11.2 Die Merkmale der medinensischen Offenbarungen
11.2 The Features Of Madeenan Revelations
Madinensische Offenbarungen sind alle diejenigen Verse und Suren des Qur'an, die nach der Hidschra (der Auswanderung nach Madinah) offenbart wurden. Dazu gehören Verse, die während der Schlachten offenbart wurden, ebenso wie solche, die in Makkah und Mina während und nach der Abschiedspilgerfahrt offenbart wurden. All diese Verse gelten als madinensisch, weil sie die Offenbarungen der zweiten Phase der islamischen Bewegung darstellen, in der die Festigung des islamischen Staates stattfand.6
Madeenan revelations are all those verses and chapter of the Qur’aan which were revealed after the Hijrah (the emigration to Madeenah). This includes verses which were revealed during the battles, as well as those revealed in Makkah and Minaa during and after the Farewell Pilgrimage. All of these verses are considered Madeenan because they represent the revelations of the second stage of the Islaamic movement, in which the consolidation of the Islaamic state took place.6
Im Folgenden sind einige der wichtigsten Merkmale der medinensischen Verse aufgeführt:
The following are some of the main characteristics of Madeenan verses:
1. Gesetze:
1. Laws:
Sobald Madinah zum neuen Zentrum der islamischen Bewegung geworden war, entstand der islamische Staat. Der Prophet ﷺ wurde Herrscher über die Muslime von Madinah sowie über die Juden und die arabischen Götzenanbeter, die dort lebten. Eine Verfassung wurde aufgestellt und ein System der Rechtsprechung eingerichtet. So enthielten die Verse der medinensischen Phase die vielen sozialen, wirtschaftlichen und geistlichen Gesetze, die für die Organisation und Entwicklung eines islamischen Staates notwendig waren. In dieser Zeit wurden die letzten drei Säulen des Islam offenbart: zakāt, ṣawm und ḥajj.7 Ebenso wurde in dieser Zeit das Trinken von Alkohol, der Verzehr von Schweinefleisch und das Glücksspiel verboten.
Once Madeenah had become the new center of the Islaamic movement, the Islaamic state was born. The Prophet (ﷺ) became ruler over the Muslims of Madeenah, as well as the Jews and the Arab idol worshippers who lived there. A constitution was drawn up and a system of justice was established. Thus, the verses during the Madeenan stage contained the many social, economic and spiritual laws which were necessary for the organization and development of an Islaamic state. It was during this period that the last three pillars of Islaam, zakaah, sawm and hajj, were revealed.7 Likewise, it was during this period that drinking alcohol, eating swine and gambling were all forbidden.
2. Die Leute der Schrift:
2. People of the Book:
In Medina kamen die Muslime erstmals mit den Juden in Kontakt. Um den Glauben der Muslime zu erschüttern, stellten die Juden dem Propheten (ﷺ) verschiedene Fragen über Allah, die früheren Propheten und das Verborgene. So finden sich unter den medinensischen Versen zahlreiche Antworten auf die vielen Fragen, die die Juden aufwarfen. Die Muslime von Medina kamen außerdem in größerem Umfang mit den Christen in Berührung. Infolgedessen finden wir eine Reihe medinensischer Verse, die christliche Missverständnisse über den Propheten Jesus und Allah richtigstellen. Sie betonten, dass Jesu Geburt nicht außergewöhnlicher war als die Adams, der weder Vater noch Mutter hatte. Sie hoben ebenso hervor, dass die Wunder Jesu, wie etwa das Wiedererwecken der Toten, nur mit der Erlaubnis Allahs geschahen. Jesus war also weder ein Gott noch der Sohn Allahs, und Allah ist nicht der Dritte von dreien.
In Madeenah, Muslims came in contact with the Jews for the first time. In order to try to shake the beliefs of the Muslims, the Jews used to ask the Prophet (ﷺ) various questions about Allaah, the earlier prophets, and the unseen. Thus, a number of Madeenan verses represented answers to the many questions raised by the Jews. The Muslims of Madeenah also came in contact with the Christians on a larger scale. As a result of that, we find a number of Madeenan verses clarifying Christian misconceptions about Prophet Jesus and Allaah. They pointed out that Jesus’ birth was not greater than that of Aadam, who had neither father nor mother. They also stressed that the miracles of Jesus, such as bringing the dead back to life, were only by Allaah’s permission. Thus, Jesus was not a god nor the son of Allaah, and Allaah was not the third of three.
3. Die Munafiqun:
3. The Munaafiqoon:
Zum ersten Mal seit Beginn der endgültigen Botschaft finden wir Menschen, die den Islam annehmen, ohne an ihn zu glauben. In Makkah wurden die Muslime unterdrückt und angegriffen, daher trat niemand zum Islam über, außer er glaubte wahrhaftig daran. In Madeenah hingegen waren die Muslime stark und beherrschten die Stadt. So finden wir einige Menschen, die den Islam annahmen, um von seiner Stärke zu profitieren und ihm von innen heraus zu widerstehen. ‘Abdullaah ibn Ubayy ibn Salool stand kurz davor, zum König von Madeenah gekrönt zu werden, als der Prophet ﷺ ankam. Der Prophet ﷺ wurde zum Herrscher von Madeenah bestimmt, und die Hoffnungen des Ibn Salool wurden zunichtegemacht.8
For the first time since the beginning of the final message we find people entering Islaam yet not believing in it. In Makkah, Muslims were oppressed and attacked, so no one would enter Islaam unless he truly believed. On the other hand, the Muslims of Madeenah were strong and they ruled the city. Thus, we find some people entering Islaam in order to benefit from its strength and to oppose it from within. ‘Abdullaah ibn Ubayy ibn Salool was about to be crowned king of Madeenah when the Prophet (ﷺ) arrived. The Prophet (ﷺ) was made the ruler of Madeenah, and ibn Salool’s hopes were ruined.8
Da die Muslime stark waren und er sich nicht offen gegen sie stellen konnte, nahm er den Islam an und wirkte von innen gegen ihn. Schließlich wurde er zum Anführer der Munāfiqūn (Heuchler). So warnten die Verse der medinensischen Phase die Muslime vor den Gefahren der Heuchler und lehrten sie, wie sie wirksam mit ihnen umgehen sollten.
Since the Muslims were strong and he could not openly oppose them, he accepted Islaam and worked against it from within. He eventually became the head of the Munaafiqoon (hypocrites). Thus, the verses of the Madeenan stage warned the Muslims about the dangers of the hypocrites and taught them how to deal effectively with them.
4. Dschihad:
4. Jihaad:
Das Recht, gegen den Feind zu kämpfen, wurde zum ersten Mal in Madeenah gewährt. Während der Makkanischen Periode war es den Muslimen untersagt, zurückzuschlagen. Dafür gab es zwei grundlegende Gründe: (1) Die Muslime waren eine Minderheit und hätten leicht vollständig ausgelöscht werden können. (2) Dies war eine Phase, in der der Charakter der Gläubigen geformt wurde. Eine der wichtigsten Eigenschaften, die von denjenigen verlangt wurden, die die Botschaft tragen sollten, war standhafte Geduld. Nur Menschen mit starkem Glauben konnten diese Prüfung bestehen.
The right to fight against the enemy was given for the first time in Madeenah. During the Makkan period, Muslims were forbidden to fight back. This was for two basic reasons: (1) The Muslims were a minority and could easily have been completely wiped out. (2) This was a stage where the believers’ characters were being forged. One of the foremost qualities required of those who would carry the message was steadfast patience. Only those of strong faith could survive this test.
Die Makkanische Periode legte das Fundament der islamischen Bewegung, die noch kommen sollte. In der Medinensischen Phase wurde eine Reihe von Schlachten gegen die Mächte des Unglaubens geführt, bis schließlich Makka erobert wurde und die gesamte Arabische Halbinsel unter die Herrschaft des Islams kam. So lehrten einige der medinensischen Verse die Muslime die islamischen Grundsätze der Kriegführung. Beispielsweise lehrten sie, wie mit Kriegsgefangenen umzugehen sei, und sie untersagten den Rückzug während eines Angriffs, außer als List, um den Feind in eine Falle zu locken. Ebenso ermutigten sie die Muslime, sich mit den besten Waffen und der besten Kampfausrüstung zu versehen, die sie finden konnten.
The Makkan period prepared the foundation of the Islaamic movement to come. It was during the Madeenan stage that a series of battles were fought against the forces of disbelief, until finally Makkah was conquered and the whole of the Arabian peninsula came under the rule of Islaam. Thus, a number of the Madeenan verses taught Muslims the Islaamic principles of war. For example, they taught how to deal with prisoners of war and they forbade retreat during an attack except as a trick to trap the enemy. They also encouraged the Muslims to prepare themselves with the best weapons and battle gear they could find.
5. Lange Verse:
5. Long Verses:
Die medinensischen Verse waren tendenziell länger als die mekkanischen. Tatsächlich gibt es eine Reihe medinensischer Verse, die länger sind als ganze Suren der mekkanischen Zeit. Der längste Vers des Qur'ān ist der Vers über das Darlehen in der medinensischen Sure al-Baqara.9 Die kürzeste Sure des Qur'ān ist die mekkanische Sure al-Kauthar,10 die in ihren drei kurzen Versen insgesamt nur 11 einzelne Wörter enthält. Das Bedürfnis, die Aufmerksamkeit widerwilliger Zuhörer zu gewinnen, bestand nun nicht mehr, denn der Islam war stark geworden und seine Anhänger waren zahlreich. So war das Publikum in dieser Phase durchaus bereit, aufmerksam längeren Versen zuzuhören, die die lebenswichtigen Gesetze des Islam lehrten.
The Madeenan verses tended to be longer than those of Makkah. In fact, there are a number of Madeenan verses which are longer than whole soorahs of the Makkan period. The longest verse of the Qur’aan is the verse on loans in the Madeenan Soorah al-Baqarah.9 The shortest soorah of the Qur’aan is the Makkan Soorah al-Kawthar,10 which contains a total of only 11 separate words in its three short verses. The need to catch the attention of unwilling listeners was no longer there, because Islaam had become strong and its followers were many. Thus, the audience at this stage was quite willing to listen attentively to longer verses teaching the vital laws of Islam.
6. Reihenfolge der Suren:
6. Order of the Soorahs:
Obwohl alle Verse der Makkaner Zeit in demselben Zeitraum offenbart wurden, wurden sie weder in der Reihenfolge auswendig gelernt noch niedergeschrieben, in der sie offenbart wurden. Verse aus verschiedenen Suren wurden gemeinsam offenbart, und manchmal wurden ganze Suren auf einmal offenbart. Wenn einzelne Verse offenbart wurden, forderte der Prophet ﷺ seine Schreiber auf, sie in die Sure zu schreiben, zu der sie gehörten. Wurde eine neue Sure offenbart, rezitierte er sie in der Reihenfolge, in der sie niedergeschrieben werden sollte. Sobald die Verse und Suren aus Madinah offenbart wurden, forderte der Prophet ﷺ seine Gefährten auf, sie vor oder nach bestimmten Suren und Versen aus Makkah einzuordnen. So fand man, als die Offenbarung des Qur'an vollendet war, Verse aus Makkah innerhalb von Suren aus Madinah und Verse aus Madinah innerhalb von Suren aus Makkah. Der Prophet ﷺ ordnete die Verse und Suren des Qur'an gemäß dem Befehl Allahs an. Der Grund für die Vermischung mag darin liegen, dass die Verse entsprechend den Bedürfnissen einer sich entwickelnden Gemeinschaft offenbart wurden, während die Anordnung zum Zwecke der Lesung variiert wurde, um deutlich zu machen, dass der Qur'an kein bloßes historisches Dokument ist. Indem die Verse von der chronologischen Reihenfolge ihrer Offenbarung losgelöst werden, werden die allgemeinen und universellen Aspekte ihrer Botschaft betont.
Although all of the Makkan verses were revealed during the same period, they were neither memorized nor written in the same order in which they were revealed. Verses from various soorahs were revealed together, and sometimes whole soorahs were revealed at once. Whenever single verses were revealed, the Prophet (ﷺ) would tell his scribes to write it in the soorah to which it belonged. If a new soorah was revealed, he would recite the soorah in the order it was to be recorded. Once the Madeenan verses and soorahs began to be revealed, the Prophet (ﷺ) would tell his companions to place them before or after certain Makkan soorahs and verses. Thus, when the revelation of the Qur’aan was complete, Makkan verses could be found within Madeenan soorahs and Madeenan verses within Makkan soorahs. The Prophet (ﷺ) ordered the verses and soorahs of the Qur’aan according to Allaah’s command. The reason for the mingling may have been that the verses were revealed according to the needs of a developing community, whereas the order for reading purposes was varied to make it clear that the Qur’aan is not a mere historical document. By divorcing the verses from the chronological order of their revelation, the general and universal aspects of their message are emphasized.
6 Al-Itqaan, Bd. 1, S. 23.
6 Al-Itqaan, vol. 1, p. 23.
7 Die Zakāh war bereits in Makkah vorgeschrieben, doch war sie damals nicht förmlich geregelt; die genauen Bestimmungen wurden erst nach der Hidschra festgelegt.
7 Zakaah had been prescribed in Makkah, but it was informal at that time; the detailed rules were not laid down until after the Hijrah.
8 Siehe Sahih Muslim, Bd. 3, S. 989, Nr. 4431.
8 See Sahih Muslim, vol. 3, p. 989, no. 4431.