2.4.1 Die Entwicklung des Wirtschaftssystems im Islam
2.4.1 The Development of the Economic System in Islam
Wenn Sie den Koran aufschlagen und seine Suren durchsehen, auf der Suche nach einer Sure über das islamische Wirtschaftssystem, werden Sie keine finden. Am nächsten kommt man Sure Al-Anfal (Sure 8), die im Zusammenhang mit der Kriegsbeute benannt und offenbart wurde und nur wenige Regeln zur Verteilung der Beute enthält. Ebenso hat der Prophet Muhammad ﷺ keine eigenen Aussprüche getan, keine Reden gehalten und keine öffentlichen Bekanntmachungen erlassen, die ganz einem dem heutigen Verständnis entsprechenden wirtschaftlichen Ordnungsgefüge gewidmet waren. Die Texte, die Bezüge zu wirtschaftlichen und finanziellen Fragen enthalten, wurden im Laufe von dreiundzwanzig Jahren offenbart (der Lebensspanne Muhammads ﷺ als Prophet). Häufig wird ein wirtschaftlich relevanter Bezug im Zusammenhang mit einem Vorfall hergestellt, der eine Regel oder ein Urteil erforderlich machte. Ein Beispiel ist die Regel über das Eigentum an erobertem Land, die im Zusammenhang mit der Schlacht von Khaibar offenbart wurde. Das vollständige Bild des Wirtschaftssystems muss daher aus Versen des Korans, Aussprüchen des Propheten ﷺ und Urteilen in konkreten Fällen zusammengesetzt werden. Die folgenden Unterabschnitte stellen vier grundlegende Prinzipien vor und behandeln sie, die für die Entwicklung des Wirtschaftssystems im Islam als wesentlich gelten.
If you open the Quran and browse its chapters looking for a Surah on the Islamic economy, you will not be able to find any. The closest you will get is Surah Al-Anfal (chapter 8), which was named and revealed in relation to the proceeds of war and contains few rules on the distribution of the proceeds. Similarly, Prophet Mohammad did not issue specific statements, deliver speeches, or make public announcements totally dedicated to what we can call today an economic structure. The texts which include references to economic and financial issues were revealed over the course of twenty-three years (the life span of Mohammad as a prophet). Quite often a reference of economic substance may be made in relation to an incident that required a rule or judgment of some sort. One example is the rule related to the ownership of conquered land, which was revealed in conjunction with the battle of Khaibar.56 So the full picture of the economic system needs to be constructed from verses in the Quran, statements of the Prophet, and judgments on specific cases. The following subsections present and address four major principles deemed essential to the development of the economic system in Islam.
Rizq (Reichtum) und seine Rolle in der islamischen Wirtschaft
Rizq (Wealth) and Its Role in the Islamic Economy
Wesentlich für die Entwicklung des Wirtschaftssystems im Islam ist das Konzept des Reichtums, das im islamischen Sprachgebrauch als Rizq bezeichnet wird. Was ist Reichtum? Und wer ist der Versorger des Reichtums? Der Islam vertritt die Auffassung, dass die Menge an Reichtum, die ein Mensch im Laufe seines Lebens erwirbt, von Allah bestimmt wird. Die Menschen bemühen sich in diesem Leben, genau das zu erlangen, was Allah ihnen vorgeschrieben hat. Bei seinem Streben nach Reichtum weiß der Mensch nicht, was Gott ihm zugeteilt haben könnte. Hat er jedoch einen bestimmten Betrag an Reichtum erworben, ist es unerlässlich, dass er glaubt, dieser Reichtum sei ihm von Allah zugeteilt worden.
Essential to the development of the economic system in Islam is the concept of wealth known as Rizq in Islamic terms. What is wealth? And who is the provider of wealth? Islam maintains that the amount of wealth acquired by any human throughout his life is determined by Allah. People strive in this life to acquire exactly what Allah has prescribed to them. In his endeavor to acquire wealth, man has no knowledge of what could be allocated to him by god. But once he acquires any amount of wealth, it is essential that he believes that this wealth had been allocated to him by Allah.
Es war aus mehreren Gründen wichtig, dieses Konzept in den Köpfen der Muslime zu verankern. Erstens wollte der Islam in der Gesellschaft ein gutes Maß an Demut bewahren, besonders bei jenen, die reich und wohlhabend werden würden. Wenn man weiß, dass der Reichtum ihnen von Allah gewährt wurde, verschwinden das Gefühl der Überheblichkeit und die Selbstbezogenheit. Zweitens baute der Islam Großzügigkeit innerhalb der Gesellschaft auf, was für den Umgang mit den Armen als notwendig erachtet wurde. Drittens sollten Muslime freiwillig mehr geben, als die Gesetze des Staates von ihnen verlangten. Viertens sollte der islamische Staat in seiner Anfangszeit zahlreichen Kriegen gegenüberstehen, die die finanzielle Unterstützung seiner Bürger erforderten.
It was important to engrave this concept in the minds of Muslims for several reasons. For one, Islam wanted to maintain a good level of humility in the society especially among those who would become rich and wealthy. Knowing that the wealth has been granted to them by Allah removes that sense of arrogance and self-centered feelings. Second, Islam was building generosity within the society, which would be deemed necessary for dealing with the poor. Third, Muslims will be required to spend voluntarily beyond what was required of them by the laws of the state. Fourth, the Islamic state was going to face multiple wars at its infancy, which required the financial support of its constituents.
Im Koran finden sich mehr als hundert Hinweise darauf, dass der Rizq (Lebensunterhalt, Reichtum) von Allah gewährt wird. Im Folgenden einige Beispiele dieser Hinweise. In Sure Ar-Rum gibt es einen direkten Hinweis darauf, dass Allah derjenige ist, der Reichtum gewährt.57 „Allah ist es, Der euch erschaffen, dann euch versorgt hat, dann wird Er euch sterben lassen, dann wird Er euch (wieder) lebendig machen (am Tag der Auferstehung).“ (Koran 30:40). An einer anderen Stelle58 heißt es: „O ihr Menschen! Gedenkt der Gnade Allahs an euch! Gibt es einen Schöpfer außer Allah, der euch aus dem Himmel und der Erde versorgt? Es gibt keinen Gott außer Ihm.“ (Koran 35:3)
Überfluss an Mitteln
Abundance of Resources
Im Gegensatz zum vom Kapitalismus propagierten Prinzip der „Knappheit der Ressourcen" vertritt der Islam das Prinzip der „Fülle der Ressourcen". An zahlreichen Stellen im Qur'an wird immer wieder der Gedanke wiederholt, dass Allah Ressourcen in Fülle geschaffen und in ihnen Nutzen für die Menschen angelegt hat. Der Islam möchte die Überzeugung verbreiten, dass die grundlegenden Ressourcen der Welt nicht knapp sind und dass Gott genug für alle Menschen geschaffen hat, damit sie daran Freude haben. Der Islam möchte eine Denkweise schaffen, die die Fülle der Ressourcen wertschätzt und sich jederzeit daran erinnert, dass diese Ressourcen von Gott, dem Schöpfer, so bereitgestellt wurden, dass die Menschen sie nutzen und etwas Gutes daraus machen können.
Contrary to the “scarcity of resources” principle advocated by capitalism, Islam advances the principle of “abundance of resources.” In numerous locations in the Quran, the idea that Allah has created abundance of resources and created in them benefit for the people is repeated time and again. Islam wants to propagate the belief that the core resources in the world are not scarce, and that god has created more than enough for all the people to enjoy. Islam wants to create a mind-set which appreciates the abundance of resources and remembers at all times that these resources had been provided by god, the creator, in a manner that people can utilize them and make something good out of them.
In Sure An-Nahl (Kapitel 16) zählt der Koran viele Reichtumsquellen auf und erinnert daran, dass diese Quellen ursprünglich von Allah erschaffen wurden. In den Versen 5-8 heißt es:
In Surah Al-Nahl (chapter 16), the Quran enumerates many of the wealth resources and reminds of the fact that these resources were originally created by Allah. In verses 5-8, it says,
Und das Vieh hat Er für euch erschaffen; in ihm ist Wärme (warme Kleidung) und zahlreicher Nutzen, und von ihm esst ihr. Und darin liegt Schönheit für euch, wenn ihr sie am Abend heimbringt und wenn ihr sie am Morgen zur Weide hinaustreibt. Und sie tragen eure Lasten in ein Land, das ihr nur unter großer Mühsal für euch selbst erreichen könntet. Wahrlich, euer Herr ist voller Güte, Barmherzig. Und Er hat Pferde, Maultiere und Esel erschaffen, damit ihr auf ihnen reitet und zur Zierde. Und Er erschafft noch anderes, wovon ihr keine Kenntnis habt. Inmitten des Produktionskreislaufs vergessen die Menschen leicht, dass eben jene Tiere, die sie halten (Rinder, Schafe, Pferde, Kamele), schon vor dem Menschen in dieser Welt existierten und so geschaffen wurden, dass der Mensch sie zähmen und die in ihnen liegenden Vorteile nutzen kann. Um den inhärenten Nutzen dieser Tiere zu würdigen, kann man sie mit anderen Tieren in freier Wildbahn vergleichen, die weder zur Nahrung noch zur Fortbewegung genutzt werden können, zum Beispiel die Löwen, Tiger, Wölfe, Hyänen und andere.
Armut
Poverty
Die islamische Sicht auf die Armut lässt sich am besten mit der Aussage zusammenfassen: „Wäre die Armut ein Mensch, würde ich sie töten.“ Diese Aussage stammt von Umar Bin Al-Khattab, dem zweiten Kalifen im Islam, und wurde von Ali Bin Abi Talib, dem vierten Kalifen, wiederholt. Der Islam entwickelte im Laufe seiner Offenbarung eine kategorische Unduldsamkeit gegenüber Armut und Hunger. Von Abu Dhar Al-Ghafari, einem der Gefährten des Propheten ﷺ, wird überliefert, er habe gesagt: „Am meisten erschüttert mich ein armer Mann, der zu Hause kein Essen findet und nicht mit seinem Schwert in der Hand hinausgeht.“ Die Aussagen von Umar Bin Al-Khattab, Ali Bin Abi Talib und Abu Dhar zeigen das Maß an Unduldsamkeit gegenüber Armut und Hunger im Islam. Diese Sicht geht unmittelbar aus dem Grundgedanken hervor, den der Prophet Mohammad (Friede sei mit ihm) ﷺ und der Koran festgelegt haben.
The Islamic view on poverty is best summarized by the statement “If poverty were a man, I would kill it.” This statement was made by Umar Bin Al-Khattab, the second caliph in Islam, and repeated by Ali Bin Abi Talib, the fourth caliph. Islam, over the course of its revelation, developed a categorical intolerance to poverty and hunger. Abu Dhar Al-Ghafari, one of the companions of the Prophet, is reported to have said, “I am most shocked by a poor man who cannot find food at home and does not come out with his sword in his hands.” The statements of Umar Bin Al-Khattab, Ali Bin Abi Talib, and Abu Dhar signify the level of intolerance for poverty and hunger in Islam. This view stems sequence from the fundamental thought established by Prophet Mohammad (PBUH) and the Quran.
Der Prophet Muhammad ﷺ wies in einer direkten Auseinandersetzung mit Armut und Hunger jede Möglichkeit zurück, dass ein Mensch hungern müsste, während in der Nachbarschaft, in der er lebt, Überfluss herrscht. Mit den Worten des Propheten ﷺ: „Allah und Sein Gesandter werden eine Gemeinschaft verstoßen, in der einer ihrer Angehörigen hungrig schlafen muss.“ Diese entschiedene Ablehnung von Hunger und Armut zeigte sich auch in einer anderen Aussage des Propheten ﷺ, in der er sagte: „Wer satt auf sein Bett geht, während sein Nachbar hungrig ist, ist kein wahrer Gläubiger.“ Beachten Sie, wie der Prophet ﷺ die Zurückweisung der Armut geschickt mit dem Glauben und der Überzeugung des Einzelnen verknüpft. Er erlässt nicht einfach eine verwaltungstechnische Vorschrift, wonach den Armen in der Nachbarschaft Nahrung zu geben sei. Vielmehr stützt er sich auf das gedankliche Fundament des Glaubens, das er über mehr als dreizehn Jahre Stein für Stein errichtet hatte. Dieses Fundament des Glaubens wendet er dann an, indem er sagt: Wenn du wirklich an den Islam glaubst, wie du behauptest, dann kannst du nicht zulassen, dass dein Nachbar hungert. Der Glaube dient also dazu, unter den Mitgliedern der Gesellschaft ein Gefühl der Verantwortung aufzubauen.
Prophet Mohammad, in a direct reference to poverty and hunger, rejected the slightest possibility that one person would go hungry while the neighborhood he lives in has plenty. In the words of the Prophet, “Allah and his Messenger will disown a community which allows one of its members to sleep hungry.” This strong resentment of hunger and poverty was demonstrated in another statement by the Prophet, where he said, “He who resorts to his bed with full stomach while his neighbor is hungry is not a true believer.” Note how the Prophet skillfully links the rejection of poverty to one’s faith and belief. He does not simply make an administrative rule asking to provide food for the poor people in the neighborhood. Rather, he relies on the intellectual foundation of belief which he spent more than thirteen years putting together, one brick at a time. Then, he turns to this intellectual faith foundation and utilizes it by saying, if you truly believe in Islam as you claim, then you cannot allow your neighbor to go hungry. So the faith foundation is used to build this sense of responsibility among the members of the society.
Der Wert-Begriff im Islam
The Value Definition in Islam
Im Rahmen des Kapitalismus ist der materielle Wert der einzige Wert, der Gewicht und Bedeutung hat. Der materielle Wert eines Produkts bemisst sich nach dem Nutzen, den es den Menschen bringt, und nach seiner Austauschbarkeit gegen andere Produkte oder Dinge. Wird der Wert eines Produkts in Geld gemessen, so nennt man den Wert des Produkts den Preis.
Within the framework of capitalism, the material value is the only value that has weight and significance. And the materialistic value of a product is defined in terms of the benefit it carries to people and in terms of its exchangeability with other products or things. When the value of a product is measured in terms of money, then the value of the product is called the price.
Der Islam verfolgt einen völlig anderen Ansatz zur Bestimmung von Werten. Zunächst unterscheidet der Islam zwei große Kategorien von Werten: Die eine bezieht sich auf die Handlungen der Menschen, die andere auf Dinge und Güter. Innerhalb der ersten Kategorie erkennt der Islam vier Arten von Werten an, die beim Vollzug einer Handlung erreicht werden sollen. Diese Werte sind der spirituelle, der moralische, der menschliche und der materielle Wert. Der Wert bezieht sich in diesem Zusammenhang auf das Ziel, das mit der Ausführung der Handlung angestrebt wird.
Islam has a totally different approach for value definition. First, Islam recognized two broad categories of values, one category is related to the actions taken by people, and the other is related to the things and commodities. Within the first category, Islam recognizes four types of values which should be attained when the human performs an action. These values are the spiritual, moral, human, and the materialistic values. The value in this respect refers to the objective sought by performing the action.
Spirituelle Werte sind mit Handlungen verbunden, deren einziger Zweck es ist, Gott, den Schöpfer, zu gefallen. So sind etwa das Gebet, das Fasten und die Pilgerfahrt dem Muslim vorgeschrieben und sollen in einer bestimmten Reihenfolge ausgeführt werden. Diese Handlungen haben keinen Wert außer dem, Allah zu gefallen, und damit dem Instinkt der Anbetung zu genügen, der in das menschliche Selbst eingebettet ist. Ein Muslim verrichtet das Gebet nicht, um seinen Rücken zu trainieren, auch wenn das Gebet den Rückenmuskeln zugutekommen mag. Vielmehr verrichtet ein Muslim das Gebet allein mit dem Ziel, seinem Gott zu gefallen. Der Koran sagt: „Verrichte das Gebet zu meinem Gedenken.“75 Ebenso fastet ein Muslim im Monat Ramadan nicht, um abzunehmen, auch wenn er während des Fastens an Gewicht verlieren mag. Er fastet vielmehr einzig, um das Wohlgefallen und die Zufriedenheit Allahs zu erlangen. Überliefert ist, dass der Prophet Mohammad ﷺ gesagt hat: „Allah spricht: Alle Taten gehören dem Menschen, außer dem Fasten. Es gehört mir, und ich bin es, der den Lohn für das Fasten gibt.“ Der Koran bestätigt, dass das Fasten den Menschen vorgeschrieben wurde, damit sie Gottesfurcht vor Allah haben mögen.76