8. Die Imame und die Taqlid
8. The Imaams And Taqleed
In den vorangegangenen Kapiteln haben wir die historische Entwicklung der Fiqh und der Madhhabs nachgezeichnet und ihre wechselseitige Verbindung sowie ihren Beitrag zu einem allgemeinen wie auch besonderen Verständnis des Islam, wie er im Qur'an und in der Sunnah offenbart ist, aufgezeigt. Dabei ist zu beachten, dass sowohl die Fiqh (islamisches Recht) als auch die Madhhabs (Rechtsschulen des islamischen Denkens) notwendige Ergänzungen zu den göttlichen Offenbarungen waren und sind, die die grundlegenden Prinzipien festlegen, welche die Rechte und Pflichten des Menschen in seinen Beziehungen zu Allah und zu seinen Mitmenschen regeln. Durch die konkrete Anwendung der Auslegungen des Qur'an und der Sunnah kann der göttliche Wille Allahs im Laufe der Zeit und über den Raum hinweg dem Menschen offenbar werden. Mit den ihm von Gott verliehenen geistigen Fähigkeiten kann der Mensch (insbesondere die islamischen Gelehrten) sinngemäße Auslegungen des Allgemeinen bieten, um dem Besonderen gerecht zu werden. Daher rührt die Bedeutung der Madhhab (des Kreises islamischer Gelehrter) und der Fiqh (des Korpus islamischer Gesetze samt der Prinzipien zur Ableitung dieser Gesetze). Hierin liegt die wahre Bedeutung von Fiqh und Madhhab im Islam.
In the preceding chapters we have traced the historical development of Fiqh and the Madh-habs, showing their interrelationship and their contribution to a general, as well as specific, understanding of Islaam as revealed in the Qur’aan and the Sunnah. It should be noted that both Fiqh (Islamic law) and the Madh-habs (schools of Islamic thought) were and are necessary additions complementing the divine revelations which define the basic principles giverning man’s rights and responsibilities in his relationships with Allaah and his fellow man. It is through specific applications of the interpretations of the Qur’aan and the Sunnah that Allaah’s divine will can be made manifest to man over time and through space. With God-given intellectual powers man (specifically Islamic scholars) can provide relevant interpretations of the general to meet the particular: thence relevance of the Madh-hab (the circle of Islamic scholars) and Fiqh (the body of Islamic laws together with principles for deducing these laws). Herein lies the true importance of Fiqh and the Madh-hab in Islaam.
Da der Islam eine von Gott bestimmte Religion für alle Menschen zu allen Zeiten und in allen Regionen ist, wurde es Gelehrten in verschiedenen Gegenden und zu verschiedenen Zeiten übertragen, Prinzipien des Fiqh sowie einzelne Rechtsbestimmungen des Fiqh zu entwickeln, um verschiedene neu aufkommende Fragen zu lösen. Die Richtigkeit ihrer Auslegungen hing von ihren angeborenen Fähigkeiten sowie von Art und Umfang der Belege ab, die ihnen zum Zeitpunkt ihrer Entscheidungen zur Verfügung standen. Einige sahen sich zusätzlich mit kulturellen Unterschieden konfrontiert, und vielen fehlte die Unterstützung, die aus gegenseitiger Beratung hätte gewonnen werden können, da sie von ihren Kollegen entfernt lebten und die Verständigung entsprechend schwierig war. Daher rührten die Meinungsunterschiede, die von Region zu Region entstanden. Trotz verschiedener Hindernisse erfüllten die frühen Gelehrten ihre Pflichten gegenüber dem Islam und gegenüber ihren Mitmenschen, indem sie die ihnen von Gott verliehenen Gaben des Verstandes nutzten, um die Absichten Allahs für die Menschen auszulegen. Da sie in verschiedenen Teilen des muslimischen Staates wirkten, wurden sie zu Begründern verschiedener Schulen islamischen Denkens, weshalb es in einer Phase der Entwicklung des islamischen Rechts und des muslimischen Staates zur Vervielfältigung der Madh-habs kam. Geschichtlich gesehen war das Entstehen mehrerer Madh-habs daher unvermeidlich. Da die Zahl der Madh-habs zunahm und Kommunikation sowie andere Faktoren ihren Einfluss ausübten, waren auch Unterschiede und Widersprüche eine natürliche Folge. Solange die Gelehrten jedoch das Ziel der Wahrheit stets vor Augen behielten und sich nicht durch Sektierertum, Fanatismus oder den Wunsch nach persönlichem Ruhm und Lohn in die Irre leiten ließen, blieb der wesentliche Geist des Islam in ihren Madh-habs bewahrt. Unter diesen Umständen zögerten die Gelehrten keineswegs, ihre individuellen Meinungen zugunsten von Entscheidungen anderer aufzugeben, die deutlich als näher an der beabsichtigten Bedeutung lagen, die aus dem Qur'an und der Sunnah abzuleiten ist. Mit anderen Worten: Es gab eine fortwährende Suche nach der Wahrheit, bis die zuvor genannten negativen Faktoren (Sektierertum und das Verlangen nach persönlichem Ruhm) im Leben einiger Gelehrter die Oberhand gewannen. Dann führten in der Tat die blinde Nachfolge der Madhhab (Taqlid) zusammen mit dem Verbot des Idschtihad zur weitverbreiteten Förderung des Sektierertums unter den Massen und zum allgemeinen Rückgang der Suche nach der Wahrheit unter vielen Gelehrten.
Now since Islaam is a religion divinely ordained for all men at all times and in all climes, it was given to scholars in different regions and times to evolve principles of Fiqh as well as specific laws of Fiqh in order to resolve various new issues as they arose. The correctness of their interpretations was proportional to their innate capabilities and to the type and quantity of evidence available to them at the time of making rulings. Some were faced with the additional factor of cultural differences, and many were deprived of the assistance to be gained from mural consultation, owing to their distance from their colleagues and the consequent difficulties of communication. Hence the differences of opinion that arose from region to region. Despite various handicaps, the early scholars discharged their duties to Islaam and to their fellowmen by using their God-given powers of intellect to interpret Allaah’s purposes for men. Situated in different parts of the Muslim state, they became the founders of different schools of Islamic thought, hence the multiplication of Madh-habs at one stage in the evolution of the Islamic law and the Muslim state. Historically, therefore, the appearance of more than one Madh-hab was inevitable. Furthermore, as the numbers of Madh-habs increased and communication and other factors exercised their influence, difference and contradictions, too, were a natural outcome. However, so long as scholars managed to keep the goal to truth foremost in mind and were not led astray by sectarianism, fanaticism, or a desire for personal glory and reward, the essential spirit of Islaam was preserved in their Madh-habs. In such circumstances, scholars were in no way reluctant to abandon their individual opinions in favor of rulings by others which were clearly shown to be nearer the intended meaning deducible from the Qur’aan and the Sunnah. In others words, there was a continuing search for truth up until such time as the negative factors previously mentioned (sectarianism and desire for personal glory) became dominant in the lives of some of the scholars. Then, indeed, blind following of Madh-hab (Taqleed) coupled with the ban on Ijtihaad led to the widespread promotion of sectarianism among the masses and the general decline in the search for truth among many scholars.
Danach nahmen die vier verbliebenen Madhhabs mit ihren unterschiedlichen und teils widersprüchlichen Rechtsentscheidungen den Charakter der Unfehlbarkeit an, und es entstanden erfundene Ḥadīthe, um dieses dem Islam fremde Merkmal zu untermauern. Als Gegenbewegung zu diesem Niedergang haben verschiedene Reformbewegungen im Laufe der Zeit zur Vereinigung der Madhhabs aufgerufen oder – in einigen Fällen – die Notwendigkeit irgendeines Madhhabs überhaupt verworfen. Die erstgenannte Position ist, wie wir gezeigt haben, eine legitime; die letztgenannte ist eine extremistische und möglicherweise häretische, da sie übersieht, dass eine geeinte Schule islamischen Denkens eine notwendige Ergänzung zum Qur’ān und zur Sunnah darstellt, um die göttlichen Gesetze Allāhs besser zu verstehen und zu würdigen.
Thereafter, the four survining Madh-habs, with their different and sometimes contradictory rulings, assumed the character of infallibility, and spurious Hadeeths arose to bolster this anti-Islamic trait. As a counter to this decline, various reform movements through the ages have called for a unification of the Madh-habs or, in some cases, rejection of the need for any Madh-hab. The former position is a legitimate one, as we have shown; the latter is an extremist one, possibly heretical since it overlooks the importance of a unified school of Islamic thought as a necessary complement to the Qur’aan and the Sunnah, for a better understanding and appreciation of Allaah’s divine laws.
Aus der historischen Entwicklung der Fiqh-Wissenschaft und der Entstehung der Madhhabs, wie sie in den vorangegangenen Kapiteln beschrieben wurde, haben wir gesehen, dass es eine Zeit gab, in der die natürlichen Unterschiede zwischen den verschiedenen Madhhabs derart übersteigert wurden, dass sie in Sektiererei ausarteten. So sehr, dass die Gelehrten jener Zeit den Idschtihad verwarfen und der breiten Masse der Muslime die blinde Nachahmung (Taqlid) eines der vier großen Madhhabs auferlegten. Dabei waren die Imame, denen die vier Rechtsschulen zugeschrieben werden, selbst entschieden gegen die Erhebung dieser Unterschiede zum Maßstab und bekämpften den Taqlid vehement, sowohl bei ihren eigenen Anhängern als auch bei den Menschen im Allgemeinen. Dennoch empfinden bis heute viele Menschen es als Respektlosigkeit, nahezu als Gotteslästerung, wenn ein authentischer Hadith verworfen werden soll, weil seine Annahme bedeuten würde, dass der Imam ihres Madhhabs in seinem Urteil geirrt habe. Sie bedenken dabei kaum, dass ihre Bevorzugung der Meinung ihres Imams gegenüber der Aussage des Propheten ﷺ selbst im völligen Widerspruch zu der Haltung steht, die ihr eigener Imam einnahm, und dass sie sich damit tatsächlich einer Form des Schirk198 nähern, der als „Schirk fi-t-Tawhid al-Ittiba'“ bekannt ist, nämlich dem Teilen jener unbedingten Gefolgschaft, die allein dem Propheten ﷺ gebührt. Denn im Bekenntnis zum Islam (Es gibt keinen Gott außer Allah, und Muhammad ist der Gesandte Allahs) wird der Prophet ﷺ als die einzige Person anerkannt, der man bedingungslos folgen soll, da das Folgen ihm gleichbedeutend ist mit dem Folgen Allahs.
From the historical development of Fiqh and the evolution of the Madh-habs described in the preceding chapters, we have seen that there was a period during which natural differences among the various Madh-habs became extremely exaggerated to the point of sectarianism, so much so that scholars of that time discarded Ijtihaad and imposed upon the generality of Muslims the blind following (Taqleed) of one of the four major Madh-habs. However, the Imaams to whom the four schools are attributed were themselves totally against the enthronement of these differences and fought vehemently against Taqleed either among their own followers or among the masses in general. Yet, till today, many people feel that if an authentic Hadeeth should be discarded because, accepting it would mean declaring that the Imaam of one’s Madh-hab was mistaken in his ruling which, in their opinion is an act of disrespect akin to blasphemy. Little do they realize that their preference of their Imaam’s opinion over the Prophet’s (s.w.) statement is itself in total opposition to the stand taken by their own Imaam, and is in fact bordering on a form of Shirk198 known as “Shirk fee Tawheed alIttibaa‘”, that is sharing the unquestioned following which belongs only to the Prophet (s.w.). For in the declaration of one’s Islaam (there is no god but Allaah and Muhammad is the messenger of Allaah), the Prophet (s.w.) is accepted as being the only person who should be followed unquestioningly, since following him is equivalent to following Allaah.
Da die meisten Muslime heute den Widerspruch zwischen der Haltung der frühen Imame und der Gestalt, in der ihr Madhhab heute besteht, nicht kennen, ist es angebracht, die Haltung der frühen Imame und ihrer Schüler zur Taqlid genauer zu betrachten, so wie sie sich in ihren tatsächlichen Aussagen zeigt.
As most Muslims today are unaware of the contradiction between the position of the early Imaams hand that of their Madhhab is it exists today, it is appropriate there to take a closer look at the stand taken by the early Imaams and their students towards Taqleed as revealed in their actual statements.