10.14 Die legendäre Toponymie der zionistischen Siedler und der lateinischen mittelalterlichen Kreuzfahrer
10.14 The Legendary Toponymy Of Zionist Settlers And The Latin Medieval Crusaders
Die israelischen Namensgebungskomitees folgten den Methoden christlicher Bibelgeographen und Bibelarchäologen des 19. Jahrhunderts wie Victor Guérin und Edward Robinson, die – ähnlich wie die lateinischen mittelalterlichen Kreuzfahrerpilger in Maurice Halbwachs' La Topographie légendaire des évangiles en terre sainte: étude de mémoire collective (1941) – bestimmte Ortsnamen aus den Mythenerzählungen der Bibel, des Talmud und der Mischna „entdeckten", erzeugten und reproduzierten.
Israeli renaming committees followed the methods of Christian scriptural geographers and biblical archaeologists of the 19th century such as Victor Guérin and Edward Robinson who, like the Latin medieval Crusader pilgrims in Maurice Halbwachs’ La Topographie légendaire des évangiles en terre sainte: étude de mémoire collective (1941), ‘discovered’, produced and reproduced particular place names from the myth narratives of the Bible, Talmud and Mishna.
Toponymizid, Mimikry und Entarabisierung: Die Aneignung des palästinensischen Erbes und die Auslöschung der palästinensischen Vergangenheit
Toponymicide, Mimicry And De-arabisation: Appropriating Palestinian Heritage, Erasing The Palestinian Past
Die Palästinenser teilen gemeinsame Erfahrungen mit anderen indigenen Völkern, denen Selbstbestimmung und Erzählung verweigert wurden, deren materielle Kultur zerstört wurde und deren Geschichte von europäischen weißen Siedlern und Kolonisatoren ausgelöscht, neu erzählt, neu erfunden oder verzerrt wurde. In *The Invasion of America* (1975) hob Francis Jennings die hegemonialen Narrative der europäischen weißen Siedler hervor, indem er darauf hinwies, dass Historiker über Generationen hinweg über die indigenen Völker Amerikas aus einer Haltung kultureller Überlegenheit schrieben, die die tatsächliche Geschichte der indigenen Völker und ihre Beziehungen zu den europäischen Siedlern auslöschte oder verzerrte. In *Decolonizing Methodologies*
The Palestinians share common experiences with other indigenous peoples who had their self-determination and narrative denied, their material culture destroyed and their histories erased, retold, reinvented or distorted by European white settlers and colonisers. In The Invasion of America (1975), Francis Jennings highlighted the hegemonic narratives of the European white settlers by pointing out that for generations historians wrote about the indigenous peoples of America from an attitude of cultural superiority that erased or distorted the actual history of the indigenous peoples and their relations with the European settlers. In Decolonizing Methodologies:
Forschung und indigene Völker: Die Maori-Wissenschaftlerin Linda Tuhiwai Smith vertritt die Auffassung, dass die Auswirkungen der europäischen Siedlerkolonisation indigene Völker weiterhin verletzen und zerstören; dass die Verneinung indigener Geschichtsauffassungen eine entscheidende Rolle bei der Durchsetzung der kolonialen Ideologie spielte, zum Teil deshalb, weil indigene Sichtweisen als falsch oder primitiv galten, vor allem jedoch, weil sie „die Mission der Kolonisation herausforderten und ihr Widerstand leisteten“ (Smith, L. 1999: 29). Sie führt aus:
Research and Indigenous Peoples, Maori scholar Linda Tuhiwai Smith argues that the impact of European settler-colonisation is continuing to hurt and destroy indigenous peoples; that the negation of indigenous views of history played a crucial role in asserting colonial ideology, partly because indigenous views were regarded as incorrect or primitive, but primarily because ‘they challenged and resisted the mission of colonisation’ (Smith, L. 1999: 29). She states:
Unter dem Kolonialismus haben indigene Völker gegen eine westliche Sicht der Geschichte gekämpft und sich dennoch an dieser Sicht beteiligt. Wir haben oft zugelassen, dass unsere „Geschichten“ erzählt wurden, und sind dann zu Außenstehenden geworden, während wir hörten, wie sie neu erzählt wurden ... Weltkarten bestärkten unseren Platz an der Peripherie der Welt, obwohl wir weiterhin als Teil des Empires galten. Dazu gehörte, dass wir neue Namen für unser Land lernen mussten. Andere Zeichen unserer Loyalität, wie die Flagge, waren ebenfalls fester Bestandteil des imperialen Lehrplans. Unsere Orientierung in der Welt wurde bereits neu definiert, während wir systematisch vom Schreiben der Geschichte unserer eigenen Länder ausgeschlossen wurden.
Beispiele für die Aneignung arabischer Toponyme und Nachahmung
Examples Of Appropriation Of Arabic Toponyms And Mimicry
Der Einfluss palästinensisch-arabischer Ortsnamen auf die israelischen Ortsnamen zeigt sich deutlich in arabischen Lehnnamen, in Übersetzungen arabischer Ortsnamen und in morphologischen Mustern der Umbenennung. Tabelle 10.1 zeigt neue, hebräisch klingende Ortsnamen, die auf den arabischen Ortsnamen palästinensischer Dörfer beruhen, von ihnen abgeleitet sind oder ihnen nachgebildet wurden, Dörfer, die vor oder im Jahr 1948 entvölkert und zerstört wurden.
The influence of Palestinian Arabic toponyms on the Israeli toponyms are clear in loan Arabic place names, translations of Arabic place names and morphological patterns of renaming. Table 10.1 shows new Hebrew-sounding toponyms based on, derived from or modelled on the Arabic toponyms of Palestinian villages depopulated and destroyed before or in 1948.



Sechsundfünfzig Jahre nach der Nakba schrieb der israelische Journalist Gideon Levy im März 2004: „Das zionistische kollektive Gedächtnis existiert sowohl in unserer kulturellen als auch in unserer physischen Landschaft, doch der hohe Preis, den die Palästinenser gezahlt haben – an Menschenleben, durch die Zerstörung von Hunderten von Dörfern und durch das anhaltende Elend der palästinensischen Flüchtlinge – findet kaum öffentliche Anerkennung“ (Levy 2004).
Fifty-six years after the Nakba, in March 2004, Israeli journalist Gideon Levy wrote: ‘The Zionist collective memory exists in both our cultural and physical landscape, yet the heavy price paid by the Palestinians – in lives, in the destruction of hundreds of villages, and in the continuing plight of the Palestinian refugees – receives little public recognition’ (Levy 2004).
Levy fügt hinzu:
Levy adds:
Schauen Sie sich diesen Feigenkaktus an. Er bedeckt einen Steinhügel. Dieser Steinhügel war einst ein Haus, ein Schuppen, ein Schafpferch, eine Schule oder eine Steinmauer. Einst – bis vor 56 Jahren, eine Generation und ein halbes Leben her – also gar nicht so lange. Der Kaktus trennte die Häuser und ein Grundstück vom anderen, ein lebendiger Zaun, der heute zugleich das einzige Denkmal für das Leben ist, das hier einst war. Sehen Sie sich auch den Kiefernhain rund um den Feigenkaktus an. Darunter lag einst ein Dorf. Alle seine 405 Häuser wurden 1948 an einem einzigen Tag zerstört, und seine 2.350 Bewohner wurden in alle Winde zerstreut. Niemand hat uns jemals davon erzählt. Die Kiefern wurden unmittelbar danach vom Jüdischen Nationalfonds (JNF) gepflanzt, zu dem wir in unserer Kindheit jeden Freitag beitrugen, um die Ruinen zu bedecken, die Möglichkeit einer Rückkehr zu verdecken und vielleicht auch ein wenig die Scham und die Schuld. (Levy 2004)
Look at this prickly pear plant. It’s covering a mound of stones. This mound of stones was once a house, or a shed, or a sheep pen, or a school, or a stone fence. Once – until 56 years ago, a generation and a half ago – not that long ago. The cactus separated the houses and one lot from another, a living fence that is now also the only monument to the life that once was here. Take a look at the grove of pines around the prickly pear as well. Beneath it there was once a village. All of its 405 houses were destroyed in one day in 1948 and its 2,350 inhabitants scattered all over. No one ever told us about this. The pines were planted right afterward by the Jewish National Fund (JNF), to which we contributed in our childhood, every Friday, in order to cover the ruins, to cover the possibility of return and maybe also a little of the shame and the guilt. (Levy 2004)
Eine monumentale Studie aus dem Jahr 1992, die von einem Team palästinensischer Feldforscher und Wissenschaftler unter der Leitung des palästinensischen Historikers Walid Khalidi erstellt wurde, dokumentiert die Zerstörung von Hunderten von Dörfern, die innerhalb der Waffenstillstandslinien von 1949 lagen