2.4.2 Die politische Ökonomie im Islam
2.4.2 The Political Economy in Islam
Bevor wir in der Erörterung der islamischen politischen Ökonomie fortfahren, sollte ich anmerken, dass der Begriff politische Ökonomie in dem Kontext verwendet wird, der sich auf die Prozesse der Produktion, des Konsums und der Verteilung von Reichtum bezieht, soweit sie mit den Volkswirtschaften von Staaten zusammenhängen. In diesem Sinne befasst sich die politische Ökonomie mit den Strategien und Methoden, die die Wirtschaft von Staaten unmittelbar beeinflussen und die Fähigkeit bestimmen, die wirtschaftlichen Ziele zu erreichen, die das Wirtschaftssystem vorgibt. Daher kann der Begriff politische Ökonomie innerhalb des Rahmens von Ideologien wie dem Islam, dem Kapitalismus oder dem Sozialismus verwendet werden. Der Leser sollte deshalb nicht erwarten, dass der Begriff „politische Ökonomie“ in einzelnen Versen des Qur'an oder in Aussagen des Propheten ﷺ vorkommt. Die Themen, die unter dem Dach der politischen Ökonomie untersucht werden, werden jedoch aus den originalen Texten des Qur'an und der Sunnah sowie aus dem Konsens der Gefährten des Propheten ﷺ und dem kausalen Schlussfolgern aus den originalen Texten abgeleitet und bewertet.
Before proceeding in the discussion of the Islamic political economy, I should note that the term political economy is used in the context which refers to the processes of production, consumption, and distribution of wealth as related to the economies of states. In this respect, political economy addresses the strategies and methods which directly impact the economy of states and the ability to achieve the economic objectives set forth by the economic system. Hence, the term political economy can be used within the framework of ideologies such as Islam, capitalism, or socialism. Therefore, the reader should not expect to see the term “political economy” being used in some verses in the Quran or statements of the Prophet. However, the subjects studied under the umbrella of political economy will be extracted and evaluated from original texts of the Quran and the Sunnah as well as from the consensus of the companions of the Prophet and the causal reasoning derived from the original texts.
Die politische Ökonomie befasst sich mit einer Vielzahl von Themen, die mit den Quellen des Reichtums, der Natur des Reichtums, den Methoden zur Vermehrung des Reichtums und den Methoden zu seiner Verteilung zusammenhängen. Insbesondere behandelt die politische Ökonomie das Eigentum, die Währung, die Wechselkurse, den Goldstandard, Riba (Wucher), das Horten, Handel und Gewerbe, Kapitalgesellschaften, menschliche Arbeit und die Befriedigung der grundlegenden menschlichen Bedürfnisse. Im Folgenden erörtern wir die islamische Sichtweise zu jedem dieser Themen und zeigen, wie der Islam die verschiedenen wirtschaftlichen Ressourcen verwaltet, um die Produktion zu steigern, den Konsum zu regeln und die Armut zu beseitigen.
The political economy addresses a myriad of subjects related to the sources of wealth, the nature of wealth, the methods of increasing wealth, and the methods of distributing wealth. In particular, the political economy deals with property ownership, currency, exchange rates, gold standard, Riba (usury), hoarding, trade and commerce, corporations, human labor, and satisfaction of human basic needs. Next we discuss the Islamic perspective on each of these issues and show how Islam manages the various economic resources to enhance production, regulate consumption, and eliminate poverty.
Bevor ich die Bestandteile der islamischen politischen Ökonomie beschreibe, sollte ich anmerken, dass muslimische Gelehrte historisch viel Mühe darauf verwendet haben, Belege zu finanziellen Angelegenheiten zusammenzustellen, die sich im Qur'an, in den Aussprüchen des Propheten ﷺ, in den Handlungen der Gefährten und in den Praktiken verschiedener Kalifen finden. Zu den bekanntesten Werken gehört das Buch mit dem Titel Al-Amwal (übersetzt: Finanzen), zusammengestellt von Abu Obaid Al-Qasim Bin Salam, der in der Zeit von 767–838 n. Chr. (150–224 n. H.) lebte. In dem Buch Al-Amwal sammelte Abu Obaid alle Überlieferungen zu Geld, finanziellen Transaktionen, Eigentumsverhältnissen, Geldverteilung und verwandten Themen. Al-Amwal ist eine sehr ergiebige Quelle für jeden Studierenden oder Gelehrten, der die Wirtschaftslehre des Islam verstehen möchte. Ein weiteres wichtiges Werk ist das Buch mit dem Titel Al-Kharaj (übersetzt: Landbesteuerung), verfasst von Imam Abu Yousuf Yakub Al-Ansari (730–799 n. Chr., 81
Before I proceed to describe the components of the Islamic political economy, I should note that historically Muslim scholars spent a good amount of effort compiling references to financial matters found in the Quran, the statements of the Prophet, the actions of companions, and the practices of various caliphs. Among the most prominent references is the book under the title Al-Amwal (translated as finances) compiled by Abu Obaid Al-Qasim Bin Salam who lived in the period 767-838 AC (AH 150-224). In the book Al-Amwal, Abu Obaid collected all references related to money, financial transactions, property ownership, money distribution, and related subjects. Al-Amwal is a very resourceful reference for any student or scholar seeking to understand the economics of Islam. Another major reference is the book under the title Al-Kharaj (translated as land taxation) authored by Imam Abu Yousuf Yakub Al-Ansari (730-799 AC, 81
AH 113–182). Abu Yousuf schrieb Al-Kharaj auf Bitte des Kalifen Harun Al-Rashid, der nach einem guten Nachschlagewerk für die Verwaltung suchte. 82
AH 113-182). Abu Yousuf wrote Al-Kharaj based on the request of Caliph Harun Al-Rasheed, who was looking for a good reference for managing 82
die finanziellen Angelegenheiten des Staates. Al-Kharaj behandelte ausführlich die Staatseinnahmen, die Posten des Staatshaushalts und die Mittel zur Verteilung des Reichtums unter den Bürgern des Staates. Neben den finanziellen Angelegenheiten, die im Buch Al-Kharaj behandelt werden, nahm Abu Yousuf auch Richtlinien und Strategien zur Verwaltung der Staatsfinanzen auf.
the financial matters of the state. Al-Kharaj talked in details about the revenues of the state, the state budget items, and the means of distributing the wealth among the constituents of the state. Besides the financial matters addressed in the book of Al-Kharaj, Abu Yousuf included policies and strategies for managing the finances of the state.
Neben den Büchern Al-Kharaj und Al-Amwal finden sich in der islamischen Bibliothek unzählige Verweise auf finanzielle Angelegenheiten, eingebettet in die Abfassungen und Schriften verschiedener Gelehrter innerhalb der Rechtsschulen der bedeutenden Imame, wie Abu Hanifah,83 Ja'far,84 Malik,85 Al-Shafi'i,86 und Ibn Hanbal.87 Im Laufe der Geschichte des islamischen Staates des Kalifats wurden die finanziellen und wirtschaftlichen Angelegenheiten im Staat von Gelehrten geregelt und behandelt, die im Prozess der Ableitung von Regeln zu verschiedenen Fragen versiert waren, indem sie gut etablierte Werkzeuge der Ableitung anwandten. Die von den Gelehrten abgeleiteten Regeln wurden von den Kalifen genutzt, entweder durch eine direkte Anfrage, wie es der Fall war, als Al-Rashid Abu Yusuf bat, einen umfassenden Satz von Regeln bereitzustellen. Alternativ bediente sich der Herrscher einfach der Regeln, die im Laufe der Zeit von verschiedenen Gelehrten abgeleitet und durch die Praxis als Gesetze etabliert worden waren.
In addition to the books of Al-Kharaj and Al-Amwal, the Islamic library has countless of references to financial matters embedded in the compilation and writing of various scholars within the schools of the prominent Imamas, such as Abu Hanifah,83 Ja’far,84 Malik,85 Al-Shafi’,86 and Ibn Hanbal.87 Throughout the history of the Islamic state of khilafah, the financial and economic matters in the state were resolved and addressed by scholars who were fluent in the process of deriving rules on various matters by utilizing well established tools for derivation. The rules derived by the scholars were utilized by the caliphs through a direct request as was the case when Al-Rasheed asked Abu Yousuf to provide a comprehensive set of rules. Alternatively, the ruler would just use the rules which have been derived over time by various scholars and have been established as laws through practice.
Die Gelehrten der verschiedenen Rechtsschulen fuhren fort, alle Angelegenheiten im Staat zu behandeln, einschließlich finanzieller und wirtschaftlicher Fragen, und die entsprechenden Regeln und Gesetze zu bestimmen. Fast ausnahmslos enthielt jedes einzelne Fiqh-Buch (islamisches Recht) eigene Kapitel und Abschnitte über Handel, Darlehen, Riba (Wucher), Kauf und Verkauf, Landbesitz, Landbesteuerung, Finanzierung und Haushaltsplanung für Kriege, Kriegsbeute, die Erhebung und Verteilung der Zakah, Partnerschaften, Gemeingüter bzw. öffentliches Eigentum und vieles mehr.
The scholars from the various schools of thought continued to address all matters in the state including financial and economic matters and provide the appropriate rules and laws. Almost without exception, each and every fiqh (Islamic laws) book would include specific chapters and sections on trade, loans, riba (usury), sale, land property, land taxation, war budgeting and funding, proceeds of war, zakah collection and distribution, partnerships, common or public properties, and much more.
Seit dem Zusammenbruch des islamischen Staates des Kalifats im Jahr 1924 wurden die Systeme des Islams in den Ländern, die zuvor nach islamischem Recht regiert wurden, abrupt außer Kraft gesetzt. Davon sind auch die Wirtschafts- und Finanzsysteme nicht ausgenommen. Die Kolonialmächte Großbritannien, Frankreich und andere europäische Länder führten in diesen Ländern neue Gesetze und Regeln ein, die die islamischen ersetzten. Die einzige islamische Finanzpraxis, die während und nach der Kolonialzeit überlebte, war die Praxis der Zakāh, weil sie im Islam als rituelle Pflicht und als eine der Säulen des Islams gilt. Doch selbst die Praxis der Zakāh wurde in dieser Zeit eher zu einer individuellen Handlung, anstatt einer staatlich getragenen Aktivität, wie sie seit der Gründung des ersten Staates in Medina durch den Propheten Muhammad ﷺ üblich gewesen war. Infolgedessen verloren die islamischen Grundsätze des Wirtschafts- und Finanzsystems in mehrheitlich muslimischen Ländern ihre praktische Geltung. Mit der Zeit verschwammen die theoretischen Prinzipien der islamischen Wirtschaft und wurden nicht nur für den durchschnittlichen Muslim, sondern auch für manche muslimischen Gelehrten und Akademiker recht unscharf. Dies ist eine natürliche Folge davon, dass die Umsetzung des wirtschaftlichen wie des politischen Systems fast hundert Jahre lang aufgegeben wurde.
Since the collapse of the Islamic state of khilafah in 1924, the systems of Islam were abruptly deactivated in the countries previously ruled by the Islamic laws. The economic and financial systems are no exception. The colonial powers of Britain, France, and other European countries introduced to these countries new laws and rules which replaced the Islamic ones. The only Islamic financial practice which survived during and after the colonial period was the practice of zakah, because in Islam zakah is considered a ritual and one of the pillars of Islam. Even the practice of the zakah during this period became more of an individualistic practice rather than a state-sponsored activity as used to be since the establishment of the first state in Medina by Prophet Mohammad (PBUH). As a result, the Islamic principles of the economic and financial system lost their practical norm in Muslim majority countries. Over time, the theoretical principles of the Islamic economy blurred and became rather fuzzy not only for the average Muslim, but also for some Muslim scholars and academics. This is a natural result for abandoning the implementation of the economic as well as the political system for almost a hundred years.
Die wenigen Studien, die sich in den letzten Jahrzehnten mit dem Wirtschaftssystem im Islam befasst haben, haben maßgeblich dazu beigetragen, ein Bild dieses Systems zu rekonstruieren, das seit über einem Jahrhundert verschleiert war. Eine Studie erschien bereits 1953 unter dem Titel *The Economic System in Islam*88 von Taqiuddin al-Nabhani. Ein weiteres Buch (*The Perfect Political Economy*) erschien Anfang der 1960er Jahre und behandelte die politische Ökonomie im Islam.89 Anfang der 1970er Jahre erschien ein anderes Buch unter dem Titel *Iqtisaduna*, was „Unsere Wirtschaft“ bedeutet. Ein viertes Buch (*Al-Amwal in the State of Khilafah*) erschien in den 1980er Jahren.153 Diese Bücher legten ein solides Fundament für das islamische Wirtschaftssystem, auch wenn sie angesichts der politischen Verhältnisse in der muslimischen Welt zu jener Zeit sehr theoretisch wirkten. Das Interesse am Thema islamische Wirtschaft begann in den 1980er Jahren zuzunehmen, besonders nach der islamischen Revolution im Iran. Die Gründung der Islamischen Republik Iran vermittelte in der Region erstmals das Gefühl, dass das Wirtschaftssystem des Islam einen praktischen Wert besitzt, der bisher unterschätzt worden war. Seitdem sind zahlreiche Studien mit Titeln wie „Islamische Wirtschaft“, „Wirtschaftliches Denken im Islam“, „Wirtschaftsstile im Islam“, „Islamische Wirtschaftsmethoden“, „Islamische Finanzen“, „Finanzen des islamischen Staates“ und ähnliche in der islamischen Literatur erschienen.
The few studies that addressed the economic system in Islam in the last few decades contributed in a significant manner to reconstruct an image of a system which has been clouded for over a century. One study appeared as early as 1953 under the title The Economic System in Islam88 by Taqiuddin al-Nabhani. Another book (The Perfect Political Economy) appeared in the early 1960s and addressed the political economy in Islam.89 In the early 1970s another book appeared under the title Iqtisaduna which stands for “Our Economy.” A fourth book (Al-Amwal in the State of Khilafah) appeared in the 1980.153 These books laid down a solid foundation for the Islamic economic system, although they seemed very theoretical given the political conditions in the Muslim world at the time these studies appeared. Interest in the subject of Islamic economy began to increase in the 1980s, especially after the Islamic revolution in Iran. The creation of the Islamic Republic of Iran created a sense in the region for the first time that the economic system of Islam has more practical merit than previously thought. Since then, tens of studies bearing titles such as “Islamic Economy,” “Economic Thinking in Islam,” “Economic Styles in Islam,” “Islamic Economic Methods,” “Islamic Finances,” “Finances of the Islamic State,” and the like showed up in the Islamic literature.