4.2 Naher Osten: Die Ausbreitung der Demokratie in Amerika drängt den Säkularismus zurück
4.2 Middle East: America's Democracy Advance Puts Secularism Into Retreat
„65 % wollen alle islamischen Länder zu einem einzigen islamischen Staat oder Kalifat vereinigen.“ – WorldPublicOpinion.org Vor nicht allzu langer Zeit kündigte Präsident Bush im Rahmen seines global war on terrorism seine lang ersehnte Greater Middle East Initiative an. Ziel des Plans war es, die bestehende säkulare Ordnung in der gesamten Region durch die Förderung von Freiheit und Demokratie zu bewahren. In den heutigen Gesellschaften des Nahen Ostens bewirkt Bushs Initiative jedoch genau das Gegenteil. Islamisten in der gesamten Region haben bei jüngsten Wahlen beispiellose Gewinne erzielt und stellen nun eine direkte Herausforderung für die Diktaturen und Monarchien dar, die unter amerikanischer Schirmherrschaft gedeihen.
“65% want to unify all Islamic counties into a single Islamic state or Caliphate.” -- WorldPublicOpinion.org Not so long ago, President Bush announced his much coveted Greater Middle East Initiative as part of his global war on terrorism. The aim of the plan was to preserve the existing secular order across the region through the promotion of freedom and democracy. But in today’ s Middle Eastern societies, Bush’ s initiative is having just the opposite effect. Islamists throughout the region have shown unprecedented gains in recent elections and now pose a direct challenge to the dictatorships and monarchies that thrive under American patronage.
Während der Parlamentswahlen in Ägypten im Jahr 2005 sicherte sich die Muslimbruderschaft 20 % xxii der Sitze. Hätte das Regime Mubaraks in der zweiten und dritten Wahlrunde nicht auf Einschüchterung zurückgegriffen, wäre dieser Anteil weitaus höher ausgefallen. Doch trotz der brutalen Methoden des Regimes zur Unterdrückung der Islamisten setzte die Muslimbruderschaft auf den Slogan „Der Islam ist die Lösung“ und konnte bei der ägyptischen Wählerschaft mehr Unterstützung gewinnen als ihre säkularen Konkurrenten. Bei den irakischen Parlamentswahlen von 2005 entfiel der Großteil der Stimmen auf religiöse Parteien. Von den 275 Sitzen im Rat der Repräsentanten gewann die von Schiiten dominierte Vereinigte Irakische Allianz 128 Sitze. Zu der Allianz gehören die Dawa-Partei unter Ministerpräsident Ibrahim al-Dschaafari und der Oberste Rat für die Islamische Revolution im Irak unter Abdul Aziz al-Hakim. Der Allianz fehlten 10 Stimmen zur absoluten Mehrheit. Die sunnitischen Fundamentalisten der Irakischen Eintrachtsfront erhielten 44 Sitze, während kurdische Islamisten 5 Sitze errangen.
During Egypt’ s parliamentary elections in 2005, the Muslim Brotherhood secured 20%xxii of the seats. Had not Mubarak’ s regime resorted to intimidation in the second and third rounds of the balloting, the figure would have been much higher. But despite the regimes brutal tactics to suppress the Islamists, the Muslim Brotherhood employed the slogan ‘Islam is the solution’ and outperformed secular rivals in garnering greater support amongst Egypt’ s electorate. In the Iraqi parliamentary elections of 2005, the religious parties took the bulk of the Iraqi votes. Of 275 seats in the Council of Representatives, the Shia dominated United Iraqi Alliance won 128 seats. The alliance includes the Dawa Party led by Prime Minister Ibrahim al-Jaafari and the Supreme Council for the Islamic Revolution in Iraq, led by Abdul Aziz al-Hakim. The alliance fell 10 votes short of an absolute majority. The Sunni fundamentalists of the Iraqi Accord Front secured 44 seats, while Kurdish Islamists took 5
sitze. Hätten Amerika und seine Handlanger nicht direkt in den Wahlprozess eingegriffen, hätte die Stärke der Stimmen für die Islamisten die Säkularisten vollständig an den Rand gedrängt. Der Irakische Repräsentantenrat wird ohnehin von Abgeordneten mit einer ausgeprägt religiösen Haltung dominiert, und man erwartet, dass sie Politiken verwerfen werden, die sie als offen säkular betrachten. Das Ergebnis der für den 25. Januar 2006 angesetzten palästinensischen Wahl wird wahrscheinlich den Wahlergebnissen in Ägypten und im Irak ähneln.
seats. Had not America and her surrogates interfered directly in the electoral process, the strength of the Islamists’ vote would have completely marginalized the secularists. In any case, the Iraqi Council of Representatives will be dominated by representatives who have a strong religious disposition and are expected to throw out policies which they deem to be overtly secular. The outcome of the Palestinian election scheduled for January 25 2006 will probably mimic the election results of Egypt and Iraq.
Bereits sagen Meinungsforscher ein starkes Abschneiden der Hamas voraus, die entschieden anti-israelisch ist und deren Vernichtung geschworen hat.
Already pollsters are predicting a strong showing for Hamas which is avidly anti-Israeli and has vowed its destruction.
Die Hamas stellt 62 Kandidaten auf und wird voraussichtlich mehr als ein Drittel der 132 Sitze im Palästinensischen Legislativrat gewinnen. Drohungen Israels, die Organisation von der Wahl auszuschließen, sowie Amerikas Abneigung gegen ihre harte Haltung haben die Popularität der Gruppe gesteigert. Abgesehen von Fatah können die anderen säkularen Parteien keine wirksame Herausforderung für den wachsenden Einfluss der Hamas und anderer Islamisten darstellen. Fatah, das von internen Spaltungen erschüttert ist und weithin als korrupt gilt, wird der Hauptverlierer sein.
Hamas fielding 62 candidates is projected to take more than a third of the 132 seats available in the Palestinian Legislative Council. Threats from Israel to preclude the organisation from contesting the election and America’ s dislike of its hard-line stance have boosted the group’ s popularity. Apart from Fatah, the other secular party’ s cannot mount an effective challenge to the growing influence of Hamas and other Islamists. Fatah reeling from internal schisms and widely viewed as being corrupt will be the main looser.
Das Muster, dass islamistische Kräfte bei Wahlen säkularistische Kandidaten übertreffen, wiederholt sich auch anderswo in der arabischen Welt. So gewannen bei den saudischen Kommunalwahlen im vergangenen Jahr die Islamisten in Riad 6 der 7 Sitze und fegten bei den Wahlen in Dschidda und Mekka die Konkurrenz hinweg. Von sunnitischen Islamisten unterstützte Kandidaten erlangten zudem in einer Reihe von Städten der Östlichen Provinz die Kontrolle über die Kommunalräte. Bei den Parlamentswahlen im Jemen im Jahr 2003 gewann die Jemenitische Reformgruppe (Islah), ein Zusammenschluss islamistischer und tribaler Kräfte, 46 der 301 Sitze und bildet heute die Opposition. In jenem Jahr gewannen islamistische Gruppierungen gemeinsam 17 der 50 Sitze im kuwaitischen Parlament, wo sie den dominierenden ideologischen Block bilden. Auch in Jordanien, Bahrain und Marokko haben Islamisten Zugewinne verzeichnet, die häufig auf Kosten säkularistischer Kräfte gingen.xxiii
The pattern of Islamists outshining secularists in elections is being repeated elsewhere in the Arab world. For instance in the Saudi municipal elections last year, Islamists won 6 of the 7 seats in Riyadh and swept the elections in Jeddah and Makkah. Candidates backed by Sunni Islamists also won control of the municipal councils in a number of towns in the Eastern Province. In the 2003 parliamentary election in Yemen, the Yemeni Reform Group (Islah), a combination of Islamist and tribal elements, won 46 of the 301 seats and now forms the opposition. That year, Islamists combined to win 17 of the 50 seats in the Kuwaiti parliament, where they form the dominant ideological bloc. In Jordan, Bahrain and Morocco too, Islamists have made gains often at the expense of secularistsxxiii.
Die allgegenwärtige Präsenz von Islamisten und der rasche Niedergang der Säkularisten haben die politische Landschaft der arabischen Welt verändert. Erste Anzeichen deuten darauf hin, dass diese Veränderung dauerhaft sein wird. Laut der Umfrage von Zogby International und dem Sadat Chair aus dem Jahr 2004 sprachen sich unter den Befragten in Jordanien, Saudi-Arabien und den VAE mehrheitlich dafür aus, dass der Klerus in ihren politischen Systemen eine größere Rolle spielen sollte.
The ubiquitous presence of Islamists and the rapid decline of the secularists have altered the political landscape of the Arab world. Early indications suggest that this transformation is going to be permanent. According to the 2004 Zogby International-Sadat Chair poll, of those surveyed in Jordan, Saudi Arabia, and the UAE said the clergy should play a greater role in their political systems.
Fünfzig Prozent der befragten Ägypter sagten, die Geistlichen sollten das politische System nicht bestimmen, doch immerhin 47 Prozent sprachen sich für eine größere Rolle für sie aus. Der politische Trend ist also eindeutig: Je demokratischer die arabische Welt wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass Islamisten an die Macht kommen.xxiv
Fifty percent of Egyptians polled said the clerics should not dictate the political system, but as many as 47 percent supported a greater role for them. So the political trend is clear; more democratic the Arab world gets, the more likely it is that Islamists will come to powerxxiv.
Nicht nur hat Bushs Demokratisierungsvorstoß im Nahen Osten den politischen Islam gestärkt, er hat auch nicht vermocht, die Woge des militanten Islam einzudämmen, die von Tag zu Tag gewalttätiger wird.
Not only has Bush’ s democracy drive in the Middle East strengthened political Islam it has also failed to stymie the tide of militant Islam which grows more violent by the day.
Im April 2005 beschloss das US-Außenministerium, einen jährlich erscheinenden Bericht über den internationalen Terrorismus nicht mehr zu veröffentlichen, nachdem das wichtigste Terrorismuszentrum der Regierung zu dem Schluss gekommen war, dass es im Jahr 2004 mehr Terroranschläge gab als in jedem Jahr seit 1985, dem ersten Jahr, das die Veröffentlichung abdeckte. Ein weiteres Opfer dieser Initiative ist der Kampf um die Herzen und Köpfe. Laut der Zogby-Umfrage von 2005 zur Einstellung der Araber gegenüber Amerika hatten 63 % der Jordanier, 85 % der Ägypter, 89 % der Saudis, 66 % der Libanesen und 69 % der Menschen in den VAE eine ungünstige Meinung von Amerika.
In April 2005, the US State Department decided to stop publishing an annual report on international terrorism after the government's top terrorism centre concluded that there were more terrorist attacks in 2004 than in any year since 1985, the first year the publication covered. Another casualty of this initiative has been the battle of hearts and minds. According to the 2005 Zogby poll on Arab attitudes towards America, 63% of Jordanians, 85 % of Egyptians, 89% of Saudis, 66% of Lebanese, and 69% of the people in UAE had an unfavourable opinion of America.
Der Zusammenbruch von Bushs Plan, die Demokratie im Nahen Osten voranzubringen, ist auch den politischen Entscheidungsträgern in der Heimat nicht entgangen. Zwischen den Unterstützern Bushs und den Kritikern seines Plans ist ein erbitterter Streit ausgebrochen. Die Gegner seines Plans argumentieren, Bush tue nicht genug, um die Islamisten zu isolieren und die Gemäßigten im Rahmen des Demokratisierungsvorstoßes im Nahen Osten zu fördern. Sie vertreten außerdem die Auffassung, dass Islamisten, besonders jene, die lautstark anti-amerikanisch sind, nicht vertrauenswürdig seien und vom Demokratieexperiment ausgeschlossen werden müssten. Ihre Sicht beruht auf der Vorstellung, dass die Weigerung der muslimischen Welt, westliche Werte anzunehmen, in der Ideologie des Islam begründet liege. Ihrer Meinung nach müssten die islamischen Texte grundlegend verändert werden, bevor die arabische Welt vom Westen akzeptiert werden könne.
The collapse of Bush’ s plan to advance democracy in the Middle East has not escaped the attention of policy makers back home. A bitter dispute has broken out between supporters of Bush and the critics of his plan. The opponents of his plan argue that Bush is not doing enough to isolate the Islamists and promote the moderates as part of the democracy push in the Middle East. They also maintain that Islamists, especially those that are vociferously anti- American cannot be trusted and must be excluded from the democracy experiment. Their view is based on the idea that the refusal of the Muslim world to accept western values lies with the ideology of Islam. In their opinion the Islamic texts have to fundamentally change before the Arab world can be accepted by the West.
Die Befürworter hingegen plädieren für einen pragmatischeren Ansatz. Sie glauben, dass die arabische Welt durch die Einbindung von Islamisten in den demokratischen Prozess zu einer Region geformt werden kann, die westliche Werte akzeptiert, deutlich weniger anti-amerikanisch ist und die amerikanische Hegemonie bereitwillig hinnimmt. Ihre Überzeugung beruht auf der Prämisse, dass der Ausschluss der Islamisten aus dem demokratischen Prozess lediglich Ressentiments und Gewalt gegen den Westen hervorbringen wird. Als ideales Vorbild für die arabische Welt führen sie die Türkei an. Ein wichtiger Vertreter dieser Sichtweise ist der Neokonservative Marc Gerecht, der kürzlich in einem Artikel mit dem Titel „Devout Democracies“ argumentierte, dass Selbstregierung in der muslimischen Welt eine religiöse Komponente haben werde und der Westen sich vor diesem Phänomen nicht fürchten sollte.
The supporters on the other hand advocate a more pragmatic approach. They believe that by co-opting Islamists in the democratic process, the Arab world can be moulded into a region that accepts western values, is substantially less anti-American and willingly accepts American hegemony. Their belief rests on the premise that by keeping Islamists out of the democratic process will only breed resentment and violence against the West. They cite Turkey as the ideal model for the Arab world to follow. A major proponent of this view is the neoconservative Marc Gerecht who recently argued in an article entitled ‘Devout Democracies’ that self rule in the Muslim world will have a religious component and the West should not be afraid of this phenomena.
Welche der beiden Ansichten auch immer das Demokratie-Experiment Amerikas im Nahen Osten lenken wird, sie wird kaum einen Einfluss darauf haben, den Aufstieg des politischen Islam einzudämmen. Denn die Menschen im Nahen Osten werden Amerikas uneingeschränkte Unterstützung für Israel, seine unnachgiebige Unterstützung der brutalen arabischen Diktaturen, seine Ausbeutung ihrer natürlichen Ressourcen, seine Durchsetzung kapitalistischer Lösungen und Werte sowie seine entschlossenen Bemühungen, Kriege gegen das irakische Volk und andere Muslime zu führen, niemals vergessen und niemals verzeihen.
Whichever of the two views succeeds in guiding America’ s democracy experiment in the Middle East, it will have a negligible impact on curbing the rise of political Islam. This is because the people of the Middle East will never forget or forgive America’ s unstinting support for Israel, her unflinching support for the brutal Arab dictatorships, her exploitation of their natural resources, her imposition of capitalist solutions and values, and her determined efforts to wage wars against the people of Iraq and other Muslims.
Diese schmerzhaften Realitäten sind dauerhaft im Bewusstsein der Araber verankert und treiben die arabische Bevölkerung immer wieder dazu an, Trost im politischen Islam zu suchen.
These painful realities are permanently etched on the minds of the Arabs and continuously urge the Arab populace to seek solace in political Islam.
Der Nahe Osten ist das Herz der islamischen Welt, und gegenwärtig pulsiert er vor politischem Islam, der zwangsläufig zur Wiederkehr des Kalifats führen wird. Die Förderung der Demokratie oder deren Ablehnung, das Ersetzen islamischer Texte durch säkulare Auslegungen, die Isolierung der Islamisten und die Ermutigung der Gemäßigten, die Zerstörung von Regimen und ihr Ersatz durch fügsame US-Stellvertreter werden das Ergebnis nicht ändern. Die früheren Beziehungen Amerikas zu den Arabern haben ihr Schicksal im Verhältnis zu den heutigen Arabern besiegelt. Es ist an der Zeit, dass die politischen Entscheidungsträger in den USA über die Zukunft nachdenken: Welche Art von Beziehungen will die USA zum Kalifat unterhalten?
The Middle East is the heart of the Islamic world and right now it is pulsating with political Islam that will inevitably lead to the re-emergence of the Caliphate. Promoting democracy or eschewing its implementation, substituting Islamic texts with secular interpretations, isolating Islamists and encouraging moderates, destroying regimes and replacing them with compliant US surrogates is not going to change the outcome. America’ s past relations with the Arabs has sealed her fate with the present Arabs. The time has come for US policy makers to think about the future – what type of relations does the US want with the Caliphate?
23. Januar 2006
January 23, 2006