7.6 Masalih al-Mursalah
7.6 Masalih Al Mursalah
Wörtlich bedeutet Maslahah Nutzen oder Interesse. Als juristischer Begriff bezeichnet Maslahah Mursalah die Anerkennung des öffentlichen Interesses in Ermangelung einer Bestimmung zu einer Frage im Qur'an oder in der Sunnah.
Literally, Maslahah means benefit or interest. As a juristic term Maslahah Mursalah refers to accepting public interest in the absence of ruling regarding an issue from the Qur‟an or Sunnah.
7.6.1 Arten der Maslahah al-Mursalah
7.6.1 Types of Masalih Al Mursalah
A. Maslahah, die durch einen Text aufgehoben wird – Maslahah (Nutzen/Interesse), die aufgrund einer Bestimmung aus dem Text aufgehoben wird. Alle sind sich einig, dass diese Art von Maslahah ungültig ist.
A. Maslahah cancelled by the text - Maslahah (benefit/interest), which is cancelled due to a ruling from the text. All agree that this kind of Maslahah is invalid.
Beispiel:
Example:
Einer der Khalifen hatte am Tag im Ramadan eheliche Beziehungen mit seiner Frau. Einer der Ulema riet dem Khalifen, als Kaffarah zwei aufeinanderfolgende Monate zu fasten. Ein anderer Gelehrter fragte diesen Gelehrten, wie er dieses Urteil erlassen habe, obwohl der Khalif zunächst einen Sklaven freilassen müsse, und falls er dazu nicht in der Lage sei, dann 60 Menschen zu speisen, und falls er auch dazu nicht in der Lage sei, dann zwei aufeinanderfolgende Monate zu fasten.
One of the Khaleefahs had marital relations with his wife during the daytime in Ramadan. One of the Ulema advised the Khaleefah to fast two consecutive months as Kaffarah. Another „Alim asked this „Alim how he issued this ruling when the Khaleefah first must free one slave, and if he could not, then feed 60 people, and, if he cannot, then he should fast two consecutive months.
Der ʿĀlim antwortete, dass es für den Khalifen einfach gewesen wäre, wenn er die ersten beiden Strafen angeordnet hätte, und dass er dieselbe Tat dann möglicherweise erneut begangen hätte. Diese Form der Maslahah ist ungültig, weil es zu dieser Angelegenheit bereits eine Bestimmung aus der Sunnah gibt. Die Bestimmung lautet: Wenn eine Person ihr Fasten im Ramadan bricht, indem sie Geschlechtsverkehr mit ihrer Ehefrau hat, dann muss sie einen Sklaven freilassen. Kann sie dies nicht, muss sie 60 Menschen speisen. Kann sie auch dies nicht, muss sie 60 Tage fasten. Dies beruht auf einem Hadith, der von al-Bukhari, Muslim, Ibn Majah und Abu Dawud überliefert wird. Diese Reihenfolge kann nicht geändert werden.
The „Alim answered, that if he had ordered the first two punishments, then it would have been easy for the Khaleefah and he might have done the same act again. This form of Maslahah is invalid because a ruling on the issue already exists from Sunnah. The ruling is that if a person breaks his fast in Ramadan by having sexual intercourse with his wife, then he has to free a slave. If he can‟t, then feed 60 people, if he can‟t, then fast 60 days. This is based on a Hadith reported by Bukhari, Muslim, Ibn Majah and Abu Dawud. This order cannot be changed.
B. Maslaha, die von der Scharia gebilligt wird – ein Nutzen, den die Scharia nicht verbietet. Als Beispiel dient die Erlaubnis für Menschen, Handel zu treiben. Dieser Handel liegt im Interesse der Menschen, und der Qur'an hat uns erlaubt, Handel zu treiben. Alle sind sich einig, dass diese Art gültig ist.
B. Maslahah approved by the Shari‟ah - Benefit, which the Shari‟ah does not forbid. As an example, allowing people to trade. This trade is the interest of the people and Qur‟an allowed us to conduct trade. All agree that this type is valid.
C. Die Annahme des Maslahah (Nutzen/Interesse) bei einer Handlung, zu der es weder im Qur'an noch in der Sunnah eine Bestimmung gibt.
C. Adopting Maslahah (benefit/interest) in an action from which there is no ruling from Qur‟an and Sunnah.
Zum Beispiel das Sammeln des Qur'an oder das Aufheben der Hadd-Strafe (Strafe) für Diebstahl während einer Hungersnot.
For example compiling the Qur‟an or cancelling the Hadd (punishment) for stealing during famine.
Unter den Gelehrten (Ulema) besteht kein Streit über die ersten beiden Arten der Maslahah al-Mursalah. Hinsichtlich der dritten Art der Maslahah gibt es jedoch Meinungsverschiedenheiten.
There is no debate amongst the Ulema on the first two types of Maslahah al Mursalah. But there is disagreement regarding the third type of Maslahah.
Manche haben es unter bestimmten Voraussetzungen akzeptiert, während andere es rundweg abgelehnt haben.
Some have accepted it within specific requirements while others have rejected it outright.
Die Gelehrten, die das Maslahah al-Mursalah anerkennen, führen folgende Begründungen an:
The Ulema who have accepted Maslahah al Mursalah give the following justifications:
A. Die Scharia kam im Allgemeinen, um die Interessen der Menschen auf die richtige Weise zu verwirklichen.
A. Shari‟ah, in general, came to satisfy the interests of the people in the correct manner.
B. Die Sahabah (ra) stimmten aufgrund von Maslahah (Nutzen/Interesse) der Sammlung des Qur'an zu, ohne dafür einen Beleg weder im Qur'an noch in der Sunnah zu haben. Dies gehört zu den vielen Beispielen, mit denen behauptet wird, die Sahabah (ra) hätten den Qur'an aufgrund seines Nutzens gesammelt, jedoch ohne einen Daleel.
B. Sahabah (ra) agreed through Maslahah (benefit/interest) to compile the Qur‟an without having evidence either in the Qur‟an or in the Sunnah to do so. This is among the many examples claiming that the Sahabah (ra) compiled the Qur‟an due to its benefit but without a Daleel.
Hinsichtlich der ersten Begründung ist es zwar richtig, dass die Scharia im Allgemeinen zum Wohl der Umma gekommen ist, doch können wir dieses Argument nicht als ʿIllah (Ursache) heranziehen, um jede Bestimmung zu rechtfertigen. Alle Bestimmungen aus dem Qur'an, der Sunnah, dem Idschmāʿ aṣ-Ṣaḥāba und dem Qiyās sind dazu da, unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Außerdem befolgt und vollzieht ein Muslim die Regeln aus Gehorsam gegenüber Allah (SWT) und nicht deshalb, weil die Bestimmungen leicht oder schwer sind oder mit einem Maslaha (Nutzen) zusammenhängen. Daher können wir den Nutzen nicht als Rechtfertigung heranziehen, um irgendeine Handlung zu legalisieren. Es muss ein Beleg vorliegen, der eine solche Handlung erlaubt.
Regarding the first justification, it is true that the Shari‟ah in general came for the interest of the Ummah, but we cannot use this argument as an „Illah (cause) to justify every ruling. All the rulings from Qur‟an, Sunnah, Ijma‟ as-Sahabah and Qiyas are there to satisfy our needs. In addition, a Muslim obeys and implements the rules as obedience to Allah (swt) and not because the rulings are easy, hard or connected with Maslahah (benefit). So we cannot use the benefit as a justification to legalise any action. There has to be evidence allowing such an action.
Hinsichtlich der zweiten Begründung wird sich bei der Untersuchung all dieser Beispiele zeigen, dass die Sahabah (ra) die Belege gründlich verstanden haben. Die Regeln des Usul al-Fiqh wurden damals nicht niedergeschrieben. Die Sahabah (ra) leiteten Urteile ab, aufgrund ihrer Fähigkeit, sowohl die Sprache als auch den Text zu verstehen. Wir beobachten bei ihnen keine Handlungen, die nicht im Text begründet gewesen wären.
Regarding the second justification, by investigating all of these examples it will become obvious that the Sahabah (ra) understood the evidences thoroughly. The rules of Usul al-Fiqh were not written at the time. The Sahabah (ra) used to extract rulings because of their ability to understand both the language and text. We do not observe any actions by them, which did not have grounds from the text.
Hinsichtlich der Sammlung des Qur'an geschah dies nicht aufgrund von Maslahah. Die Sahaba (ra) erkannten, dass sie etwas unternehmen mussten, um den Qur'an zu bewahren, und dies steht im Einklang mit dem Vers:
Regarding the compilation of the Qur‟an, it was not done because of Maslahah. The Sahabah (ra) understood that they had to do something to preserve the Qur‟an and this is in compliance with the Ayah:
„Wahrlich, Wir haben die Ermahnung herabgesandt, und wahrlich, Wir sind ihr Hüter.“ (TMQ Al-Hidschr: 9)
“Lo! We revealed the Reminder, and Lo! We verily are its Guardian.” (TMQ Al-Hijr: 9)
Zusätzlich zu dem Vers gibt es einen Hadith, der die Muslime auffordert, jeden Schaden zu beseitigen oder zu vermeiden, Schaden zuzufügen. Der Prophet ﷺ sagte:
In addition to the Ayah there is a Hadith asking Muslims to remove any harm or to avoid causing any harm. The Prophet (saw) said:
„Es gibt weder Schaden noch Schadenszufügen“ (Bukhari und Muslim), was bedeutet, dass Schaden nicht erlaubt ist.
“There is no Harm or Harming” (Bukhari & Muslim), meaning that harm is not allowed.
Was könnte ein größerer Schaden sein als der Verlust des Qur'an selbst? Was Uthman (ra) tat, indem er verschiedene Abschriften des Qur'an verbrannte und nur eine einzige Abschrift bewahrte, fällt unter den Befehl des oben genannten Ayah und Hadith.
What can be a bigger harm than losing the Qur‟an itself? What Uthman (ra) did by burning different copies of the Qur‟an and maintaining only one copy fits under the command of the above mentioned Ayah and Hadith.
Hinsichtlich Umars (ra), der die Strafe des Handabhackens während einer Hungersnot aussetzte, steht dies in Übereinstimmung mit der Voraussetzung für das Abhacken der Hand eines Diebes. Eine dieser Voraussetzungen besagt, dass die Hadd-Strafe entfällt, wenn der Diebstahl während einer Hungersnot geschieht. Umar (ra) hat also lediglich diese Voraussetzung umgesetzt. Der Prophet ﷺ sagte:
Regarding Umar‟s (ra) cancelling the Hadd for cutting the hand during famine, it is in agreement with the requirement for cutting a person‟s hand for stealing. One of the requirements is that if the crime of theft happens during the famine, then the Hadd is lifted. So, Umar (ra) simply implemented the requirement. The Prophet (saw) said:
„Keine Handabhackung in Zeiten der Hungersnot.“ Ferner wies der Prophet ﷺ an, bei Zweifeln kein Hadd anzuwenden. Vor allem sollten wir aus der Definition des Hukm Shar‟i erkennen, dass es sich um den Ausspruch des Gesetzgebers, Allahs (SWT), handelt. Des Weiteren ist aus dem Qur'an hinreichend belegt, dass Allah (SWT) unsere Religion vollendet und den Islam als diese Religion erwählt hat. Dies zeigt, dass die Shari‟ah vollkommen ist. Das Konzept der Maslahah hingegen impliziert, dass es Fragen gibt, zu denen der Islam keine Urteile enthält, und um diese Lücke zu füllen, müssten wir das öffentliche Interesse anwenden. Dieses Konzept ist nicht korrekt, weshalb diese Art der Maslahah ungültig ist.
“No cutting in famine.” Also, the Prophet (saw) instructed us not to apply the Hadd in case of doubt. Above all, from the definition of Hukm Shar‟i, we should realise that it is the address of the Share‟, Allah (swt). Furthermore, it is well established from the Qur‟an that Allah (swt) has perfected our Deen and chosen Islam as that Deen. This indicates that the Shari‟ah is perfect. The concept of Maslahah, however, implies that there are some issues without rulings from Islam, and to fill this vacuum, we have to apply public interest. This concept is not correct and therefore, this type of Maslahah is invalid.