2.2 Die Ideologie des Islam
2.2 The Ideology of Islam
Unter den vielen bestehenden Definitionen lässt sich eine Ideologie als eine Menge von Zielen und Ideen beschreiben, die die Ziele, Erwartungen und Handlungen eines Menschen leitet; eine Ideologie kann als umfassende Sichtweise verstanden werden, als eine Art, die Dinge zu betrachten. Das Wort Ideologie selbst trägt weder eine positive noch eine negative Bedeutung oder Konnotation. Nach Destutt de Tracy setzt sich das Wort Ideologie aus zwei Teilen zusammen, idée (Idee) und logie (Lehre, Logik). Mit anderen Worten beschreibt die Ideologie die Logik, die aus einer grundlegenden und umfassenden Idee die Menge an Zielen, Zwecken, Regeln und Systemen ableitet. Aus dieser Perspektive ist eine Ideologie einfach nur eine Ideologie; sie ist weder positiv noch negativ, weder gut noch schlecht, weder annehmbar noch abzulehnen. Sie bietet eine systematische Art, Ideen, Konzepte, Systeme, Vorschriften und Methoden zu beschreiben. In diesem Sinne kann die Ideologie des Sozialismus nicht allein deshalb kritisiert werden, weil sie eine Ideologie darstellt. Der Sozialismus kann auf Grundlage der Ideen und Überzeugungen kritisiert werden, die er vertritt; es ist der Inhalt der Ideologie, der einer Prüfung und Kritik unterzogen werden kann. Ebenso kann der Kapitalismus nicht allein deshalb abgelehnt oder akzeptiert werden, weil er als Ideologie besteht. Es sind die Prinzipien des Kapitalismus und die Auswirkungen seiner Anwendung, die der Kritik und Prüfung unterliegen sollten. Dasselbe gilt für den Islam. Wir können den Islam weder annehmen noch ablehnen auf der Grundlage, dass er eine Ideologie formuliert.
Among the many existing definitions, an ideology can be defined as a set of aims and ideas that directs one’s goals, expectations, and actions; an ideology can be thought of as a comprehensive vision, as a way of looking at things. The word ideology itself does not carry any positive or negative semantics or connotation. According to Destutt de Tracy, the word ideology is assembled from two parts, idea and logy. In other words, ideology describes the logic which derives the set of goals, aims, rules, and systems from a basic and comprehensive idea. From this perspective, an ideology is just an ideology; it is neither positive nor negative, neither good nor bad, neither acceptable nor rejected. It provides a systematic way of describing ideas, concepts, systems, regulations, and methods. In this regard, the ideology of socialism cannot be criticized simply because it comprises an ideology. Socialism can be criticized based on the ideas and beliefs it carries; it is the content of the ideology that could be subject for scrutiny and criticism. By the same token, capitalism cannot be rejected or accepted simply because it stands as an ideology. It is the principles of capitalism and the impact of its application that should be subject for criticism and scrutiny. The same applies to Islam. We cannot accept or reject the notion of Islam on the basis that it formulates an ideology.
David F. Forte, Professor für Recht an der Cleveland State University, geht in einem von der Heritage Foundation veröffentlichten Artikel so weit, Ideologie mit Terrorismus und Tötung gleichzusetzen, und er besteht darauf, den Islam nur als eine Religion zu betrachten, die zur Wohltätigkeit fähig ist. Mit seinen eigenen Worten: „Unsere Politik sollte darin bestehen, dass alle Völker, aller Religionen, die ihre Religion mit Hingabe, Wohltätigkeit, Gleichheit und Sorge für andere erfüllen, gefeiert und geschützt werden, dass aber jede Person – ob im Namen der Religion, des Sozialismus oder der Geschichte –, die danach strebt, einen Staat zu übernehmen und diesen Glauben in eine Ideologie zu verwandeln, eine Ideologie, die unschuldige Menschen terrorisiert und tötet, unser Feind und der Feind aller Religionen ist.“ Es sollte klar sein, dass Terrorismus unter keinen Umständen toleriert werden kann und darf; ebenso sollte aber klar sein, dass Terrorismus nicht gleichbedeutend mit „Ideologie“ ist.
David F. Forte, professor of law at Cleveland State University, in an article published by the Heritage Foundation, takes the extreme point when he equates ideology to terrorism and killing and insists that Islam should be viewed only as a religion capable of providing charity. In his own words, “Our policy ought to be that all peoples, of all religions, who fulfill their religion with devotion, charity, equality and concern for others will be celebrated and protected, but that any person—whether in the name of religion or socialism or history—who seeks to take over a state and turn that belief into an ideology, an ideology which terrorizes and kills innocent people, is our enemy and the enemy of all religion.” Where it should be clear that terrorism cannot and should not be tolerated under any circumstances, it should also be clear that terrorism is not equivalent to “ideology.”.
Worum es hier geht, sind nicht die Namen oder die Terminologie, mit denen der Islam beschrieben wird. Wichtiger als Begriffe oder Bezeichnungen sind die Ideen und Konzepte, die den Definitionen und Begriffen zugrunde liegen. Der Begriff Ideologie ist sicherlich neutraler als die Begriffe Islamismus, Fundamentalismus, Extremismus, Phonetismus oder ähnliche. Um Verwirrung zu vermeiden, werde ich, wo zutreffend, das schlichte Wort Islam anstelle des Ausdrucks Ideologie des Islam verwenden.
What is at stake here is not the names or terminology used to describe Islam. What is more important than terms or names are the ideas and concepts underlying the definitions and terms. The term ideology is certainly more neutral than the term Islamism, fundamentalism, Extremism, phonetic-ism, or the like. To avoid any confusion, I will try to use the plain word Islam in lieu of the term ideology of Islam where applicable.
Die Grundlagen des Islam: Eine historische Perspektive
The Foundation of Islam: Historical Perspective
Um das Jahr 610 n. Chr. begann der Prophet Muhammad ﷺ, von Allah, dem Schöpfer Gott, Offenbarung in Form des Qur'an zu empfangen. Muhammad ﷺ lebte in Mekka. Mekka war berühmt dafür, die Heilige Moschee zu beherbergen, die um den Ort namens Ka'aba errichtet wurde. Es wird geglaubt, dass die Heilige Moschee von Prophet Ibrahim und seinem Sohn Ismail erbaut wurde. Die Religion, die Ibrahim in Mekka und Umgebung verbreitete, predigte die Einheit Gottes und die höchsten Werte, die in den späteren Religionen Judentum, Christentum und Islam weitergeführt wurden. Mit der Zeit gelang es den Arabern in Mekka und Umgebung, die Religion Ibrahims zu verfälschen und eine polytheistische Religion mit mehreren Göttern einzuführen. Die Araber in Mekka und Arabien gewöhnten sich daran, steinerne Götzenbilder als materielle Repräsentanten der Götter zu verehren. Da die Ka'aba von den Arabern der Gegend als heiliger Ort betrachtet wurde, sicherten sich die Stämme Mekkas die Stellung als Gastgeber und Hüter aller Götter, die von den Arabern in Mekka und anderswo verehrt wurden. Diese Stellung verschaffte den Quraisch, dem Hauptstamm Mekkas, einen besonderen Status und Ansehen und brachte ihnen den Titel der Hüter des heiligen Ortes (Al-Haram) ein. Neben Prestige, Ehre und Status war es den Quraisch auch möglich, aus ihrer Stellung als Hüter von Al-Haram finanziell und wirtschaftlich Gewinn zu ziehen. Der Qur'an erinnerte die Quraisch später in einer Sure namens „Quraisch“ an diese besondere Stellung.9
Around the year 610 CE, Prophet Mohammad (PBUH) began to receive Quran in the form of revelation from Allah, god the Creator.8 Mohammad was living in Mecca. Mecca was famous for hosting the Sacred Mosque built around the place called the Ka’aba. The Sacred Mosque is believed to have been built by Prophet Ibraheem and his son Ismail. The religion propagated by Ibraheem in Mecca and its surrounding preached the oneness of god and the supreme values which were carried out by subsequent religions of Judaism, Christianity, and Islam. Over time, the Arabs in Mecca and its surrounding managed to distort the religion of Ibraheem and introduce polytheistic religion with multiple gods. The Arabs in Mecca and Arabia grew accustomed to worshiping stone idols as material representatives of Gods. Since the Ka’aba was considered a holy place by Arabs in the area, the tribes of Mecca worked out their way to become the hosts and custodians of all gods worshiped by Arabs in Mecca and elsewhere. This status has secured for Quraish, the main tribe of Mecca, a special status and prestige, and won them the title of the custodians of the holy place (Al-Haram). Besides the prestige, honor, and status, Quraish was in a position to gain financially and economically from their position as custodians of Al-Haram. The Quran later reminded Quraish of this special status in a Surah named “Quraish.”9
Vor der Verkündung des Islam durch den Propheten Mohammad ﷺ war die Religion in Mekka auf Traditionen, mythische Geschichten und Vorstellungen von Gott reduziert. Die Rolle Gottes als Quelle der Gesetzgebung und der Gebote wurde einflussreichen und wohlhabenden Anführern in Mekka übertragen.10, 11 Schließlich wurden die höchsten Werte der Religion Ibrahīms in Mekka und in den arabischen Gemeinschaften außer Kraft gesetzt. Das heiligste Ritual der alten Religion war das Umkreisen der Ka'ba in der Erwartung der Barmherzigkeit und Vergebung Gottes. Unter dem Einfluss der Quraisch verwandelten die Araber diese Praxis in etwas Absurdes, indem sie zuließen, dass das Umkreisen von nackten Männern und Frauen vollzogen wurde.12 Diese Praxis wurde offiziell und praktisch nach der Eroberung Mekkas durch den Propheten Mohammad ﷺ zwanzig Jahre nach der Offenbarung des Islam abgeschafft.
Die Struktur des Islam: Historische Perspektive
The Structure of Islam: Historical Perspective
Etwa im Jahr 623 n. Chr., dreizehn Jahre nach dem Beginn des Islam, wanderten der Prophet Muhammad ﷺ und seine Gefährten von Mekka in die Stadt Medina aus (bis zum Tag der Auswanderung Yathrib genannt). Im selben Jahr begann die islamische Zeitrechnung. Die Muslime wählten dieses Jahr als Beginn des Kalenders und nicht das Jahr, in dem der Islam dreizehn Jahre zuvor tatsächlich seinen Anfang nahm. Die Bedeutung dieses Jahres liegt darin, dass mit ihm der Islam von einem theoretischen Modell zu einer praktischen Lebensordnung überging.
Around the year 623 CE, thirteen years after the initiation of Islam, Prophet Mohammad and his companions migrated from Mecca to the city of Medina (called Yathrib until the day of migration). That same year marked the beginning of the Islamic calendar. Muslims chose this year to mark the calendar instead of the year Islam physically began thirteen years earlier. The significance of this year is that it marked the transfer of Islam from being a theoretical model into a practical one.
Der Prophet Muhammad ﷺ vereinte zu seiner Rolle als Gesandter, der die Offenbarungen Gottes empfängt, die Rolle eines Staatsmannes, der die Regeln auf die Menschen anwendet. Seine Führungsstellung in Medina wurde ohne jeden Widerspruch einstimmig anerkannt, nicht einmal von den jüdischen Stämmen, die in der Umgebung Medinas lebten, oder von der Gruppe, die den Islam nicht vollständig angenommen hatte.
Prophet Mohammad added to his role as a messenger who receives god’s revelations, the role of a statesman who applies the rules upon people. His leadership position in Medina was unanimously approved without the least challenge, not even from Jewish tribes living in the vicinity of Medina or the group which did not thoroughly accept Islam.
Unmittelbar nach der Auswanderung nach Medina und der Gründung des islamischen Staates im Kern nahm die Offenbarung des Korans eine neue Richtung. Der Schwerpunkt lag nun stärker auf Regeln, Vorschriften, Struktur, Organisation und den Beziehungen zwischen den Menschen. Die Menschen in Medina, die unter der Herrschaft des Islam standen, wurden aufgefordert, ihre Angelegenheiten, Probleme und Streitigkeiten zur Entscheidung und Urteilsfindung zu Muhammad ﷺ zu bringen.
Right after the migration to Medina and the creation of the nucleus Islamic state, the revelation of the Quran took a new direction. The emphasis now is more focused on the rules, regulations, structure, organization, and relationships between people. The people in Medina, who were under the rule of Islam, were requested to bring their issues, problems, disputes to Mohammad for ruling and judgments.
Der Prophet Mohammad ﷺ verlor keine Zeit, bevor er begann, die Beziehungen in der neuen Gesellschaft zu ordnen. Er richtete ein System der Paarbildung ein, durch das er Einzelpersonen, die von Mekka nach Medina auswanderten, mit ihren Gegenstücken aus Medina zusammenbrachte. Dieses Paarungsschema ermöglichte es den neuen Auswanderern, nachdem sie ihren gesamten Besitz und ihre Habe in Mekka zurückgelassen hatten, einen reibungslosen Übergang an einen neuen Ort und in eine neue Umgebung zu finden. Das Teilen des Besitzes war das sichtbarste Ergebnis dieses Paarungsprogramms. Der Prophet Mohammad ﷺ entwarf außerdem einen Vertrag, der die Beziehung zwischen den jüdischen Stämmen und den Muslimen in Medina regelte. Der Vertrag legte die gegenseitige Verantwortung für die Sicherheit und den Schutz Medinas und seiner Umgebung fest.

Der islamische Staat war seitdem als Staat des Kalifats (Khilafah) bekannt. Der Staat funktionierte weiterhin auf dieselbe Weise: Regeln und Vorschriften, die aus den Texten des Qur'an und der Sunnah abgeleitet wurden.
The Islamic state came to be known since then as the state of the caliphate (khilafah). The state continued to function in the same manner: rules and regulations derived from the texts of the Quran and the Sunnah.
Mit der Ernennung Abu Bakrs zum ersten Nachfolger des Propheten ﷺ erhielten Form und Rahmen der islamischen Ordnung ihren eigenständigen Charakter. Diese Ordnung umfasste einen Staat mit dem Khalifen als Staatsoberhaupt. Der Khalif übernimmt das Amt des Staatsoberhaupts durch ein Wahlverfahren, dem die Bai’ah folgt. Ein den Menschen repräsentierender Rat ist mit der Ernennung des Khalifen betraut. Der Khalif ernennt Gehilfen, die ihn bei der Wahrnehmung der Regierungsaufgaben unterstützen. Streitigkeiten innerhalb des Staates werden von Justizpersonal behandelt. Entlegene Gebiete des Staates werden von Statthaltern regiert, die der Khalif einsetzt. Im Laufe der Zeit wurden diese staatlichen Organe stabiler und klarer umrissen. Der Staat des Khilafah wurde insgesamt für die Umsetzung der Systeme des Islam verantwortlich. Anhand einer großen Zahl von Regeln, die aus dem Qur'an und der Sunnah abgeleitet sind, lässt sich zeigen, dass die Struktur des Islam wirtschaftliche, soziale, politische und justizielle Systeme umfasste. Von besonderem Interesse für diese Veröffentlichung ist das Wirtschaftssystem, das in den folgenden Abschnitten ausführlicher behandelt wird.
With the appointment of Abu Bakr as the first successor of the Prophet, the shape and the context of the Islamic structure has taken its distinct character and shape. The structure included a state with the khalifah as the head of the state. The khalifah assumes the post of the head of state through a process of election followed by a process of bai’ah. A council representing the people is charged with the process of appointing the khalifah. The khalifah appoints assistants to help him carry the governing responsibilities. Disputes within the state are handled by judicial personnel. Remote areas within the state are governed by governors appointed by the khalifah. Over time, these organs of the state became more stable and better defined. The state of the khilafah collectively became responsible for the implementation of the systems of Islam. Through a large set of rules derived from the Quran and the Sunnah, it can be shown that the structure of Islam comprised economic, social, political, and judicial systems. Of particular interest to this publication is the economic system, which will be discussed in greater details in subsequent sections.
Die ideologische Struktur des Islam ist in Abbildung 28 zusammengefasst. Die intellektuelle Grundlage besteht aus dem grundlegenden Glaubensbekenntnis, das wiederum den Glauben an Allah als den einen und einzigen Gott, an Muhammad ﷺ als den letzten Gesandten Allahs an alle Menschen und an den Qur'an als die endgültige göttliche Offenbarung an die Menschheit umfasst. Die Methode zur Umsetzung der Ideologie ist der islamische Staat, der für die Umsetzung der verschiedenen Systeme verantwortlich ist.