Schluss
Conclusion
Ich habe in diesem Buch versucht, dem englischsprachigen Leser einige der Wissenschaften des Qur’aan näherzubringen. Je mehr man vom Qur’aan versteht und im eigenen Leben umsetzt, desto näher kommt man Allaah. Ich hoffe, dass die Muslime den mittleren Weg zwischen zwei unerfreulichen Extremen gehen werden. Das erste ist, die Hände in den Schoß zu legen und zu behaupten, islamisches Wissen sei nicht Sache des Laien, sondern solle den Fachleuten auf diesem Gebiet überlassen werden. Diese Haltung hat die breite Masse der Muslime in tiefer Unwissenheit über ihre Religion belassen. Wer sich nicht damit beschäftigt, den Islaam zu erlernen, ist wahrscheinlich mit einer Vielzahl von Tätigkeiten beschäftigt, die am Tag des Gerichts zu Reue führen werden. Diese Haltung führt auch zu einem Ergebnis, das in Soorah at-Tawbah scharf kritisiert wurde. Die Juden und Christen nahmen ihre Priester und Rabbiner anstelle Gottes als Herren an, indem sie ihnen blind folgten, wenn sie verboten, was Gott ihnen erlaubt hatte, und erlaubten, was Gott verboten hatte.135
I have attempted in this book to acquaint the English-speaking reader with some of the sciences of the Qur’aan. The more one understands of the Qur’aan and applies in one’s life, the closer one comes to Allaah. I hope that Muslims will steer the middle course between two unpleasant extremes. The first is to throw up one’s hands, claiming that Islaamic knowledge is not the business of the layperson, and that it should be left to specialists in the field. This attitude has left the Muslim masses in deep ignorance of their religion. Whoever is not busy learning about Islaam is likely to be busy in a wide variety of activities that will be a cause for regret on the Day of Judgment. This attitude also leads to a result that was severely criticized in Soorah at-Tawbah. The Jews and Christians took their priests and rabbis as lords in place of God by blindly following them when they prohibited what God had made lawful for them and made lawful that which God had prohibited.135
Der zweite Extrempol besteht darin, sich nach der Lektüre einiger Bücher über den Islam für gelehrt zu halten. Solche Menschen fühlen sich verpflichtet, die „Fehler“ derer um sie herum zu korrigieren, wenn sie sie etwas tun sehen, womit sie nicht vertraut sind, oder wenn sie irgendwo gehört haben, dass jemand eine bestimmte Praxis für falsch erklärt, sie selbst aber die verschiedenen Standpunkte der Gelehrten zu dieser Frage samt deren Belegen nicht studiert haben. Ich hoffe, dass dieses Buch solchen Menschen die Komplexität der islamischen Wissenschaften vor Augen führt, zumal das hier Dargebotene nur die winzige Spitze eines Eisbergs ist im Vergleich zu dem, was zu diesem Thema auf Arabisch geschrieben wurde.
The second extreme is to consider oneself learned after having read a couple of books on Islaam. Such persons feel duty-bound to correct the “mistakes” of those around them when they see them doing something they are unfamiliar with, or when they have heard somebody somewhere say that a certain practice is wrong, but they themselves have not studied the different positions of scholars on the issue along with their evidences. I hope that this book will impress upon such people the complexity of the Islaamic sciences, especially since that which has been presented here is the tiniest tip of an iceberg compared to what has been written on the subject in Arabic.
Ich würde hoffen, dass der Leser, wenn er aus dem Buch sonst nichts mitnimmt, einen Maßstab mitnimmt, an dem er die Aussagen derjenigen messen kann, die Deutungen des Qur'aan anbieten. Wir leben in einer Zeit, in der Nichtmuslime sehr darauf erpicht sind, dass die Muslime die Quellen unserer Religion (deen) neu deuten. Grundlegend für solche Bemühungen ist die Neuinterpretation des Qur'aan. Muslime stehen nichtmuslimischen Neudeutungen ziemlich skeptisch gegenüber, doch gibt es eine ganze Bewegung zur Neuinterpretation, die von Muslimen selbst vorangetrieben wird. Diese Bewegung, die besonders stark unter Muslimen ist, die im Westen leben oder dort ausgebildet wurden, nimmt viele Annahmen der westlichen Industriezivilisation als selbstverständliche Wahrheiten, denen sich das Verständnis und die Praxis des Islaam der Muslime anpassen müssen.
I would hope that if the reader gets nothing else out of the book, that he or she will leave with a standard by which to measure the statements of those who are offering interpretations of the Qur’aan. We live in a time when non-Muslims are very eager for the Muslims to reinterpret the sources of our deen. Fundamental to such efforts is reinterpretation of the Qur’aan. Muslims are fairly wary of nonMuslim reinterpretations, but there is a whole reinterpretation movement being advocated by Muslims. This movement, which is especially strong among Muslims living or trained in the West, takes many assumptions of western industrial civilization as self-evident truths which must be accommodated in the Muslims’ understanding and practice of Islaam.
Eine der Hauptmethoden dieser Bewegung besteht darin, zunächst eine Position zu einer bestimmten Frage einzunehmen und dann nach Belegen zu suchen, die sie stützen. Eine ihrer Lieblingstaktiken ist es, zu einer Frage auf der Grundlage eines bestimmten Verses zu argumentieren, häufig gemäß ihrer eigenen neuen Auslegung, während sie andere Verse ignorieren, die diese Auslegung unmöglich machen. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die verzerrte Tafsir-Auslegung von Vers 62 der Sure al-Baqara.
One of the main methods of this movement is that a position on a given issue is taken, then evidence is sought to support it. One of their favorite tactics is to argue on the basis of a particular verse on an issue, often according to their own new interpretation, while ignoring other verses which make their interpretation impossible. A classic example of this is the distorted tafseer of verse 62 of Soorah al-Baqarah
„Wahrlich, diejenigen, die glauben, und diejenigen, die Juden sind, und Christen und Sabäer – wer immer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt und Gutes tut –, sie werden ihren Lohn bei ihrem Herrn haben, und keine Furcht wird über sie kommen, und sie werden nicht trauern.“
“Verily, those who believe, and those who are Jews, and Christians, and Sabaeans—whoever believes in Allaah and the Last Day and does right—they will have their reward with their Lord and there will be no fear upon them neither will they grieve.”
Sie sagen, dieser Vers sei ein klarer Beweis dafür, dass Juden und Christen Gläubige seien, dass wir alle Brüder seien und dass die einzigen Kriterien für den Eintritt ins Paradies der Glaube an Allah und den Tag des Gerichts zusammen mit guten Werken seien. Muslimische Gelehrte haben diesen Vers jedoch im Lichte der Verse 150-151 der Sure an-Nisā' stets anders ausgelegt.
They say this verse is clear proof that Jews and Christians are believers, that we are all brothers and that the only criteria for entry into paradise are belief in Allaah and the Day of Judgment along with good deeds. However, Muslim scholars throughout history have interpreted this verse in light of verses 150-1 of Soorah an-Nisaa’:
„Gewiss, diejenigen, die nicht an Allah und Seine Gesandten glauben und zwischen Allah und Seinen Gesandten unterscheiden wollen und sagen: ‚Wir glauben an einige und verwerfen andere‘, und einen Weg dazwischen einschlagen wollen – sie sind wahrlich Ungläubige. Und Wir haben den Ungläubigen eine erniedrigende Strafe bereitet.“
“Verily, those who disbelieve in Allaah and His messengers and want to make a distinction between Allaah and His messengers, and who say, ‘We believe in some and disbelieve in others,’ and want to pursue a path in-between—they are truly disbelievers; and I have prepared a humiliating torment for the disbe-lievers.”
Diese Passage bezieht sich eindeutig auf die Juden, die leugnen, dass Jesus und Muhammad ﷺ Propheten waren, sowie auf die Christen, die das Prophetentum Muhammads ﷺ leugnen.136
This passage clearly refers to the Jews, who deny that Jesus and Muhammad (peace be upon them both) were prophets, and the Christians, who deny Muhammad’s prophethood.136
Wie könnten dann Juden und Christen, die von Muhammad (r) gehört und seine Prophetenschaft abgelehnt haben, die Verheißung erhalten, dass sie einen Lohn bekommen und nichts zu fürchten haben? Wer den Vers aus Sure al-Baqara auf diese Weise auslegt, hat eine Position eingenommen, die erfordert, dass sich der Qur’aan selbst widerspricht, und das ist für sich genommen eine Position des Unglaubens. Daher besteht der Konsens der muslimischen Gelehrten darin, dass es zwei gültige mögliche Auslegungen des Verses gibt. Die erste lautet: Juden zur Zeit Moses’ und Christen zur Zeit Jesu, die an Allah glaubten und dem ihnen gesandten Propheten folgten, ist diese Belohnung verheißen. Die andere lautet: Nach der Sendung des Propheten Muhammad ﷺ gilt die genannte Belohnung denjenigen unter den verschiedenen Religionsgemeinschaften, die an Allah und den Jüngsten Tag glauben und Gutes tun, wie es in der letzten Offenbarung bestimmt ist, nachdem sie an Muhammad ﷺ als den ihnen gesandten Propheten geglaubt haben.137 Diese beiden Auslegungen berücksichtigen alle Belege (von denen aus Gründen der Kürze nur ein Bruchteil erwähnt wurde), während die erste dies nicht tut.
How then could Jews and Christians who heard about Muhammad (r) and rejected his prophethood be promised that they would get a reward and have nothing to fear? A person who interprets the verse from Soorah al-Baqarah in that way has taken a position that requires the Qur’aan to contradict itself, which is in itself a position of disbelief. Therefore, the consensus of Muslim scholars is that there are two valid possible interpretations of the verse. The first is that Jews at the time of Moses and Christians at the time of Jesus who believed in Allaah and followed the prophet sent to them have been promised this reward. The other is that after the mission of Prophet Muhammad (r), the stated reward is for those among the various religious groups who believe in Allaah and the Last Day and do good as defined in the final revelation, having believed in Muhammad (r) as a prophet sent to them.137 These two interpretations take into account all of the evidence (of which only a fraction has been mentioned for the sake of brevity), while the first does not.
Eine weitere verbreitete Methode, vor der man sich hüten sollte, ist die Auslegung (Tafsīr) des Qur'ān allein aufgrund der sprachlichen Bedeutungen der Wörter. Damit solche Auslegungen plausibel klingen, muss die Sunnah ignoriert werden. Man sieht, wie manche Ḥadīthe ablehnen, nur weil sie lediglich von einer Handvoll Ṣaḥābah überliefert wurden! Diese Methodik ist im Verlauf der Geschichte ein häufiges Merkmal abweichender pseudo-islamischer Gruppen gewesen.
Sure er-Tawba (9):31.
135 Soorah at-Tawbah (9):31.
136 Siehe Tafsir Ibn Katheer, Bd. 1, S. 585, al-Jami‘ li Ahkam al-Qur'an, Bd. 6, S. 5-6, und Tafsir at-Tabari, Bd. 4, S. 343-4.
136 See Tafseer Ibn Katheer, vol. 1, p. 585, al-Jaami‘ li Ahkaam al-Qur’aan, vol. 6, pp. 5-6, and Tafseer at-Tabaree, vol. 4, pp. 343-4.
137 Siehe Tafsir Ibn Kathir, Bd. 1, S. 107-8, al-Jami' li Ahkam al-Qur'an, Bd. 1, S. 295-6, Tafsir at-Tabari, Bd. 1, S. 361-5 und Ruh al-Ma'ani, Bd. 1, S. 280.
137 See Tafseer Ibn Katheer, vol. 1, pp. 107-8, al-Jaami‘ li Ahkaam al-Qur’aan, vol.1, pp. 295-6, Tafseer at-Tabaree, vol. 1, pp. 361-5 and Rooh al-Ma‘aanee, vol. 1, p. 280.