Die Entwicklung der Fiqh
The Development Of Fiqh
In der Entwicklung der Fiqh-Wissenschaft lassen sich in dieser Epoche zwei große Tendenzen im Hinblick auf die Entstehung der Madhhabs beobachten. Die erste fällt in die Zeit der großen Imame, der Begründer der großen Madhhabs, und ihrer bedeutendsten Schüler. Obwohl sich diese Madhhabs zusehends zu eigenständigen Richtungen entwickelten, bewahrten sie die Tradition der Flexibilität beim Erlassen und Annehmen rechtlicher Urteile, die die früheren Epochen geprägt hatte. Die zweite Tendenz umfasst die Zeit nach dem Tod der bedeutenden Gelehrten der Madhhabs. Sie markiert den Beginn jener Starrheit beim Erlassen und Annehmen rechtlicher Urteile, die das wesentliche Merkmal der Madhhabs und infolgedessen der Fiqh-Wissenschaft in den nachfolgenden Generationen ist.
In the development of Fiqh during this period, there were two major trends relating to the evolution of the Madh-habs. The first occurred during the period of the Great Imaams, founders of the major Madh-habs, and their major students. Although these Madhhabs were fast becoming distinct entities, they continued the tradition of flexibility in making and accepting legal rulings which had characterized the earlier periods. The second trend covered the period following the death of the major scholars of the Madh-habs. It represents the beginning of that rigidity in making and accepting legal rulings which is the main characteristic of Madh-habs, and consequently of Fiqh, in succeeding generations.
Zeitalter der großen Imame
Period Of The Great Imaams
Die Entwicklung der Fiqh in der Periode der Großen Imame (750–850 n. Chr.) und ihrer bedeutenden Schüler wurde durch folgende Faktoren beeinflusst.
The development of Fiqh in the period of the Great Imaams (750-850 CE) and their major students was affected by the following factors.
A. Staatliche Unterstützung für Gelehrte
A. State Support For Scholars
Die frühen 'Abbasiden-Kalifen bekundeten große Achtung vor dem islamischen Recht und seinen Gelehrten. Der Grund dafür lag darin, dass sie ihr Amt ihrem Anspruch verdankten, ein Kalifat wiederherzustellen, das sich auf die Scharia und deren rechtmäßige Auslegung stützt. Folglich waren die 'Abbasiden-Kalifen dieser Epoche alle stolz darauf, ihre Kinder bei den bedeutenden Gelehrten der Zeit studieren zu lassen, und einige der Kalifen wurden sogar selbst Gelehrte des islamischen Rechts, so etwa Kalif Haarun ar-Raschid (Herrschaft 786–809 n. Chr.). Darüber hinaus pflegten diese Kalifen, die herausragenden islamischen Gelehrten in den meisten Fragen der Fiqh zu Rate zu ziehen. Ein klassisches Beispiel ist Imam Malik, den Kalif al-Mansur damit beauftragte, ein maßgebliches Buch über die Sunnah des Propheten ﷺ zusammenzustellen. Nach dessen Fertigstellung befragte der Kalif Malik, ob er es zur Staatsverfassung machen dürfe, wodurch die Madhhab des Imam Malik für alle Muslime verbindlich geworden wäre. Der Imam lehnte dies jedoch ab, da er wusste, dass seine Sammlung nur jene Hadithe des Propheten ﷺ enthielt, die im Hidschaz verfügbar waren, wo Imam Malik gelehrt und seine Madhhab begründet hatte. Er vertrat nachdrücklich die Auffassung, dass angesichts der Tatsache, dass jede einzelne Madhhab die vielen anderen Hadithe ausschließen würde, die von Sahabah überliefert wurden, die in andere Teile des Staates gereist waren, keine einzelne Madhhab für alle Muslime verbindlich sein sollte. Dies ist ein klares Beispiel für jene Flexibilität, die die Begründer der Madhhabs auszeichnete. Der Faktor staatlicher Unterstützung und Förderung der Fiqh-Gelehrten trug in hohem Maße zur Blüte der zahlreichen Madhhabs bei, die im späteren Teil der Umayyaden-Zeit entstanden waren.
The early ‘Abbaasid Caliphs made a show of great respect for Islamic law and its scholars. The reason for this lay in the fact that they owed their office to their claim that they were seeking a return to a caliphate based on Sharee’ah and its legitimate interpretation. Consequently, the ‘Abbaasid caliphs of this period all took pride in sending their children to study under the major scholars of the time, and, what is more, some of the caliphs became scholars of Islamic law in their own right; for example, Caliph Haroon arRasheed (rule 786-809 CE). Furthermore, these caliphs made a practice of consulting the outstanding Islamic scholars on most matters of Fiqh. A classical example is that of Imaam Maalik whom Caliph al-Mansoor commissioned to compile an authoritative book of the Sunnah of the Prophet (s.w.). On its completion, the Caliph consulted Maalik about allowing him to make it the state constitution, which would have made the Madh-hab of Imaam Maalik binding on all Muslims. However, the Imaam refused to have it done, since he was aware that his compilation including only those Hadeeths of the Prophet (s.w.) that were available in Hijaaz where Imaam Maalik had taught and founded his Madh-hab. He felt strongly that no single Madh-hab should be binding on all Muslims in view of the fact that any single Madh-hab would exclude the many other Hadeeths narrated by Sahaabah who had traveled to other parts of the state.111This is a clear example of that flexibility which characterized the founders of the Madh-habs. The factor of state support and patronization of Fiqh scholars contributed largely to the flourishing of the many Madh-habs which had arisen in the latter part of the Umayyad period.
B. Zunahme der Lerneinrichtungen
B. Increase In Centers Of Learning
Obwohl sich die Staaten Nordafrikas und Spaniens112 vom 'Abbasidenreich abgespalten hatten, wurde das Gebiet des 'Abbasidenstaates auf ganz Persien, Indien und Südrussland ausgedehnt, und die Hauptstadt wurde nicht nach Bagdad verlegt. Infolgedessen vermehrten sich die Zentren des Lernens und die Madhhabs.
Though the states of North Africa and Spain112 had split off from the ‘Abbaasid Empire, the territories of the ‘Abbaasid state were expanded to include all of Persia, India and Southern Russia, and the capital was not moved to Baghdad. Consequently, the centers of learning and Madh-habs multiplied.
Gelehrte und Studenten aus den verschiedenen Zentren des Lernens begannen, zwischen den Landesteilen des Muslimischen Staates hin und her zu reisen, um mehr über die Schlussfolgerungen ihrer Zeitgenossen in anderen Gegenden zu erfahren. Ein gutes Beispiel dafür ist die Reise von Muhammad ibn al-Hasan, einem bedeutenden Schüler Abu Haneefahs (des Begründers der Hanafiten-Madhhab), von Irak nach Madeenah, um bei Imaam Maalik, dem Begründer der Malikiten-Madhhab, zu studieren und sein Hadith-Buch, al-Muwatta’, auswendig zu lernen. Ebenso reiste Imaam ash-Shaafi’ee, der Begründer der Schafiiten-Madhhab, zunächst ins Hidschaz, um bei Imaam Maalik zu studieren, dann nach Irak, um bei Muhammad ibn al-Hasan zu studieren, und schließlich nach Ägypten, um bei Imaam al-Layth ibn Sa’d, dem Begründer der Laythiten-Madhhab, zu studieren. Diese Reisen führten zunächst zur Versöhnung einiger der großen Meinungsverschiedenheiten, die unter den Gelehrten entstanden waren, und letztlich zur Verbindung einiger der Schulen islamischen Rechtsdenkens. So vereinte Imaam ash-Shaafi’ee beispielsweise die Fiqh-Lehre des Hidschaz mit jener des Irak und Ägyptens und bildete eine neue Rechtsschule, die Schafiiten-Madhhab. Auch hier sind bemerkenswerte Beispiele für die Flexibilität der frühen Imame in ihrem Zugang zum Fiqh zu finden.
Scholars and students from the various centers of learning began journeying back and forth in search of further knowledge about the conclusions reached by their contemporaries in other parts of the Muslim State. A good example of this is the journey of Muhammad ibn al-Hasan, a prominent student Abu Haneefah (founder of the Hanafee Madh-hab), from Iraq to Madeenah in order to study under Imaam Maalik, founder of the Maalikee Madh-hab, and to memorize his book of Hadeeths, al-Muwatta’. Likewise, Imaam ash-Shaafi’ee, founder of Shaafi’ee Madh-hab, journeyed first to Hijaaz113 to study under Imaam Maalik, then to Iraq in order to study under Muhammad ibn al-Hasan, and finally to Egypt to study under Imaam al-Layth ibn Sa’d, founder of the Laythee Madhhab. These journeys resulted firstly in the reconciliation of some of the major differences which had arisen among scholars and ultimately in the combination of some of the schools of Islamic legal thought. For example, Imaam ash-Shaari’ee combined the Fiqh of Hijaaz with that of Iraq and Egypt and formed a new school of law, the Shaafi’ee Madh-hab. Here again are noteworthy examples of the flexibility of the early Imaams in their approach to Fiqh.
C. Die Verbreitung von Debatte und Diskussion
C. The Spread Of Debate And Discussion
Wann immer sich Gelehrte oder ihre Schüler trafen, tauschten sie Gedanken über verschiedene islamische Fragen aus, die in ihren jeweiligen Gegenden aufgekommen waren. Gab es eine erhebliche Meinungsverschiedenheit über eine bestimmte Lösung, so diskutierten sie hin und her, bis eine gemeinsame Schlussfolgerung erreicht wurde oder verschiedene Ansichten akzeptiert wurden.
Whenever scholars or their students met, they would exchange thoughts on various Islamic issues which had arisen in their particular areas. If there was a major difference of opinion about a particular solution, they would debate back and forth until a common conclusion was reached or various options were accepted.
Diese rechtlichen Debatten fanden auch brieflich statt, wie etwa die Auseinandersetzung zwischen Imam Malik und Imam al-Layth über die Gebräuche von Medina.114
These legal debates also took place by mail, as in the case of the debate between Imaam Maalik and Imaam al-Layth about Madeenite customs.114
Die enorme Zunahme der Anzahl von Debattensitzungen, sei es brieflich oder in persönlichen Begegnungen zwischen den Begründern und Schülern verschiedener Madhhabs, führte zur Klärung bestimmter wichtiger Fragen und zur Aussonderung irriger Urteile oder Entscheidungen unter den Gelehrten des islamischen Rechts.
The huge increase in the number of debating sessions, whether by mail or in face to face meetings between founders and students of various Madh-habs resulted in the clarification of certain important issues and the seeding out of mistaken rulings or judgements among scholars of Islamic law.
In dieser frühen Phase der Entwicklung der Madhhabs zeigte sich bei den Gelehrten und ihren Schülern eine deutliche Abwesenheit von Starrheit oder Dogmatismus. Das heißt, Fragen wurden sachlich untersucht, und Schlussfolgerungen wurden auf der Grundlage der Stichhaltigkeit der vorgebrachten Beweise gezogen. Tatsächlich ist von Imam Abu Haneefah und Imam Shafi'ee überliefert, dass sie erklärten, wenn ein Hadith als authentisch bekannt sei, dann solle dieser als ihr Madhhab gelten. Ein bemerkenswertes Beispiel betrifft das Recht zum Trinken von Khamr und anderen berauschenden Getränken. Imam Abu Haneefah, der Begründer der Hanafi-Madhhab, hatte entschieden, dass das islamische Verbot des Khamr nur das Erzeugnis aus vergorenem Traubensaft umfasse (was die wörtliche Bedeutung von Khamr ist).
In this early stage in the development of Madh-habs there was a marked lack of rigidity or dogmatism on the part of scholars and their students. That is, issues were objectively analyzed and conclusions arrived at on the basis of the validity of the proofs presented. In fact Imaam Abu Haneefah and Imaam Shafi’ee were on record as stating that if a Hadeeth was known to be accurate, then that should be considered their Madh-hab. A noteworthy example concerns the law relating to the drinking of Khamr and other intoxicants. Imaam Abu Haneefah, founder of the Hanafee Madhhab, had ruled that the Islamic prohibition of Khamr covered only the product of fermented grape juice (the literal meaning of Khamr)