3.10 Kapitel Zehn: Zakah auf Aktien und Anleihen
3.10 Chapter Ten Zakah On Shares And Bonds
Einleitung
Introduction
Aktien, Anteile und Anleihen sind Formen finanzieller Vermögenswerte, die in der Vergangenheit nicht bekannt waren. Viele Steuerexperten fordern, auf diese Vermögenswerte oder zumindest auf deren Erträge bestimmte Steuern zu erheben.1
Stocks, shares, and bonds are forms of financial assets that were not known in the past. Many taxation specialists call for imposing certain taxes on these assets or at least on their returns.1
Aktien oder Stammaktien verkörpern das Eigentum an einem bestimmten Teil des Kapitals einer Gesellschaft. Anleihen sind Schuldverschreibungen über Darlehen, die von einer Gesellschaft, einer Regierung oder einer Kommune aufgenommen werden. Eine Anleihe wird in der Regel zu einem bestimmten künftigen Zeitpunkt zurückgezahlt, und das durch sie verbriefte Darlehen trägt Zinsen. Der grundlegende Unterschied zwischen einer Aktie und einer Anleihe besteht darin, dass erstere einen Beitrag zum Kapital darstellt und Gewinne oder Verluste mit sich bringt, während letztere lediglich ein Instrument zur Kreditaufnahme ist, das vorab festgelegte Zinsbedingungen und eine Reihe von Rückzahlungen vorsieht. In der Regel haben Anleihegläubiger keine Befugnis zur Kontrolle oder Leitung der Verwaltung der Gesellschaft. Bei der Ausgabe können sowohl Aktien als auch Anleihen einen Marktwert haben, der vom Nennwert abweicht. Sie werden an den Börsen gehandelt, wie andere Waren in ihren jeweiligen Märkten. Ihre Kurse steigen und fallen entsprechend verschiedenen Faktoren, die Angebot und Nachfrage beeinflussen, unter anderem dem Erfolg der ausgebenden Gesellschaft sowie der lokalen und internationalen wirtschaftlichen und politischen Lage.2
Shares or common stocks represent ownership of a certain part of the capital of a corporation. Bonds are certificates of loans borrowed by a corporation, government, or municipality. A Bond is usually paid back at a certain future point of time, and the loan it represents carries interest. The basic difference between a share and a bond is that the first represents a contribution to the capital and carries profits or losses, while the second is only a borrowing instrument that carries predefined terms of interest and series of repayments. Usually, bond holders do not have authority of controlling of administration on the corporation. When issued, both shares and bonds may have a market value that is different from the face value. They are traded in the exchange markets, like other commodities in their respective markets. Their prices go up and down according to different factors that affect their supply and demand, including the success of the corporation that issues them and the local and international economic and political situation.2
Die Ausgabe, das Halten und der Handel mit Aktien in ihrer üblichen Form sind im Schari'a-Recht erlaubt, außer wenn die eigentliche Tätigkeit der ausgebenden Gesellschaft im Islam verboten ist, wie etwa Brauereien für alkoholische Getränke oder auf Zinsen basierende Finanzgesellschaften. Anleihen hingegen sind verzinsliche Instrumente, und Zinsen sind im Islam verboten. Doch unabhängig von der Frage der Zulässigkeit des Haltens von Anleihen stellen sie Kapital dar, das Menschen gehört, und ihre Zakatpflicht muss erörtert werden. Unter den zeitgenössischen Gelehrten haben sich zu dieser Frage zwei grundlegende Meinungen herausgebildet.
The issuance, holding and circulation of shares--in their common form--is permissible in Shari’ah, except when the very activity of the issuing corporation is prohibited in Islam, such as alcoholic beverage breweries or interest-based financial corporations. On the other hand, bonds are interest-bearing instruments, and interest is prohibited in Islam. But regardless of the matter of lawfulness of holding bonds, they represent capital owned by people and their zakatability must be discussed. Two broad opinions are formulated among contemporary scholars on this issue.
Die erste Meinung
The first opinion
Eine Auffassung unterscheidet zwischen Aktien und Anleihen und behandelt Aktien entsprechend der Art der wirtschaftlichen Tätigkeit der Gesellschaft, deren Kapital sie darstellen.
One view distinguishes between shares and bonds and deals with shares in accordance with the nature of the economic activity of the corporation whose capital they represent.
Scheich 'Abd al-Rahman 'Isa vertritt in seinem Buch al-Mu'amalat al-Hadithah wa Ahkamuha [Moderne Transaktionen und ihre schariatischen Urteile] folgende Meinung:
Shaikh 'Abd al Rahman 'Isa, in his book al Mu'amalat al Hadithah wa Ahkamuha [Modern Transactions and Their Shari’ah Rulings] represents this opinion:
Manche Menschen, die Aktien einer Kapitalgesellschaft besitzen, kennen die scharia-rechtliche Bestimmung über deren Zakatpflicht nicht oder meinen, die Zakat sei auf alle Aktien von Kapitalgesellschaften zu entrichten, und auch das ist falsch. Es ist unerlässlich, zwischen Aktien entsprechend der Art der wirtschaftlichen Tätigkeit der Gesellschaft selbst zu unterscheiden. Die Aktien rein industrieller Gesellschaften, die keine Handelstätigkeiten ausüben, wie etwa Gesellschaften in den Bereichen Kälteanlagen, Hotels, Werbung, öffentlicher Verkehr, Schifffahrt und Luftfahrt, sind nicht zakatpflichtig, da das Kapital dieser Gesellschaften und die es repräsentierenden Aktien in Maschinen, Büros und Gebäude investiert sind, die nicht zakatpflichtig sind. Die auf diese Aktien ausgeschütteten Dividenden hingegen werden den übrigen Vermögenswerten der Aktionäre hinzugerechnet und sind am Ende des Jahres gemäß der Regel der Zakat zakatpflichtig.
Some people who own corporation shares may not know the Shari’ah ruling on their zakatability, or think that zakah is obligated on all corporations' shares, and this too is wrong. It is imperative to distinguish between shares in accordance with the nature of economic activity of the corporation itself. The shares of purely industrial corporations that do not practice any trade activities, such as a corporation dealing with refrigeration, hotels, advertising, public transportation, shipping, and airline industries, are not zakatable, since the capital of these corporations and the shares which represent it is invested in machinery, offices, and buildings, that are not zakatable. But dividends distributed on these shares are added to the other assets of the shareholders and are zakatable at the end of the year, according to the rule of zakah.
Handelsgesellschaften, die sich ausschließlich mit dem Kauf und Verkauf von Waren befassen, wie Import-/Export-Händler und Einzelhandelsunternehmen, sowie Gesellschaften, die Handel und Industrie verbinden, wie Gesellschaften, die Rohstoffe verarbeiten, welche von derselben Gesellschaft gefördert oder anderswo eingekauft wurden, und ihre Endprodukte verkaufen, sind in Bezug auf ihre Anteile zakatpflichtig. Das Kriterium für die Zakatpflicht der Anteile ist daher, ob die Gesellschaft zakatpflichtig ist, und dies hängt von der Verwendung ihrer Vermögenswerte ab. Die Anteile werden zu ihrem gegenwärtigen Wert bewertet. Abgezogen wird der Prozentsatz des Kapitals, das in Gebäude, Maschinen und Werkzeuge dieser Gesellschaften investiert ist. Nach Abzug dieses Prozentsatzes vom gegenwärtigen Wert des Anteils wird der verbleibende Betrag verzakatet.
Die zweite Meinung
The second opinion
Diese Auffassung behandelt alle Aktien und Anleihen gleich, unabhängig von der wirtschaftlichen Tätigkeit der emittierenden Gesellschaft. Die Professoren Abu Zahrah, 'Abd al Rahman Hasan und Khallaf vertreten die Ansicht, dass Aktien und Anleihen im Umlauf wie Handelswaren verwendet, gekauft und verkauft werden, üblicherweise zu einem Marktwert, der vom Nennwert abweicht. Sie gleichen somit Waren, die zum Weiterverkauf mit Gewinn erworben werden. Wie jedes andere Geschäftsinventar müssen sie daher verzakatet werden.6
This opinion treats all shares and bonds alike, regardless of the economic activity of the issuing corporation. Professors Abu Zahrah, 'Abd al Rahman Hasan, and Khallaf believe that shares and bonds are used in circulation, like commodities, purchased and sold, usually at a market value that is different from its face value. They are thus like commodities that are purchased for resale at a profit. Like any other business inventory, they must be zakated.6
Dies bedeutet, dass die Zakah auf Aktien und Anleihen auf Grundlage ihres aktuellen Marktwerts zuzüglich aller Dividenden und Zinsen berechnet wird, sofern die Summe mindestens den Nisab erreicht oder, wenn sie zu anderen Vermögenswerten desselben Inhabers hinzugerechnet wird, zusammen mindestens den Nisab ergibt.
This means that zakah is calculated on shares and bonds on the basis of their current market value plus all their dividends and interest, provided the totals equals at least nisab, or if added to other funds owned by the same holder, they make up at least nisab.
Der Satz liegt bei 2,5 Prozent, und bei Aktien als einziger Einkommensquelle wird ein Abzug für lebensnotwendige Bedürfnisse bzw. für das Mindestmaß an Lebenshaltungskosten vorgenommen. Mir scheint, diese Ansicht eignet sich eher für die Zahlungspflichtigen der Zakat, denn es ist einfach und leicht, den Marktwert zu kennen und bei allen Arten von Aktien die Erträge dazuzurechnen. Dies gilt, solange die Einzelnen gebeten sind, ihre Berechnungen selbst anzustellen. Wenn jedoch ein islamischer Staat die Gesetze der Zakat übernimmt, könnte es ratsam sein, die Zakat direkt von den Gesellschaften einzuziehen, auf der Grundlage der ersten Ansicht, derjenigen von Scheich 'Isa.
The rate is 2.5 percent, and deductions for essential needs or minimum cost of living is applied in the case where shares are the only source of income. It seems to me that this opinion is more suitable to zakah payers, because it is simply and easy to know the market value and add earnings to it on all kinds of shares. This is as long as individuals are asked to make their own calculations, but if an Islamic state adopts the laws of zakah, it may be advisable to collect zakah directly from corporations, on the basis of the first opinion, that of Shaikh 'Isa.
Zakatpflicht von Gesellschaften zusätzlich zu den Anteilseignern
Zakatability of corporations in addition to shareholders
Wenn Anteile wie Handelsware behandelt und der Zakat unterworfen werden, ist es dann erlaubt, zusätzlich zum Zakat der Anteilseigner auch den Zakat auf den Gewinn der Gesellschaften selbst zu erheben?
If shares are treated like trade inventory and subjected to zakah, is it lawful to impose zakah on the earning of the corporations themselves, in additions to the zakah on the shareholders?
Die Professoren Abu Zahrah und seine beiden Kollegen vertreten die Auffassung, dass Aktien wie Waren behandelt werden, die den Aktionären gehören, weshalb Kapitalgesellschaften für ihre eigenen Tätigkeiten zakatpflichtig sind, da ihr Vermögen wachsende Vermögenswerte sind, die in Handel und Industrie investiert werden; für diejenigen dagegen, die mit Aktien handeln und sie halten, sind Aktien lediglich Handelsware.7
Professors Abu Zahrah and his two colleagues consider that since shares are treated like commodities owned by shareholders, corporations are zakatable on their own activities, because their assets are growing assets invested in business and industry, while shares for those who trade shares and hold them are merely trade inventory.7
Dieser Auffassung zufolge sollen die Kapitalgesellschaften die Zakāh auf ihre Erträge vor deren Ausschüttung entrichten, und die Aktionäre müssen zusätzlich eine weitere Zakāh auf ihre Anteile entrichten, einschließlich der erhaltenen Dividenden. Das bedeutet, dass die Aktionäre einmal auf die Erträge der Gesellschaft und einmal auf ihr eigenes Vermögen sowie auf die ausgeschütteten Gewinne zakāhpflichtig werden. Diese Art der Doppelbelastung bei der Zakāh ist im Schari'ah-Recht untersagt. Ich bin der Ansicht, dass nur eine dieser beiden Zakāh-Abgaben erhoben werden darf, um eine solche Doppelbelastung zu vermeiden.
According to this opinion, the corporations should pay zakah on their earnings before distribution, and shareholders must also pay another zakah on their shares, including earned dividends. This means that the shareholders are zakated once on the earnings of the company and once on their own assets and distributed profits. This kind of duplication in zakah is prevented in Shari’ah. I believe that only one of these two zakahs must be applied in order to avoid such duplication.
Es könnte hilfreich sein, einige Beispiele aus den Schriften der Rechtsgelehrten anzuführen, die Licht auf diese Frage werfen. Wir haben im zweiten Kapitel gelernt, dass die Zakāt auf Weidevieh einstimmig verpflichtend ist, und wenn Vieh von Viehhändlern als Handelsware erworben wird, wird es entweder nach dem Satz für Vieh oder nach dem Satz für Handelsware verzakātet, keinesfalls jedoch zweimal, als Handelsware und zugleich als Weidevieh.
1. Mawarid al Dawlah von Sa'd Mahir Hamzah, S. 180.
1. Mawarid al Dawlah by Sa'd Mahir Hamzah, p. 180.
2. Al Mu'amalatal Hadithah wa Ahkamuha, S. 68-69.
2. Al Mu'amalatal Hadithah wa Ahkamuha, pp. 68-69.
3. Ebd., S. 73–74.
3. Ibid, pp. 73-74.
4. Ebd.
4. Ibid.
5. Siehe Kapitel eins dieses Teils.
5. See chapter one of this part.
6. Halaqat al Dirasat al Ijtima'iyah, Third Session, S. 242, wird festgehalten, dass die drei Professoren Aktien und Anleihen gleich behandeln, ohne die Unterscheidung, die Shaikh 'Isa trifft. Diese einheitliche Behandlung ist meiner Ansicht nach richtig. Man könnte einwenden, dass Anleihen Schulden darstellen und von einem Gläubiger auf den anderen übertragen werden können, was sie nach der Meinung vieler Rechtsgelehrter verbietet. Ihre Antwort auf diesen Einwand besteht darin, zu betonen, dass Anleihen zu Handelsgütern geworden sind, die, würden sie von der Zakat befreit, Anleger dazu anregen würden, mehr Anleihen zu halten. Die Befreiung von der Zakat ist kein Mittel, unerwünschte Bestände und Transaktionen zu verringern. Außerdem ist es nicht verboten, unrechtmäßig erworbene Einkünfte für wohltätige Zwecke auszugeben, wenn die ursprünglich erlaubte Quelle dieses Einkommens nicht feststeht.
6. Halaqat al Dirasat al Ijtima'iyah, Third Session, p. 242, it is noted that the three professors treat stocks and bonds similarly, without the distinction made by Shaikh 'Isa. This unified treatment is, in my opinion, correct. One may object on the grounds that bonds represent debts and may change hands from one creditor to another, which makes them forbidden, according to many jurists. Their reply to this objection is to emphasize that bonds have become commodities which, if exempted from zakah, would encourage investors to hold more bonds. Exempting them from zakah is not a means to reduce undesired holdings and transactions. Moreover, it is not prohibited to spend unlawful earnings on charity when the original lawful source of that earning is not determined.