8 Die sechste Phase: Stagnation und Niedergang
8 The Sixth Stage: Stagnation And Decline
Diese Epoche umfasst etwa sechs Jahrhunderte, beginnend mit der Plünderung Bagdads im Jahr 1258 n. Chr. und der Hinrichtung des letzten ʿAbbasidenkalifen al-Mustaʿsim, und endet ungefähr um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts n. Chr. Dieser Zeitraum steht zugleich für den Aufstieg des Osmanischen Reiches, das im Jahr 1299 n. Chr. vom türkischen Führer ʿUthmān I. gegründet wurde, bis zu seinem Niedergang unter den Angriffen des europäischen Kolonialismus.
This stage covers approximately six centuries starting with the sacking of Baghdad in 1258 CE and the execution of the last ‘Abbaasid caliph, al-Musta’sim, and ending around the middle of the nineteenth century of the Christian era. This period also represents the rise of the Ottoman Empire, founded in 1299 CE by the Turkish leader ‘Uthmaan I, until its decline under the attacks of European colonialism.
Das vorherrschende Merkmal dieser Epoche war die Taqlīd (das blinde Folgen einer Madhhab) und die Parteilichkeit. Diese degenerative Entwicklung führte dazu, dass alle Formen des Ijtihād aufgegeben wurden und sich die Madhhabs zu völlig getrennten Gebilden entwickelten, die stark an Sekten erinnerten. Die Abfassung des Fiqh in dieser Zeit beschränkte sich darauf, frühere Werke zu kommentieren, und war auf die Förderung einzelner Madhhabs ausgerichtet. So ging die Dynamik des Fiqh verloren, und viele Rechtsbestimmungen wurden zunehmend veraltet und in ihrer bestehenden Form unanwendbar. Um diese gesetzgeberische Lücke zu füllen, wurden europäische Gesetzbücher schrittweise an die Stelle einiger islamischer Gesetze eingeführt, die außer Gebrauch geraten waren.
The prevailing characteristic of this period was that of Taqleed (the blind following of a Madh-hab) and factionalism. This degenerative trend resulted in the dropping of all forms of Ijtihaad and the evolution of the Madh-habs into totally separate entities closely resembling sects. The compilation of Fiqh during this period was limited to commenting on previous works and was directed toward the promotion of individual Madh-habs. Thus, the dynamism of Fiqh was lost and many of the laws became increasingly outmoded and inapplicable in their existing forms. In order to fill this legislative gap, European law codes were gradually introduced in place of some of the Islamic laws, which had fallen into disuse.
Schließlich verdrängten mit dem Vordringen des europäischen Kolonialismus und dem Zerfall des muslimischen Reiches europäische Gesetze das islamische Recht. Einige Reformer versuchten, der Flut von Stagnation und Niedergang Einhalt zu gebieten, und forderten eine Rückkehr zur ursprünglichen Reinheit des Islam und seiner Gesetze. Dennoch hat sich die Parteienbildung bis in die Gegenwart fortgesetzt, obwohl der institutionelle Unterricht in vergleichender Fiqh stark zugenommen hat.
Eventually with the advance of European colonialism and the breaking up of the Muslim Empire, European laws supplanted Islamic law. Certain reformers sought to stem the tide of stagnation and decline, calling for a return to the original purity of Islaam and its laws. However, factionalism has continued to the present day, in spite of an increase in institutional teaching of comparative Fiqh.
Entstehung der Taqlid (183)
Emergence Of Taqleed (183)
Die Gelehrten dieser Epoche gaben alle Formen des Ijtihaad auf und fassten einmütig einen rechtlichen Beschluss, der bezweckte, die Tür des Ijtihaad dauerhaft zu schließen. Sie begründeten dies damit, dass alle möglichen Fragen bereits aufgeworfen und behandelt worden seien und daher kein weiterer Ijtihaad nötig sei.184 Mit diesem Schritt entstand ein neues Konzept des Madhhab, nämlich dass man einem der vier Madhhabs folgen müsse, damit der eigene Islam gültig sei. Mit der Zeit verankerte sich dieses Konzept fest sowohl unter den Massen als auch unter den Fiqh-Gelehrten. So wurde die Religion des Islam selbst in den Grenzen der vier bestehenden Madhhabs eingeschränkt: Hanafī, Mālikī, Schāfiʿī und Hanbalī. Diese Rechtsschulen galten als gottgewollte Ausprägungen des Islam. Alle sollten vollkommen richtig, gleichwertig und repräsentativ für den wahren Islam sein, dennoch gab es unzählige Unterschiede zwischen ihnen. Tatsächlich gab es in dieser Epoche Gelehrte, die einige Ḥadīthe so auslegten, dass sie belegen sollten, der Prophet ﷺ habe selbst das Auftreten der Imame und ihrer Madhhabs vorausgesagt. Folglich galt jeder Versuch, über diese kanonischen Madhhabs hinauszugehen, als häretisch, und wer sich weigerte, einem dieser Madhhabs zu folgen, wurde als Abtrünniger eingestuft. Die extrem konservativen Gelehrten dieser Stufe gingen sogar so weit zu entscheiden, dass jeder, der beim Wechsel von einem Madhhab zu einem anderen ertappt wurde, nach dem Ermessen des örtlichen Richters strafbar sei. Im Hanafī-Madhhab erging außerdem eine Entscheidung, die die Ehe eines Hanafī mit einer Schāfiʿī untersagte.185 Selbst die zweitwichtigste Säule des Islam, das Salāh, blieb von den Auswirkungen des Madhhab-Fanatismus nicht verschont. Die Anhänger der verschiedenen Madhhabs begannen, sich zu weigern, hinter Imamen anderer Madhhabs zu beten. Dies führte dazu, dass in Moscheegemeinden, in denen mehr als ein Madhhab bestand, separate Gebetsnischen errichtet wurden.186 Masjids dieser Art findet man noch heute in Gegenden wie Syrien, wo sunnitische Muslime entweder der Madhhab der Hanafiten oder der Schafiiten folgen. Selbst die heiligste Moschee, der Masjid al-Haraam in Makkah, der die Einheit der Muslime und die Religion des Islam verkörpert, war davon betroffen. Rund um die Ka'bah wurden separate Gebetsnischen eingerichtet: eine für einen Imam aus jeder der Rechtsschulen. Und wenn die Zeit für das Salaah kam, leitete ein Imam aus einer der Madhhabs eine Gemeinde seiner Anhänger aus seinem Madhhab im Gebet; danach leitete ein anderer Imam aus einer der anderen Madhhabs seine Gemeinde von Anhängern und so weiter. Interessanterweise blieben die separaten Gebetsstätten für jeden der Madhhabs rund um die Ka'bah bis zum ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts bestehen, als 'Abdul-'Azeez ibn Sa'oud und sein Heer Makkah eroberten (Oktober 1924) und alle Gläubigen hinter einem einzigen Imam vereinten, unabhängig von ihrem oder seinem Madhhab.
The scholars of this period left all forms of Ijtihaad and unanimously issued a legal ruling, which was intended to close the door of Ijtihaad permanently. They reasoned that all possible issues had already been raised and addressed, and there was therefore no need for further Ijtihaad.184 With that step, a new concept of Madhhab arose, namely that one of the four Madh-habs had to be followed for one’s Islaam to be valid. In time this concept became firmly embedded among the masses as well as the scholars of Fiqh. Thus, the religion of Islaam itself became restricted within the confines of the four existing Madh-habs; Hanafee, Maalikee, Shaafi’ee and Hamblee. These schools of law came to be considered divinely ordained manifestations of Islaam. All of them were supposed to be completely correct, equal and representative of true Islaam, yet there were innumerable differences among them. In fact there were scholars in this period who interpreted some Hadeeths in such a way as to prove that the Prophet (s.w.) him-self had predicted the appearance of the Imaams and their Madh-habs. Consequently, any attempt to go beyond these canonical Madh-habs was considered heretical and anyone who refused to follow one of these Madh-hab was classified an apostle. The hyper conservative scholars of this stage even went so far as to rule that whoever was caught transferring from one Madh-hab to another was liable to punishment at he discretion of the local judge. A ruling was also made in the Hanafee Madh-hab prohibiting the marriage of a Hanafee to a Shaafi’ee.185 And even the second most important pillar of Islaam, Salaah, was not spared the effects of Madh-hab fanaticism. The followers of the various Madh-habs began to refuse to pray behind the Imaams from other Madh-habs. This resulted in the building of separate prayer niches in the masjid186 communities where more than one Madh-hab existed. Masjids of this type can still be seen in places like Syria, where Sunni Muslims follow either the Hanafee or Shaafi’ee Madh-hab. Even the most holy masjid, al-Masjid alHaraam of Makkah, which represents the unity of Muslims and the religion of Islaam, was affected. Separate prayer niches were set up around the Ka’bah: one for an Imaam from each of the schools. And when the time for Salaah came, an Imaam from one of the Madhhabs would lead a congregation of followers from his Madh-hab in prayer; then another Imaam from one of the other Madh-habs would lead his congregation of followers and so on. It is interesting to note that separate places of prayer for each of the Madh-habs remained around the Ka’bah until the first quarter of the twentieth century when ‘Abdul-‘Azeez ibn Sa’oud and his army conquered Makkah (October of 1924) and united all worshippers behind a single Imaam regardless of his or their Madh-habs.
Gründe für die Taqlīd
Reasons For Taqleed
Taqlid (blinde Nachahmung) muss vom Ittibaa’ (vernunftgeleiteter Nachfolge) unterschieden werden. Der Grundsatz, den Urteilen unserer Vorfahren zu folgen, ist normal und natürlich. Tatsächlich bleibt die Botschaft des Islam gerade dadurch unverfälscht über die Zeit erhalten, dass man den früheren Auslegungen des Islam genau folgt. Denn jene frühen Auslegungen gründeten auf der göttlichen Eingebung des Propheten ﷺ und auf seiner von Gott geleiteten Lebensweise. Der Prophet ﷺ selbst sagte: Die beste Generation ist meine Generation, dann die Generation, die auf sie folgt, und dann die Generation, die auf diese folgt.187 Da jedoch die Muslime früherer Generationen mit Ausnahme des Propheten ﷺ nicht unfehlbar waren, sollten selbst jene früheren Auslegungen nicht blind befolgt werden, ohne bestimmte grundlegende Prinzipien der Vernunft zu beachten, die es uns ermöglichen, zwischen Richtig und Falsch zu unterscheiden. In diesem Buch wird der Begriff Taqlid (blinde Nachahmung) verwendet, um jene Handlungen zu bezeichnen, derer, die sklavisch einer einzigen Madhhab folgen, ungeachtet der Fehler, die sie darin erkennen. Was die einfachen Leute betrifft, die nicht über das Wissen verfügen, in zweifelhaften Situationen eigenständig zu entscheiden, so ist es an ihnen, dem zu folgen, was an Wissen ihnen zur Verfügung steht, ihren Geist offen zu halten und sich so weit wie möglich auf aufgeschlossene Gelehrte zu verlassen.
Taqleed (blind following) has to be distinguished from Ittibaa’ (reasoned following). The principle of following the rulings of our predecessors is normal and natural. In fact, it is by closely following earlier interpretations of Islaam that the message of Islaam remains uncorrupted through time. For, those early interpretations were founded on the Prophet’s (s.w.) divine inspiration and his divinely guided life style. The Prophet (s.w.) himself said that the best generation was his generation, then the generation following his, and then the generation following that.187 However, since Muslims of earlier generation, with the exeption of the Prophet (s.w.), were not infallible, even those earlier interpretations should not be followed blindly without without regard to certain basic principles of reason which enable us to distinguish between right and wrong. In this book the term Taqleed (blind following) is used to refer to the actions to those who slavishly follow a single Madh-hab regardless of errors that they see. As for the common people who do not have the knowledge to make independent decisions in doubtful situations, it is for them to follow whatever knowledge is available to them, keep their minds open and rely on open-minded scholars as much as possible.
Die Taqlid war das Ergebnis einer Reihe von Faktoren, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Madhhabs, die die Entwicklung der Fiqh und die Haltung der Gelehrten beeinflussten. Man kann keinen einzelnen Grund als Hauptursache herausgreifen, und es lassen sich auch nicht alle Faktoren benennen. Das Folgende sind nur einige der offensichtlicheren Faktoren, die zu diesem Stadium der Stagnation führten.