9.4 Qira'at (die Lesarten)
9.4 Qiraa’aat (the Recitations)
Eine Qiraa'ah ist größtenteils eine Methode der Aussprache, die bei den Rezitationen des Qur'ān angewandt wird. Diese Methoden unterscheiden sich von den sieben Formen oder Lesarten (aḥruf), in denen der Qur'ān offenbart wurde. Die sieben Lesarten wurden auf eine einzige reduziert, nämlich die der Quraysh, zur Zeit des Kalifen ʿUthmān, als er anordnete, den Qur'ān im Dialekt der Quraysh abzuschreiben und unter den islamischen Zentren jener Zeit zu verteilen. Daher ist heute nur noch die Lesart der Quraysh erhalten, und alle Methoden der Rezitation beruhen auf dieser Lesart. Die verschiedenen Methoden wurden alle auf den Propheten (ﷺ) zurückgeführt, und zwar durch eine Reihe von Gefährten, die für ihre Qur'ān-Rezitation besonders bekannt waren. Das heißt, diese Gefährten rezitierten den Qur'ān dem Propheten (ﷺ) oder in seiner Gegenwart und erhielten seine Billigung. Unter ihnen waren folgende: Ubayy ibn Kaʿb, ʿAlī ibn Abī Ṭālib, Zayd ibn Thābit, Ibn Masʿūd, Abū ad-Dardāʾ und Abū Mūsā al-Ashʿarī. Viele der übrigen Gefährten lernten von diesen Meistern. Ibn ʿAbbās, der bedeutendste Kommentator des Qur'ān unter den Gefährten, lernte sowohl von Ubayy als auch von Zayd.
A qiraa’ah is, for the most part, a method of pronunciation used in the recitations of the Qur’aan. These methods are different from the seven forms or modes (ahruf) in which the Qur’aan was revealed. The seven modes were reduced to one, that of Quraysh, during the era of Caliph ‘Uthmaan when he ordered that the Qur’aan be copied in the Qurayshee dialect and distributed among the Islaamic centers of the time. Hence, only the Qurayshee mode remains today and all of the methods of recitation are based on this mode. The various methods have all been traced back to the Prophet (ﷺ) through a number of the sahaabah who were most noted for their Qur’aanic recitations. That is, these sahaabah recited the Qur’aan to the Prophet (ﷺ) or in his presence and received his approval. Among them were the following: Ubayy ibn Ka‘b, ‘Ali ibn Abee Taalib, Zayd ibn Thaabit, Ibn Mas‘ood, Aboo ad-Dardaa’, and Aboo Moosaa al-Ash‘aaree. Many of the other sahaabah learned from these masters. Ibn ‘Abbaas, the master commentator of the Qur’aan among the sahaabah, learned from both Ubayy and Zayd. 30
Unter der nächsten Generation von Muslimen, den Tābi'ūn genannt, gab es viele Gelehrte, die die verschiedenen Lesarten des Qur'āns von den Sahābah lernten und sie an andere weitergaben. Zentren der Qur'ān-Rezitation entstanden in Madīnah, Makkah, Kūfah, Basrah und ash-Shām (Groß-Syrien), was dazu führte, dass sich die Qur'ān-Rezitation zu einer eigenständigen Wissenschaft entwickelte.31 Um die Mitte des achten Jahrhunderts n. Chr. gab es eine große Zahl herausragender Gelehrter, die alle als Fachleute auf dem Gebiet der Rezitation galten. Die meisten ihrer Lesarten wurden durch Ketten verlässlicher Überlieferer beglaubigt, die bis zum Propheten ﷺ zurückreichten. Those Lesarten, die auf jeder Stufe ihrer Überlieferungskette von einer großen Zahl von Überlieferern getragen wurden, nannte man mutawātir, und sie galten als die genauesten. Lesarten, bei denen auf irgendeiner Stufe der Kette nur wenige oder nur ein Überlieferer genannt waren, bezeichnete man als shādh.
Among the next generation of Muslims, referred to as the taabi‘oon, there arose many scholars who learned the various methods of recitation from the sahaabah and taught them to others. Centers of Qur’aanic recitation developed in Madeenah, Makkah, Koofah, Basrah, and ash-Shaam (Greater Syria), leading to the evolution of Qur’aanic recitation into an independent science.31 By the mideighth century CE, there existed a large number of outstanding scholars, all of whom were considered specialists in the field of recitation. Most of their methods of recitation were authenticated by chains of reliable narrators, ending with the Prophet (ﷺ). Those methods on each level of their chain were called mutawaatir and were considered to be the most accurate. Those methods in which the number of narrators were few or one on any level of the chain were referred to as shaath.
Allerdings begannen einige Gelehrte der folgenden Epoche damit, eine festgelegte Anzahl einzelner Gelehrter der vorangegangenen Epoche als die bedeutendsten und genauesten Rezitatoren zu benennen.
However, some of the scholars of the following period began the practice of designating a set number of individual scholars from the previous period as being the most noteworthy and accurate reciters.
Gegen Mitte des zehnten Jahrhunderts n. Chr. (6. Jahrhundert n. H.) wurde es zur gängigen Konvention, die Zahl der besten Koranrezitatoren auf sieben zu begrenzen, da diese Zahl mit der Anzahl der Dialekte übereinstimmte, in denen der Koran offenbart wurde. Ebenso wurde in dieser Zeit die Zahl der islamischen Rechtsschulen (madhhabs), nachdem es zuvor viele gegeben hatte, auf die berühmten vier reduziert. Der Erste, der die Zahl der authentischen Rezitatoren auf sieben begrenzte, war der irakische Gelehrte Abū Bakr ibn Mujāhid (gest. 936 n. Chr.), und diejenigen, die nach ihm Bücher über die qirā'ah schrieben, folgten seinem Beispiel.32 Diese Begrenzung gibt die klassischen Gelehrten der Koranrezitation nicht genau wieder. Es gab viele andere, die den Sieben ebenbürtig waren, und einige, die ihnen überlegen waren. Tatsächlich war die Einteilung der Gelehrten in Wahrheit eine Einteilung danach, wie gut ihre Methoden der Rezitation überliefert wurden. Die berühmten Sieben waren daher jene frühen Gelehrten aus verschiedenen Generationen, deren Rezitationsmethoden die meisten Überlieferungsketten mit vielen Überlieferungen auf jeder Stufe der Kette aufwiesen. Es gab jedoch auch andere klassische Gelehrte, deren Rezitationsmethoden ebenso authentisch (mutawātir) überliefert sind wie die der berühmten Sieben. Eine Liste der zehn Gelehrten der Koranrezitation, deren Methoden am besten bewahrt wurden, lautet wie folgt:
By the middle of the tenth century CE (6th century AH), it became a popular convention to limit the number of best reciters to seven, since this number coincided with the number of dialects in which the Qur’aan was revealed. Similarly, during this period the number of schools of Islaamic law (math-habs) were reduced to the famous four after a period in which there were many. The first to limit the number of authentic reciters to seven was the ‘Iraaqi scholar, Aboo Bakr ibn Mujaahid (d. 936 CE), and those who wrote books on qiraa’ah after him followed suit.32This limitation is not an accurate representation of the classical scholars of Qur’aanic recitation. There were many others who were as good as the seven and a number who were greater than them. In fact, the classification of scholars was really a classification of how well their methods of recitation were preserved. Hence, the famous seven were those early scholars from different generations whose methods of recitation had the most chains of narrators with many narrations on each level of the chain. However, there were other classical scholars whose methods of recitation were just as authentically (mutawaatir) recorded as the famous seven. A list of the ten scholars of Qur’aanic recitation whose methods were best preserved is as follows:
1. Abū ʿAmr ibn al-ʿAlāʾ (gest. 771 n. Chr./154 n. H.) aus Basra
1. Aboo ‘Amr ibn al-‘Alaa (d. 771 CE/154 AH) of Basrah
2. Ibn Katheer (gest. 738 n. Chr./119 n. H.) gehörte zu den Schülern der Gefährten (Sahaaba) in Mekka.
2. Ibn Katheer (d. 738 CE/119 AH) was among the students of the sahaabah of Makkah.
3. Nāfi‘ (gest. 786 n. Chr./169 n. H.) stammte ursprünglich aus Isfahān, und seine Lesart, wie sie von Warsh (gest. 812 n. Chr./196 n. H.) überliefert wurde, war die von Madīnah.
3. Naafi‘ (d. 786 CE/169 AH) was originally from Isfahaan, and his recitation, as transmitted by Warsh (d. 812 CE/196 AH), was of Madeenah.
4. Ibn ‘Aamir (gest. 737 n. Chr./118 n. H.) war der oberste Richter (Qādī) von Damaskus zur Zeit al-Walīd ibn ‘Abdul-Maliks, der zusammen mit den anderen Kalifen der Umayyaden diese Stadt zu seiner Hauptstadt machte.
4. Ibn ‘Aamir (d. 737 CE/118 AH) was the chief judge (qaadi) of Damascus during the reign of al-Waleed ibn ‘Abdul Maalik, who, along with the other Umayyad caliphs, made that city his capital.
5. ʿĀṣim (gest. 746 n. Chr. / 128 n. H.) aus Kufa war der Überlieferer der vorherrschenden Lesart, die heute im Gebrauch ist. Seine Überlieferung, wie sie durch Ḥafs weitergegeben wurde, ist die gebräuchlichste Überlieferungsart in der muslimischen Welt von heute, mit Ausnahme Afrikas.
5. ‘Aasim (d. 746 CE/128 AH) of Koofah was the narrator of the dominant recitation in current use. His narration, as transmitted by Hafs, is the most common method of narration used in the Muslim world today with the exception of Africa.
6. Hamzah (gest. 773 n. Chr./156 n. H.) aus Kufa.
6. Hamzah (d. 773 CE/156 AH) of Koofah.
7. Al-Kisaa’ee (gest. 805 n. Chr./189 n. H.) aus Kufa war einer der führenden Grammatiker. Er spielte eine maßgebliche Rolle bei der Ausformulierung der Regeln der arabischen Grammatik.
7. Al-Kisaa’ee (d. 805 CE/189 AH) of Koofah was one of the foremost grammarians. He played a major role in the formulation of Arabic grammar rules.
8. Abū Ja'far (gest. 750 n. Chr. / 132 n. H.) aus Madīnah.
8. Aboo Ja‘far (d. 750 CE/132 AH) of Madeenah.
9. Ya‘qoob (gest. 820 n. Chr./204 n. H.) aus Basra.
9. Ya‘qoob (d. 820 CE/204 AH) of Basrah.
10. Khalaf (gest. 844 n. Chr./229 n. H.) aus Bagdad
10.Khalaf (d. 844 CE/229 AH) of Baghdaad
Zur gleichen Zeit, als die Gelehrten der Hadithwissenschaft Bedingungen festlegten, um die Echtheit von Aussagen oder Handlungen zu bestimmen, die dem Propheten ﷺ zugeschrieben werden, formulierten auch die Gelehrten der Koranrezitation Bedingungen, um die kritische Analyse der bestehenden Lesarten zu erleichtern. Damit eine Lesart als authentisch (saheeh) anerkannt werden konnte, musste sie drei Bedingungen erfüllen. Fehlte eine dieser Bedingungen, wurde eine solche Lesart als shaath (ungewöhnlich) eingestuft. Die erste Bedingung war, dass die Lesart eine authentische Überlieferungskette besitzt; das heißt, die Kette der Überlieferer musste ununterbrochen sein, die Überlieferer mussten als rechtschaffen bekannt sein und als Menschen mit gutem Gedächtnis gelten. Ferner war erforderlich, dass die Lesart auf jeder Stufe der Überlieferungskette unterhalb der Ebene der Gefährten (sahaabah) von einer großen Anzahl von Überlieferern weitergegeben wurde (die Bedingung des tawaatur). Überlieferungen, die authentische Ketten besaßen, aber die Bedingung des tawaatur nicht erfüllten, wurden als Erklärungen (tafseer) der Gefährten angenommen, galten aber nicht als Methoden der Koranrezitation. Überlieferungen, die nicht einmal eine authentische Überlieferungskette besaßen, wurden als "baatil" (falsch) eingestuft und vollständig zurückgewiesen.
At the same time that scholars of hadeeth laid down conditions to determine the authenticity of statements or actions attributed to the Prophet (r), scholars of Qur’aanic recitation also formulated conditions to facilitate critical analysis of the existing recitations. For any given recitation to be accepted as authentic (saheeh), it had to fulfill three conditions. If any of the conditions were missing, such a recitation was classified as shaath (unusual). The first condition was that the recitation have an authentic chain of narration; that is, that the chain of narrators had to be unbroken, that the narrators were known to be righteous, and that they were known to possess good memories. It was also required that the recitation be conveyed by a large number of narrators on each level of the chain of narration below the level of the sahaabah (the condition of tawaatur). Narrations which had authentic chains but lacked the condition of tawaatur were accepted as explanations (tafseer) of sahaabah, but were not considered as methods of reciting the Qur’aan. As for narrations which did not even have an authentic chain of narration, they were classified “baatil” (false) and rejected totally.
Die zweite Bedingung war, dass die Varianten der Rezitationen mit bekannten arabischen grammatikalischen Konstruktionen übereinstimmen. Ungewöhnliche Konstruktionen wurden dadurch verifiziert, dass sie in Passagen vorislamischer Prosa oder Dichtung vorkommen. Die dritte Bedingung verlangte, dass die Rezitation mit dem Schriftbild einer der Abschriften des Qur’aan übereinstimmt, die während der Zeit des Kalifen ‘Uthmaan verteilt wurden. Daher gelten Unterschiede, die auf der Punktsetzung beruhen (z. B. ta‘lamoon und ya‘lamoon), als zulässig, sofern die übrigen Bedingungen erfüllt sind. Konnte für eine ungewöhnliche Konstruktion keine Stütze gefunden werden, so wurde die Rezitation dieser Konstruktion als shaath eingestuft. 33