5. Am Rande: Ein prophetisches Vorbild der Annahme – Die Arbeit mit psychisch Kranken, Behinderten und denjenigen, die als gesellschaftliche Außenseiter gelten
5. On The Fringes: A Prophetic Model Of Acceptance – Working With The Mentally Ill, Handicapped And Those Considered Social Outcasts
Dehumanisierung stigmatisiert andere mit einer „beschädigten Identität“. Ältere, gebrechliche und geistig beeinträchtigte Menschen können jeweils zu Zielscheiben des Andersseins werden, da sie als sozial unzulänglich und unfähig betrachtet werden können. Die als anders markierte Gruppe wird entwertet, entpersönlicht und ist anfällig für Diskriminierung. Was als geringerer sozialer Status gilt, ist zwar manchmal abhängig von Demografie und Kultur, doch die Behinderten, Geisteskranken, Alten sowie die unattraktiven oder entstellten Menschen bilden häufig die von der Gesellschaft vernachlässigten und als anders markierten Gruppen.
Dehumanisation stigmatises others with a “spoiled identity”. The elderly, infirm and mentally challenged can each become targets of Otherness since they can be viewed as socially inadequate and inept. The Othered group is devalued, depersonalised and susceptible to discrimination. Though what is seen as having lesser social status is sometimes relative to demographics and culture, the disabled, insane, elderly, and unattractive or disfigured often comprise of society’s neglected and Othered.
Eine Gesellschaft ist ein komplexes Geflecht, eine Vielzahl von Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen, geprägt von verschiedenen Umständen. In einer Gesellschaft, in der Gesundheit, Status und Privilegien die Hauptmerkmale für Erfolg sind, bleiben diejenigen auf der Strecke, die diese Eigenschaften nicht besitzen. Das heißt, Menschen, die nicht gesund sind, die arm und sozial ausgegrenzt sind, müssen oft die Last ungerechter Behandlung durch andere tragen, sei sie offen oder verdeckt. Viele der Gefährten des Propheten ﷺ gehörten zu dieser letzteren Gruppe.
A society is a complex mesh, a myriad of people with distinct life experiences and shaped by different circumstances. In a society where health, status and privilege are the main factors denoting success, those who do not enjoy these traits fall by the way side. That is, those who are not healthy, who are poor and socially marginalised can often bear the brunt of other’s unjust treatment, whether explicit or implicit. Many of the Prophet’s companions belonged to this latter group.
Ein Blick auf Julaybīb (Allah sei mit ihm zufrieden)
A Look To Julaybīb (allāh Be Pleased With Him)
Einer dieser Gefährten war Julaybīb, der wegen seines geringen Wuchses so genannt wurde; Julaybīb leitet sich vom Wort jalbab ab (sehr klein gewachsen). Von zwergenhaftem Aussehen, wurde Julaybīb außerdem als damim beschrieben, was in seinem äußeren Erscheinungsbild hässlich und abstoßend bedeutet. Was Julaybīb noch mehr zum Außenseiter machte, war, dass seine familiäre Herkunft unbekannt war. In einer Gesellschaft, die auf ihre Abstammung und ihren sozialen Rang stolz war, galt Julaybībs fehlende Stellung, das Fehlen von Informationen über seine Abstammung, seine Eltern oder seinen Stamm als schwerer Makel. Und dies wurde durch sein äußeres Erscheinungsbild noch verschlimmert. Geächtet und gefürchtet, verbrachte Julaybīb einen Großteil seiner Zeit allein und abgeschieden von anderen. Der Prophet ﷺ jedoch zeigte bemerkenswerte Fürsorge für seinen Gefährten und lehrte ein Modell des Lernens, das der Verfestigung einer Ausgrenzung derjenigen entgegenwirkte, die als anders und/oder als gesellschaftliche Außenseiter galten. Das prophetische Modell betonte die aufrichtige Kameradschaft mit allen, ungeachtet unterschiedlicher äußerer Erscheinung oder gesellschaftlicher Stellung. Es betonte die Entwicklung eines breiteren Verständnisses für die Bedürfnisse der Ausgegrenzten.
One such companion, Julaybīb was so named due to his small growth, Julaybīb a derivative of the word jalbab (very small grown). Dwarf-like in appearance, Julaybīb was also described as damim, which is ugly and hideous in his physical appearance. What made Julaybīb even more the outcast is that his familial roots were unknown. For a society which prided itself on lineage and social status, Julaybīb’s lack of position, information about his lineage, his parents or tribe was a grave disability. And this was made worse with his physical appearance. Ostracised and feared, Julaybīb spent much of his time alone and isolated from others. The Prophet (peace be upon him), however, demonstrated remarkable care for his companion and taught a model of learning which offset the entrenching of an Othering of those deemed as different and/or as a social outcast. The Prophetic model stressed upon genuine comradeship with all, despite differences in physical appearance or social positioning. It stressed upon the development of a broad(er) insight into the needs of the ostracised.
Die folgende Überlieferung ist beispielhaft für die Art, wie sie die Rahmen von Würdigkeit und Unwürdigkeit gegenüberstellt. Der Prophet ﷺ zeigte, dass wahre Führung über Gruppenzugehörigkeiten und Cliquen hinausblickt, sondern den Menschen vielmehr nach seinen inneren Eigenschaften einordnet.
The following narration is exemplary for the way it juxtaposes the frames of worthiness and unworthiness. The Prophet (peace be upon him) showed that true leadership looks beyond group loyalties and cliques, but instead positions man in light of his or her internal qualities.
Den Einzelnen wertvoll fühlen lassen
Making The Individual Feel Worthy
Es wird von Anas überliefert (Allāh möge mit ihm zufrieden sein), dass eine Frau, die ein wenig geistig beeinträchtigt war, sagte: „O Gesandter Allāhs! Ich habe ein Anliegen, bei dem ich möchte, dass du mir beistehst.“ Da antwortete er ﷺ: „O Umm Fulān (Mutter des und des), wähle den Weg aus, auf dem du gehen möchtest, damit ich dein Anliegen kenne und es für dich erfülle.“ Dann ging er mit ihr auf einem Weg, bis ihr Anliegen erfüllt war.47
It is narrated on the authority of Anas (Allāh be pleased with him) that a woman, somewhat mentally defected, said, “O Messenger of Allāh! I have a need that I want you to meet. He responded, “Yā Umm Fulān (O mother of so and so), choose the way you like to walk in so that I may know your need and meet it.” He walked with her in some route until she had her need fulfilled.47
Diese Überlieferung ist in vielerlei Hinsicht tiefgründig und gibt uns viel Anlass zum Nachdenken über unseren Umgang mit anderen, etwa mit Männern und Frauen, denen wir begegnen und die an einer psychischen Erkrankung gelitten haben, oder mit solchen, die jemanden kennen, der davon betroffen ist. Die Frau, die zum Propheten ﷺ kam und ihn ansprach, trug ein Anliegen vor: dass der Prophet ﷺ sich einer ihrer Bedürfnisse annehme. Was am Anfang auffällt, ist die Art, wie der Prophet ﷺ diese Frau anredete. In seiner einleitenden Ansprache liegt etwas Würdevolles. Er sprach sie mit „Yā umm fulān“ an. Damit scheint eine Einordnung der Frau in einen Rahmen von Würde und Achtung verbunden zu sein. Die Frau war bereits jemand Bedeutendes, jemand, auf den man sich verlassen kann, der man Wert beimisst und der bereits Ansehen erlangt hatte. Sie war eine Mutter, und zuerst war sie eine Mutter, bevor man sie vielleicht wegen ihrer geistigen Beeinträchtigung als geringer oder anders hätte betrachten können. Die Anrede anderer mit Ehrentiteln ist ein wesentliches Merkmal von Höflichkeit und Etikette im Gespräch.
This narration is profound in many ways and provides us with much to think about in relation to our dealing with others, such as men and women we might encounter who have suffered with some mental illness or who know others who have. The woman who came and approached the Prophet (peace be upon him) came with a request that the Prophet (peace be upon him) tend to one of her needs. What stands out at the beginning is the way the Prophet (peace be upon him) addressed that woman. There is something ennobling in the Prophet’s opening address. He addressed her, “Yā umm fulān”. What this seems to connote is a positioning of the woman in a frame of worthiness and respectability. The woman was already someone important, someone to be dependent on, valued and who had already gained importance. She was a mother and a mother before she might have been considered less or different because of her mental disability. Addressing others with titles of respect is an essential feature of politeness and etiquette in conversation.
„Ich weiß, dass ich zuerst ein Mensch bin“
“ I Know I’m A Human First”
In unseren Beziehungen müssen wir die Schönheit islamischer Barmherzigkeit, Demut und Fürsorge zeigen und die Weisung des Propheten ﷺ bedenken, eine „allgemeine Barmherzigkeit“ gegenüber allen zu verkörpern. ʿUmars Ermahnung an Abū ʿUbayda ibn al-Jarrāḥ ist hier lehrreich, denn sie überliefert, wie es um die Reinheit des Herzens im Verhältnis zur äußeren Erscheinung in der Öffentlichkeit steht – besonders in einer neuen Gemeinschaft. Als Abū ʿUbayda ʿUmar tadelte, weil dieser so wenig auf seine Kleidung achtete, in der Hoffnung, ʿUmar möge sich dem Anlass entsprechender zeigen – zumal beim Anlass seines ersten Einzugs in Jerusalem –, antwortete ʿUmar: „Allah hat uns mit dem Islam geehrt. Suchen wir nun Ehre in etwas, womit Allah uns nicht geehrt hat, so wird Er uns erniedrigen.“53
In our relationships, we must show the beauty of Islamic compassion, humility and concern and consider the Prophet’s instruction to embody a “general mercy” for all. ‘Umar’s admonition to Abū ‘Ubayda ibn al- Jarrāḥ is instructive here for what it relays of purity of heart in relation to social presence – and particularly among a new community. When Abū ‘Ubayda rebuked ‘Umar for his lack of concern for his clothing, hoping ‘Umar would have presented himself in a more fitting manner and particularly in light of the occasion (his first entry into Jerusalem), ‘Umar replied: “Allāh honoured us with Islam. If we now seek honour in anything Allāh had not honoured us with, He will disgrace us.”53
Die Kleidung und gutes Anziehen sind wichtig, aber sie sind kein Maßstab für unseren Wert. In einer Welt voller Unsicherheiten und wettbewerbsorientiertem Prunken soll der Muslim auf sein eigenes Selbstbild achten und niemals andere aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes beurteilen. Jeder Mensch ist für sich selbst wertvoll, denn er ist ein Kind Ādams, und der Islam erhebt jeden Menschen in eine würdevolle Stellung, die es verdient, die Botschaft einer höchst befreienden Offenbarung zu vernehmen.
Clothing and dressing well is important, but is not an indicator of our worth. In a world of insecurities and competitive grandiosities, the Muslim should be mindful of his own self-image and never judge others on account of their image. Each person is valuable in and of themselves as the children of Ādam and Islam holds each human in an esteemed position, worthy of hearing the call of a most liberating message.
Im Jahr 2012 nahm ein Team von Medienethik-Studierenden der DePaul University ein Video von einem obdachlosen Mann aus Chicago namens Ron (Ronald) Davis auf. Das Video, das 2013 hochgeladen wurde, verbreitete sich schnell im Netz und wurde seither von Millionen Menschen angesehen. Ron Davis starb am 30. November 2019. Es ist wichtig, dass wir Ronalds Worte bedenken: einfach und doch so kraftvoll. Er schilderte mit herzzerreißender Offenheit, wie er auf der Straße oft von Passanten verspottet, ignoriert und beleidigt wurde, wenn er um Geld bettelte. Die Leute riefen ihm oft zu: „Such dir einen Job, Penner!“, und er antwortete häufig: „Moment mal, ich bin kein Penner. Ich bin ein Mensch.“ Mit mühsam zurückgehaltenen Tränen erklärte Ron: „Egal, was die Leute von mir denken, ich weiß, dass ich zuallererst ein Mensch bin.“54 Ronald wusste, dass er obdachlos war, aber er wusste auch, dass er ein Mensch war, und dass es sein Recht war, in seinem Menschsein anerkannt und respektiert zu werden, selbst wenn andere nicht in der Lage waren oder es nicht für nötig hielten, ihm finanziell zu helfen. Ronald wusste und empfand tief in seinem Innersten, dass Menschen Würde verdienen. Ronald war kein Niemand. Wir Muslime müssen unseren Teil dazu beitragen, ein höheres Ideal widerzuspiegeln, bei dem jeder Mensch, mit dem wir in Kontakt treten, unsere aufrichtigste Aufmerksamkeit erhält.
Ṣaḥīḥ Muslim 2472
46 Ṣaḥīḥ Muslim 2472.
Sahih Muslim 2326.
47 Sạ hị̄h ̣Muslim 2326.
48 Al-Bayḥaqī, as-Sunan al-Kubra 21372.
48 Al-Bayḥaqī, as-Sunan al-Kubra 21372.
Adab al-Mufrad 237.
49 Adab al-Mufrad 237.
50 Aḥmad, Tirmidhī, 1176.
50 Aḥmad, Tirmidhī, 1176.
Sahih al-Bukhari 6447.
51 Sahih al-Bukhari 6447.
52 Ṣaḥīḥ al-Bukhārī 4918.
52 Saḥīh al-Bukhārī 4918.
53 Al-Mustadrak ʿala aṣ-Ṣaḥīḥayn 214.
53 Al-Mustadrak ‘ala aṣ-Ṣaḥīḥayn 214.
54 https://www.youtube.com/watch?v=3l0r2tgms0Y
54 https://www.youtube.com/watch?v=3l0r2tgms0Y.