8. Idschtihad
8. Ijtihad
Ijtihad (ئؾطٙحد) leitet sich von der Wurzel Jahada ab. Sprachlich bedeutet es das Streben oder die Anstrengung in irgendeiner Tätigkeit, die ein gewisses Maß an Mühsal mit sich bringt. Die großen Gelehrten der Usul, wie Abu al-Husayn Ali, genannt Al-Amidi (gest. 631 n. H.), und Mohammad bin Ali Al-Shawkani (gest. 1255 n. H.), definierten es als „den gesamten Aufwand an Mühe, den ein Rechtsgelehrter unternimmt, um mit einem gewissen Grad an Wahrscheinlichkeit die Regeln der Scharia aus ihren einzelnen Belegen in den Quellen abzuleiten."27
Ijtihad (ئؾطٙحد ) is derived from the root word Jahada. Linguistically, it means striving or self-exertion in any activity, which entails a measure of hardship. The great scholars of Usul such as Abu al-Husayn Ali otherwise known as Al-Amidi (d. 631 AH) and Mohammad bin Ali Al-Shawkani (d. 1255 AH) defined it as, „the total expenditure of effort made by a jurist in order to infer, with a degree of probability, the rules of Shariah from their detailed evidence in the sources.‟27
Andere fügen dieser Definition hinzu: „in einer Weise, dass der Mujtahid das Gefühl hat, keine weitere Anstrengung mehr aufbringen zu können“. Im Wesentlichen bedeutet Ijtihad als juristischer Begriff, alle eigenen Bemühungen auszuschöpfen, um ein Problem gründlich zu untersuchen und eine Lösung dafür aus den Quellen der Scharia zu suchen.
Others add, „in a manner the Mujtahid feels unable to exert any more effort‟ to this definition. Essentially as a juristic term, Ijtihad means exhausting all of one‟s efforts in studying a problem thoroughly and seeking a solution for it from the sources of Shari‟ah.
Diese usuli-Definition des Ijtihād wurde aus den Belegen abgeleitet, die vom Ijtihād handeln und seine Verpflichtung festlegen, wie etwa die zuvor erwähnten Ahadith. Leider glauben heute manche, Ijtihād sei lediglich das persönliche Räsonieren eines Einzelnen, und haben diese seit Jahrhunderten feststehende Definition der usuli-Gelehrten aufgegeben. Die Folge davon ist, dass Menschen irrtümlich denken, der Islam enthalte kein Verfahren, um Regeln für moderne Probleme abzuleiten. Daher ist es unerlässlich, wenn vom Ijtihād die Rede ist, auf die etablierte usuli-Definition zurückzugreifen und nicht auf die Art, wie der Begriff heute missbraucht wird.
This Usuli definition of Ijtihad was derived from the evidences which discuss Ijtihad and establish its obligation such as the Ahadith mentioned earlier. Unfortunately some today believe that Ijtihad is a mere personal reasoning of an individual and have abandoned this definition of the Usuli scholars which had been established for centuries. The consequence of this is that people mistakenly think that Islam doesn‟t contain a process to derive rules for modern problems. Therefore, when talking about Ijtihad it is paramount that we refer to the established Usuli definition rather than how the term is misused today.
Eine Person, die Ijtihad ausübt, ist ein Mujtahid; eine Person hingegen, die die Regeln der Scharia im Detail kennt, aber nicht in der Lage ist, die Regeln direkt aus ihren Quellen abzuleiten, ist kein Mujtahid, sondern ein Faqih (Rechtsgelehrter), Mufti oder Qadi (Richter).
A person who performs Ijtihad is a Mujtahid; whereas, a person who knows the rules of Shari‟ah in detail, but is unable to extract the rules directly from their sources, is not a Mujtahid but rather a Faqih (jurist), Mufti or a Qadi (judge).
Die Texte des Qur'an und der Sunnah, die im Sinne qat'ī (eindeutig gesichert) sind, bieten nur ein einziges Verständnis. Jede Ijtihad über diese Art von Texten führt nur zu einer einzigen Bedeutung. Die Texte, die Themen wie Riba oder Mord betreffen, sind in ihrem Verbot dieser Dinge eindeutig. Kein Mujtahid kann behaupten, Riba oder Mord sei erlaubt, da der Text nur eine Bedeutung zulässt. Diese Ahkām oder andere, die durch qat'ī Thubūt und qat'ī Dalālah festgelegt wurden, abzulehnen, ist Kufr (Unglaube), denn es wäre eine Ablehnung der endgültigen offenbarten Regel von Allah (swt). Daher werden jene, die leugnen, dass die fünf täglichen Gebete (Salāh) Farā'iḍ (Pflichten) sind, oder dass die Herrschaft nach dem, was Allah herabgesandt hat, verpflichtend ist, zweifellos zu Kuffār (Ungläubigen), selbst wenn sie gelehrte Ulema waren, die den gesamten Qur'an und alle Ahādīth (Überlieferungen) auswendig gelernt hatten.
The text of the Qur‟an and Sunnah which are Qata‟i (conclusive) in meaning provide only one understanding. Any Ijtihad on these types of text will render only one meaning. The texts related to issues such as Riba or murder, are clear in their prohibition of these things. No Mujtahid can claim that Riba or murder is allowed, because the text only offers one meaning. To reject these Ahkam or any others established through Qata‟i Thuboot and Qata‟i Dalalah is Kufr (disbelief) as it would be a rejection of the definitive revealed rule from Allah (swt). Thus those who reject that the five times daily prayer (Salah) are Fara‟id (obligations) or that ruling by whatever Allah is revealed is obligatory undoubtedly become Kuffar (disbelievers) even if they were knowledgeable scholars (Ulema) who had committed the entire Qur‟an and all the Ahadith (narrations) to memory.
Ijtihad findet nur bei den scharʿīschen Rechtsbestimmungen (Aḥkām Sharʿiyyah) statt, deren Beleg spekulativ (Ẓannī) ist, nicht dort, wo die Bestimmung eindeutig (Qaṭʿī) ist.28
Ijtihad does not occur except in the Ahkam Shar‟iah whose daleel is speculative (Dhanni) and not when the rule is decisive (Qata‟i).28
Im Bereich, in dem Idschtihad erlaubt ist, ist es wichtig zu erkennen, dass er nicht durch einen flüchtigen Blick auf die Texte der Shar'iah zustande kommt. Vielmehr bedeutet er, dass der Mudschtahid sich nach besten Kräften bemüht, und zwar in einer solchen Weise, dass der Rechtsgelehrte das Gefühl hat, sich nicht weiter anstrengen zu können, um das Urteil (Hukm) Allahs abzuleiten. Hat der Rechtsgelehrte den Beleg nicht gefunden, den er hätte finden können, so ist seine Meinung ungültig.29
When it comes to the area in which Ijtihad is permitted it is important to realise that it does not occur after a brief look at the Shar‟iah texts, rather it means that the Mujtahid struggles to his utmost in such a manner that the jurist feels an inability to exert himself further in order to derive the Hukm of Allah. If the jurist has failed to discover the evidence which he was capable of discovering, his opinion is void.29
Daher wäre es kein legitimer Ijtihad, wenn jemand behauptete, zu einer Frage Ijtihad betrieben zu haben, nachdem er nur einen einzigen diesbezüglichen Text studiert und alle anderen einschlägigen Texte ignoriert hat, obwohl diese ohne Weiteres verfügbar waren.
Therefore if one claimed to have made Ijtihad upon an issue after only studying one text related to it and ignored all other relevant texts even though they were readily available, this would not be considered legitimate Ijtihad.
Die Fragen der ʿAqīda beruhen auf den Adilla Qaṭʿiyya (eindeutigen Beweisen), und dafür gibt es nur ein einziges richtiges Verständnis, nicht mehrere. Daher kann kein Mujtahid eine andere ʿAqīda des Islam ableiten. In diesen Angelegenheiten gibt es nur eine richtige Ansicht, und wer davon abweicht, ist ein Kāfir. Wie Shawkānī erklärt hat, sind sich die Ulema darin einig, dass es bei den Grundlagen der ʿAqīda, wie der Einheit Allahs (Tawḥīd), Seinen Eigenschaften, der Wahrheit des Prophetentums Muhammads ﷺ, dem Jenseits und so weiter, nur eine Wahrheit gibt, und wer, sei er ein Mujtahid oder nicht, eine andere Ansicht vertritt, sagt sich damit automatisch vom Islam los.30
The issues related to the „Aqeedah are based on Adilla Qata‟iya (decisive evidences) and there is only one correct understanding for it, not several. Thus, no Mujtahid can deduce another „Aqeedah of Islam. There is only one correct view with regards to these matters and anyone who differs from it is a Kafir. As Shawkani explained, the Ulema are in agreement that in regard to the essentials of Aqeeda, such as the oneness of Allah (tawhid), His attributes, the truth of the Prophethood of Muhammad, the hereafter, and so on, there is only one truth and anyone, whether a mujtahid or otherwise, who takes a different view automatically renounces Islam.30
Deshalb sind Menschen wie die Anhänger des Mirza Gulam Ahmad Qadian, die glauben, er sei ein Prophet gewesen, und Salman Rushdie, der Muhammad ﷺ verleumdet hat, mit Sicherheit Kuffar (Ungläubige) und können überhaupt nicht als Mujtahids bezeichnet werden.
Therefore people such as the followers of Mirza Gulam Ahmad Qadian who believe he was a prophet and Salman Rushdie who defamed Muhammad (saw) are definitely Kuffar (disbelievers) and cannot be called Mujtahids at all.
Aus mehreren Versen des Qur'an verstehen wir, dass Allah (SWT) die Menschheit direkt angesprochen hat. Daher ist es für denjenigen, der die Ansprache des Gesetzgebers, Allahs (SWT), gehört hat, verpflichtend, daran zu glauben und sie zu verstehen. Es ist ihm auch verpflichtend, danach zu handeln, denn es ist eine Regel der Shari'ah. Grundsätzlich sollte ein Muslim das Hukm (Gebot) Allahs unmittelbar aus der Rede des Gesetzgebers verstehen. Dies deshalb, weil die Rede vom Gesetzgeber an alle Menschen gerichtet wurde und nicht nur an die Mujtahidin oder die Ulema, sondern an alle Mukallafin (die rechtlich Verantwortlichen). Somit wurde es für die Mukallafin zur Pflicht, diese Rede zu verstehen, um danach handeln zu können, da es unmöglich ist, nach einer Rede zu handeln, ohne sie zu begreifen. Daher wurde die Ableitung (Istinbat) des Hukm Allahs für alle Mukallafin zur Fard (Pflicht), das heißt, Ijtihad wurde für alle Mukallafin (rechtlich Verantwortlichen) zur Pflicht. Folglich sollte die Grundlage eines Mukallaf (rechtlich Verantwortlichen) darin bestehen, dass er das Hukm Allahs selbst aus der Rede des Gesetzgebers übernimmt, weil er durch diese Rede angesprochen wurde.
From multiple verses of the Qur‟an we understand that Allah (swt) has addressed humanity directly. Therefore for the one who has heard the address of the Legislator, Allah (swt) - it becomes incumbent on him to believe in it and understand it. It also becomes incumbent on him to act upon it, because it is a Shar‟iah rule. So in principle a Muslim should understand the Hukm (rule) of Allah from the speech of the Legislator directly. This is because the speech has been directed at all people by the Legislator and not only at the Mujtahidin or the Ulema but all the Mukallafin (those who are legally responsible). Thus it became an obligation on the Mukallafin to understand this speech so as to be able to act upon it, since it is impossible to act upon the speech without comprehending it. Therefore, the inference (Istinbat) of Allah's Hukm became Fard on all the Mukallifin i.e. Ijtihad became Fard on all the Mukallafin (legally responsible). Consequently, the basis of a Mukallaf (legally responsible) should be that he adopts the Hukm of Allah himself from the speech of the Legislator because he has been addressed by this speech.
Doch die Wirklichkeit ist, dass die Mukallafin (die rechtlich Verantwortlichen) in ihrem Verständnis, ihrer Auffassungsgabe und ihrer Lernfähigkeit voneinander abweichen. Sie unterscheiden sich auch hinsichtlich ihres Wissens und ihrer Unwissenheit. Daher ist es unmöglich, dass alle von ihnen die Shar‟ai-Regeln aus den Belegen ableiten, d. h. es ist unmöglich, dass alle Mukallafin Mujtahidin sind. Hierin gleicht es anderen Wissenschaften: Nicht jeder kann Arzt, Physiker oder Chemiker werden, aufgrund der Unterschiede in der Lernfähigkeit der Menschen. Deshalb wird die Pflicht zur Ijtihad zu einer Pflicht der Hinlänglichkeit („ala al-Kifaya“). Wenn einige sie übernehmen, sind die übrigen von der Sünde befreit. Daher wurde es für die Ummah verpflichtend, dass Mujtahidin existieren, die die Shar‟iah-Regeln für alle Situationen ableiten können. Ferner gibt es verschiedene Belege, die die Zulässigkeit der Taqleed (der Befolgung der Meinungen eines Mujtahid) beweisen; diese werden im Kapitel mit dem Titel „Taqleed“ ausführlich dargelegt.
However, the reality of the Mukallifin (legally responsible) is that there is a disparity in their understanding and comprehension and in their aptitude for learning. They also differ in terms of knowledge and ignorance. Therefore, it is impossible for all of them to deduce Shar‟ai rules from the evidences i.e. it is impossible for all Mukallafin to be Mujtahidin. There is a similarity in this respect to other sciences, not everyone can become a doctor, physicist or chemist due to the disparity of people‟s aptitude for learning. Hence the obligation of Ijtihad becomes one of sufficiency ('ala al-Kifaya). If some undertake it the rest are absolved of the sin. Therefore, it became obligatory for Mujtahidin to exist in the Ummah who can derive the Shar‟iah rules for all situations. Futhermore there are various evidences that prove the permissibility of Taqleed (following the opinions of a Mujtahid), these are elaborated in the chapter entitled „Taqleed‟.
Die Behauptung, die Tore des Idschtihād seien verschlossen, ist völlig falsch. Dies war ein schwerwiegender Irrtum, den einige Gelehrte (ʿUlamāʾ) in der Geschichte fälschlicherweise vertreten haben, und er widerspricht klar der Schariʿa. Die Texte der Schariʿa existieren heute so, wie sie auch in der Vergangenheit existiert haben. Daher ist Idschtihād nicht nur möglich, sondern notwendig, und er ist eine Fard al-Kifāya (Pflicht der Hinlänglichkeit), wie zuvor bewiesen wurde.
To say that the doors of Ijtihad are closed is completely incorrect, this was a serious error that some Ulema mistakenly called for in history and clearly contradicts the Shar‟iah. The Shar‟iah texts exist today as they existed in the past, therefore Ijtihad is not only possible, it is necessary and a Fard ul Kifaya (duty of sufficiency), as was proven earlier.
Shawkani hat dies brillant auf den Punkt gebracht, als er sagte: „Es ist völliger Unsinn zu behaupten, Allah, der Allmächtige, habe den früheren Generationen der Gelehrten die Fähigkeit zur Erkenntnis und zum Ijtihad verliehen, den späteren Generationen aber verwehrt.“ „Was die Befürworter des Taqlid uns sagen, läuft darauf hinaus, dass wir den Qur'an und die Sunnah durch die Worte anderer Menschen kennen müssten, obwohl uns die Rechtleitung in Händen liegt. Gepriesen sei Allah, das ist die größte Lüge (Buhtanun 'azim), und es gibt auf der Welt keinen Grund, sie zu rechtfertigen.“31
Shawkani articulated this brilliantly when he said: “It is utter nonsense to say that Allah Almighty bestowed the capacity for knowledge and Ijtihad on the bygone generations of Ulema but denied it to the later generations.” “What the proponents of Taqlid are saying to us is that we must know the Qur‟an and the Sunnah through the words of other men while we still have the guidance in our hands. Praise be to Allah, this is the greatest lie (Buhtanun 'azim) and there is no reason in the world to vindicate it.”31
Die Türen des Ijtihad sind offen, jedoch nicht für die Unwissenden. Sie stehen bis zum Tag des Gerichts den Gelehrten offen, die über die Fähigkeit verfügen, ihn auszuüben, denn das Wissen ist der Schlüssel zur Tür des Ijtihad.
The doors of Ijtihad are open but not for the ignorant, they are open until the day of judgement for the people of knowledge who have the capability to perform it as knowledge is the key to the door of Ijtihad.
27 Amidi, Ihkam, IV, 162; Shawkani, Irshad, S. 250.
27 Amidi, Ihkam, IV, 162; Shawkani, Irshad, p. 250.
28 Shawkani, Irshad, S. 250; Zuhayr, Usul, IV, 223-25; Badran, Usul, S. 471.
28 Shawkani, Irshad, p. 250; Zuhayr, Usul, IV, 223-25; Badran, Usul, p. 471.
29 Ghazali, Mustasfa, II, 102; Amidi, Ihkam, IV, 162.
29 Ghazali, Mustasfa, II, 102; Amidi, Ihkam, IV, 162.
30 Shawkani, Irshad, S. 259
30 Shawkani, Irshad, p. 259
31 Shawkani, Irshad, S. 254
31 Shawkani, Irshad, p. 254