8.5 Besteuerung, Grenzprovinzen und der Aufstieg autonomer Macht im Palästina des 18. Jahrhunderts
8.5 Taxation, Frontier Provinces And The Rise Of Autonomous Power In 18th Century Palestine
Wolf-Dieter Hütteroth und Kamal Abdulfattah legten 1977 mit ihrem wegweisenden Werk zur historischen Geographie Palästinas, Transjordaniens und Südsyriens Ende des 16. Jahrhunderts ein Standardwerk vor, das sich auf ein detailliertes osmanisches Register (mufassal defter) stützt. Darin beschreiben sie diese Regionen als „Grenzzonen“ unter osmanischer Herrschaft. Im Palästina des 18. Jahrhunderts waren das Paschalik von Safad (Provinz Safad) und Galiläa insgesamt ein Beispiel für eine „Grenzprovinz“ und eine Machtbasis für eine aufstrebende lokale palästinensische Macht unter nomineller osmanischer Herrschaft.
Wolf-Dieter Hütteroth and Kamal Abdulfattah’s (1977) seminal work on the Historical Geography of Palestine, Transjordan and Southern Syria in the Late 16th Century, based on a detailed Ottoman register (mufassal defter), describes these regions as ‘frontier zones’ under Ottoman rule. In 18th century Palestine, the pashalik of Safad (province of Safad) and Galilee as a whole were a case of ‘frontier province’ and a power base for a rising Palestinian local power under nominal Ottoman rule.
Unter den Mamluken erstmals belegt, wurde das Iltizam-Steuersystem im 15. Jahrhundert von den Osmanen institutionalisiert und durch die Verpachtung öffentlicher Steuereinnahmen durchgeführt. Der osmanische Staat lagerte die Steuererhebung aus, indem er die Steuerrechte an den Meistbietenden (Multazim) versteigerte. Dieser zog die Steuern vor Ort ein, wobei er häufig verschwenderisch damit umging, und leistete an den Staat Zahlungen in festen Raten, während er den Gewinn behielt. Diese Auslagerung des Iltizam-Steuersystems umfasste die Verpachtung von Grundsteuern und städtischen Abgaben, die Produktion bestimmter Waren wie Wein und Salz und sogar die Bereitstellung bestimmter öffentlicher Dienstleistungen. Die Verpachtung der Iltizam-Grundsteuer unter den Osmanen, die dem iqta'a-System der Fatimiden ähnelte, brachte in Palästina und in der gesamten Region wohlhabende lokale Eliten und mächtige lokale Stammesführer hervor. Im Zuge der Reformen (Tanzimat) von 1856 formell abgeschafft, bestand das Iltizam-System in Wirklichkeit jedoch bis zum Ende der osmanischen Herrschaft in Palästina fort (Yazbak 1998: 72‒73). Es war sehr profitabel und stark ausbeuterisch und brachte über viele Jahrhunderte großen Nutzen für die mächtigen lokalen Eliten unter den Mamluken und Osmanen (Abdul Rahmam und Nagata 1977).
Appearing first under the Mamluks, the Iltizam taxation system was institutionalised by the Ottomans in the 15th century and was carried out by the farming of public tax revenues. The Ottoman state would outsource tax collection by auctioning taxation rights to the highest bidder (multazim), who would then profit, often profligately, from collecting the taxes locally, make payments to the state in fixed instalments, while keeping the profit. This outsourcing of the Iltizam tax system included the farming of land taxes and urban taxes, the production of certain goods such as wine and salt, and even the provision of certain public services. The outsourcing of the land Iltizam tax under the Ottomans, which resembled the iqta’a system under the Fatimids, gave rise to rich local elites and powerful local chieftains in Palestine and throughout the region. Formally abolished in the course of the reforms (Tanzimat) of 1856, but, in reality, continuing until the end of Ottoman rule in Palestine (Yazbak 1998: 72‒73), the ltizam system was very profitable and highly exploitative and was for many centuries of great benefit to powerful local elites under the Mamluks and Ottomans (Abdul Rahmam and Nagata 1977).
Bestimmte Aspekte der Auswirkungen des osmanischen Steuerpachtsystems, mit dem Wachstum lokaler Autonomie und dem Aufstieg mächtiger Stammesführer in Palästina, insbesondere im Kontext der „Grenzprovinzen“, lassen sich auch am früheren Aufstieg der arabischen Foederatenkönige der Ghassaniden (oberste Phylarchen) erkennen.
Certain aspects of the impact of the Ottoman tax farming system, with the growth of local autonomy and rise of powerful chiefs in Palestine especially within the context of ‘frontier provinces’, can also be seen in the previous rise of the Ghassanid Arab federate kings (supreme phylarchs)
der „Grenzprovinzen" Palaestina Secunda und Palaestina Tertia im 6. und frühen 7. Jahrhundert sowie des Aufstiegs der Jarrah-Anführer der beduinischen Stämme der Banu Tayy unter den Fatimiden, bis zu ihrer militärischen Niederlage durch Anushtakin al-Dizbari, den Militärgouverneur von Palästina, im Jahr 1029 n. Chr.
of the ‘frontier provinces’ of Palaestina Secunda and Palaestina Tertia in the 6th and early 7th centuries and in the rise of the Jarrah leaders of the Bedouin tribes of Banu Tayy under the Fatimids, until their military defeat by Anushtakin al-Dizbari, the Military Governor of Palestine, in 1029 AD.
Der beeindruckende Aufstieg von Dhaher al-ʿUmar in Galiläa im 18. Jahrhundert ist ebenfalls ein anschauliches Beispiel. Seine Fähigkeit, Steuern effizient einzutreiben, ein Heer wirksam aufzustellen und zu befehligen, erfolgreich Bündnisse zu schmieden und Recht und Ordnung durchzusetzen, war im Kontext der „Grenzprovinz“ Galiläa Teil des Gesamtbildes, das seinen Aufstieg zur Macht im Palästina des 18. Jahrhunderts erklärt.
The spectacular rise of Dhaher al-ʿUmar in Galilee in the 18th century is also a case in point. His ability to collect taxes efficiently, raise and command an army effectively, forge alliances successfully and enforce law and order, within the context of the ‘frontier province’ of the Galilee, were all part of the mix which explains his rise to power in 18th century Palestine.
Der Palästina am nächsten gekommene Zustand einer unabhängigen Staatlichkeit in der frühen Neuzeit war das Ergebnis sowohl der wirtschaftlichen Dynamik Palästinas und seines legendären Anführers Dhaher al-ʿUmar als auch der anhaltenden Vernachlässigung durch die Osmanen. Der Clan (hamulah) der Zaydani, dem Dhaher al-ʿUmar angehörte, ging aus dem palästinensischen Hinterland und den Randgebieten des Landes hervor, aus dem Paschalik Safad, einer „Grenzprovinz“ sowohl unter den Mamluken als auch unter den Osmanen, und nicht aus den traditionellen großen Stadtzentren des Landes oder den im Allgemeinen osmanenfreundlichen städtischen Sozialeliten Palästinas. Al-ʿUmar wurde im Dorf ʿArrabah im zentralen Galiläa geboren und entstammte nicht der traditionellen städtischen, grundbesitzenden Aristokratie Palästinas; anders als die lokalen Notabeln (ʿayan) verdankte er seine Legitimität nicht den zentralen osmanischen Behörden. Angehörige der Familie al-ʿUmars hatten als lokale Steuereinnehmer (multazims) in den Provinzstädten Tiberias und Safad im Paschalik Safad gedient, und er selbst hatte seine Laufbahn als Händler und Steuerpächter im osmanischen Iltizam-System begonnen (Krämer 2011:
The closest Palestine got to early modern independent statehood was a result of both commercial dynamism of Palestine and its legendary leader Dhaher al-ʿUmar and the continued neglect of the Ottomans. The Zaydani clan (hamulah) of Dhaher al-ʿUmar emerged from the Palestinian countryside and periphery of the country, from the pashalik of Safad, a ‘frontier province’ under both the Mamluks and Ottomans, not from the traditional major urban centres of the country or the generally pro-Ottoman urban social elites of Palestine. Born in the village of ‘Arrabah in central Galilee, al-ʿUmar did not come from the traditional urban landowning aristocracy of Palestine and, unlike the local notables (‘ayan), he did not owe his legitimacy to the central Ottoman authorities. Al-ʿUmar’s family members had served as local multazims (tax collectors) in the provincial towns of Tiberias and Safad in the pashalik of Safad and he himself had begun his career as a trader and tax farmer under the Ottoman Iltizam system (Krämer 2011:
60). Doch das osmanische Iltizam-Steuersystem in Palästina war äußerst ausbeuterisch und unterdrückend gegenüber der Bauernschaft, und wie wir unten sehen werden, waren al-ʿUmars neues Steuersystem und sein sozial aufgeklärtes Regime offensichtlich beliebt bei den palästinensischen Bauern. Er schränkte die Macht der städtischen Notabeln und der „räuberischen Klassen“, die sich auf Kosten verwundbarer gesellschaftlicher Gruppen, vor allem der Bauern, bereichert hatten, erheblich ein. Al-ʿUmar hatte eine gewisse formale Ausbildung erhalten, scheint aber weitgehend autodidaktisch gewesen zu sein; sein früher beruflicher Werdegang, seine finanzielle Kompetenz und seine praktische Erfahrung als effizienter Steuerpächter waren von entscheidendem Wert. Doch es waren seine politischen, militärischen, wirtschaftlichen, diplomatischen und steuerlichen Fähigkeiten, die ihn vielleicht zum mächtigsten Anführer in der neueren palästinensischen Geschichte machten. Sein Aufstieg begann auf dem Land in Galiläa, und sein erstes Hauptquartier war Tiberias in Ost-Galiläa, nicht die traditionellen städtischen Zentren des Landes: Nablus, Jerusalem und Gaza. Nachdem er sich erfolgreich gegen den osmanischen Staat aufgelehnt und sein Regime gefestigt hatte, wurde al-ʿUmar faktisch zum souveränen Herrscher über weite Teile Palästinas. Nach seinem militärischen Sieg bei Marj ibn ʿAmer im Jahr 1735 schlossen sich Tausende Einheimische, darunter viele Einwohner von Nazareth, seinen Streitkräften an. Unter seinen Anhängern in Galiläa befanden sich offenbar auch zahlreiche einheimische Christen, darunter christliche Frauen aus Nazareth, die seinen Truppen Nahrung und Wasser brachten (Joudah 1987: 28‒31). „Im Laufe der folgenden drei Jahrzehnte wuchs das Ansehen Zahir al-Umars so sehr, dass er es für möglich hielt, vorübergehende Bündnisse mit der russischen Regierung zu schmieden und mit den Mamluken in Ägypten zusammenzuarbeiten“ (Doumani 1995: 42).
60). But the Ottoman Iltizam land tax system in Palestine had been highly exploitative and oppressive towards the peasantry and, as we shall see below, al-ʿUmar’s new taxation system and his socially enlightened regime were evidently popular among the Palestinian peasantry. He substantially reduced the power of the urban notables and ‘predatory classes’ that had fed upon vulnerable social groups, especially the peasants. Al-ʿUmar had received some formal education but he appears to have been largely selftaught and his early career, financial competence and practical experience as an efficient tax farmer were of critical value. But it was his political, military, economic, diplomatic and taxation skills which made him perhaps the most powerful leader in modern Palestinian history. His rise to power began in the Galilee countryside and his first headquarters was Tiberias in Eastern Galilee, not the traditional urban centres of the country: Nablus, Jerusalem and Gaza. After rebelling successfully against the Ottoman state and consolidating his regime, al-ʿUmar became effectively the sovereign ruler of much of Palestine. Following his military victory at Marj ibn ‘Amer in 1735, thousands of local people, including many residents of Nazareth, joined his forces. Apparently among his Galilee supporters were many local Christians, including Christian women from Nazareth who provided his troops with food and water (Joudah 1987: 28‒31). ‘Over the next three decades Zahir al-Umar’s stature became such that he found it possible to forge temporary alliances with the Russian government and to cooperate with the Mamluks in Egypt’ (Doumani 1995: 42).