11 Schlussfolgerung
11 Conclusion
Aus den vorangegangenen Kapiteln haben wir gesehen, dass das Madhhab infolge der Einflüsse folgender Faktoren vier grundlegende Stadien durchlaufen hat: die Verfassung des muslimischen Staates (Einheit, Uneinigkeit), der Status der religiösen Führung (einheitlich und rechtgläubig oder zersplittert und nicht rechtgläubig) sowie die Kommunikation unter den Gelehrten. Solange der Staat ein einziges Gebilde war, war die Führung einheitlich und rechtgläubig, und die muslimischen Gelehrten standen einander nahe, was die Kommunikation erleichterte. Damals gab es nur ein einziges Madhhab, sei es das des Propheten ﷺ oder das eines jeden der rechtgeleiteten Kalifen.
From the preceding chapters we have seen that the Madhhab has gone through four basic stages as a result of the effects of the following factors: conditions of the Muslim state (unity, disunity), status of religious leadership (unified and orthodox, or fragmented and unorthodox) and communication among scholars. When the state was a single body, the leadership was unified and orthodox, and Muslim scholars were close to each other thereby facilitating communication. At that time there was only one Madh-hab, whether that of the Prophet (s.w.) or tha tof each of the Righteous Caliphs.
Es folgte ein Zerfall der politischen und religiösen Führung innerhalb des verhältnismäßig geeinten Staates (unter der Herrschaft der Umayyaden und ʿAbbāsiden) sowie die Zerstreuung der führenden Gelehrten über das gesamte Reich. Infolgedessen entstanden zahlreiche Madhhabs, da die Gelehrten in verschiedenen Teilen des Staates gezwungen waren, Urteile zu fällen, ohne jene enge Beratung nutzen zu können, die bestanden hatte, als die Kommunikation kein Problem darstellte. Bezeichnend ist, dass diese Gelehrten die Flexibilität früherer Zeiten bewahren konnten, indem sie ihre individuellen Urteile bereitwillig zugunsten der Urteile anderer aufgaben, die sich auf authentischere oder umfassendere Ḥadīthe stützten. Später, im letzten Abschnitt der ʿAbbāsiden-Dynastie, gerieten die Gelehrten in die politische Rivalität, die aus der Aufspaltung der staatlichen Führung hervorging.
There followed a breakdown of political and religious leadership within the relatively unified state (under Umayyad and ‘Abbaasid rule), and the dispersion of the leading scholars throughout the empire. Consequently, a large number of Madh-habs arose as scholars in various parts of the state were obliged to make rulings without benefit of that close consultation which had existed when communication was not a problem. Characteristically, these scholars managed to retain the flexibility of former times, readily discarding their individual rulings in favor of the rulings of others which were based on more authentic or comprehensive Hadeeths. Subsequently, in the latter part of the ‘Abbaasid dynasty, scholars were caught up in the political rivalry resulting from the splintering of state leadership.
Die Lage wurde weiter dadurch verschärft, dass man öffentlich Streitgespräche am Hof förderte, die einzelnen Gewinnern und ihren Madhhabs besondere königliche Gunst einbrachten. Von dort war es nur ein Schritt zu einem fanatischen Sektierertum, für das viele Anhänger der vier verbliebenen Madhhabs bekannt wurden.
The situation was futher aggravated by the official promotion of court debates which brought special rayal favors to individual winners and their Madh-habs. Thereafter, it was but a step to fanatical sectarianism for which many of the followers of the four surviving Madh-habs became noted.
Dynamisches Fiqh
Dynamic Fiqh
Die heutige Lage ist eine Mischung aus den vorangegangenen Phasen.
The Situation today is a mixture of the preceding stages.
Die Massenkommunikation hat muslimische Gelehrte wieder in engen Kontakt gebracht, doch die religiöse Führung auf staatlicher Ebene ist schon vor langer Zeit verschwunden, als die muslimische Welt in nationalistische Einheiten zerfiel, von denen jede ihr eigenes politisch-wirtschaftliches Regierungssystem besaß.
Mass communication has brought Muslim scholars into close contact once again, but religious leadership at the state level disappeared long ago when the Muslim world became divided into nationalist evtities each with its own politico-economic governmental system.
Die heutige, stark gewachsene muslimische Bevölkerung (die man auf etwa 800 Millionen bis eine Milliarde schätzt) wird durch ihren Glauben an Allah und Seinen Propheten ﷺ sowie durch ihre Hingabe an den Qur'an und die Sunnah zusammengehalten. Religiöse Führung, soweit sie überhaupt besteht, wird in der Regel durch eine der vier Madhhabs ausgeübt, die zwar weniger fanatisch sind als früher, aber leider weiterhin sektiererisch und daher spaltend wirken. Allerdings gibt es, besonders seit der Mitte dieses Jahrhunderts, ermutigende Anzeichen dafür, dass der dem Islam gottgegebene Drang zur Einheit Muslime in aller Welt zu einer Wiederbelebung ihrer Religion als dem entscheidenden Faktor in ihrem Leben auf persönlicher, gemeinschaftlicher und nationaler Ebene antreibt. Angesichts der Vielfalt der Kulturen innerhalb der muslimischen Bevölkerung und der zunehmenden Vielfalt der Fragen und Probleme, die sich aus dem Alltag in dieser sich rasch verändernden Welt ergeben, sind viele muslimische Gelehrte seit langem der Ansicht, dass das Ziel, den Islam als oberste Richtschnur im täglichen Leben der Muslime überall auf der Welt wiederherzustellen, nur durch eine Wiederbelebung eines dynamischen Fiqh erreichbar ist, wie er in dem Abschnitt praktiziert wurde, den wir zuvor als die „Phase der Blüte“ beschrieben haben. Dies setzt eine Wiedervereinigung der Madhhabs voraus, bei der alle Spuren von Fanatismus und Sektierertum beseitigt werden, sowie die Wiederbelebung des Ijtihad, damit der Fiqh wieder ein dynamischer, auf objektive Weise abgeleiteter Rechtskörper wird, sodass einzelne muslimische Gelehrte und Rechtsgelehrte die Scharia in allen Teilen der muslimischen Welt wirksam und einheitlich anwenden können, ungeachtet der sozialpolitischen und wirtschaftlichen Bedingungen.
The vastly increased Muslim population of today (variously estimated between 800 million and a billion) has been held together by their belief in Allaah and His Prophet (s.w.) and by their commitment to the Qur’aan and the Sunnah. Religious leadership such as there is tends to be exercised in separate stated through one of the four Madh-habs, which though less fanatic than formerly, unfortuantely continue to be sectarian and hence divisive However, there have ben encouraging signs, especially since the middle of this century, that the drive towards unity divinely built into Islaam is propelling Muslims the world over towards a revival of their religion as the decisive factor in their lives at the personal, communal and national levels. Given the multiplicity of cultures represented in the Muslim population and the uncreasing diversity of issues and problems arising from daily living in this rapidly changing world, many Muslims scholars have long felt that the goal of reestablishing Islaam at the supreme guide in the daily lives of Muslims, anywhere in the world, is-chievable only by a revival of a dynamic Fiqh such as was practised in what we previously described as the “Stage of flowering”. This implies a reunification of the Madh-habs with all traces of fanaticism and sectarianism removed, and the revival of Ijtihaad to make Fiqh once more a dynamic, objectively deduced body of laws so that individual Muslim scholars and jurists may effectively and uniformly apply the Sharee’ah in all parts of the Muslim world, no matter what the socio-politicaleconomic conditions.
Vorgeschlagene Schritte
Proposed Steps
Schließlich wird eine einheitliche Madhhab und ein dynamisches Gefüge des Fiqh, wie es oben vorgestellt wurde, als notwendig empfunden, um lebendige islamische Gemeinschaften hervorzubringen und diese Gemeinschaften weltweit in solchen Formen gemeinsamer Bemühungen zu vereinen, die das gemeinsame Interesse der Menschheit schützen und den Islam im globalen Maßstab zur Geltung bringen.
Finally, a unified Madh-hab and a dynamic body of Fiqh envisioned above are felt to be needed in order to evolve vibrant Islamic communities and unite such communites throughout the world in the types of co-operative endeavors that would protect the common interest of mankind and project Islaam on a global scale.
Unter der Voraussetzung, dass die beiden Ziele, die Madhhabs zu vereinen und eine dynamische Fiqh wiederherzustellen, wünschenswert und berechtigt sind, stellt sich die Frage, welche Schritte zu ihrer Verwirklichung unternommen werden könnten. An erster Stelle müssten gemeinsame Anstrengungen unternommen werden, um die Unterschiede zwischen den bestehenden Madhhabs und ihren Vorgängern auf eine wirklich objektive Weise zu klären, und zwar unter Anwendung der Methodik der frühen Gelehrten, so wie sie in ihren in den vorangegangenen Kapiteln zitierten Aussagen und Praktiken festgelegt ist.
Assuming the desirability and validity of the twin goals of unifying the Madh-habs and re-establishing a dynamic Fiqh, what are the steps that might be taken towards achieving these goals? In the first place, concerted efforts will have to be made to resolve in a truly objective way the differences between the existing Madh-habs and their predecessors, using the methodology of the early scholars as defined by their statements and practices quoted in the previous chapters.
Die Umsetzung geeigneter Maßnahmen erfordert eine aufgeklärte Führung, die aus den Reihen fortschrittlicher und einflussreicher Gelehrter von hohem Rang hervorgeht. Das heißt, eine Person oder mehrere Personen, die von dem Eifer beseelt sind, Veränderungen im Sinne der vorgeschlagenen Richtung herbeizuführen, werden die Initiative ergreifen müssen, um sich mit anderen interessierten Parteien in Verbindung zu setzen, mit dem Ziel, die verfahrenstechnischen Einzelheiten zu planen und zu organisieren.
The mechanics of initiating appropriate action calls for enlightened leadership springing from the ranks of progressive and influential scholars of high calibre, that is, some person or persons imbued with the zeal to effect changes along the lines proposed will have to take the initiative to communicate with other interested parties with a view to planning nad organizing the procedural details.
Ausgehend von modernen systemorientierten Ansätzen zur Problemlösung umfassen diese Schritte: die objektive Bestimmung der tatsächlichen Hindernisse für eine Lösung; die Auswahl der geeignetsten Lösung; die Ermittlung möglicher Methoden der Umsetzung; die Auswahl der geeignetsten Methode und schließlich die Umsetzung der Lösung in die Praxis. Bei jedem Schritt dieser Art der Planung müssen die gewählten Schritte im Hinblick auf die Probleme und die Ziele fortlaufend überprüft werden.
Widersprüchliche und variierende Unterschiede
Contradictory And Variational Differences
Die Unterschiede in den Rechtsentscheidungen der Madhhabs lassen sich in zwei Hauptkategorien einteilen: Erstens die widersprüchlichen Unterschiede (Ikhtilaaf Tadaadd), also völlig gegensätzliche Entscheidungen, die logisch nicht zugleich richtig sein können, etwa wenn ein Madhhab etwas als Halaal und ein anderer es als Haraam bestimmt. Zweitens die Unterschiede in der Vielfalt (Ikhtilaaf Tanawwu'), also einander scheinbar widersprechende Entscheidungen, die logisch zulässige Variationen darstellen und nebeneinander bestehen können, etwa die verschiedenen Sitzhaltungen, die der Prophet ﷺ im Salaah einnahm, von denen einige von den verschiedenen Madhhabs gegenüber anderen bevorzugt wurden. In vielen Fällen von Unterschieden, die aus den Bedeutungen (wörtlich und übertragen) von Begriffen und grammatikalischen Konstruktionen entstehen, gibt es authentische Ahadith, die die beabsichtigte Bedeutung festlegen, und diese festgelegten Bedeutungen sollten allen anderen Auslegungen vorgezogen werden. Ebenso sollten Rechtsentscheidungen, die unter Bedingungen getroffen wurden, welche authentische Überlieferungen ausschlossen, als ungültig betrachtet und durch die Entscheidungen anderer Rechtsgelehrter ersetzt werden, die auf der Grundlage authentischer Ahadith getroffen wurden. Was Entscheidungen betrifft, die auf umstrittenen Prinzipien oder uneingeschränkter Qiyaas beruhen, so sollten diese objektiv im Licht der grundlegenden Prinzipien des Qur'an, der Sunnah und des Ijmaa' der Sahaabah geprüft werden; Entscheidungen, die mit diesen Grundlagen übereinstimmen, sollten dann angenommen, und solche, die ihnen widersprechen, zurückgewiesen werden. Außerhalb des Rahmens der vorgenannten Lösungsvorschläge verbleibt eine Anzahl von Fragen, zu denen es mehr als eine Entscheidung gibt, die gleichermaßen durch den Qur'an, den Hadith, den Ijmaa' der Sahaabah oder Qiyaas gestützt wird. Die verschiedenen Entscheidungen in solchen Fällen sollten als gangbare Optionen behandelt werden, die je nach Umständen anzuwenden sind; sie gehören zu den logisch zulässigen Variationen, die als zweite Kategorie der Unterschiede in den Entscheidungen der Madhhabs genannt wurden.
Differenes among Madh-hab’s rulings fall into two main cetegories; firstly, conradictory differences (Ikhtilaaf Tadaadd), totally opposite rulings which can not logically be simultaneously correct, for example rulings in which one Madh-hab defines something as Halaal and another difines it as Haraam, and secondly, variational differences (Ikhtilaaf Tanawwu’), conflicting rulings which are logically acceptable variations which can co-exist, for example, various sitting positions used by the Prophet (s.w.) in Salaah some of which have been preferred over others by the different Madh-habs. In many cases of differences arising from meanings (literal and figurative) of words and grammatical constructions, there are authentic Hadeeths which specify the meanings intended and these specified meanings should be given preference over all other interpretations. Similarly, legal rulings which were made according to conditions which eliminated authentic narrations, should be regarded as invalid and should be replaced by the rulings of other jurists which were made on the basis of authentic Hadeeths. As for rulings based on controversial principles or unrestricted Qiyaas, these should be objectively examined in the lighte of the fundamental principles of the Qur’aan, the Sunnah and the Ijmaa’ of the Sahaabah; rulings agreeing with these fundamentals should then be accepted and those contradicting them should then be rejected. Outside the scope of the foregoing suggested solutions, there remain a number of issues on which there is more than one ruling equally supported by the Qur’aan, the Hadeeth, the Ijmaa’ of the Shaabah or Qiyaas. The different rulings in such cases should be treated as viable options to be applied according to circumstances and these are a part of the logically acceptable variations mentioned as the second category of differences in Madh-hab rulings.