settlers not sense that the air here was heavy with shades, voices, and stares?”79
Es ist die offensichtliche Gegenwart eines Anderen in einem Raum, der aus „Schreien, die nicht geschrien wurden … und doch geschrien wurden“ besteht, zusammen mit den Lauten der „zum Schweigen gebrachten Schwachen“, was den Bericht so erschütternd und zugleich so lehrreich macht.
It is the patent presence of another in a space made up of “screams that were…not screamed”, as well as having been screamed, juxtaposed with the sounds of the “silenced weak” that makes the account so harrowing and yet so instructive:
„Ich spürte in mir einen schreckenerregenden Zusammenbruch. Ich hatte einen einzigen, festen Gedanken, wie einen eingeschlagenen Nagel: dass ich mich mit nichts versöhnen könnte, solange die Tränen eines weinenden Kindes noch glänzten, während es mit seiner Mutter dahinging, die ihre lautlosen Tränen wütend zurückkämpfte, auf dem Weg ins Exil, und mit sich einen Aufschrei des Unrechts trug, einen solchen Schrei, dass es unmöglich war, dass niemand in seiner Welt diesen Schrei auffangen würde, wenn der Moment gekommen war. Dann sagte ich zu Moshe: „Wir haben kein Recht, Moishe, sie von hier zu vertreiben!“ Ich wollte nicht, dass meine Stimme zitterte.“80
“I felt a terrifying collapse inside me. I had a single, set idea, like a hammered nail, that I could never be reconciled to anything, so long as the tears of a weeping child still glistened as he walked along with his mother, who furiously fought back her soundless tears, on his way into exile, bearing with him a roar of injustice and such scream that – it was impossible that no one in his world would gather that scream in when the moment came – and then I said to Moshe: “We have no right, Moishe, to kick them out of here!” I didn’t want my voice to tremble.”80
Und so kommen verschiedene Techniken der Entmenschlichung zum Einsatz, die den Tätern helfen sollen, die Menschlichkeit ihrer Opfer zu vergessen. Eine dieser Techniken ist eine Verwandlung vor der Tötung. Im Holocaust beispielsweise wurden Juden gezwungen, sich nackt zu versammeln und zusammengetrieben zu werden. Um die nackte Masse der Körper, die in äußerster Angst und Verwirrung durch das Lager zog, entstand ein Eindruck von Andersartigkeit. Das Entkleiden kam dem Verlust ihrer Menschlichkeit gleich, da der Unterschied zwischen dem, was als normal, und dem, was als abnormal galt, zu deutlich war. Die sichtbare Darstellung des Andersseins wurde dann darauf ausgeweitet, dass das Verhalten dieser Opfer als zu fern und unmenschlich erscheinen sollte. Die Nationalsozialisten taten dies, indem sie sie dem Hungern aussetzten. In den Extremsituationen, in denen die Häftlinge gezwungen waren, in ihrem eigenen Schmutz zu leben, wurden sie auf ein Nichts reduziert.
And so, various techniques of depersonalization are put into action, aimed at helping perpetrators forget the humanity of their victims. One such technique is a transformation before being killed. In the Holocaust for example, Jews were forced to congregate naked and to be herded together. An impression of Otherness was created around the naked mass of bodies moving along the camp in abject terror and bewilderment. Being stripped of their clothing was akin to being stripped of their humanity since the dissimilarity between what was normal and abnormal was too striking. The visual display of otherness was then extended to ensuring that the behaviour of such victims was too remote and unhuman. The Nazis did this by subjecting them to a starvation. In the extremity of such situations where inmates were forced to live in their own filth, they were reduced to a nothingness.
Ähnlich sagte Höss, der die solchen Bedingungen ironischerweise selbst mit geschaffen hatte, über russische Kriegsgefangene: „Sie waren keine Menschen mehr … Sie waren zu Bestien geworden, die nur noch ans Essen dachten.“81 Wolters vermutet, dass die sexuelle Demütigung irakischer Männer, wie sie auf den Abu-Ghraib-Fotos zu sehen ist, eine Identifikation des Publikums mit den amerikanischen Soldaten nahelegt und die Betrachter so zu Teilnehmern einer neokolonialen Erzählung macht, in der ein unterlegenes arabisches Anderes von seinem westlichen Eindringling beherrscht wird.
Similarly, Russian prisoners of war, Höss who was ironically responsible for creating such conditions, said, “They were no longer men…They’d turned into beasts who thought only about eating.”81 Wolters surmises that the sexual humiliation of Iraqi men depicted in the Abu Ghraib pictures implies audience identification with the American soldiers and thus incorporates viewers as participants in a neo-colonial narrative in which an inferior Arab Other is dominated by his Western invader.
Ihre Inszenierung eines ikonischen Foltermotivs und die Darstellung menschlichen Leids machen sie vergleichbar mit Fotografien lynchter Schwarzer, die die Zurschaustellung schwarzen Leidens dem Verhalten weißer Zuschauer gegenüberstellen, die nur daneben stehen.82 Diese Konditionierung der Opfer und ihre Andersmachung war ein notwendiger Schritt, damit die Wächter ihre Vorgaben ausführen konnten, ohne die emotionale Last der Schuld zu tragen. Der natürliche Weg ist das Menschlichmachen, das Übertragen dessen auf einen anderen, was man an sich selbst sieht. Das Beispiel Hābīls, der seinen Bruder ermordet hatte, ist hier wichtig, denn er ging von krankhaftem Neid zu tiefer Reue über seine Tat über. Als er einen Raben beobachtet, der in der Erde scharrt, erkennt er, dass die Entstellung seines Bruders und der Erde, auf der dieser liegt, ein Verbergen erfordert, um das Verlorene zu normalisieren und wiederherzustellen:
Their creating of an iconic spectacle of torture and the staging of human trauma renders them comparable to photographs of black lynching victims which contrast the projection of black suffering with the mode of bystanding in white spectators.82 This conditioning of victims and Othering was a necessary step to ensure that guards carried out their policies without the emotional burden of guilt. The natural way is to humanise, to place onto another what one sees in oneself. The example of Hābīl, having murdered his brother is important here in that he transitioned from pathological envy to entrenched regret over his actions. In observing a raven scratching away at the earth, he realises that the disfigurement of his brother and of the earth upon which he rests require a hiding away, so as to normalise and repair what had been lost:
5:30 - Doch seine Seele verleitete ihn dazu, seinen Bruder zu töten: Er tötete ihn und wurde einer der Verlierer.
5:30 - But his soul prompted him to kill his brother: he killed him and became one of the losers.
5:31 - Gott sandte einen Raben, der den Boden aufkratzte, um ihm zu zeigen, wie er den Leichnam seines Bruders bedecken könne, und er sagte: „Wehe mir! Konnte ich nicht wie dieser Rabe sein und den Leichnam meines Bruders bedecken?“ Da wurde er reumütig.
5:31 - God sent a raven to scratch up the ground and show him how to cover his brother’s corpse and he said, ‘Woe is me! Could I not have been like this raven and covered up my brother’s body?’ He became remorseful.
Auch die Wahl, die Allāh bei dem Raben trifft, ist bemerkenswert:
The choice Allāh makes of a crow is also remarkable:
„Nehmen wir die Elster. Nach dem gleichen Markierungsverfahren, das auch bei Delfinen und Elefanten angewendet wurde, hat eine neuere Studie gezeigt, dass Elstern sich im Spiegel selbst erkennen. Dabei ist die Elster nicht irgendein Vogel: Sie gehört zu den Rabenvögeln, zu denen auch Krähen, Raben und Eichelhäher zählen, die über außergewöhnlich große Gehirne verfügen. Wird eine Elster vor einen Spiegel gesetzt, versucht sie, einen winzigen farbigen Aufkleber zu entfernen, der an ihren Kehlfedern angebracht ist. Sie kratzt mit dem Fuß so lange, bis die Markierung verschwunden ist, eine schwarze Markierung dagegen lässt sie vermutlich deshalb unberührt, weil sie sich vor ihrem schwarzen Kehlgefieder nicht abhebt. Ohne Spiegel, in dem sie sich selbst sehen könnte, kratzt sie auch nicht hektisch.83
“Take the magpie. Applying the same sham-mark design as used with dolphins and elephants, a recent study has shown mirror self-recognition in magpies. Now, mind you, the magpie isn’t just any bird: It is a corvid, a family that includes crows, ravens, and jays, endowed with exceptionally large brains. Put in front of a mirror, magpies will try to remove a tiny colored sticker attached to their throat feathers. They will keep scratching with their foot until the mark is gone, but will leave a black mark alone probably because it doesn’t stand out against their black throat. They also won’t do any frantic scratching if there’s no mirror to see themselves in.”83
Es ist sehr interessant, dass die Elster ein fremdes Element an ihrem Körper nicht ertragen konnte. Sie war in der Lage, eine Abnormität wahrzunehmen, und suchte danach, sie zu entfernen. Ähnlich lehrte der Rabe, der begann, die Erde zu scharren, Hābīl, dass sein Bruder begraben werden musste, dass ein toter Leib unter die Erde gehört. Die Abscheulichkeit des Mordes verunreinigt sowohl die Erde als auch das menschliche Gewissen, und diese Erkenntnis erweckte in ihm ein Selbsterwachen der Reue. Es fällt einem Menschen weitaus leichter, sich von jemandem zu lösen, mit dem er sich nicht identifizieren kann, und die Unterschiede, die durch einen Prozess des Othering angekündigt werden, verweigern die menschlichen Codes der Wiedererkennbarkeit, die uns in einen kollektiven Rahmen dessen eintreten lassen, was wir „Menschlichkeit“ nennen. In Phillip Caputos Memoiren „A Rumor Of War“ aus dem Jahr 1977 über seinen Dienst im United States Marine Corps (USMC) in den frühen Jahren des Vietnamkriegs beschreibt er den grausamen Tod eines Viet-Cong-Jungen und schreibt eindringlich darüber, dass der Zugang zur „Menschlichkeit“ eines anderen, durch die Betrachtung der menschlichen Codes der Wiedererkennbarkeit, die uns alle verbinden, eine Neuausrichtung dieses Anderen erfordern würde:
It is very interesting that the magpie was unable to tolerate a foreign substance on its body. It was able to detect an abnormality and sought to remove it. Similarly, the raven that began to scratch the earth taught Hābīl that his brother needed to be buried, that a deceased body belongs under the earth. The vileness of murder defiles both the earth and the human conscience, and this realisation produced a self-awakening of remorse within him. It is far easier for a person to disconnect from one he cannot associate with, and the differences heralded by a process of Othering deny the human codes of recognisability that enter us into a collective frame of what we call ‘humanity’. In Phillip Caputo 1977 memoir, A Rumor Of War, about his service in the United States Marine Corps (USMC) in the early years of the Vietnam War, he describes the graphic death of a Viet Cong boy and writes lucidly about the way accessing another’s ‘humanity’ by considering the human codes of recognisability that connect us all would necessitate a re-framing of that Other:
„Bei ihm befand sich nichts, keine Fotos, keine Briefe und kein Ausweis. Das würde den Geheimdienst enttäuschen, aber es war mir recht. Ich wollte, dass dieser Junge anonym bleibt. Ich wollte nicht an einen Menschen mit Namen, Alter und Familie denken, sondern an einen toten Feind.“
“There was nothing on him, no photographs, no letters, or identification. That would disappoint the intelligence, but it was fine with me. I wanted this boy to remain anonymous. I wanted to think of him not human being with a name, age, and family, but as a dead enemy.
„Das hat alles einfacher gemacht.“84
That made everything easier.”84
75 D. Grossman, On Killing: The Psychological Costs of Learning to Kill in War and Society (New York: Back Bay Books:
75 D. Grossman, On Killing: The Psychological Costs of Learning to Kill in War and Society (New York: Back Bay Books:
(2009), S. 108.
2009), p. 108.
76 Primo Levi, Survival in Auschwitz: If This Is A Man (BN Publishing, New York: 2007), S. 16.
76 Primo Levi, Survival in Auschwitz: If This Is A Man (BN Publishing, New York: 2007), p. 16.
77 Filip Müller, Eyewitness Auschwitz: Three Years in the Gas Chambers (Chicago, Ivan R. Dee: 1979), S. 111.
77 Filip Müller, Eyewitness Auschwitz: Three Years in the Gas Chambers (Chicago, Ivan R. Dee: 1979), p. 111.
78 S. Yizhar, Khirbet Khizeh (London, Granta Publications: 2011), S. 41.
78 S. Yizhar, Khirbet Khizeh (London, Granta Publications: 2011), p. 41 .
79 Ebd., S. 109–110.
79 Ibid, pp. 109-110.
80 Ebd., S. 10.
80 Ibid, p. 10.
81 Tzvetan Todorov, Facing the Extreme: Moral Life in the Concentration Camps (Phoenix, London: 2000), S. 160.
81 Tzvetan Todorov, Facing the Extreme: Moral Life in the Concentration Camps (Phoenix, London: 2000), p. 160.
82 Wendy Wolters, „Without Sanctuary: Bearing Witness, Bearing Whiteness" JAC, Band 24, Nr. 2, Sonderausgabe, Teil 1:
82 Wendy Wolters, ‘Without Sanctuary: Bearing Witness, Bearing Whiteness’ JAC, Vol. 24, No. 2, Special Issue, Part 1:
Trauma and Rhetoric (2004), S. 399–425.
Trauma and Rhetoric (2004), pp. 399-425.
83 Frans De Waal, The Age of Empathy: Nature's Lessons for a Kinder Society (London, Souvenir Press: 2009), S. 149.
83 Frans De Waal, The Age of Empathy: Nature’s Lessons for a Kinder Society (London, Souvenir Press: 2009), p. 149.