9.9 Nachwort
9.9 Epilogue
Zakāt: ein neues und einzigartiges System
Zakah: a new and unique system
Ich denke, dem Leser ist mittlerweile klar, dass die Zakāt ein einzigartiges System ist, das in keinem göttlichen oder menschengemachten Gesetz einen Vorläufer hat. Sie ist eine Verbindung aus finanziellen, wirtschaftlichen, sozialen, politischen, moralischen und religiösen Elementen.
I believe the reader realizes by now that zakah is a unique system, unprecedented by any divine or man-made laws. It is a financial, economic, social, political, moral, and religious blend.
Es handelt sich um eine klar festgelegte finanzielle Abgabe, die manchmal auf Köpfe erhoben wird, wie die Zakat al-Fitr, und manchmal auf Kapital und Einkommen. Damit stellt sie einen dauerhaften und kontinuierlichen Fluss von Mitteln in die öffentliche Staatskasse des islamischen Staates dar, der dafür bestimmt ist, Männer und Frauen aus der Fessel der Not zu befreien und ihre wirtschaftlichen Bedürfnisse zu decken. Sie bekämpft die Anhäufung von Reichtum und das Horten von Vermögen, das dem Kreislauf und der Investition entzogen wird. Sie ist ein soziales System, denn die Zakat sichert den Einzelnen gegen Behinderung, Unfälle und Katastrophen ab. Sie verwirklicht die humanistischen Ideale der sozialen Solidarität und Zusammenarbeit, in denen die Begüterten den Bedürftigen helfen, die Starken die Schwachen tragen und die Reichen den Armen und dem Reisenden geben. Der Abstand zwischen Reich und Arm schrumpft, und Neid, Eitelkeit und Hass werden verringert. Darüber hinaus unterstützt das Zakat-System finanziell Reformer und Vermittler in Streitfällen, damit sie solche großen Aufgaben fortführen können, um die edlen sozialen und moralischen Ziele der Zakat zu erfüllen.
It is a well-defined financial tax imposed on heads sometimes, like zakah of al fitr, and other times on capital and income. Thus it represents a permanent and continuous flow of resources to the public treasury of the Islamic state, devoted to liberating men and women from the bondage of need and fulfilling their economic necessities. It fights accumulation of wealth and hoarding it away from circulation and investment It is a social system because zakah secures individuals against disability, accidents, and catastrophes. It realizes humanistic aspirations of social solidarity and cooperation, in which the haves help the have-nots, the strong carry the weak, and the rich give the indigent and wayfarer. The distance shrinks between the rich and the poor, and elements of jealousy, vanity, and hatred are diminished. Moreover, the zakah system financially aids reformers and mediators of disputes to carry on such great missions in order to fulfill the noble social and moral objectives of zakah.
Es ist auch politisch, denn die Institution der Zakāt ist Teil des Staates. Die islamische Regierung übernimmt die volle Verantwortung für das Einsammeln und Verteilen der Zakāt nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und für die Einstellung des notwendigen Personals. Darüber hinaus können einige Verteilungskategorien nur vom Staat entschieden werden, etwa die Gewinnung der Herzen (Mu'allafat al-qulūb) und, allgemein, der Anteil, der „auf dem Weg Gottes“ ausgegeben wird. Sie hat einen moralischen Zweck, denn das eigentliche Ziel der Zakāt ist es, die Seelen der Reichen von Selbstsucht und dem Verlangen nach Anhäufung zu reinigen und zu läutern. Sie zielt darauf ab, die Reichen zu Opferbereitschaft zu erziehen und dazu, zum Wohl anderer Menschen beizutragen. Die Zakāt ist ein Schwert gegen Neid und Eitelkeit. Sie zielt darauf ab, dass Brüderlichkeit und Liebe unter allen Menschen in der Gesellschaft vorherrschen.
It is political as well, because the institution of zakah is part of the state. The Islamic government takes full responsibility for collecting and distributing zakah according to the principles of justice, and to appoint necessary personal. Additionally, some categories of distribution can only be decided by the state, such as heart reconciliation and, in general, the share spent "in the way of God." It has a moral purpose because the very objective of zakah is to cleanse and purify the souls of the rich from selfishness and desire for accumulation. It aims to train the rich to sacrifice and to contribute to the welfare of other people. Zakah is a sword against jealousy and vanity. It aims at making brotherhood and love prevail among all people in the society.
Zunächst einmal ist die Zakat ein gottesdienstlicher Akt, denn die Entrichtung der Zakat stellt eine wesentliche Säule des Islam dar. Sie gehört zu den grundlegenden Formen der Anbetung, durch die Männer und Frauen Gott gehorchen und Ihm gefallen. Darüber hinaus dienen einige ihrer Verwendungszwecke unmittelbar dem Fortschritt der Religion: dem Bekanntmachen des Islam bei allen Menschen und dem Gewinnen der Herzen für den Islam, sei es die Herzen neuer oder künftiger Konvertiten. Die Verwendung der Zakat „auf dem Weg Gottes“ zielt darauf ab, das Wort Gottes zur Geltung zu bringen – welch ein erhabenes religiöses Ziel.
Before all, it is a religious worship, for performing zakah establishes an essential pillar of Islam. It is one of the basic forms of worship through which men and women obey God and please Him. Additionally, some of its expenditures deal directly with the progress of religion: making Islam know to all people, and reconciling hearts to Islam whether they are hearts of new or prospective converts. The spending of zakah "in the way of God" aims at making the word of God supreme - what a glorious religious objective.
Schließlich ist die Zakah allein ein klarer Beweis dafür, dass diese Religion von Gott stammt. Denn Muhammad ﷺ, ein Analphabet aus einer analphabetischen und rückständigen Gesellschaft, hätte niemals aus eigenem Antrieb ein so einzigartiges und gerechtes System ersinnen können, selbst nicht mit all dem Wissen und den Mitteln, die er hätte aufbieten können, wäre es nicht Vers für Vers von Gott herabgesandt worden, als Rechtleitung für alle Menschen, wäre es ihm nicht vom Allwissenden gelehrt worden. Wahrlich, die Gnaden Gottes an Muhammad ﷺ und an die gesamte Menschheit sind großartig.
Lastly, zakah alone is bright evidence that this religion is from God, for Muhammad (p), an illiterate man from an illiterate and backward society, could never have thought of such a unique and just system on his own, not with all the information and resources he could muster, if it were not descending from God verse after verse, as a guidance to all human beings, if it were not taught to him by the Most Knowledgeable. Indeed, the bounties of God on Muhammad (p) and on all humanity are magnificent.
Nicht-muslimische Autoren legen Zeugnis ab
Non-Muslim writers give testimony
Dieses einzigartige System der Zakah, das von vielen Muslimen missverstanden und häufig falsch angewendet wird, findet Bewunderer unter nichtmuslimischen Schriftstellern, die es untersucht und ihre Meinung dazu geäußert haben. In seinem Buch The Preaching of Islam beschreibt Thomas Arnold einige der Riten des Islam, insbesondere die Pilgerfahrt, und spricht dann über die Zakah: „Neben der Institution der Pilgerfahrt finden wir die Entrichtung der Zakah als eine weitere grundlegende Pflicht, die jeden Muslim an den Vers Gottes erinnert: ‚Die Gläubigen sind nur eine Brüderschaft‘, ein religiöses Ideal, das in der islamischen Gesellschaft auf eine Weise großartig verwirklicht ist, die uns alle überrascht. Es zeigt sich in allen Akten der Zuwendung gegenüber den Glaubensgeschwistern, ungeachtet der Rasse, des Geschlechts, der Hautfarbe oder der Abstammung. Ein Muslim wird Mitglied im Band der Gläubigen und nimmt sogleich seinen Platz gleichberechtigt neben anderen Muslimen ein.“ Lloyd Rouch sagt: „Ich finde im Islam die Lösung der beiden großen sozialen Probleme, die die Gedanken der Welt beschäftigen. Das erste ist in der Aussage des Qur’an enthalten: ‚Die Gläubigen sind nur eine einzige Brüderschaft.‘ Dies ist das schönste Prinzip des Sozialismus. Das zweite ist die Pflicht der Zakah für jeden wohlhabenden Menschen und die Erlaubnis, dass die Armen sie mit Gewalt nehmen dürfen, wenn die Reichen sich weigern, sie freiwillig zu zahlen; und dies ist das Heilmittel gegen die Anarchie.“2
This unique system of zakah, which is misunderstood and often badly applied by many Muslims, finds admirers among non-Muslims writers who have studied it and given their opinions about it. In his book The Preaching of Islam, Thomas Arnold describes some of the rites of Islam, especially pilgrimage, and then goes on to speak about zakah: "Besides the institution of pilgrimage, we find the performance of zakah another basic obligation which reminds every Muslim of the verse of God, 'Believers are but one brotherhood,' which is a religious ideal realized magnificently in Islamic society in such a way that surprises all of us. It is seen in all acts of tenderness toward fellow Muslims, regardless of race, sex, color, or ancestry. A Muslim becomes a member in the bond of believers and immediately takes his place equal to other Muslims." Lloyd Rouch says, "I find in Islam the solution of the two major social problems that occupy the minds of the world. The first is in the statement of the Qur'an, 'Believers are but one single brotherhood.' This is the most beautiful principle of socialism. The second is the obligation of zakah on every wealthy person and allowing the poor to take it by force if the rich refuse to pay it voluntarily, and this is the cure for anarchy."2
Muhammad Kurd 'Ali zitiert einen anderen ausländischen Schriftsteller, der über die Zakāt sagt: Diese Steuer ist neben einer religiösen Pflicht, die von allen verlangt wird, ein soziales System und eine Einnahmequelle für den muslimischen Staat, die dazu dient, die Armen systematisch, geradlinig und ohne Willkür oder Versklavung zu versorgen und zu bereichern. Sie ist kein beiläufiges Ereignis im Leben der muslimischen Gesellschaft. Dieses wunderbare System wurde vom Islam zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit eingeführt. Diese Steuer, die Zakāt, die Grundbesitzern, Kaufleuten und Wohlhabenden auferlegt wird, um an Bedürftige, Arme und Behinderte verteilt zu werden, hat die Schranken niedergerissen, die die Nation in Klassen teilen, und vereint die islamische Nation auf der Grundlage der Gerechtigkeit zu einer einzigen sozialen Gruppe. Damit beweist das islamische System, dass es nicht auf Hass oder Selbstsucht beruht.“3 Muhammad 'Ali zitiert außerdem den bekannten französischen Orientalisten Massignon, der sagt: „Diese Religion des Islam besitzt die Fähigkeit, das Prinzip der Gleichheit streng zu verwirklichen, indem sie jedem Einzelnen die Zakāt auferlegt, die an die öffentliche Schatzkammer gezahlt wird, und indem sie sich gegen zinsbehaftete Darlehen und indirekte Steuern richtet, die gewöhnlich auf die Grundbedürfnisse erhoben werden. Zugleich tritt diese Religion für das Privateigentum und das Handelskapital ein. So steht der Islam einmal mehr in der Mitte, ausgewogen zwischen den Theorien des bürgerlichen Kapitalismus und des bolschewistischen Kommunismus.“4
Zitate muslimischer Reformer
Quotations from Muslim reformists
Nach Zitaten von Orientalisten führen wir einige Zitate muslimischer Autoren zur Zakah an. Muhammad Rashid Rida schreibt in seiner Auslegung des Qur'an:
After quotations from orientalists, we give a few quotations from Muslim writers about zakah. Muhammad Rashid Rida, in his explanation of the Qur'an notes:
Im Hinblick auf die Auferlegung der Zakāt unterscheidet sich der Islam von allen Religionen und Gesetzgebungen, wie die meisten Schriftsteller verschiedenster Herkunft bekennen. Würden die Muslime nur diese Säule ihrer Religion errichten, so würde es in ihren Gesellschaften niemals Arme, Bedürftige oder Menschen geben, die unter der Last von Schulden stehen.
In imposing zakah, Islam is distinct from all religions and legislations, as confessed by most writers of many origins. If Muslims would only establish this pillar of their religion, no poor or needy or persons under pressure of debts would ever exist in their societies.
Leider vernachlässigen viele Muslime diese Pflicht, und infolgedessen fügen sie ihrer Religion und ihrer Nation Schaden zu. So sind sie in politischen und finanziellen Angelegenheiten zur schlechtesten aller Nationen geworden, in dem Maße, dass sie sogar die Kontrolle über ihre eigenen Länder verloren haben und abhängig von anderen Nationen geworden sind, selbst bei der Erziehung ihrer Kinder. Muslimische Kinder werden heute in christlichen Missionsschulen unterrichtet, wodurch sie ihren Nationen verloren gehen und Fremden versklavt werden. Wenn man sie fragt: „Warum errichtet ihr nicht selbst Schulen auf hohem Leistungsniveau, anstatt eure Kinder in Missionsschulen zu schicken?", antworten sie: „Wir haben nicht die finanziellen Mittel dazu." In Wirklichkeit fehlen ihnen der Eifer, der Verstand und der Wille, ihre Religion umzusetzen. Und sie sehen mit eigenen Augen, wie andere Menschen Geld ausgeben, um Schulen sowie karitative und politische Organisationen zu finanzieren. Daher sei den Muslimen, die ihre Religion verloren haben und dadurch tatsächlich auch ihren weltlichen Lebensunterhalt verloren haben, Folgendes gesagt: Gott spricht: „Diejenigen, die Gott vergessen, bewirkt Er, dass sie ihre eigenen Seelen vergessen; das sind die Frevler." Diejenigen, die zur Reform der muslimischen Gesellschaften aufrufen, müssen damit beginnen, die Überreste von Religion und Würde zu retten, indem sie Organisationen gründen, die die Zakāt einsammeln und gemäß der Scharia verteilen. Sie müssen erkennen, dass der Anteil für die Befreiung von Sklaven dazu verwendet werden muss, Menschen zu befreien, die unter dem Kolonialismus leiden, sofern niemand mehr in der Knechtschaft der Sklaverei ist, und dass der Anteil „auf dem Weg Gottes" dazu verwendet werden muss, das islamische System durch die herrliche Form des Dschihad wiederherzustellen, der den Islam vor der Aggression der Ungläubigen bewahrt. Sie müssen ausgeben, um zum Islam aufzurufen und seine Werte durch Schrift und Rede zu verteidigen, wenn eine solche Verteidigung nicht mit Waffen durchführbar ist. Wir müssen erkennen, dass es ausreicht, wenn alle oder die Mehrheit der Muslime die Zakat entrichten und sie gemäß ihrer rechtmäßigen Bestimmung verwenden, um den Glanz des Islam wiederherzustellen, das zurückzugewinnen, was Ausländer vom muslimischen Land geraubt haben, und die Muslime aus der Knechtschaft der Ungläubigen zu befreien. Dies kann nur geschehen, indem man ein Zehntel oder ein Viertel eines Zehntels des Vermögens ausgibt, das die Reichen besitzen. Wir sehen mit eigenen Augen, dass viele Menschen, die über muslimische Länder herrschen, für ihre eigenen Nationen und Ideologien weit mehr ausgeben, ohne dazu sogar von ihrem Herrn verpflichtet zu sein.
Fußnoten
Footnotes.
1. The Preaching of Islam, von Thomas Arnold, übersetzt von Dr. Hasan Ibrahim Hasan und seinem Kollegen, S. 167.
1. The Preaching of Islam, by Thomas Arnold, translated by Dr. Hasan Ibrahim Hasan and his colleague, p. 167.
2. Islam und die arabische Kultur, von Muhammad Kurd 'Ali.
2. Islam and Arabic culture, by Muhammad Kurd 'Ali.
3. Ebd., S. 76-77.
3. Ibid, pp. 76-77.
4. Ebd.
4. Ibid.
5. In Defense of Islam, S. 69.
5. In Defense of Islam, p. 69.
6. Sure al-Hashr, 59:19.
6. Sura al Hashr, 59:19.
7. Tafsir al-Manar, Bd. 2.
7. Tafsir al Manar, Vol. 2.
8. Al-Islam, ʿAqīdah wa Sharīʿah, von Mahmud Shaltut.
8. Al Islam, 'Aqidah wa Shari'ah, by Mahmud Shaltut.
9. Sure at-Tauba, 9:103.
9. Sura al Tawbah, 9:103.
10. Ebd., 9:60.
10. Ibid, 9:60.
11. Usus al Iqtisad fi al Islam, von Abu al A'la al Maududi, S. 28-131.
11. Usus al Iqtisad fi al Islam, by Abu al A'la al Maududi, p. 28-131.
12. Siehe al-Kharaj von Abu Yusuf, besonders die Einleitung von Burhan Sati'.
12. See al kharaj, by Abu Yusuf, especially the introduction by Burhan Sati'.
13. Al Arkan al Arba'ah, von Abu al Hasan al Nadwi, S. 120–122.