10.13 Ortsnamen „von oben“ und staatlich gesteuerte Projekte: Das israelische Regierungsausschuss für Ortsnamen
10.13 Toponyms ‘from Above’ And State-supervised Projects: The Israeli Governmental Names Committee
Zionistische Projekte nach 1948 konzentrierten sich auf die Hebraisierung/Judaisierung der palästinensischen Geographie und Toponymie durch die Praxis der Umbenennung von Stätten, Orten und Ereignissen. Das Hebraisierungsprojekt setzte Umbenennung ein, um neue Orte und neue geographische Identitäten zu schaffen, die mit vermeintlich biblischen Stätten in Verbindung stehen. Die "neuen hebräischen" Namen verkörperten einen ideologischen Antrieb und politische Merkmale, die vom zionistischen hegemonialen Projekt bewusst genutzt werden konnten. Das offizielle Projekt begann mit der Einsetzung des Regierungsausschusses für Ortsnamen (Va'adat Hashemot Hamimshaltit).
Post-1948 Zionist projects concentrated on the Hebraicisation/Judaisation of Palestinian geography and toponymy through the practice of renaming sites, places and events. The Hebraicisation project deployed renaming to construct new places and new geographic identities related to supposed biblical places. The ‘new Hebrew’ names embodied an ideological drive and political attributes that could be consciously mobilised by the Zionist hegemonic project. The official project began with the appointment of the Governmental Names Committee (Va’adat Hashemot Hamimshaltit)
von Ministerpräsident Ben-Gurion im Juli 1949. Ben-Gurion hatte die Negev-Wüste im Juni besucht und war davon beeindruckt, dass es für geografische Orte in der Region keine hebräischen Namen gab. Der Eintrag im Kriegstagebuch vom 11. Juni 1949 lautet: „Eilat ... wir fuhren durch die offenen Weiten der Arava ... von ʻEin Husb ... nach ʻEin Wahba ... Wir müssen diesen Orten hebräische Namen geben – alte Namen, falls es welche gibt, und falls nicht, neue!“ (Ben-Gurion 1982, Bd. 3: 989).
by Prime Minister Ben-Gurion in July 1949. Ben-Gurion had visited the Naqab/Negev in June and had been struck by the fact that no Hebrew names existed for geographical sites in the region. The 11 June 1949 entry for his War Diary reads: ‘Eilat ... we drove through the open spaces of the Arava ... from ‘Ein Husb ... to ‘Ein Wahba ... We must give Hebrew names to these places – ancient names, if there are, and if not, new ones!’ (Ben-Gurion 1982, Vol. 3: 989).
In der unmittelbaren Nachkriegszeit nach der Nakba konzentrierten israelische Archäologen und Mitglieder der Israelischen Gesellschaft für Erkundung im Regierungsausschuss für Namen ihre ersten Bemühungen auf die Erstellung einer neuen Karte für den neu besetzten „Negev“ (Abu El-Haj 2001: 91–94). Der Ausschuss wurde beauftragt, hebräische Namen für die neu besetzte palästinensische Landschaft zu schaffen, und in den von diesem Ausschuss erstellten Dokumenten finden sich durchgehend Hinweise auf „fremde Namen“. Die israelische Öffentlichkeit wurde aufgerufen, „die fremden und bestehenden Namen auszurotten“ und an ihrer Stelle „sich die neuen hebräischen Namen anzueignen“. Die meisten bestehenden Namen waren arabisch. Mit der Aufgabe betraut, Hunderte arabischer Ortsnamen zu tilgen und im Negev hebräische Namen zu schaffen, hielt der Ausschuss seine erste Sitzung am 18. Juli ab und traf sich anschließend über einen Zeitraum von zehn Monaten dreimal im Monat. Er vergab hebräische Namen an 561 verschiedene geografische Merkmale im Negev – Berge, Täler, Quellen und Wasserlöcher – und stützte sich dabei auf die Bibel als Quelle. Trotz der Auslöschung vieler alter arabischer Namen aus der Landschaft des Negev wurden einige arabische Namen zu ähnlich klingenden hebräischen Namen: So wurde beispielsweise Seil ‘Imran zu Nahal Amram, offenbar in Erinnerung an den Vater von Mose und Aaron; der arabische Jabal Haruf (Berg Haruf) wurde zu Har Harif (Scharfer Berg), Jabal Dibba (Buckelhügel) zu Har Dla’at (Kürbisberg). Nachdem der Ausschuss den Namen Har Geschur – nach dem Volk, dem Davids dritte Frau angehörte – als hebräische Bezeichnung für den arabischen Jabal ‘Ideid (Ausgedehnter Berg) verworfen hatte, beschloss er, ihn Har Karkom (Krokusberg) zu nennen, weil im Negev Krokusse wachsen.28 Der Klang des arabischen Namens ‘Ideid blieb jedoch für die nahegelegenen Quellen erhalten, die nun Beerot Oded (die Brunnen des Oded) heißen, angeblich nach dem biblischen Propheten gleichen Namens. In seinem Bericht vom März 1956 erklärte der israelische Regierungsausschuss für Namen:
In the immediate post-Nakba period, Israeli archaeologists and members of the Israeli Exploration Society on the Governmental Names Committee concentrated their initial efforts on the creation of a new map for the newly occupied ‘Negev’ (Abu El-Haj 2001: 91–94). Commissioned to create Hebrew names for the newly occupied Palestinian landscape, throughout the documents produced by this committee were reported references to ‘foreign names’. The Israeli public was called upon ‘to uproot the foreign and existing names’ and in their place ‘to master’ the new Hebrew names. Most existing names were Arabic. Charged with the task of erasing hundreds of Arabic place names and creating Hebrew names in the Negev, the committee held its first meeting on 18 July and subsequently met three times a month for a ten-month period and assigned Hebrew names to 561 different geographical features in the Negev – mountains, valleys, springs and waterholes – using the Bible as a resource. Despite the obliteration of many ancient Arabic names from the Negev landscape, some Arabic names became similar-sounding Hebrew names: for example, Seil ‘Imran became Nahal Amram, apparently recalling the father of Moses and Aaron; the Arabic Jabal Haruf (Mount Haruf) became Har Harif (Sharp Mountain), Jabal Dibba (Hump Hill) became Har Dla’at (Mount Pumpkin). After rejecting the name Har Geshur, after the people to whom King David’s third wife belonged, as a Hebrew appellation for the Arabic Jabal ‘Ideid (Sprawling Mountain), the committee decided to call it Har Karkom (Mount Crocus), because crocuses grow in the Negev.28 However, the sound of the Arabic name ‘Ideid was retained for the nearby springs, which are now called Beerot Oded (the Wells of Oded), supposedly after the biblical prophet of the same name. In its report of March 1956 the Israeli Government Names Committee stated:
Im zusammengefassten Zeitraum wurden 145 Namen für Altertumsstätten, Ruinen und Tells [arabisch für Hügel oder archäologische Erdhügel] festgelegt: Acht Namen wurden auf der Grundlage historischer Identifikation bestimmt, 16
In the summarised period 145 names were adopted for antiquities sites, ruins and tells [Arabic for hills or archaeological mounds]: eight names were determined on the basis of historical identification, 16
nach geographischen Namen in der Gegend, acht nach der Bedeutung der arabischen Wörter, und die überwiegende Mehrheit der Namen (113) wurde durch Nachahmung der Klänge der arabischen Wörter bestimmt, eine teilweise oder vollständige Nachahmung, um dem neuen Namen einen hebräischen Charakter zu verleihen, unter Befolgung der [anerkannten] grammatischen und Vokalisierungsregeln. (Zitiert nach Abu El-Haj 2001: 95)29
according to geographical names in the area, eight according to the meaning of the Arabic words, and the decisive majority of the names (113) were determined by mimicking the sounds of the Arabic words, a partial or complete mimicking, in order to give the new name a Hebrew character, following the [accepted] grammatical and voweling rules. (Quoted in Abu El-Haj 2001: 95)29
In Hidden Histories veröffentlichte der palästinensische Gelehrte Basem Ra’ad (2010) und berief sich dabei auf eine Studie aus dem Jahr 1988, Toponymie Palestinienne: Plaine de St. Jean d’Acre et corridor de Jerusalem, von Thomas Thompson, Francolino Goncalves und J. M. van Cangh. Er zeigt, dass die israelischen Ortsnamenkomitees weit über ihre ursprünglichen Aufträge hinausgingen.
In Hidden Histories, Palestinian scholar Basem Ra’ad (2010), citing a 1988 study, Toponymie Palestinienne: Plaine de St. Jean d’Acre et corridor de Jerusalem, by Thomas Thompson, Francolino Goncalves and J. M. van Cangh, shows that the Israeli toponymy committees went far beyond their original mandates:
Es gab schlicht nicht genug [biblische] Überlieferung, auf die man sich hätte stützen können, daher konnte das Projekt nur fortgesetzt werden, indem man biblische oder jüdische Bezüge willkürlich auswählte. Arabische Namen mussten hebraisiert werden, in anderen Fällen wurde Arabisch ins Hebräische übersetzt, um dem Ort eine ideologisch stimmige Identität zu geben. So wurden manche Orte aus dem Arabischen in das hebräische Lautsystem übertragen: Minet el-Muserifa wurde zu Horvat Mishrafot Yam und Khirbet el Musherifa zu Horvat Masref. Bei diesem künstlichen Verfahren vergaßen die Ausschüsse mitunter auch echte jüdische Überlieferungen, wie im Fall der vollständigen Streichung des arabischen Namens Khirbet Hanuta, wobei nicht erkannt wurde, dass dieser wahrscheinlich den talmudischen Khanotah wiedergab.
There was simply not enough [biblical] tradition to go by, so [the project] could only continue by picking out Biblical or Jewish associations at random. It had to Hebrewise Arabic names, or in other cases translate Arabic to Hebrew to give the location an ideologically consistent identity. For example, some locations were rendered from Arabic into the Hebrew phonetic system: Minet el-Muserifa became Horvat Mishrafot Yam and Khirbet el Musherifa was changed to Horvat Masref. Sometimes, in this artificial process, the committees forgot about certain genuine Jewish traditions, as in the case of the total cancelling of the Arabic name Khirbet Hanuta, not recognising that it probably rendered the Talmudic Khanotah.
Diese erzwungene Umbenennung widersprach oft sogar der biblischen Überlieferung, am deutlichsten bei der Tilgung der arabischen Namen Yalu und ‘Imwas [nach 1967]. Yalu wurde zu Ayallon, während ‘Imwas, das westliche Emmaus, das mit der Christusgeschichte in Verbindung gebracht wird, eines der drei Dörfer war, die zusammen mit Beit Nuba 1967 dem Erdboden gleichgemacht wurden. Die alten Steine aus den Dörfern wurden an jüdische Bauunternehmer verkauft, um neuen Gebäuden andernorts lokale Tradition und Alter zu verleihen, und das gesamte Gebiet wurde in den tragischen Canada Park verwandelt, der mit Millionen eines kanadischen Spenders ermöglicht wurde.
This forced exercise of re-naming often even went against Biblical tradition, most notably in erasing the Arabic names Yalu and ‘Imwas [after 1967]. Yalu became Ayallon, while ‘Imwas, Western Emmaus, associated with the Christ story, was one of the three villages, along with Beit Nuba, razed in 1967. The old stones from the villages were sold to Jewish contractors to lend local tradition and age to new buildings elsewhere, and the whole area was turned into the tragic Canada Park, made possible by millions from a Canadian donor.
(Ra’ad 2010: 188–189; Thompson et al. 1988).
(Ra’ad 2010: 188–189; Thompson et al. 1988).