Problemlösungsverfahren der rechtgeleiteten Kalifen
Problem-solving Procedures Of The Righteous Caliphs
Vor einem neuen Problem ging der Kalif dieser Zeit im Allgemeinen folgendermaßen vor, um es zu lösen:
Faced with a new problem, the caliph of this period would generally take the following steps in order to solve it:.
(1) Zunächst suchte er nach einer konkreten Regelung für das Problem im Qur'an.
(1) He would first search for a specific ruling on the problem in the Qur’aan.
(2) Wenn er die Antwort dort nicht fand, suchte er anschließend nach einer Entscheidung dazu in der Sunnah, den Aussprüchen und Handlungen des Propheten ﷺ.
(2) If he did not find the answer there, he would then search for a ruling on it in the Sunnah, the sayings and actions of Prophet (s.w.).
(3) Wenn er die Antwort immer noch nicht fand, berief er dann eine Versammlung der bedeutenden Sahaabah ein und versuchte, eine einmütige Übereinstimmung über eine Lösung des Problems zu erreichen. (Diese Einmütigkeit wurde als Ijma’ bezeichnet.)
(3) If he still did not find the answer, he would then call a meeting of the major Sahaabah and try to get unanimous agreement on a solution to the problem. (This unanimity was referred to as Ijma’.) .
(4) Konnte keine Einstimmigkeit erzielt werden, so übernahm er dann die Position der Mehrheit.
(4) If unanimity could not be arrived at, he would then take the position of the majority.
(5) Wenn jedoch die Meinungsverschiedenheiten so groß waren, dass keine überwältigende Mehrheitsmeinung festgestellt werden konnte, würde der Kalif seine eigene Ijtihaad vornehmen, die dann zum Gesetz würde. Ferner ist zu beachten, dass der Kalif das Recht hatte, den Konsens außer Kraft zu setzen. 95
(5) If however, differences were so great that on over-whelming majority opinion could be determined, the caliph would make his own Ijtihaad, which would then become law. It should also be noted that the caliph had the right to over-rule the consensus. 95
Die Herangehensweise einzelner Sahaabah an Ijtihaad
The Approach Of Individual Sahaabah To Ijtihaad
Neben den förmlichen Versammlungen der bedeutenden Sahaabah, die von den Kalifen zur Entscheidungsfindung einberufen wurden, ergaben sich viele alltägliche Situationen, in denen einzelne Sahaabah um Rechtsentscheidungen gebeten wurden. In solchen Fällen verfuhren sie in der Regel nach drei allgemeinen Vorgehensweisen.
In addition to formal meetings of the major Sahaabah which were called by the caliphs for decision-making, there arose many day-to-day situations where individual Sahaabah were asked to make rulings. In such cases they tended to follow three general courses of action.
Erstens machten die Sahaabah, die in Entscheidungspositionen waren, deutlich, dass ihre Schlussfolgerungen nicht unbedingt so waren, wie Allaah sie beabsichtigt hatte. Als Ibn Mas’ood etwa nach dem Erbrecht einer Frau gefragt wurde, die ohne festgelegtes Mahr (Brautgabe) geheiratet worden war, sagte er: „Ich sage meine Meinung dazu. Wenn sie richtig ist, dann kommt sie von Allaah, ist sie aber falsch, dann kommt sie von mir und vom Satan.“ 96 Zweitens: Wenn sie in ihrer individuellen Eigenschaft unterschiedliche Urteile zu einem Problem fällten und später über eine authentische (Hadeeth-)Aussage oder Handlung des Propheten ﷺ zu diesem Thema informiert wurden, nahmen sie diese sofort an und ließen alle Meinungsverschiedenheiten fallen. Zum Beispiel vertraten die Sahaabah nach dem Tod des Propheten ﷺ unterschiedliche Ansichten darüber, wo er begraben werden sollte. Als Abu Bakr ihnen berichtete, dass er den Propheten ﷺ hatte sagen hören, Propheten würden an dem Ort begraben, an dem sie sterben, ließen sie ihre Differenzen fallen und gruben sein Grab unter dem Haus seiner Frau ‘Aa’eshah.
In the first place, Sahaabah who were in decision-making positions made it clear that their deductions were not necessarily as Allaah intended. For example, when Ibn Mas’ood was questioned about the inheritance rights of a woman who had been married without a defined Mahr (dowry), he said, “I am giving my opinion about her. If it is correct, then it is from Allaah, but if it is incorrect, then it is from me and Satan.” 96 Secondly, if they made different rulings on a problem in their individual capacities and were later informed of an authentic (Hadeeth) saying or action of the Prophet (s.w.) on the subject, they would immediately accept it dropping all differences. For example, after the Prophet’s (s.w.) death, the Sahaabah held different opinions as to where he should be buried. When Abu Bakr related to them that he had heard the Prophet (s.w.) say that prophets are buried in the spot where they die, they dropped their differences and dug his grave beneath his wife ‘Aa’eshah’s house.
Schließlich, wenn weder ein authentischer Beweis noch Einmütigkeit erreicht werden konnte, achteten die Gefährten des Propheten ﷺ die Meinungen einander und zwangen die anderen Sahaabah nicht, einer einzelnen Meinung zu folgen. Die einzige Ausnahme von dieser Regel bestand, wenn sie Menschen dabei antrafen, Praktiken zu befolgen, die zwar früher erlaubt gewesen, später aber verboten worden waren. Zum Beispiel wurde die Mut'ah, eine vorislamische Form der Zeitehe, die in den frühen Phasen des Islam erlaubt gewesen war, bis zum Tod des Propheten ﷺ untersagt.
Die Abwesenheit von Parteiungen
The Absence Of Factionalism
Obwohl die Sahaba über verschiedene Rechtsfragen debattierten und unterschiedlicher Meinung waren, erreichten ihre Meinungsverschiedenheiten selten das Maß an Uneinigkeit und Parteiungen, das spätere Epochen kennzeichnete. Dies war hauptsächlich auf die folgenden Faktoren zurückzuführen, die ihre Einheit bewahrten:
Although the Sahaabah debated and differed on various points of law, their differences rarely reached the level of disunity and factionalism, which characterized later periods. This was mainly due to the following factors, which tended to preserve their unity:.
(1) Das Vertrauen der Kalifen auf gegenseitige Beratung (Schura), um zu einem Urteil zu gelangen.
(1) The Caliphs’ reliance on mutual consultation (Shooraa) to arrive at a ruling.
(2) Die Leichtigkeit, mit der ein Konsens erzielt werden konnte. Es war einfach, beratende Versammlungen abzuhalten, da die frühen Kalifen den Sahaabah nicht erlaubten, sich weit von der Hauptstadt des Islamischen Staates, Madeenah, zu entfernen.
(2) The ease with which a consensus could be arrived at. It was easy to hold consultative meetings since the early caliphs did not allow the Sahaabah to move far from the capital of the Islamic State, Madeenah.
(3) Die allgemeine Zurückhaltung einzelner Sahaba, Rechtsgutachten (Fatwas) zu erteilen. Stattdessen neigten sie dazu, schwierige Fragen an andere Sahaba weiterzuleiten, die zur Beantwortung besser qualifiziert waren.
(3) The general reluctance of individual Sahaabah to make legal rulings (Fatwaas). Instead, they tended to re-direct puzzling questions to other Sahaabah who were better qualified to answer them.
(4) Die seltene Anführung von Hadith, die sie auf konkrete und tatsächlich auftretende Probleme zu beschränken pflegten. Dies geschah aufgrund von: (a) ihrer Furcht, den Propheten ﷺ falsch zu zitieren, der gesagt hatte: „Wer in meinem Namen eine Lüge erzählt, wird seinen Platz im Feuer finden.“98.
(4) The infrequent quotation of Hadeeth, which they tended to confine to specific and actual problems. This was due to: (a) Their fear of misquoting the Prophet (s.w.) who had said, “Whoever tells a lie in my name will find in my name find his seat in the fire.”98.
(b) Die Tatsache, dass der Kalif ʿUmar ibn al-Khattab das übermäßige Überliefern von Hadithen untersagte und den Gefährten befahl, sich auf die Überlieferung und das Studium des Qurʾan zu konzentrieren.
(b) The fact that Caliph ‘Umar ibn al-Khattab forbade excessive quotation of Hadeeth and ordered the Sahaabah to concentrate on the narration and study of the Qur’aan.
Merkmale der Fiqh-Wissenschaft in dieser Epoche
Characteristics Of Fiqh During This Period
Wenn wir die historische Entwicklung der Fiqh verfolgen, zeigt sie in den verschiedenen Epochen politischer und sozioökonomischer Entwicklung unterschiedliche charakteristische Tendenzen. Zunächst lässt sich feststellen, dass das herausragende Merkmal der Fiqh in der Zeit der rechtgeleiteten Kalifen ihr Realismus war; das heißt, sie beruhte auf tatsächlichen Problemen und nicht auf hypothetischen oder eingebildeten. Diese realistische Form der Fiqh wurde später im Arabischen als al-Fiqh al-Waqi'ee (realistische Fiqh) bezeichnet, um sie von der hypothetischen Fiqh zu unterscheiden, die von den „Vernunftleuten“ (Ahl ar-Ra'i) vertreten wurde, die während der Zeit der Umayyaden in Kufa, Irak, an Bedeutung gewannen.
As we trace the historical development of Fiqh showed different characteristic trends during different periods of political and socio-economic development. First, we can discern that the outstanding characteristic of Fiqh during the period of the Righteous Caliphs was its realism; that is, it was based on actual problems rather than on hypothetical or imaginary ones. This realistic form of Fiqh was later referred to in Arabic as al-Fiqh al-Waqi’ee (realistic Fiqh) to distinguish it from the hypothetical Fiqh advocated by the “Reasoning People” (Ahl ar-Ra’i) who came to prominence in Kufah, Iraq, during the time of the Umayyads.
Zweitens haben die rechtgeleiteten Kalifen zwar, wie wir oben bemerkt haben, dazu geneigt, bestimmte Verfahren zu befolgen, um zu Rechtsentscheidungen zu gelangen; weder sie noch die Gefährten insgesamt haben jedoch feste Verfahren vorgeschrieben, die in der gesamten islamischen Nation (der Ummah) zu befolgen wären; und sie haben auch nicht die aus ihren Rechtsentscheidungen hervorgehenden Gesetze schriftlich festgehalten. Diese Offenheit in Bereichen, die im Gesetz der Scharia nicht klar bestimmt sind, spiegelt zunächst die Achtung der Gefährten vor der Freiheit der Meinungsbildung in solchen Angelegenheiten wider. Eine solche Haltung steht in deutlichem Gegensatz zur Starrheit, die bei manchen späteren Gelehrten zutage trat. Zweitens entsprach dies der Politik der Gefährten, den breiten Massen das sorgfältige Studium des Qur'ān zu empfehlen, ohne sie durch Rechtsentscheidungen zu Angelegenheiten abzulenken, die darin nicht geregelt sind.
Secondly, although the Righteous Caliphs tended, as we have noted above, to follow certain procedures to achieve legal rulings, neither they nor the Sahaabah as a whole prescribed set procedures to be followed throughout the Islamic nation (the Ummah); nor did they make a record of the laws resulting from their legal rulings. This open mindedness in areas not clearly defined by Sharee’ah reflects, in the first place, the Sahaabah’s respect for freedom of opinion in such matters. Such an attitude contrasts strongly with the appearance of rigidity on the part of certain later scholars. In the second place, it was in keeping with the Sahaabah’s policy of recommending for the masses the careful study of the Qur’aan without the distraction of legal rulings on matters not defined therein.
Abschnittszusammenfassung
Section Summary
1. Die Grundlage der deduktiven fiqhlichen Prinzipien, des Idschmaa’ und des Qiyaas (Idschtihaad), wurde zur Zeit der rechtgeleiteten Kalifen gelegt.
1. The basis of the deductive Fiqh principles, Ijmaa’ and Qiyaas (Ijtihaad)(, was laid during the time of thje Righteous Caliphs.
2. Die plötzliche Hinzufügung riesiger neuer Gebiete brachte die Muslime in plötzlichen Kontakt mit vielen verschiedenen Kulturen, und dies warf eine Reihe neuer Probleme auf, die von den Gesetzen der Scharia nicht ausdrücklich behandelt wurden.
2. The sudden addition of vast new territories brought Muslims into sudden contact with many different cultures, and this produced a host of new problems which were not specifically covered by the laws of Sharee’ah.
3. Rechtliche Entscheidungen wurden zunehmend notwendig, und die Rechtgeleiteten Kalifen entwickelten nach und nach bestimmte Verfahren, um mit möglichst geringer Meinungsverschiedenheit zum Ijtihad zu gelangen.
3. Legal rulings became increasingly necessary, and the Righteous Caliphs gradually developed certain procedures for arriving at Ijtihaad with minimum of disagreement.
Die Sahaabah folgten im Allgemeinen auch Verfahren der Entscheidungsfindung, die ihnen halfen, starre und unumstößliche Urteile zu vermeiden.
4. The Sahaabah in general also followed decision-making procedures which helped them to avoid hard and fast rulings.
5. Die gemeinsame Zustimmung der rechtgeleiteten Kalifen und der Gefährten in Fragen der Rechtsurteile förderte die Einheit und bot kaum oder gar keinen Anlass zur Parteiung innerhalb der islamischen Gemeinschaft.
5. The combined approval of the Righteous Caliphs and the Sahaabah in the matter of legal rulings tended to promote unity and to provide little of no occasion for factionalism within the Islamic nation.
6. Während der Zeit der rechtgeleiteten Kalifen bestand nur eine einzige Madhhab. Dieses einheitliche Vorgehen in der Fiqh verhinderte das Aufkommen von Madhhabs, die nicht mit dem Staat verbunden waren, bis zum Ende dieser Epoche.
6. Only one Madh-hab existed during the period of the Righreous Caliphs. This unified approach to Fiqh prevented the rise of Madh-habs not linked to the state until the end of the period.
7. Besondere Betonung wurde auf das Studium des Qur'āns durch die breite Masse gelegt, während übermäßiges Zitieren von Ḥadīthen nicht gefördert wurde.