1.2 Diagnose
1.2 Diagnosis
Obwohl alle darin übereinstimmen, dass der kapitalistische Patient chronisch krank ist, ist eine Analyse, wie wir hierhergekommen sind, umstrittener. Viele rechte Ideologen predigen weiterhin die Überlegenheit des Kapitalismus, wie es der frühere Präsident George W. Bush in seiner im Fernsehen übertragenen Ansprache am 24. September tat. Ihrer Ansicht nach sind die Grundlagen des Kapitalismus nach wie vor stark, und das Geschehene sei ein Fall von Übertreibung und schlechten Entscheidungen. In Bemerkungen bei einer privaten Spendenveranstaltung hatte Bush zuvor das Verhalten der Wall Street mit jemandem verglichen, der sich betrunken hat und nun mit einem Kater zu kämpfen hat. Obwohl solche Ideologen den Ernst der Lage anerkennen, unterscheiden sie sich in ihrer Reaktion: Während Bush und sein Finanzminister und früherer CEO von Goldman Sachs, Henry Paulson, große Rettungspakete der Regierung befürworten, empfinden andere Konservative jedes staatliche Rettungspaket als ein Gräuel, das, wie ein Politiker (Abgeordneter Sam Johnson) es formulierte, einem Weg in den Sozialismus gleichkomme. Für die Linke ist ihre Freude mit Händen greifbar: Nachdem sie jahrzehntelang gegen unregulierte freie Märkte argumentiert hatten, glauben sie nun, dass sich die Quittung des Kapitalismus eingestellt hat.
Though everyone agrees that the capitalist patient is chronically sick, an analysis of how we got here is more controversial. Many right wing ideologues continue to preach the superiority of capitalism as former President George W Bush did in his televised address on 24th September. Their view is that the fundamentals of capitalism remain strong and that what happened is a case of excess and bad decision making. In remarks at a private fundraiser Bush had earlier compared Wall Street’s behaviour to someone getting drunk and now facing a hangover. Though accepting the seriousness of the situation such ideologues differ in their response, whereas Bush and his Treasury Secretary and former CEO of Goldman Sachs, Henry Paulson, favour large Government bailouts, other conservatives find any government bailout an anathema, akin as one politician (Representative Sam Johnson) stated, to embarking down the road of socialism. For those on the left their glee is palpable, having argued against unfettered free markets for decades, they now believe capitalism’s chickens have come home to roost.
Die Linke sieht in dieser Krise zwei Ursachen. Erstens die Gier und die korrupten Praktiken der Wall Street und zweitens die Kultur der Deregulierung, die dazu führte, dass entweder keine Regulierung vorhanden war oder die Aufsicht ihre Pflicht versäumte. Ihre Lösung ist sehr einfach: hart gegen die Bonus- und Vergütungskultur an der Wall Street vorgehen und die Regulierung und Aufsicht deutlich verschärfen.
The left see that this crisis has two causes. Firstly the greed and corrupt practices of Wall Street and secondly the culture of deregulation which resulted in either regulation being absent, or asleep at the switch. Their solution is very simple, crackdown on the bonus and remuneration culture on Wall Street and beef up regulation and oversight.
Doch sowohl die Linke als auch die Rechte haben die Ursachen der Krise falsch diagnostiziert. Zwar verweisen beide auf eine Kultur des Exzesses und auf Versäumnisse bei der Regulierung, doch sie versuchen, dies vom Kapitalismus zu trennen, als sei das gezeigte Verhalten irgendwie losgelöst von den Kernwerten des Kapitalismus. Aber Gier und Deregulierung sind für den Kapitalismus ebenso wesentlich wie der Motor für das Auto. Zu erwarten, dass der Kapitalismus ohne Gier und ohne eine risikofreudige Casino-Kultur effektiv funktionieren kann, ist, als erwarte man, dass ein Hund nicht bellt. Gier, hohe Risikobereitschaft und das Beugen der Regeln sind die essenziellen Öle, die das gesamte kapitalistische System antreiben. Die Kultur in vielen Banken an der Wall Street und in der City of London belegt genau diesen Punkt. Sie sind testosterongeladen, sie legen großen Wert auf materiellen Ehrgeiz, sie erwarten, dass Menschen um zu arbeiten leben, nicht arbeiten um zu leben, und jede Schwäche wird missbilligt. Angeheizt durch ihre hohen Gehälter und außergewöhnlichen Boni ist eine Kultur der Gier nicht nur erwartet, sondern verpflichtend, wenn man Erfolg haben will. Diese arroganten Händler der Wall Street und der City nennen sich selbst „Herren des Universums“. Darüber herrscht wenig Streit in dem Sinne, dass die meisten vernünftigen Menschen glauben, die kapitalistische Kultur, die die Finanzdienstleistungsbranche beherrscht, neige zu Exzessen, weshalb es eine wirksame Regulierung geben muss. Allerdings kann keine noch so große Regulierung den Kapitalismus jemals zähmen, und zwar aus folgenden Gründen:
However, both those on the left and right have misdiagnosed the causes of the crisis. Though both point to a culture of excess and regulatory mismanagement, they seek to detach this away from capitalism as if the behaviour exhibited was somehow detached from the core values of capitalism. But greed and deregulation are as essential to capitalism as an engine is to a car. Expecting that capitalism can effectively operate without greed and a risk-taking casino culture of high risk taking, is like expecting a dog not to bark. Greed, high-risk taking and bending the rules are the essential oils that drive the whole capitalist system. The culture in many of the banks in Wall Street and the City of London exactly proves this point. They are testosterone rich, they put a premium on material ambition, they expect people to live to work, not work to live and any weakness is frowned upon. Fuelled by their high salaries and extraordinary bonuses, a culture of greed is not just expected but is obligatory if one is to succeed. These arrogant Wall Street and city traders call themselves “Masters of the Universe”. There is little controversy over this in the sense that most reasonable people believe the capitalist culture that dominates the financial services industry is prone to excess, which is why there must be effective regulation. However, no amount of regulation can ever mitigate capitalism, for the following reasons:
1. Erstens ist die Komplexität mancher gehandelten Finanzprodukte exponentiell gewachsen. Regulierungsbehörden sind selbst in den besten Zeiten kaum die beweglichsten Institutionen. In einer Welt, in der Produktinnovationen schnell und rasant wechselnd erfolgen, fällt es den Regulierern schwer, Schritt zu halten. Ihr Wissen und ihre Fähigkeiten liegen weit hinter denen derjenigen zurück, die sie beaufsichtigen sollen, sodass sie an den meisten Tagen ebenso gut ausschlafen könnten, so wenig Nutzen bringen sie.
1. Firstly, the complexity of some of the financial products being traded has grown exponentially. Regulators at the best of times are hardly the most agile of entities, in a world where product innovation is rapid and fast changing, regulators struggle to keep up. Their knowledge and capabilities are far behind those that they are regulating meaning that they might as well sleep-in on most days for all the good they do.
2. Zweitens bezahlen Unternehmen Politiker, damit diese die Regulierungsbehörden von ihnen fernhalten. Dies geschieht durch Wahlkampfspenden und andere Gefälligkeiten. Dadurch werden die Regulierungsbehörden in der Regel in Schach gehalten. Wenn diese Peitsche aber nicht wirkt, steht immer das Zuckerbrot in Form lukrativer künftiger Tätigkeiten im Privatsektor bereit. Zwischen den Regulierungsbehörden und dem Privatsektor besteht eine ungesunde Drehtür, die den gesamten Aufsichtsprozess zur Farce macht.
2. Secondly, companies pay politicians to keep regulators off their back. This is through campaign contributions and other favours. This usually ensures regulators are kept in check. But if this stick doesn’t work, then the carrot of future lucrative work in the private sector is always on the table. There is an unhealthy revolving door between the regulators and the private sector which makes a mockery of the whole oversight process.
3. Schließlich sind Regulierungsbehörden stets reaktiv und kämpfen den letzten Krieg. Eine Verschärfung der Regulierung nach einer großen Krise oder einem Skandal ist üblich, trägt aber kaum zur Vorhersage der nächsten Krise bei. Nach der Enron-Krise etwa wurde der Sarbanes-Oxley Act eingeführt, der zwar für Wirtschaftsprüfer und Risikospezialisten lukrativ war, bei der Verhinderung oder auch nur der Antizipation der Subprime-Krise aber völlig nutzlos blieb. Den Kapitalismus zu regulieren ist daher unmöglich; es ist – um eine mittlerweile berüchtigte Metapher zu verwenden – so, als wollte man einem Schwein Lippenstift auftragen.
3. Lastly, regulators are always reactive, fighting the last war. Increasing regulation after a major crisis and scandal is common, but is hardly relevant to forecasting the next crisis. For instance after the Enron crisis, Sarbanes Oxley was introduced which, though lucrative for accountants and risk specialists, was entirely useless in preventing or even anticipating the sub prime crisis. So trying to regulate capitalism is impossible, it is – using a now infamous metaphor - like trying to put lipstick on a pig.
Entgegen der landläufigen Meinung würde die Welt nicht untergehen, wenn der Kapitalismus im Papierkorb entsorgt würde. Fortschritt, Weiterentwicklung und Technologie gediehen schon vor der Entstehung des globalen Kapitalismus, und sie können wieder gedeihen. Dennoch verharren die Hohepriester der globalen Finanzwelt in Verleugnung und glauben, dass der Kapitalismus trotz der gegenwärtigen systemischen Krise wieder seine hohe Stellung zurückgewinnen wird. Dies bekräftigte George Bush in seiner Ansprache vom 24. September, in der er erklärte, der demokratische Kapitalismus bleibe das beste System. Im Jahr 2002 zitierte eine bedeutende Rede die folgende Aussage, die für die heutigen Ereignisse von erheblicher Relevanz ist: Im Laufe der Jahre hat die US-Wirtschaft eine bemerkenswerte Fähigkeit gezeigt, Erschütterungen aller Art abzufangen, sich zu erholen und weiter zu wachsen. Flexible und effiziente Arbeits- und Kapitalmärkte, eine unternehmerische Tradition und eine allgemeine Bereitschaft, technologischen und wirtschaftlichen Wandel zu dulden und sogar anzunehmen, tragen zu dieser Widerstandsfähigkeit bei. Ein besonders wichtiger Schutzfaktor im gegenwärtigen Umfeld ist die Stärke unseres Finanzsystems: Trotz der nachteiligen Erschütterungen des vergangenen Jahres bleibt unser Bankensystem gesund und gut reguliert, und die Bilanzen der Unternehmen und Haushalte sind größtenteils in gutem Zustand. Diese Rede hielt Ben Bernanke – derselbe Bernanke, der mit dem Zitat von der „Druckerpresse“ bekannt wurde. Doch Bernanke lag 2002 falsch, und Bush liegt jetzt falsch: Der Kapitalismus kann nicht reformiert werden, er muss ersetzt werden.
Contrary to popular perception, the world would not end if capitalism was consigned to the waste paper bin. Progress, advancement, technology all prospered before the inception of global capitalism and they can prosper again. Yet the high priests of global finance remain in denial, believing that despite the current systemic crisis, capitalism will once again regain its lofty position. This was reiterated by George Bush in his address of September 24th in which he stated that democratic capitalism remains the best system. In 2002 a prominent speech cited the following statement which has significant relevance to today’s events Over the years, the US economy has shown a remarkable ability to absorb shocks of all kinds, to recover, and to continue to grow. Flexible and efficient markets for labor and capital, an entrepreneurial tradition, and a general willingness to tolerate and even embrace technological and economic change all contribute to this resiliency. A particularly important protective factor in the current environment is the strength of our financial system: Despite the adverse shocks of the past year, our banking system remains healthy and well-regulated, and firm and household balance sheets are for the most part in good shape. That speech was given by Ben Bernanke - the same Bernanke of the ‘printing press’ quote. But Bernanke was wrong in 2002 and Bush is wrong now, capitalism cannot be reformed it needs to be replaced.