10.10 Hybridität, Hebraisierung und der Mythos der Wiederherstellung: Eliezer Ben-Yehuda, das Komitee für die hebräische Sprache und die Gründungsmythen des modernen Hebräisch
10.10 Hybridity, Hebraicising And The Myth Of Restoration: Eliezer Ben-yehuda, The Committee Of The Hebrew Language And Founding Myths Of Modern Hebrew
Obwohl osteuropäische jüdische Siedler behaupteten, ein einheimisches Volk zu vertreten, das nach 2000 Jahren der Abwesenheit in seine Heimat zurückkehre, bestand der harte Kern des zionistischen Aktivismus tatsächlich aus russischen Staatsangehörigen.
Although Eastern European Jewish settlers claimed to represent an indigenous people returning to its homeland after 2000 years of absence, in fact Russian nationals formed the hard core of Zionist activism.
Diese Selbst-Re-Indigenisierung und das Kopieren aus der arabischen Sprache sowie von palästinensisch-arabischen Ortsnamen erforderte großen Aufwand, um den mythologischen neuhebräischen Sabra-Mann zu erschaffen und eine neue jüdische Identität zu konstruieren.
This self-re-indigenisation and copying from the Arabic language and Palestinian Arab toponyms required a great deal of effort to create the mythological New Hebrew Sabra Man and construct a new Jewish identity.
Kein Wunder, denn die frühen zionistischen Siedler waren nicht nur darauf aus, „ein Land zu erfinden und eine Nation zu erfinden“ (Rabkin 2010: 130), sondern auch eine neue Sprache und Identität. Um ihre eigene neue, hebräisch gedachte biblische Identität neu zu erschaffen, änderten nach 1948 führende zionistische Politiker, Armeekommandeure, Bibelarchäologen und Autoren ihre Namen von russischen, polnischen und deutschen Namen in „authentisch“ klingende hebräische (biblische) Namen.
No wonder, for the early Zionist settlers were intent not only on ‘inventing a Land, and inventing a Nation’ (Rabkin 2010: 130), but also on inventing a new language and identity. Reinventing their own new, Hebrew-imagined biblical identity, the post-1948 period saw top Zionist leaders, army commanders, biblical archaeologists and authors changing their names from Russian, Polish and German to ‘authentic’ Hebrewsounding (biblical) names.
Trotz der Semitisierung europäischer Juden durch sprachliche und rassische Theoretiker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das moderne Hebräisch tatsächlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts von aschkenasischen Zionisten erfunden, und zwar nicht als semitische Sprache, sondern als Hybridsprache mit europäischem Wortschatz und starken europäischen Bezügen, als ein kultureller Raum, in dem sich die neuen Siedler der zionistischen Kolonie (Yishuv) in Palästina zu Hause fühlten. Die zionistische Yishuv („reine Kolonie“: Kimmerling 2003: 22) in Palästina wurde zu einer neuen Form des Exils, für das ein neues, stark europäisch geprägtes Hebräisch eine der zentralen Verbindungen zum alten europäischen Kulturraum bot.
Despite the Semitisation of European Jews by linguistic and racial theorists in the second half of the 19th century, in fact modern Hebrew was invented by Ashkenazi Zionists in the early 20th century not as a Semitic language, but rather as a hybrid language, with European vocabulary and strong European connections, a cultural space with which new settlers of the Zionist colony (Yishuv) in Palestine felt at home. The Zionist Yishuv (‘pure colony’: Kimmerling 2003: 22) in Palestine became a new form of exile for which a new, strongly European, new Hebrew provided one of the key links to the old European cultural space.
Doch für die frühen europäischen zionistischen Führer erforderte der Aufbau einer neuen „Heimat“ bzw. eines Staates in Palästina die Erfindung einer neuen Sprache, die Begründung nationaler Mythen und etwas grundlegend anderes – ein neues, säkulares, modernes aschkenasisches Hebräisch. Viele frühe Zionisten nannten sich „Neue Hebräer“ und nicht Juden und veränderten, wie wir weiter unten sehen werden, bewusst ihre jiddischen, russischen, polnischen oder deutschen Namen, um hebräischer und biblischer zu klingen. Ein bekanntes Beispiel: David Grün nannte sich nach seiner Einwanderung nach Palästina zunächst David Green und später David Ben-Gurion. Der entscheidende Erfinder und „Vater“ des modernen Hebräisch war jedoch Eliezer Ben-Yehuda (ursprünglich Lazar Perelman) (1858–1922), der ebenso zu einem legendären Helden des Zionismus wurde wie der Gründervater des politischen Zionismus, Theodor Herzl. Als kultureller Zionist betrachtete Ben-Yehuda das „moderne Hebräisch“ und den Zionismus als einander bedingend. Er war außerordentlich einflussreich bei der Gestaltung einer neuen hebräischen kollektiven Identität, die in einem erfundenen „uralten Bewusstsein“ wurzelte. Grundlage hierfür war die Verwandlung des liturgischen Hebräisch von einer ruhenden (fast toten) Sprache in eine neue Sprache, die heute von Millionen Israelis gesprochen wird. Heute wird Ben-Yehuda in Israel als Initiator der hebräischen Sprach„auferstehung“ und „Wiederbelebung“ und als Schöpfer einer modernen zionistischen Umgangssprache verehrt. Die Rehov Ben-Yehuda (Ben-Yehuda-Straße) im Zentrum West-Jerusalems erinnert heute an den Schöpfer des israelischen Hebräisch.
However, for early European Zionist leaders, to build a new ‘homeland’/ state in Palestine required the invention of a new language and the founding national myths and something altogether different – a new secular modern Ashkenazi Hebrew language. Many early Zionists called themselves ‘New Hebrews’ and not Jews, and, as we shall see below, deliberately changed their European Yiddish, Russian. Polish or German names to sound more Hebraic, more biblical; for a well-known example, David Grün initially became David Green after immigrating to Palestine, and subsequently David Ben-Gurion. However, the key inventor and ‘father’ of modern Hebrew was Eliezer Ben-Yehuda (formerly Lazar Perelman) (1858–1922), who became a legendary hero of Zionism on a par with the founding father of political Zionism, Theodor Herzl. As a cultural Zionist, Ben-Yehuda regarded ‘modern Hebrew’ and Zionism as symbiotic. He was hugely influential in the fashioning of a new Hebrew collective identity rooted in an invented ‘ancient consciousness’. This was based on the transformation of liturgical Hebrew from a dormant (almost dead) language to a new language spoken today by millions of Israelis. Today Ben-Yehuda is revered in Israel as the instigator of the Hebrew language ‘resurrection’ and ‘revival’ and the creator of a modern Zionist vernacular. Today Rehov Ben-Yehuda (Ben-Yehuda Street), in central West Jerusalem, commemorates the creator of Israeli Hebrew.
Aber Ben-Yehuda war auch der Gründungsvater des modernen Hebräisch, und er war für seine beiden Mythen verantwortlich.
But Ben-Yehuda was also the founding father of modern Hebrew and he was responsible for its two myths:
Der Mythos der Wiederherstellung des Hebräischen.
• The myth of Hebrew restoration.
• Der Mythos, dass modernes Hebräisch eine semitische Sprache sei.
• The myth that modern Hebrew is a Semitic language.
Wie wir weiter unten sehen werden, war das moderne Hebräisch in Wirklichkeit eine neue Sprache: ein semito-europäischer Hybrid. Ben-Yehuda selbst sah sich nicht nur als Erfinder des modernen Hebräisch, sondern auch als Erfinder des „jüdischen Volkes“.21 Er schrieb:
As we shall see below: modern Hebrew was in reality a new language: a Semito- European hybrid. Ben-Yehuda himself saw himself not only as the inventor of modern Hebrew but also as an inventor of the ‘Jewish people’.21 He wrote:
„Es gibt zwei Dinge, ohne die die Juden kein Volk [‘am] werden:
‘There are two things without which the Jews will not become a people [‘am]:
„das Land [ha-aretz; d. h. Palästina] und die Sprache [ha-lashon].“
the country [ha-aretz; i.e. Palestine] and the language [ha-lashon].’