6.6 Die Bereiche der Ahkam asch-Schari'ah, die keine 'Illah enthalten
6.6 The areas of Ahkam Shari‟ah which do not contain „Illah
Nach der stärksten Ansicht existiert keine ʿIllah im Asl (Ursprung) der Regeln bezüglich Speisen, Kleidung, Moral und den rituellen Gottesdiensten (ʿIbadat). Dies beruht auf zwei Gründen:
According to the strongest view no „Illah exists in the Asl (origin) of the rules relating to food, clothing, morals and ritual worships („Ibadat), this is due to two reasons:
a) Bei einer Untersuchung der Texte stellten wir fest, dass sie keine ʿIllah enthalten.
a) By a scrutiny of the texts we found that they do not contain „Illah.
b) Diese Regeln stehen in keinem Zusammenhang mit dem Erreichen von Ergebnissen in diesem Leben.
b) These rules are not related to achieving results in this life.
Die göttlichen Vorschriften, die sich auf ʿIbādāt (Gottesdienste), Maṭʿūmāt (Nahrungsmittel), Malbūsāt (Kleidung) oder Akhlāq (Sittlichkeit) beziehen, können nicht durch ʿIllah begründet werden. Das Hauptmotiv für diese Handlungen ist die Anbetung, und daher gibt es keine greifbaren Ergebnisse, die wir anstreben, da die Ergebnisse im Jenseits liegen. Sie sind so zu nehmen, wie sie im Text überliefert sind, und dürfen nicht auf einer ʿIllah beruhen. So sind Gebet, Fasten, Pilgerfahrt, Zakāt, die Art des Betens (Ṣalāt), die Anzahl seiner Rakʿat, die Riten der Pilgerfahrt (Ḥajj) und der Mindestbetrag des Vermögens, der der Zakāt-Pflicht unterliegt (Niṣāb der Zakāt) und dergleichen so zu nehmen, anzunehmen und zu befolgen, wie sie im Text überliefert sind (Tawqīfiyyah), und es wird für sie keine ʿIllah gesucht. Dasselbe gilt für das Verbot, das Fleisch eines verendeten Tieres, Schweinefleisch und dergleichen zu essen. Nach einer ʿIllah für diese Vorschriften zu suchen, ist falsch und gefährlich, denn würde eine ʿIllah gesucht, ergäbe sich daraus, dass die Vorschrift nicht mehr bestünde, sobald die ʿIllah der Vorschrift wegfiele. Das liegt daran, dass die ʿIllah mit der Vorschrift im Vorhandensein wie im Fehlen verbunden ist.
The divine rules related to „Ibadat (worships), Mat‟umaat (foodstuffs), Malboosaat (clothing) or Akhlaq (morals) cannot be reasoned by „Illah. The primary motive for these actions is worship and hence there are no tangible results that we seek since the results are in the Hereafter. They should be taken as they came in the text and should not be based upon an „Illah. Thus, prayer, fasting, pilgrimage, Zakah, the method of praying (Salah), the number of its rak'at, the rites of pilgrimage (hajj) and the minimum amount of property liable to payment of Zakah (Nisab of Zakah), and the like should be taken, accepted and submitted to as they came in the text (Tawkifiyyah) and no „Illah is sought for them. The same applies to the prohibition of eating the meat of a dead animal, pork and the like. Seeking „Illah for these rules is wrong and dangerous, because if an „Illah was sought the result would be that if the „Illah of the rule ceased to exist then the rule would no longer exist. This is because the „Illah is connected to the rule in existence and absence.
Als Beispiel: Würden wir annehmen, Sauberkeit sei die ʿIllah (Ursache bzw. der rechtliche Grund) für die Waschung (Wudhu), körperliche Bewegung die ʿIllah für das Gebet und eine gute Verdauung die ʿIllah für das Fasten usw., dann würde in all den Fällen, in denen die ʿIllah nicht vorhanden ist, auch die Regel nicht gelten. Das würde dazu führen, dass wir diese Vorschriften der Scharia aufgeben. Ein weiteres Beispiel: Wenn jemand ein Schwein aufzöge, das er mit gutem Futter fütterte und auf hygienische Weise hielte, würden wir es dann essen dürfen? Natürlich wäre dies damit nicht erlaubt.
As an example, if we assumed cleanliness was the „Illah for the Wudhu (ablution), and physical exercise as the „Illah for prayer, and good digestion as the „Illah for fasting etc., then in these situations whenever the „Illah doesn't exist, the rule would not exist either, this would lead us to abandoning these shari‟ah rules. Another example would be if someone raised a clean pig which they had fed with good food and kept in a hygienic manner, would we then be permitted to eat it? Of course that would not make it permissible.
Daher ist das Suchen nach einer ʿIlla gefährlich für die Regel und deren Ausführung. Daher ist es verpflichtend, die Regeln der ʿIbādāt so zu nehmen, wie sie sind, ohne für sie eine ʿIlla zu suchen.
Therefore seeking an „Illah is dangerous for the rule and its performance. Thus, it is obligatory to take rules of „Ibadat as they are, without seeking an „Illah for them.
Entgegen einem verbreiteten Irrtum enthält das Verbot von Alkohol keine ʿIlla. In den Versen, die es untersagen, ist keine ʿIlla enthalten; darüber hinaus sagte der Gesandte ﷺ:
Contrary to a common misconception the prohibition of alcohol contains no „Illah. There is no „Illah contained in the verses prohibiting it, furthermore the Messenger (saw) said:
„Wein (khamr) war an sich verboten.“ Dennoch können in den Furu‘ (Zweigen) des Gottesdienstes (‘Ibadat) Ursachen (‘Illah) vorliegen, weil bestimmte greifbare Ergebnisse angestrebt werden. Zum Beispiel gehört der Dschihad zu den Regeln des Gottesdienstes (‘Ibadat), doch seine Durchführung bringt bestimmte greifbare Ergebnisse mit sich, weshalb die Möglichkeit besteht, dass Ursachen (‘Illah) vorhanden sind. Die Vorbereitung auf den Dschihad ist daher ein greifbares Ergebnis, das angestrebt wird, und sie enthält eine Ursache (‘Illah), nämlich den Feind in Schrecken zu versetzen.
» قش صِ ج خٌ شّ ؼٌ ١ ٕٙح « “Wine (khamr) was forbidden for itself.” However in the Furu‟ (branches) of worship „Illah‟s may exist because certain tangible results are sought. For example, Jihad is from the rules of worship („Ibadat) but its performance entails certain tangible results and hence there is a propensity for „Illah‟s to exist. So preparation for Jihad is a tangible result which is sought and it does contain an „Illah which is to terrify the enemy.
Die Sitten (Akhlaq) sind Werte, für die Regeln festgelegt wurden, um die Tugenden und edlen Taten sowie deren Gegenteil zu veranschaulichen. Sie ergeben sich ebenfalls aus der ʿIbādāt und werden auch in den Muʿāmalāt beachtet. Dies liegt daran, dass der Islam mit seiner Gesetzgebung das Ziel verfolgt, den Menschen auf den Weg zur Vollkommenheit zu führen, damit er das höchstmögliche erreichbare Niveau erlangt. Daher muss der Mensch darauf hinarbeiten, die höchsten Eigenschaften zu erwerben und sie zu bewahren. Die gute Sitte ist ein Wert, der erreicht werden soll, weil die Scharīʿa sie festgelegt hat, und ihr Wert wird angestrebt, wenn diese Tugenden ausgeübt und erworben werden. Die Sitten sind ein Teil der islamischen Scharīʿa und ein Teil der Gebote und Verbote Allahs, die jeder Muslim verwirklichen muss, damit seine Ausübung des Islam vollständig wird und seine Befolgung der Gebote und Verbote Allahs vollkommen ist.
The morals (Akhlaq) are values for which rules have been established to illustrate the virtues and noble deeds and their opposite. They also result from „Ibadat, as well as being observed in Mu'amalat. This is because Islam aims in its legislation to take man on the road towards perfection, so as to reach the highest achievable level. Therefore man has to work towards acquiring the supreme qualities and to maintain them. The good moral is a value which is intended to be achieved because it is one which Shar‟a has stated, and its value is targeted when performing these virtues and acquiring them. Morals are a part of the Islamic Shari‟ah, and a part of the commands and prohibitions of Allah, which must be achieved by every Muslim so that his performance of Islam becomes complete, and his undertaking of the commands and prohibitions of Allah is perfected.
Ein Muslim erwirbt moralische Eigenschaften weder um ihrer selbst willen noch um ihres Nutzens willen. Vielmehr erwirbt er sie allein deshalb, weil Allah ihm geboten hat, sie zu besitzen, und aus keinem anderen Grund. Ein Muslim zeichnet sich daher nicht durch Wahrhaftigkeit um der Wahrhaftigkeit selbst willen aus, noch wegen des Vorteils, den sie bringt, sondern weil die Scharia sie angeordnet hat.
A Muslim neither acquires moral attributes for their sake, nor for their benefit. Rather he acquires them only because Allah commanded him with them and for no other reason. So, a Muslim is not characterised with truthfulness for the sake of truthfulness itself, nor for the benefit it has, rather because Shar‟a ordered of it.
Ein Muslim sollte Moral nicht um der Moral willen erwerben. Eine Handlung, die ein Mensch ausführt, mag an sich schlecht sein, doch er hält sie für gut, und so führt er sie aus. Auch die Eigenschaft, mit der er charakterisiert wurde, mag an sich schlecht sein, doch er betrachtet sie als gute Eigenschaft, und so erwirbt er sie. Dadurch entstehen Fehler, weil der Mensch Moral um ihrer selbst willen praktiziert. Zum Beispiel mag jemand danach streben, wahrhaftig zu sein, nur um der Wahrhaftigkeit selbst willen. Wenn er dann vom Feind gefangen genommen wird, ist er ihnen gegenüber wahrhaftig und gibt ihnen alle Informationen über die Position der muslimischen Truppen und ihre Strategie, obwohl der Prophet ﷺ gesagt hat:
A Muslim should not acquire morals for the sake of morals. An action which man performs might be by itself, bad, but he thought it good, so he performed it. The attribute, which he was characterised with, might be by itself bad, but he considers it a good attribute so he acquired it and thus errors would arise because man performed morals for their own sake. For example, someone may seek to be truthful for the sake of it, therefore when he is captured by the enemy he is truthful to them and gives them all the information regarding the position of the Muslim troops and their strategy even though the Prophet (saw) said:
„Krieg ist Täuschung“. Und der Islam verbietet es, dem Feind Informationen zu geben, die zum Schaden der Muslime führen würden.
»َ ج كٌَْشْخَ خَذْػَس « “War is deceit” And Islam prohibits giving information to the enemy that would lead to harming the Muslims.
Sofern der Islam die guten und die schlechten Eigenschaften nicht festlegt und der Muslim sie nicht entsprechend dieser Festlegung ausübt, wäre sein Erwerb dieser Eigenschaften nicht mit den Ahkam Shari‟ah im Einklang. Deshalb soll der Muslim nicht durch Wahrhaftigkeit um der Wahrhaftigkeit willen gekennzeichnet sein, noch durch Mitgefühl um des Mitgefühls willen, noch durch alle Tugenden um ihrer selbst willen. Vielmehr soll er durch sie als Gebote Allahs gekennzeichnet sein, denn die grundlegende Tatsache ist, dass diese Tugenden auf dem islamischen ‘Aqeedah beruhen. Die Beachtung dieser Sache würde den Besitz der Tugenden in den Einzelnen garantieren und so die Seele von jeglicher Unreinheit reinigen und sie von allen verderblichen Einflüssen fernhalten. Deshalb ist der beste Weg, die Sitten zu bewahren, sie auf das zu beschränken, was im Text (Qur'an und Sunnah) festgelegt ist.
Unless Islam defines the good attributes and the bad attributes and unless the Muslim performs them according to this definition, then his acquiring of these attributes would not be in compliance with the Ahkam Shari‟ah. Therefore, the Muslim should not be characterised with truthfulness for the sake of truthfulness, nor should he be characterised with compassion for the sake of compassion, nor should he be characterised with all the morals for their own sake. Rather he should be characterised with them as commands from Allah, because the fundamental fact is that these morals are based on the Islamic „Aqeedah. Observing this issue would guarantee the possession of the morals in individuals, thus purifying the soul of any impurity and distancing it from any corrupting factors. Therefore, the best way to protect morals is to confine them to what is stated in the text (Qur'an and Sunnah).
Was den Charakter betrifft, so ist es nicht zulässig, sittliche Werte um eines Nutzens willen anzunehmen. Denn der Nutzen ist nicht das Ziel der Sittlichkeit und darf auch nicht als Ziel angestrebt werden, da er sie sonst verdirbt und sie um den Nutzen kreisen lässt. Sittliche Werte sind vielmehr Eigenschaften, mit denen der Mensch aus freiem Willen und aus eigenem Antrieb ausgestattet sein muss, und zwar aus der Triebkraft der Gottesfurcht (Taqwa). Ein Muslim hält sich nicht an sittliche Werte, nur weil sie ihm im Leben nützen oder schaden, sondern er tut dies in Befolgung der Gebote und Verbote Allahs. Dieses Verständnis macht die Ausprägung guter Sitten beständig und lässt sie nicht um den Nutzen kreisen. Sittlichkeit, die auf dem Tausch von Nutzen beruht, würde den Menschen zum Heuchler machen, der bestimmtes Verhalten zeigt, während er sein wahres Wesen verbirgt. Zum Beispiel könnte jemand nur deshalb freundlich zu einem anderen Menschen sein, weil er möchte, dass dieser etwas bei ihm kauft; wenn es jedoch jemanden gibt, von dem er keinen materiellen Nutzen erlangen kann, dann wird er zu diesem auch nicht freundlich sein.
As for not acquiring morals for the sake of benefit, this is because benefit is not intended of the moral and should not be aimed at, lest it corrupts it and makes it revolve around the benefit. Hence, morals are attributes which man must be characterised with, freely and willingly, by the incentive of Taqwa (the fear of Allah). A Muslim does not abide by morals simply because they benefit or harm him in life, but he does so in response to the commands and prohibitions of Allah. This is the understanding, which makes characterisation with good morals constant and does not revolve around benefit. Such morals built on the exchange of benefit would make the individual a hypocrite, revealing certain behaviour while concealing his true nature. For example, may only be nice to another person because he wants him to buy something from him, but if there is someone who he cannot obtain material benefit from then he would not be nice to him.
Daher werden Sittlichkeiten nicht durch Vernunft begründet, und für sie sollte niemals eine ʿIllah erfunden werden. Sie müssen so angenommen werden, wie sie in der Schariʿa gekommen sind, unabhängig von einer etwaigen ʿIllah. Es ist irrig und gefährlich, nach einer ʿIllah für Sittlichkeiten zu suchen, damit man nicht die Kennzeichnung durch Sittlichkeiten aufgibt, wenn ihre ʿIllah entfallen ist.
Therefore, morals are not reasoned, and „Illah should never be invented for them. They must be accepted as they came in Shar‟a, irrespective of any „Illah. It is erroneous and dangerous to seek „Illah for morals, so as not to abandon the characterisation with morals when their „Illah has ceased.