10.17 Vom palästinensischen Majdal-ʿAsqalan zum biblischen Aschkelon
10.17 From Palestinian Majdal-ʿasqalan To Biblical Ashkelon
Im Jahr 1948 wurden die Städte und Dörfer im südlichen Palästina, darunter die Städte Bir al-Sabi (Beerscheba) und al-Majdal, vollständig entvölkert.
In 1948 the towns and villages of southern Palestine, including the towns of Bir al-Sabi (Beersheba) and al-Majdal, were completely depopulated.
Al-Majdal wurde im 16. Jahrhundert in der Nähe der mittelalterlichen muslimischen Stadt ‘Asqalan gegründet, einer Stadt mit einer langen Geschichte und einer vielschichtigen Identität, die bis in die Zeit der alten Philister zurückreicht. Ihr mittelalterlicher arabischer Name ‘Asqalan bewahrte ihren altpalästinensischen Namen Ascalon. Als einer der ältesten und größten Seehäfen des alten Palästina gehörte sie zu den fünf berühmten Städten der Philister: Gaza, Gath, Ascalon, Ashdod (heutiger arabischer Ortsname: Isdud) und Ekron (‘Aqir). Al-Majdal/‘Asqalan hatte am Vorabend des Krieges von 1948 10000
Al-Majdal was established in the 16th century near the medieval Muslim city of ‘Asqalan, a city that had a long history and a multi-layered identity dating back to the ancient Philistines.Its medieval Arab name, ‘Asqalan, preserved its ancient Palestinian name, Ascalon. With one of the oldest and largest seaport in ancient Palestine, it was one of the five famous cities of the Philistines: Gaza, Gath, Ascalon, Ashdod (modern Arabic toponym: Isdud), Ekron (‘Aqir). Al-Majdal/‘Asqalan, on the eve of the 1948 war, had 10,000
(muslimische und christliche) Einwohner, und im Oktober 1948 schlossen sich ihnen Tausende weitere Flüchtlinge aus benachbarten Dörfern an. Al-Majdal wurde am 4. November 1948 von der israelischen Armee erobert, woraufhin viele seiner Einwohner und Flüchtlinge flohen und rund 2700 Bewohner zurückblieben, überwiegend Frauen und ältere Menschen.
(Muslim and Christian) inhabitants, and in October 1948 thousands more refugees from nearby villages joined them. Al-Majdal was conquered by the Israeli army on 4 November 1948 and many of its residents and refugees fled, leaving some 2700 inhabitants, mostly women and the elderly, behind.
Auf den Straßen der Stadt wurden Befehle in Hebräisch und Jiddisch angeschlagen, die die Soldaten davor warnten, auf „unerwünschtes" Verhalten seitens der Stadtbewohner zu achten. „Wie in solchen Fällen üblich", schrieb der israelische Geheimdienstoffizier, „war das Verhalten der Bevölkerung unterwürfig und schmeichlerisch" (Levy 2000). Im Dezember 1948 zogen israelische Soldaten durch die Stadt und deportierten etwa 500 ihrer verbliebenen Einwohner. 1949 verlangte der Oberbefehlshaber des Südkommandos, Yigal Allon, ...
Orders in Hebrew and Yiddish were posted in the streets of the town, warning the soldiers to be aware of ‘undesirable’ behaviour on the part of the town’s residents. ‘As was customary in such instances’, the Israeli intelligence officer wrote, ‘the behaviour of the population was obsequious and adulatory’ (Levy 2000). In December 1948, Israeli soldiers ‘swept through’ the town and deported some 500 of its remaining inhabitants. In 1949 the commanding officer of the Southern Command, Yigal Allon, ‘demanded ...
...dass die Stadt von ihren Arabern geleert werde" (Masalha 1997: 9). Darauf folgte ein Beschluss eines interministeriellen Ausschusses, die palästinensische Bevölkerung auszudünnen; ein weiterer Ministerausschuss, „für verlassenes Eigentum“, beschloss, al-Majdal mit Juden zu besiedeln; die Stadt wurde judaisiert, und, mit 2500
that the town be emptied of its Arabs’ (Masalha 1997: 9). This was followed by an inter-ministerial committee decision to thin out the Palestinian population; another ministerial committee, ‘on abandoned property’, decided to settle al-Majdal with Jews; the town was being Judaised, and, with 2500
jüdische Bewohner, es wurde „Migdal-Ad“ genannt. Im Dezember 1949 wurden weitere Palästinenser deportiert, um weitere Häuser für jüdische Siedler zu räumen, diesmal für entlassene israelische Soldaten. Unterdessen machte die israelische Armee den Palästinensern, die geblieben waren, das Leben zur Qual, in der Hoffnung, dass sie gehen würden.
Jewish residents, it was named ‘Migdal-Ad’. In December 1949, more Palestinians were deported to vacate more houses for Jewish settlers, this time for discharged Israeli soldiers. In the meantime, the Israeli army made the life of those Palestinians who remained a misery, hoping they would leave.
Der neue Oberbefehlshaber des Südkommandos, Mosche Dayan, griff den Vorschlag von Yigal Allon wieder auf: „Ich hoffe, dass es vielleicht in den kommenden Jahren eine weitere Gelegenheit geben wird, diese Araber [170,000
The new commanding officer of the Southern Command, Moshe Dayan, returned to the proposal of Yigal Allon: ‘I hope that perhaps in the coming years, there will be another opportunity to transfer these Arabs [170,000
„Israelische Araber“] aus dem Land Israel“, sagte Dayan am 18. Juni 1950 auf einer Sitzung der regierenden Mapai-Partei. Dayan legte außerdem einen detaillierten Vorschlag für „die Evakuierung der arabischen Einwohner der Stadt Madschdal“ vor. Beide Generalstabschefs stimmten zu, und Ministerpräsident Ben-Gurion genehmigte den Plan am 19. Juni 1950 (Masalha 1997: 9).
Israeli Arabs] out of the Land of Israel’, Dayan said at a meeting of the ruling Mapai party on 18 June 1950. Dayan also submitted a detailed proposal for ‘the evacuation of the Arab inhabitants of the town of Majdal’. Both the army chiefs of staff agreed, and Prime Minister Ben-Gurion authorised the plan on 19 June 1950 (Masalha 1997: 9).
Im Sommer 1950, knapp zwei Jahre nach dem Krieg von 1948, erhielten die palästinensischen Einwohner von Majdal Ausweisungsbefehle und wurden innerhalb weniger Wochen an die Grenze zum Gazastreifen gebracht. Sie wurden auf Lastwagen verladen und an der Grenze abgesetzt. Die letzte Lieferung von 229
In the summer of 1950, almost two years after the 1948 war, the Palestinian inhabitants of Majdal received expulsion orders and, over a period of a few weeks, were transported to the borders of Gaza. They were loaded onto trucks and dropped off at the border. The last delivery of 229
Die Menschen verließen Gaza am 21. Oktober 1950. Die israelischen Beamten verteilten die „verlassenen“ Häuser an neue jüdische Siedler. Bis zum heutigen Tag leben die palästinensischen Einwohner von al-Majdal in den Hütten und Behelfsunterkünften der Flüchtlingslager in Gaza. 1956 änderte Migdal-Ad seinen Namen in das biblisch klingende Aschkelon (Levy 2000). Seitdem wird die Stadt als rein jüdische Stadt geführt. Zur israelischen Bildungspolitik äußert sich Ismael Abu-Sa’ad von der Ben-Gurion-Universität wie folgt:
people left for Gaza on 21 October 1950. The Israeli officials distributed the ‘abandoned’ houses among new Jewish settlers. To this very day the Palestinian inhabitants of al-Majdal live in the shacks and shanties of the refugee camps in Gaza. In 1956, Migdal-Ad changed its name to the biblical- sounding Ashkelon (Levy 2000). Since then it has been kept as a purely Jewish city. Commenting on Israeli educational policies, Ismael Abu-Sa’ad, of Ben-Gurion University, writes:
Das Bildungssystem ist entscheidend dafür, die Verdrängung der indigenen Geschichte und Präsenz zu einer „offiziellen“ Sache zu machen, etwa durch Texte wie den zitierten Auszug aus dem Geografie-Lehrplan der 6. Klasse an israelischen Schulen, der palästinensischen Kindern vermittelt, dass die Geschichte der Küstenebene erst vor etwa hundert Jahren mit der Ankunft europäischer jüdischer Siedler und deren Umgestaltung dieses zuvor als „verlassenes Gebiet“ bezeichneten Landes begann.
The education system is essential to making the displacement of indigenous history and presence ‘official’, through texts such as that quoted from the 6th grade geography curriculum in Israeli schools, which teaches Palestinian children that the history of the coastal plain began only a hundred years ago, with the advent of European Jewish settlement and their transformation of this previously ‘abandoned area’.
Im Text überlagert das moderne (jüdische) Tel Aviv jede Erwähnung des arabischen Jaffa; das moderne (jüdische) Aschdod jede des (arabischen) Isdud; das moderne (jüdische) Aschkelon jede des (arabischen) al-Majdal[-ʿAsqalan]. Das moderne jüdische Rischon LeZiyyon („Erster in Zion“), Herzlia und zahlreiche andere neue Städte sind über eine nicht anerkannte Landschaft palästinensischer Dörfer gelegt, die 1948 entvölkert und zerstört wurden. Die einheimische Landschaft wird aus dem Lehrplan getilgt, während sie gleichzeitig durch den Lehrplan getilgt wird, weil sie in den offiziellen historischen und geographischen Materialien, die über die Region unterrichtet werden, nicht vorkommt. (Abu-Sa’ad 2008: 24–25)
In the text, modern (Jewish) Tel Aviv overrides any mention of Arab Jaffa; modern (Jewish) Ashdod of (Arab) Isdud; modern (Jewish) Ashkelon of (Arab) al-Majdal[-ʿAsqalan]. Modern Jewish Rishon Litzion (‘First in Zion’) and Herzliya and numerous other new towns are superimposed upon an unacknowledged landscape of Palestinian villages emptied and demolished in 1948. The indigenous landscape is erased from the curriculum, while it is simultaneously being erased by the curriculum, because of its absence from the official historical and geographical materials being taught about the region. (Abu-Sa’ad 2008: 24–25)
Die Auslöschung des Erbes Palästinas und der Palästinenser, sowohl physisch als auch kulturell, wurde vom israelischen politischen Geographen Oren Yiftachel im Jahr 2008 wie folgt zusammengefasst:
The erasure of the heritage of Palestine and the Palestinians, physically and culturally, was summarised by Israeli political geographer Oren Yiftachel in 2008 as follows:
Die Auslöschung wurde über viele Jahrzehnte hinweg von den Apparaten des jüdischen Staates vorangetrieben, die darauf abzielen, die Überreste der arabisch-palästinensischen Gesellschaft zu tilgen, die bis 1948 in diesem Land lebte, und die Katastrophe zu leugnen, die der Zionismus diesem Volk zugefügt hat. Die Auslöschung, die auf Gewalt, Flucht, Vertreibung und die Zerstörung der Dörfer folgte, ist in allen Diskursen sichtbar: in Schulbüchern, in der Geschichte, die die zionistische Gesellschaft sich selbst erzählt, im politischen Diskurs, in den Medien, auf Karten und nun auch in den Namen von Orten, Straßen und Kreuzungen.
The act of erasure had been led, for many decades, by the Jewish state’s apparatuses, those that aim to erase the remnants of the Arab- Palestinian society that lived in the country until 1948, and to deny the catastrophe that Zionism inflicted on this nation. The erasure that came after the violence, the flight, the expulsion and the demolition of the villages is visible in all discourses – in textbooks, the history that Zionist society tells itself, in the political discourse, in the media, in maps and now also in the names of the sites, roads, and junctions.
Palästina, das unter Israel liegt, verschwindet aus der israelisch-jüdischen physischen Wirklichkeit und dem Diskurs.31
Palestine, which lays under Israel, is disappearing from the Israeli- Jewish physical reality and discourse.31