1.4.2. Gesundheitliche Unsicherheit
1.4.2. Health Insecurity
Der Kapitalismus schlägt wieder zu. Das Ziel diesmal ist nach Hunger und Bildung die Gesundheit. Was einfache Menschen von einem Wirtschaftssystem erwarten, sind nicht bloße Theorien, die das System und sein Fundament rechtfertigen.
Capitalism strikes again. The target this time, after hunger and education, is health. What ordinary people look for in an economic system is not the mere theories which substantiate the system and its foundation.

Gewöhnliche Menschen wollen am Ende des Tages gesund sein, genug Essen auf dem Tisch haben und ein Gefühl von Sicherheit, wenn sie schlafen gehen. Ein erfolgreiches System ist dasjenige, das den Menschen die Angst nimmt, ihre Fähigkeit zu funktionieren durch Seuchen zu verlieren oder ihr Leben gänzlich zu verlieren.
Ordinary people at the end of the day want to be healthy with enough food on the table and a sense of security when they go to bed. A successful system is the one that removes from the people the fear of losing their ability to function due to epidemic diseases or losing their lives altogether.
Trotz des außergewöhnlichen Wachstums an Reichtum und Ressourcen unter dem Kapitalismus plagt die Unsicherheit im Gesundheitsbereich weiterhin Einzelne und Nationen auf der ganzen Welt. In Amerika, der reichsten kapitalistischen Nation der Welt, nimmt die Gesundheitskrise über die Jahre hinweg weiter zu. Die Gesundheitskrise ist zu einem ständigen Thema der Debatte während der Wahlzeiten in den USA geworden. Es wird geschätzt, dass ein Mann im Laufe seines Lebens eine Wahrscheinlichkeit von 44 % hat, an einer Form von Krebs zu erkranken (68). Diese Rate sinkt nicht, im Gegenteil, sie ist in den letzten Jahren dramatisch gestiegen. Mit anderen Worten: Das enorme Wachstum an Reichtum und der Fortschritt in der Technologie helfen nicht dabei, einen Feind von innen zu bekämpfen. Herzbezogene Probleme fordern jährlich mehr als siebenhunderttausend Leben. Laut der American Heart Association verloren im Jahr 2006 831.272 Menschen ihr Leben durch Herzkrankheiten. Eine so hohe Rate tödlicher Krankheiten ist nicht zufällig. Sie ist ein direktes Nebenprodukt von Systemen, die die Verteilung von Reichtum und die Zuteilung von Ressourcen steuern. Um dieses Ungleichgewicht bei der Ressourcenzuteilung zu erkennen, genügt ein Blick auf einen der jährlichen Haushalte und darauf, wie die Mittel verteilt werden. Die Kurven in Abbildung 16 zeigen eine Aufschlüsselung der diskretionären Haushalte (Haushaltsmittel, die der Zustimmung des Kongresses und des Präsidenten unterliegen) für die vergangenen sieben Jahre in den Vereinigten Staaten (69, 70). Die Vereinigten Staaten geben jedes Jahr mehr als 50 % ihres Haushalts für das Militär aus, während sie weniger als 14 % für Bildung und Gesundheit aufwenden. Unterdessen ist allgemein bekannt, dass Epidemien wie Krebs, Herzerkrankungen, Diabetes und andere weit mehr Menschenleben fordern als alle, die in direkten Kriegen oder indirekten Terrorkriegen sterben.
Despite the extraordinary growth in wealth and resources under capitalism, health insecurity continues to haunt individuals and nations across the globe. In America, the wealthiest capitalist nation in the world, health crisis continues to escalate over the years. Health crisis has become a permanent subject of debate during election times in the USA. It is estimated that a man during his lifetime has a chance of 44% to have one form of a cancer disease68. This rate is not slowing down; on the contrary, it has increased dramatically during the past few years. In other words, the tremendous growth in wealth and advancement in technology is not helping in fighting an enemy from within. Heart-related problems consume more than seven hundred thousands lives a year. According to the American Heart Association, 831,272 lives vanished due to heart related diseases in 2006. Such high rate of fatal diseases is not accidental. This is a direct by-product of systems which control wealth distribution and resource allocation. To see this imbalance of resource allocation, just look at one of the annual budgets and see how the resources are allocated. The curves in figure 16 show a breakdown of the discretionary budgets (budget subject to approval by Congress and the president) for the past seven years in the United States (69, 70). The United States spends on military more than 50% of its budget every year, whereas it spends less than 14% on the education and health needs. In the meantime, it is a well-known fact that epidemic diseases such as cancer, heart problems, diabetes, and others consume much more lives than all those who die in direct wars or indirect wars of terrorism.
Peter Jennings, der verstorbene Anchorman von ABC, kommt in einer Dokumentation mit dem Titel „Breakdown – America’s Health Insurance Crisis“ zu dem Schluss, dass die explodierenden Kosten und die wachsende Zahl der Unversicherten Teil eines Krankenversicherungssystems sind, das sich in einer Krise befindet.71 Laut der Agency for Healthcare Research and Quality waren im Jahr 2007 knapp vierundfünfzig Millionen Amerikaner unter fünfundsechzig Jahren ohne Krankenversicherung, das entspricht 18 % der Bevölkerung unter fünfundsechzig Jahren.72 Die aktuelle wirtschaftliche Abschwächung wird die Armee der unversicherten Amerikaner um weitere sieben Millionen vergrößern.73 Bis 2010 werden mehr als sechzig Millionen Menschen ohne Krankenversicherung sein. Die größte Gruppe der Unversicherten gehört zum ärmsten Teil der Bevölkerung; 32 % der Gesamtzahl der Menschen ohne Versicherung (fünfzehn Millionen) sind Hispanics.
Peter Jennings, the late ABC anchor, concludes in a documentary called “Breakdown—America’s Health Insurance Crisis,” that spiraling costs and the growing number of uninsured are all part of a health insurance system in a state of crisis71. According to the Agency for Healthcare Research and Quality, nearly fifty-four million Americans under age sixty-five, or 18% of the population under the age sixty-five, were without health insurance in 200772. The current economic downturn will contribute seven more million to the army of uninsured Americans73; by 2010 there will be more than sixty million people without health insurance. The largest group of uninsured people belongs to the poorest segment of the population; 32% of the total number of people without insurance (fifteen million) is Hispanics.
Der Hauptgrund für die steigende Zahl nicht versicherter Menschen ist die Armut, die sich in den gestiegenen Kosten für die Krankenversicherung und die damit verbundenen Prämien im Verhältnis zu Löhnen und Einkommen der Menschen niederschlägt. Selbst wenn Arbeitnehmer am Arbeitsplatz einen Versicherungsschutz angeboten bekommen, können sie sich ihren Eigenanteil an der Prämie nicht immer leisten.
The main reason for the increased number of uninsured people is poverty, which is reflected in the increased cost of health insurance and related premium compared to the wages and income of people. Even if employees are offered coverage on the job, they can’t always afford their portion of the premium.

Die Krankenversicherungsprämien für Arbeitnehmer sind zwischen 1999 und 2009 um 119 % gestiegen74, also dreimal so stark wie der durchschnittliche Anstieg der Arbeitnehmerlöhne. Die durchschnittlichen Löhne stiegen zwischen 1999 und 2008 nur um 35 %; siehe Abbildung 17. Kleinunternehmen verzichten aufgrund der steigenden Krankenversicherungsprämien darauf, ihren Beschäftigten eine Krankenversicherung anzubieten.
Health insurance premiums have increased 119%for employees between 1999 and 200974, that is, three times more than the average increase in employee wages. The average wages increased only 35% between 1999 and 2008; see figure 17. Small firms refrain from offering health insurance due to rising health insurance premiums.
Schätzungen zufolge sterben jedes Jahr zweiundzwanzigtausend Menschen, weil sie keinen Zugang zu angemessenen medizinischen Versorgungsleistungen haben. Menschen ohne ausreichenden Versicherungsschutz erhalten weniger Vorsorgeuntersuchungen; sie werden in fortgeschritteneren Krankheitsstadien diagnostiziert und erhalten weniger therapeutische Behandlung. Dies führt zu hohen Sterblichkeitsraten unter nicht versicherten Personen.
It is estimated that twenty-two thousand people die every year because they are unable to access reasonable health care resources. People without proper insurance receive less preventive care; they are diagnosed at more advanced stages of diseases and receive less therapeutic care. This leads to high mortality rates among uninsured individuals.
Wie im Fall der Bildung vertieft mangelnde angemessene Gesundheitsversorgung die Armut, und Armut schränkt die Gesundheitsversorgung des Einzelnen drastisch ein. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, muss mehr getan werden, als lediglich das Angebot an Medikamenten, medizinischer Ausstattung und Krankenhausbetten zu erhöhen. Entscheidend ist der Mechanismus, mit dem diese Ressourcen verteilt werden, denn er ermöglicht es dem Einzelnen, eine angemessene Gesundheitsversorgung zu erhalten. Die hohen Kosten der Gesundheitsversorgung zerstören das wirtschaftliche Wohlergehen der Familien. Medizinische Rechnungen wirken sich bei 30 % der einkommensschwachen Familien ohne Krankenversicherung erheblich finanziell aus75 und stürzen sie in Schulden.
As in the case of education, lack of proper health care deepens poverty, and poverty dramatically reduces health care for individuals. In order to break this cycle, more needs to be done than simply increasing the supply of drugs, health equipment, and hospital beds. It is the mechanism for distributing these resources that enables individuals to receive the proper health care. The high cost of health care destroys the economic well-being of families. Medical bills have a major financial impact on 30% of low-income families without health coverage75, pushing them into debt.
Gesundheitskatastrophen in der Entwicklungswelt
Health Catastrophes in the Developing World
HIV/AIDS, Malaria und Tuberkulose stellen weiterhin die schwerwiegendste Bedrohung für das Leben von Millionen Menschen in den Entwicklungsländern dar. Die Gesundheitssysteme in den Entwicklungsländern haben sich in einem solchen Ausmaß verschlechtert, dass diese und andere Krankheiten epidemische Ausmaße angenommen haben.
HIV/AIDS, malaria, and tuberculosis continue to be the most serious threat to the life of millions of people in the developing countries. The health care systems in developing countries have deteriorated to extreme levels such that these and other diseases have become so epidemic.

Laut veröffentlichten Daten von UNAIDS/Weltgesundheitsorganisation waren im Jahr 2007 mehr als 33 Millionen Menschen an AIDS erkrankt. Mehr als 2 Millionen von ihnen starben im Jahr 2007. Seit 1981 sind mehr als 25 Millionen Menschen an AIDS gestorben. Die meisten AIDS-Opfer leben im ärmsten Teil der Welt, in Subsahara-Afrika, wo 22 Millionen Menschen mit der Krankheit leben und 1,5 Millionen infolgedessen verschwunden sind.
According to published data by UNAIDS/World Health Organization, the number of people diagnosed with AIDS in 2007 was more than 33 million people. More than 2 million of them died in the year 2007. More than 25 million people have died of AIDS since 1981. The majority of the AIDS victims are in the poorest part of the world in sub-Saharan Africa, where 22 million people live with the disease and 1.5 million have vanished as a result.
Die Epidemie von AIDS breitet sich weltweit aus, trotz des enormen Wachstums von Wohlstand und Gesundheitseinrichtungen. Abbildung 18 zeigt den globalen Trend der AIDS-Epidemie. In einigen afrikanischen Ländern trägt eine von drei Personen das AIDS/HIV-Virus. Mehr als 40 % der Weltbevölkerung, die in Nigeria, Äthiopien, Russland, China und Indien lebt, sieht sich aufgrund der Ausbreitung von AIDS ernsten gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Für Nigeria wird erwartet, dass es bis 2010 10 bis 15 Millionen Fälle geben wird, und für Äthiopien 7 bis 10 Millionen. In beiden Ländern wird sich die Lage wahrscheinlich durch einen Mangel an öffentlicher Gesundheitsinfrastruktur infolge extremer Armut verschärfen. Die Zahl der AIDS-Betroffenen dürfte in China bis 2010 10 bis 15 Millionen und in Indien 20 bis 25 Millionen erreichen.
The epidemic of AIDS is growing worldwide despite the tremendous growth in wealth and health care facilities. Figure 18 shows the global trend in the AIDS epidemic. In some African countries, one out of three people carry the AIDS/HIV virus. More than 40% of the world population living in Nigeria, Ethiopia, Russia, China, and India face serious health risks due to spread of AIDS. Nigeria is projected to have 10-15 million cases by 2010, and Ethiopia 7-10 million. In both countries, the situation is likely to be aggravated by a lack of public health infrastructure due to extreme poverty. The AIDS population is expected to reach 10-15 million by 2010 in China and 20-25 million in India.
Die größte Herausforderung bei der AIDS-Behandlung in Entwicklungsländern sind die hohen Kosten der Therapie, die sich auf 10.000 bis 15.000 US-Dollar pro Person und Jahr belaufen. Diese hohen Kosten sind selbst in hochentwickelten Ländern kaum tragbar; dies ist mit Sicherheit die Hauptbarriere, die Patienten in der Entwicklungswelt daran hindert, eine angemessene Behandlung zu erhalten. Angesichts der hohen Armutsraten unter der AIDS-Bevölkerung ist es schwer, einen Wendepunkt in dieser katastrophalen Krankheit zu erkennen. Solange die hohe Armutsrate besteht, werden viele afrikanische Staaten weiterhin mit ernsthaften Bedrohungen durch AIDS konfrontiert sein. Solange die Epidemie der Armut nicht gelöst ist, bleibt die Hoffnung auf ein Ende von AIDS gering.

In den USA begann die Zahl der aktiven Tuberkulosefälle im Jahr 1985 wieder zu steigen, nachdem sie seit den 1950er Jahren kontinuierlich zurückgegangen war. Für die Rückkehr der Tuberkulose waren mehrere Faktoren verantwortlich, darunter die HIV/AIDS-Epidemie, zunehmende Armut, intravenöser Drogenkonsum und Obdachlosigkeit. Es ist erwähnenswert, dass die Reagan-Regierung im Jahr 1981 7 Milliarden Dollar aus dem Lebensmittelmarkenprogramm (Food-Stamp-Programm) strich. Unmittelbar nach dieser Kürzung kehrten hungerbedingte Probleme wie Anämie, Tuberkulose, Wachstumsstörungen und Osteoporose zurück.
In the USA, the number of active tuberculosis cases began to rise in 1985 after it had declined continuously since the 1950s. Several factors were behind the return of tuberculosis, including the HIV/AIDS epidemic, increased poverty, IV drug use, and homelessness. It is worth noting that the Reagan administration cut 7 billion dollars from the food stamp program in 1981. Immediately after this cut, hunger-related problems such as anemia, tuberculosis, poor growth, and osteoporosis crawled back.
Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) meldeten 2005 in den Vereinigten Staaten 14.093 Fälle von aktiver Tuberkulose (TB) sowie 10 bis 15 Millionen Menschen mit latenter Tuberkulose. Dreißig Prozent der Menschen mit einer latenten TB-Infektion entwickeln eine aktive Tuberkulose, wenn sie an Diabetes leiden, und praktisch alle Menschen mit einer HIV-Infektion entwickeln eine aktive TB. Wie bei AIDS tritt Tuberkulose in den Vereinigten Staaten am häufigsten in der armen Bevölkerung der Hispanics (8,5 Fälle pro 100.000) und der Schwarzen (9,4 pro 100.000) auf, verglichen mit den Weißen (1,1 Fälle pro 100.000).
The Centers for Disease Control and Prevention (CDC) reported 14,093 cases of active tuberculosis (TB) in the United States in 2005, and 10 to 15 million people with latent tuberculosis. Thirty percent of those with latent TB infection will progress into active tuberculosis if they have diabetes, and almost all with HIV infection will progress into active TB. As in the case of AIDS, tuberculosis in the United States is highest among the poor population of the Hispanics (8.5 cases per 100,000) and the blacks (9.4 per 100,000) compared to whites (1.1 cases per 100,000).
Es gibt Heilmittel, doch nur etwa 37 % der TB-Fälle erhalten eine angemessene Behandlung, aufgrund fehlender Ressourcen und unzuverlässiger Versorgung mit hochwertigen Medikamenten. Infolgedessen steigt die Zahl der Fälle der multiresistenten Tuberkulose (MDR-TB) stark an, mit dreihunderttausend neuen Fällen jedes Jahr. Die Behandlung von MDR-TB ist hundertmal teurer als die Behandlung normaler TB. Einmal mehr sind Armut und eine ungleiche Verteilung der Ressourcen verantwortlich für eine weitere Krankheit von epidemischem Ausmaß. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass bis 2020 36 Millionen Menschen an Tuberkulose sterben werden, wenn sie nicht eingedämmt wird79. Abbildung 19 zeigt, dass die TB-Fälle weiterhin zunehmen; die Entwicklung verlangsamt sich nicht.