Schüler der Imame
Students Of The Imaams
Aufgrund der Sorgfalt, mit der die großen Imame ihre Schüler vor blinder Nachahmung (Taqlid) warnten, zögerten jene frühen Gelehrten nie, das abzulehnen, was ihre Imame gelehrt hatten, sobald neue Ahadith zugänglich wurden. Abu Yusuf und Muhammad ibn al-Hasan wichen von ihrem Lehrer Abu Hanifa in etwa einem Drittel der Entscheidungen ihrer Madhhab ab,213 und ebenso wichen al-Muzani und die anderen in vielen Entscheidungen von ihrem Lehrer ar-Raschid asch-Schafi'i ab.
Because of the care which the great Imaams took in warning their Students away from blind initation, those early scholars never hesitated to reject what the Imaams taught when new Hadeeths became available. Abu Yoosuf and Muhammad ibn al-Hasan differed from their teacher Abu Haneefah in about one third of the rulings of their Madh-hab,213 and similarly, al-Muzanee and the others differed from their teacher rash-Shaafi’ee on many rulings.
Kommentar
Comment
Die oben genannten Zitate waren nur einige wenige der vielen Aussprüche der Vier Imame und ihrer Schüler, in denen sie die strikte Befolgung der Hadithe forderten und die blinde Nachahmung ihrer Meinungen untersagten, möge Allah mit ihnen zufrieden sein. Ihre Aussagen sind völlig klar und lassen keinen Raum für Fehldeutungen oder apologetische Erklärungen. Wer daher der Sunnah folgt, auch wenn er sich mit einigen Meinungen des Imams seiner Madhhab in Widerspruch befindet, steht nicht zugleich im Gegensatz zum Geist dieser Madhhab, sondern hält fest am „Seil Allahs“. Umgekehrt bedeutet es, im völligen Gegensatz zur Haltung der Imame selbst zu stehen, wenn man bestimmte verlässliche Hadithe verwirft, nur weil sie einigen Meinungen der Imame widersprechen. Zudem steht die Ablehnung verlässlicher Hadithe im Widerspruch zu Allah und Seinem Gesandten, wie es aus Allahs Aussage im Qur'an an Seinen Propheten ﷺ deutlich wird: {...}
The above mentioned quotations were only a few of the many sayings of the Four Imaams and their students in which they demanded strict adherence to the Hadeeths and prohibited the blind imitation of their opinions, may Allaah be pleased with them. Their statements are perfectly clear and leave no room for misinterpretation or apologetic explanations. Therefore, whoever adheres to the Sunnah, even if he finds himself in conflict with some of the opinions of the Imaam of his Madh-hab will not be opposed to the spirit of that Madh-habs simultaneously with a firm grip “on the rope of Allaah”. Conversely, to discard certain reliable Hadeeths simply because they contradict some of the opinions of the Imaams, is to be in total opposition to the position taken by the Imaams themselves. Moreover, the rejection of reliable Hadeeths is in opposition to Allaah and His messenger214 as is evident in Allaah’s statement in the Qur’aan to His Prophet (s.w.),
„Nein, bei deinem Herrn, sie glauben nicht, bis sie dich zum Richter in ihren Streitigkeiten machen, ohne dass sie wegen deines Urteils bedrückt sind; nein, sondern sie nehmen es vollkommen an."215
“No, by your Lord, they do not believe until they make you the judge between them in their disputes without being distressed over your judgement; nay, accepting it wholeheartedly.”215
Zum Beispiel widersprach Imam Muhammad ibn al-Hasan in seiner Überlieferung des Buches von Imam Malik, al-Muwatta, seinem Lehrer Imam Abu Hanifa in etwa 20 verschiedenen Rechtsentscheidungen. Darunter war der folgende Fall, in dem Imam Muhammad sagte: „Abu Hanifa war der Ansicht, dass es für das Istisqaa kein vorgeschriebenes Salaah (Gebet) gibt, 216 aber meiner Meinung nach sollte der Imam die Leute in zwei Rak'ah des Salaah (für das Istisqaa) anführen, ein Du'aa217 sprechen und seinen Umhang umdrehen.“218 Ein weiteres Beispiel ist das Erbe des Großvaters, wenn auch der Vater des Verstorbenen bereits verstorben ist. Abu Yusuf und Muhammad lehnten beide die Position Abu Hanifas ab und schlossen sich der Position der anderen drei Imame an, indem sie dem Großvater ein Sechstel des Erbes zusprachen, das dem Vater zugefallen wäre, wenn dieser noch gelebt hätte.
For example, Imaam Muhammad ibn al-Hasan in his narration of Imaam Maalik’s book, al-Muwatta, contradicted his teacher Imaam Abu Haneefah in about 20 different rulings. Among them was the following case in which Imaam Muhammad said, “Abu Haneefah did not feel that there was any ordained Salaah (prayer) for Istisqaa, 216 but in my opinion, the Imaam should lead the people in two units of Salaah, (for Istisqaa) make a Du’aa217 and reverse his cloak,”218 Another example is that of the inheritance of the grandfather if the father of the dead person is also dead. Abu Yoosuf and Muhammad both rejected Abu Haneefah’s position and joined the position of the other three Imaams, giving the grandfather a sixth of the inheritance which would have gone to the father were he alive.
‘Isaam Ibn Yoosuf al-Balakhee, der ein Schüler des Imams Muhammad ibn al-Hasan und ein enger Anhänger Abu Yoosufs war, fällte viele Urteile, die von denen Abu Haneefahs und seiner beiden Gefährten abwichen, weil diese mit bestimmten Belegen nicht vertraut waren, die ihm später zugänglich wurden.219 So pflegte er beispielsweise vor und nach dem Rukoo’ (der Verbeugung im Salaah) die Hände zu heben,220 wie es in authentischen Ahadith von einer Vielzahl von Sahaabah überliefert ist, obwohl die drei Hauptimame seiner Madhhab-Schule anders urteilten.
‘Isaam Ibn Yoosuf al-Balakhee, who was a student of Imaam Muhammad ibn al-Hasan and a close follower of Abu Yoosuf, used to make a lot of rulings which differed from those of Abu Haneefah and his two companions, because the latter were not aware of certain evidence which later became available to him.219 For example, he used to raise his hands before and after Rukoo’ (bowing in Salaah),220as described in authentic Hadeeths by host of Sahaabah, even though the three main Imaams of his Madh-hab ruled otherwise.
„Diejenigen, die sich seinem Befehl widersetzen, sollen sich davor hüten, dass sie Prüfungen und eine schmerzhafte Strafe treffen.“221
“Let those who contradict your order be warned that they will be afflicted with trials and a painful punishment.”221
Dennoch bedeutet das Verbot der Taqlid nicht, dass jeder vor jedem Handeln zu den Quellen zurückkehren muss, und es bedeutet auch nicht, dass das gesamte Werk der früheren Gelehrten verworfen oder vernachlässigt werden sollte, denn das wäre unpraktikabel und in den meisten Fällen unmöglich. Es bedeutet jedoch, dass diejenigen, die über ausreichendes Wissen in den verschiedenen Zweigen der islamischen Wissenschaften verfügen, nicht zögern sollten, sowohl die Quellen als auch die Meinungen aller Gelehrten unabhängig von ihrer Madhhab zu prüfen. Ein Gelehrter sollte in seiner Suche nach Wissen aufgeschlossen sein, andernfalls werden seine Urteile wahrscheinlich voreingenommen und sektiererisch sein. Vergessen wir nicht, dass er auch bei der Durchsicht der Quellen verpflichtet ist, sich in der einen oder anderen Weise auf die großen Werke der früheren Gelehrten zu stützen. In der Fiqh ist völlig unabhängiges Denken unmöglich, und Bemühungen darum sind unerwünscht, da sie leicht zu Abweichung und Irrlehre führen. Zu jeder bestimmten Frage wird der wahre Gelehrte wahrscheinlich entweder dem Urteil eines der frühen Gelehrten folgen oder sein Urteil aus einer ihrer Schlussfolgerungen ableiten. Dabei folgt er einem der frühen Imame direkt oder indirekt. Diese Form des Folgens ist jedoch nicht als Taqlid (blinde, starre Nachahmung) zu betrachten, die, wie wir gezeigt haben, von den Imamen ausnahmslos verboten wurde. Diese Form heißt Ittibaa’, bei der verlässliche Hadithe Vorrang vor allen Meinungen haben, oder wie sowohl Abu Haneefah als auch asch-Shaafi’ee sagten: „Wenn der Hadith als Sahih befunden wird, so ist dies meine Madhhab.“
Nevertheless, the prohibition of Taqleed does not mean that everyone must return to the sources before doing anything and it does not mean that all the work of the earlier scholars should be rejected or neglected, for that would be impractical and in most cases impossible. It does, however, mean that those who have sufficient knowledge of the various branches of Islamic sciences should not hesitate to took at the sources as well as the opinions of all the scholars, regardless of their Madh-hab. A scholar should be openminded in his search for knowledge otherwise his rulings are likely to be biased and sectarian. Let us not forget that even in searching through the sources he is obliged to rely on the great works of the earlier scholars in one way or another. In Fiqh, totally independent thought is impossible and efforts to achieve it undesirable, as it tends to lead to deviation and heresy. On any particular issue the true scholar is likely to either follow a ruling of one or another of the early scholars, or deduce his ruling from one of their deductions. In so dong, he will be following one of the early Imaams directly or indirectly. However, this form of following is not to be considered Taqleed, (blind rigid imitation), which we have shown was forbidden categorically by the Imaams. This form is called Ittibaa’ wherein reliable Hadeeths take precedence over all opinions, or as both Abu Haneefah and ash-Shaafi’ee said, “If the Hadeeth is found to be Saheeh, it is my Madh-hab”.
Abschnittszusammenfassung
Section Summary
1. Die meisten Muslime sind sich der Tatsache nicht bewusst, dass blindes Befolgen eines Madh-hab (Taqleed) dem Standpunkt und den Lehren der Begründer der Madh-habs diametral entgegensteht.
1. Most Muslims are unaware of the fact that blind following of a Madh-hab (Taqleed is diametrically opposed to the position and teachings of the founders of the Madh-habs.
2. Alle Imame und ihre Schüler sind dafür bekannt, dass sie sich gegen das blinde Nachfolgen ihrer Meinungen aussprachen. Stattdessen betonten sie wiederholt die Wichtigkeit, sich auf die primären Quellen zu beziehen, den Qur'an und die Sunnah, als Grundlage für die Rechtsurteile.
2. All of the Imaams and their students were on record as being opposed to the blind following of their opinions. Instead they repeatedly emphasized the importance of referring to the primary sources, the Qur’aan and the Sunnah, as the basis of legal rulings.
3. Die Imame und ihre Schüler betonten fortwährend, dass ihre Urteile dem Irrtum unterworfen seien.
3. The Imaams and their students continuously emphasized the fact that their rulings were subject to error.
4. Authentische Hadithe wurden von den Imamen über ihre eigenen Meinungen gestellt. Auf der Grundlage authentischer Hadithe, die den Imamen nicht zur Verfügung standen, haben ihre Schüler später mehrere Urteile, die zuvor von den Imamen gefällt worden waren, außer Kraft gesetzt.
4. Authentic Hadeeths were given precedence by the Imaams over their own opinions. On the basis of authentic Hadeeths not available to the Imaams, their students later overruled several rulings previously made by the Imaams.
5. Einem Madhhab-Standpunkt gegenüber einem authentischen Hadith den Vorzug zu geben, grenzt an Schirk, da eine solche Bevorzugung der Treue widerspricht, die man Allah und Seinem auserwählten Gesandten schuldet.
5. Giving preference to the opinion of a Madh-hab over an authentic Hadeeth borders on Shirk since preference contravenes the allegiance owed to Allaah and His chosed messenger.
6. Alle Muslime sind verpflichtet, den Urteilen der frühen Gelehrten mit Verstand zu folgen (Ittibaa’), um die ursprüngliche Reinheit des Islam zu bewahren, wie er dem Propheten ﷺ offenbart und von seinen Gefährten überliefert wurde.
6. All Muslims are repaired to follow with reason (Ittibaa’) the rulings of the early scholars in order to preserve the pristine purity of Islaam as revealed to the Prophet (s.w.) and conveyed to his companions.
211 Ibn al-Jawzee, al-Manaaqib, (Beirut: Daar al-Aafaaq al-Jadeedah, 2. Aufl., 1977), S. 182
211 Ibn al-Jawzee, al-Manaaqib, (Beirut: Daar al-Aafaaq al-Jadeedah, 2nd ed., 1977), p. 182
212 Überliefert von ‘Abdullaah ibn ‘Amr ibn al-‘Aas und gesammelt von al-Bukhaaree (Sahih Al-Bukhari, (Arabisch-Englisch), Bd. 4, S. 442, Nr. 667).
212 Narrated by ‘Abdullaah ibn ‘Amr ibn al-‘Aas and collected by alBukhaaree (Sahih Al-Bukhari, (Arabic-English), vol. 4, p. 442, no. 667).
213 Al-Haashiyah, Bd. 1, S. 62.
213 Al-Haashiyah, vol. 1, p.62.
214 Muhammad Naasir ad-Deen al-Albaanee, Sifah Salaah an-Nabee, Vorwort S. 34-35.
214 Muhammad Naasir ad-Deen al-Albaanee, Sifah Salaah an-Nabee, foreword pp. 34-35.
215 Sura an-Nisa (4):65. 216 Gebet um Regen in Zeiten der Dürre. 217 Inoffizielles Gebet. 218 Muhammad ibn al-Hasan, at-Ta'leeq al-Mumajjid 'Alaa Muwatta' Muhammad, S. 158, zitiert in Sifah Salaah an-Nabee, S. 38.
215 Soorah an-Nisaa (4):65. 216 Prayer for rain in times of drought. 217 Informal prayer 218 Muhammad ibn al-Hasan, at-Ta’leeq al-Mumajjid ‘Alaa Muwatta’ Muhammad, p. 158, quoted in Sifah Salaah an-Nabee, p. 38.
219 Ibn ‘Aabideen, Rasm al-Muftee, Bd. 1, S. 27, zitiert in Sifah Salaah anNabee, S. 37.
219 Ibn ‘Aabideen, Rasm al-Muftee, vol. 1, p. 27, quoted in Sifah Salaah anNabee, p. 37.
220 Al-Fawaa’id al-Baahiyah fee Taraajim al-Hanafiyah, S. 116, zitiert in Sifah Salaah an-Nabee, Vorwort, S. 39.
220 Al-Fawaa’id al-Baahiyah fee Taraajim al-Hanafiyah, p. 116, quoted in Sifah Salaah an-Nabee, foreword,p. 39.
Sura an-Nur (24):63
221 Soorah an-Noor (24):63.