8.4 Houranis Paradigma der „städtischen“ Eliten?
8.4 Hourani’s ‘urban’ Elites Paradigm?
Wenn man Palästina in die Geschichte des 18. Jahrhunderts einordnet, wurde die Idee einer sozialen und wirtschaftlichen Autonomie Palästinas unter den Osmanen von Beshara Doumani (1995) meisterhaft untersucht, mit besonderem Bezug auf die Sozialgeschichte des Jabal Nablus im 18. Jahrhundert. Dies geschah im Rahmen von Albert Houranis Paradigma der „städtischen Notabeln“ (a'ayan): der politischen und wirtschaftlichen Eliten in den arabischen Städten und Kleinstädten der Provinz, die als „patrizische“ Vermittler zwischen der kaiserlichen Hauptstadt Istanbul und der provinziellen Gesellschaft dienten und die Provinzen des weiten Osmanischen Reiches regierten. Die städtischen sozialen Eliten Palästinas strebten, wie im übrigen arabischen Osten, danach, den regionalen und überregionalen Handel zu kontrollieren und den Grundbesitz auf dem Land zu beherrschen.
Writing Palestine into the history of the 18th century, the idea of Palestinian social and economic autonomy under the Ottomans was masterfully explored by Beshara Doumani (1995) with special reference to the social history of 18th century Jabal Nablus. This was done within the framework of Albert Hourani’s paradigm of the ‘urban notables’ (a’ayan): the political and economic elites in provincial Arab cities and towns that served as ‘patrician’ intermediaries between the imperial capital in Istanbul and provincial society and governed the provinces of the vast Ottoman Empire. The urban social elites of Palestine, as in the rest of the Arab East, sought to control regional and distant trade and dominate landownership in the countryside.
Allerdings waren die Städte im späten osmanischen Palästina verhältnismäßig klein, und die städtischen Eliten waren auf osmanische Förderung angewiesen und standen in wechselseitiger Abhängigkeit zu den umliegenden Dörfern und der breiten Bauernschaft des Landes.
However, in late Ottoman Palestine cities were relatively small and urban social elites were dependent on Ottoman patronage and interdependent with their surrounding villages and the mass peasantry of the countryside.
Doch die Geschichte des osmanischen Palästina lässt sich nicht auf die Politik der städtischen Notabeln bei Hourani oder auf andere Formen der Elitenpolitik beschränken, sei diese nun auf habgierige feudale Grundherren zentriert, die die palästinensischen Bauern durch das osmanische Iltizam-System der Landbewirtschaftung ausbeuteten, oder auf wohltätige aristokratische Patrizier, die in dem Land bemerkenswerte karitative Waqf-Stiftungen errichteten. Obwohl diese städtischen Eliten der direkten osmanischen Herrschaft in Palästina Widerstand leisteten, entstammten sie größtenteils denselben sozialen Schichten, und ihre Politik blieb familienzentriert, erbittert konkurrierend und tief zerstritten (Mao’z 1968: 113) und letztlich wirkungslos. Außerdem lässt sich die gesamte Geschichte Palästinas nicht auf ein einziges Paradigma reduzieren: weder auf den imperialen Patron-Klient-Rahmen noch auf die Elitenpolitik. Entscheidend ist, dass diese soziale Autonomie der städtischen ‚Ayans‘ in Palestina nicht das dramatische Entstehen einer politischen Autonomie „von unten“ und „von innen“ erklären kann, nämlich einer nahezu unabhängigen palästinensischen Einheit im 18. Jahrhundert, des Staates des al-ʿDhaher al-ʿUmar in Palästina, der dem modernen unabhängigen Staat so nahe kam, wie Palästina es je tat. Dieses Elitenparadigma der lokalen „städtischen Notabeln“ hat jedoch eine ganze Generation von Historikern des modernen Nahen Ostens beeinflusst. Historiker scheuen sich häufig, etablierte Paradigmen infrage zu stellen, und da so viele akademische Karrieren von ihnen abhängen, erklärt dies zum Teil, warum al-ʿUmars mächtiger Staat in Palästina, der fast ein halbes Jahrhundert bestand, nur am Rande untersucht worden ist.
But the history of Ottoman Palestine cannot be confined to the politics of Hourani’s urban notables or other forms of elite politics, whether this is centred on greedy feudal landlords who exploited the Palestine peasantry through the Ottoman iltizan land-cultivation system or on benevolent aristocratic patricians who set up remarkable charitable waqf foundations in the country. Although these urban elites resisted direct Ottoman rule in Palestine, they were drawn for the most part from the same social classes and their politics remained family-centred, fiercely competitive and deeply fractious (Mao’z 1968: 113) and, ultimately, ineffective. Also, the entire history of Palestine cannot be reduced to one paradigm: the imperial patron‒client framework and elite politics. Crucially, this social autonomy of the urban ‘ayans’ in Palestine cannot account for the dramatic emergence political autonomy ‘from below’ and ‘from within’ of an almost independent Palestinian entity in the 18th century, the al-ʿDhaher al-ʿUmar state of Palestine, which was the closest Palestine got to a modern independent state. However, this elite paradigm of local ‘urban notables’ has influenced an entire generation of historians of the modern Middle East. Historians are often wary of challenging established paradigms and, with so many academic careers depending on them, this partly explains why al-ʿUmar’s powerful state in Palestine, which lasted for nearly half a century, has been studied only marginally.