10.1 Die Vorzüge der Asbāb an-Nuzūl
10.1 The Benefits Of Asbaab An-nuzool
Die Kenntnis der Anlässe der Offenbarung ist von großer Bedeutung für das Verständnis des Qur'an sowie vieler islamischer Rechtsbestimmungen, die in ihm enthalten sind.
Knowledge of the reasons for revelation is of great importance to understanding the Qur’aan, as well as many of the Islaamic laws contained in it.
Die folgenden sind einige der Vorteile, die die Kenntnis der Anlässe der Offenbarung mit sich bringt:
The following are some of the benefits provided by knowledge of the reasons for revelation:
1. Die Asbāb an-Nuzūl erläutern häufig die Weisheit, die der Gesetzgebung einiger islamischer Rechtsvorschriften zugrunde liegt. Die Kenntnis der Weisheit hinter den göttlichen Gesetzen verschafft den Gelehrten allgemeine Prinzipien, mit deren Hilfe sie Regelungen für neue Probleme ableiten können, die ähnliche Ursachen oder Wirkungen haben. Die Asbāb an-Nuzūl zeigen außerdem, dass die Gesetze im Umgang mit Problemen auf das allgemeine Wohl des Menschen bedacht sind.
1. Asbaab an-nuzool often explain the wisdom underlying the legislation of some of the Islaamic laws. Knowledge of the wisdom behind divine laws provides scholars with general principles which enable them to work out laws for new problems which have similar causes or effects. Asbaab an-nuzool also show the concern of the laws for the general welfare of man in their treatment of problems.
Dies macht uns wiederum die Barmherzigkeit Allahs bewusst, die ein grundlegender Bestandteil aller göttlichen Gesetze ist. So berichtete Ibn ʿAbbās, dass Hilāl ibn Umayya zum Propheten ﷺ ging und seiner Frau (Hilāls Frau) vorwarf, mit Schuraik ibn Sahmāʾ Ehebruch begangen zu haben. Der Prophet ﷺ sagte zu ihm: „(Bring) den Beweis (vier Zeugen), sonst wirst du die Strafe (achtzig Peitschenhiebe) auf deinem Rücken erhalten.“ Hilāl erwiderte: „O Gesandter Allahs ﷺ, wenn einer von uns einen Mann bei seiner Frau sieht, soll er gehen und Zeugen suchen?“ Der Gesandte Allahs ﷺ sagte erneut: „(Bring)
This, in turn, makes us aware of Allaah’s mercy, which is a fundamental part of all divine laws. For example, Ibn ‘Abbaas reported that Hilaal ibn Umayyah went to the Prophet (ﷺ) and accused his wife (Hilaal’s wife) of adultery with Shurayk ibn Sahmaa’. The Prophet (ﷺ) said to him, “ (Produce) the proof (four witnesses) or else you will receive the punishment (of eighty lashes) on your back.” Hilaal replied, “O Messenger of Allaah (ﷺ), if one of us sees a man on his woman, should he leave and seek witnesses?” Allaah’s Messenger again said, “ (Produce)
„Beweise es, oder du wirst die Strafe erhalten.“ Hilāl sagte daraufhin: „(Ich schwöre) bei Dem, der dich mit der Wahrheit gesandt hat, dass ich die Wahrheit sage. Und Allah wird gewiss etwas offenbaren, das meinen Rücken von der Strafe befreit.“ Da stieg Jibrīl mit der Offenbarung herab,
the proof or else you will receive the punishment.” Hilaal then said, “ (I swear) By the One who sent you with the Truth that I am telling the truth. And Allaah will surely reveal something to free my back from the punishment.” And Jibreel descended with the revelation,
„Und für diejenigen, die ihre Ehefrauen beschuldigen, ohne dass Zeugen vorhanden sind außer ihnen selbst, gilt das Zeugnis eines jeden von ihnen: Er legt vier Mal bei Allah mit einem Schwur das Zeugnis ab, dass er die Wahrheit sagt, und das fünfte Mal, dass der Fluch Allahs auf ihm laste, wenn er lügt. Doch würde sie von der Strafe (der Ehefrau) abgewendet, wenn sie vier Mal bei Allah mit einem Schwur das Zeugnis ablegt, dass er lügt, und das fünfte (Mal), dass der Zorn Allahs auf ihr laste, wenn er die Wahrheit gesprochen hat.“ 44
“And for those who accuse their wives without witnesses except themselves, the testimony of one of them (can be accepted) by bearing witness (with an oath) by Allaah four times that he is telling the truth, and the fifth time that the curse of Allaah be upon him if he is telling a lie. However, it would avert punishment from (the wife) if she bears witness four times (with an oath) by Allaah that he is lying, and the fifth (time) that Allaah’s wrath be upon her if he was truthful.” 44
2. Manchmal legen die Anlässe der Offenbarung den besonderen Aspekt fest, der mit der allgemeinen Bedeutung der Verse gemeint war. Das heißt, die offensichtliche Bedeutung eines Verses kann so allgemein sein, dass sie Umstände einschließt, die von Allah nicht beabsichtigt waren.
2. Sometimes the reasons for revelation specify the particular aspect which was intended from the general meaning of the verses. That is, the obvious meaning of the verse may be general enough to include circumstances not intended by Allaah.
Ein Beispiel dafür ist der Vers,
An example of this is the verse,
„Denke nicht, dass diejenigen, die sich über ihr Tun freuen und gelobt werden möchten für Dinge, die sie nicht getan haben, der Strafe entkommen werden. Ihnen wird eine schmerzhafte Strafe zuteil werden."
“You should not think that those who are happy with what they have brought about and enjoy being praised for things they have not done, will successfully escape the punishment. They will have a painful punishment.”
Marwan46 sagte zu seinem Torwächter: „O Rafi‘, geh zu Ibn ‘Abbas und sag ihm: ‚Wenn jeder von uns, der sich über das freut, was er getan hat, und gelobt werden möchte für das, was er nicht getan hat, bestraft wird, dann werden wir alle bestraft werden.‘“ (Als er dies tat,) antwortete Ibn ‘Abbas: „Was ist mit euch allen los in Bezug auf diesen Vers? Er wurde wahrlich über die Leute der Schrift offenbart.“ 47 Dann rezitierte er den (Vers) davor.
Marwaan46 told his gateman, “O Raafi‘, go to Ibn ‘Abbaas and say to him, ‘If every man among us who is happy about what he has brought about and likes to be praised for what he has not done will be punished, then we will all be punished.’ ” (When he did so) Ibn ‘Abbaas replied, “What has happened to you all concerning that verse? Verily it was revealed concerning the People of the Book.” 47 He then recited (the verse previous to it)
Und als Allah von denen, denen die Schrift gegeben wurde, das feierliche Versprechen einforderte: „Macht es den Menschen kund und verheimlicht es nicht!“ Doch sie warfen dieses (Versprechen) hinter ihren Rücken und verkauften es für einen geringen Gewinn; und wie schlecht war ihr Handel.
“And when Allaah took the solemn pledge of those who were given a Book (of revelation), (saying to them), ‘Make it known to mankind, and do not conceal it!’ But they cast this (pledge) behind their backs and bartered it away for a trifling gain; and how evil was their bargain.” 48
Ibn ‘Abbās sagte dann: „Als der Gesandte Allahs ﷺ sie nach etwas fragte, verbargen sie es vor ihm und gaben ihm stattdessen etwas anderes an. Dann gingen sie hinaus und ließen ihn glauben, sie hätten ihm mitgeteilt, wonach er gefragt hatte, und sie suchten sein Lob und seinen Dank. Sie freuten sich auch sehr darüber, dass sie ihm verbergen konnten, wonach er gefragt hatte.“ 49 Daher bezieht sich der Vers nicht auf jeden, der sich über das freut, was er getan hat, sondern speziell auf jene, die sich darüber freuen, dass ihnen Offenbarungsbücher gegeben wurden, und die dennoch deren Bedeutungen vor denen verbergen, die die Wahrheit kennen wollen.
Ibn ‘Abbaas then said, “When Allaah’s Messenger (r) asked them about something, they concealed it from him and gave something else in its place. They then went out, making him think that they had informed him about what he had asked and they sought his praise and thanks. They were also very happy about having been able to hide from him what he asked about.” 49 Hence, the verse does not refer to everyone who is happy about what they have done, but specifically those who are happy about being given books of revelation, yet they hide its meanings from those who wish to know the truth.
3. Der Anlass der Offenbarung klärt mitunter die Rechtsbestimmungen, die aus den Versen abgeleitet werden können. Der offensichtliche Wortsinn eines Verses mag auf eine bestimmte Rechtsbestimmung hindeuten, während die Umstände, unter denen der Vers offenbart wurde, auf eine andere verweisen. So sagte 'Urwah einmal zu seiner Tante 'Aa'ischah, der Ehefrau des Propheten ﷺ: „Kennst du den Vers,
3. The reason for revelation sometimes clarifies the laws which may be deduced from the verses. The obvious meaning of the verse may imply a particular law, whereas the circumstances under which the verse was revealed indicate another law. For example, ‘Urwah once said to his aunt ‘Aa’ishah, wife of the Prophet (r), “Do you know the verse,
„Wahrlich, as-Safa und al-Marwa gehören zu den Stätten Allahs, und es ist keine Sünde für denjenigen, der zwischen ihnen hin- und hergeht, wenn er Hadsch oder ʿUmra verrichtet.“
‘Verily as-Safaa and al-Marwah are among the shrines of Allaah, so there is no sin on anyone who walks between them when making hajj or ‘umrah’?
„Ich bin nicht der Meinung, dass derjenige, der nicht zwischen ihnen hin- und hergeht, sündigt.“ 'Aa'ishah erwiderte: „Was für eine schreckliche Aussage hast du gemacht, mein Neffe! Wahrlich, wäre der Vers so zu verstehen, wie du ihn deutest, dann hätte er gelautet: ‚Es liegt also keine Sünde auf jemandem, der nicht zwischen ihnen hin- und hergeht.‘ Doch er wurde offenbart, weil die Ansaar50 vor dem Islam ihren (Hadsch oder ‚Umrah) zwei Götzen widmeten, Isaaf und Naa'ilah, am Meeresufer. Die Leute gingen dorthin, gingen dann zwischen as-Safaa und al-Marwah hin und her und ließen sich danach den Kopf rasieren. Nach dem Islam mochten sie es nicht, zwischen ihnen hin- und herzugehen, wegen dessen, was sie in den Tagen der Unwissenheit getan hatten. Daher offenbarte Allah den Vers: ‚Wahrlich, as-Safaa und al-Marwah gehören zu den Kennzeichen Allahs ...‘“51 In einer anderen Überlieferung fügte sie hinzu: „Dann zeigte der Gesandte Allahs (ﷺ), wie das Hin- und Hergehen zwischen ihnen zu vollziehen ist. So ist es niemandem erlaubt, das Hin- und Hergehen zwischen ihnen zu unterlassen.“52 Obwohl die offensichtliche Bedeutung des Verses darauf hinwies, dass das Hin- und Hergehen zwischen dem Berg as-Safaa und dem Berg al-Marwah lediglich mubaah (erlaubt) sei, zeigt der Anlass der Offenbarung, dass es waajib (verpflichtend) ist.
I do not feel that there is any sin on one who does not walk between them.” ‘Aa’ishah replied, “What a terrible thing you have said, O my nephew! Verily, if the (verse) meant as you interpreted it, it would have been, ‘So there is so sin on anyone who does not walk between them.’ But verily, it was revealed because the Ansaar,50 before Islaam, used to dedicate their (hajj or ‘umrah) to two idols, Isaaf and Naa’ilah, on the seashore. The people went there, then walked between asSafaa and al-Marwah, then got their heads shaved. After Islaam they didn’t like to walk between them, because of what they used to do during the Days of Ignorance. Hence, Allaah revealed the verse, ‘Verily as-Safaa and al-Marwah are among the shrines of Allaah...’ ” 51 In another version she added, “Then Allaah’s Messenger (ﷺ) showed how the walk between them should be done. Thus, no one is allowed to drop the walking between them.” 52 Although the obvious meaning of the verse indicated that the walking between Mount as-Safaa and Mount al-Marwah was merely mubaah (allowable), the reason for revelation indicates that it is waajib (compulsory).
44 Sure an-Nur (24):6-9. Der Hadith wurde von al-Buchari (Sahih al-Buchari, Bd. 6, S. 245-6, Nr. 271), at-Tirmidhi und Ibn Madscha überliefert.
44 Soorah an-Noor (24):6-9. The hadeeth was collected by al-Bukhaaree (Sahih Al-Bukhari, vol. 6, p. 245-6, no. 271), at-Tirmithee, and Ibn Maajah.
45 Sure Aal ʿImraan (3):188.
45 Soorah Aal ‘Imraan (3):188.
Marwan ibn al-Hakam war ein Statthalter von Madina unter Mu'awiya. Später wurde er Kalif, und seine Nachkommen herrschten, bis die Umayyaden schließlich gestürzt wurden.
46 Marwaan ibn al-Hakam was a governor of Madeenah under Mu‘aawiyah. He later became the Caliph, and his descendants ruled until the Umayyads were finally overthrown.
47 Christen und Juden.
47 Christians and Jews.
48 Sure Āl ʿImrān (3):187.
48 Soorah Aal ‘Imraan (3):187.
Überliefert von al-Bukhaaree (Sahih Al-Bukhari, Bd. 6, S. 73-4, Nr. 91) und Muslim (Sahih Muslim, Bd. 4, S. 1458, Nr. 6687).
49 Collected by al-Bukhaaree (Sahih Al-Bukhari, vol. 6, p. 73-4, no. 91) and Muslim (Sahih Muslim, vol. 4, p. 1458, no. 6687).
Wörtlich: „Die Helfer“. Im islamischen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff die Muslime von Madīnah, die dem Propheten ﷺ und seinen Gefährten Zuflucht gewährten, als sie aus Makkah flohen.
50 Literally, “The Helpers.” Islaamically, it refers to the Muslims of Madeenah, who gave the Prophet (r) and his companions refuge when they fled Makkah.
51 Sahih Muslim, Bd. 2, S. 644, Nr. 2923. Der Koranvers stammt aus Sure al-Baqara (2):158.
51 Sahih Muslim, vol. 2, p. 644, no. 2923. The Qur’aanic verse is from Soorah al-Baqarah (2):158.
Überliefert von al-Bukhaaree (Sahih al-Bukhari, Bd. 2, S. 412-3, Nr. 706) und Muslim (Sahih Muslim, Bd. 2, S. 645, Nr. 2926)
52 Collected by al-Bukhaaree (Sahih Al-Bukhari, vol. 2, pp. 412-3, no. 706) and Muslim (Sahih Muslim, vol. 2, p. 645, no. 2926)