10.11 Hybridisierung und Muster der frühen zionistischen Entlehnung aus dem Arabischen und Aramäischen sowie deren Modellierung daran
10.11 Hybridisation And Patterns Of Early Zionist Borrowing From, And Modelling On, Arabic And Aramaic
Ben-Yehuda ging von der Annahme aus, dass das Arabische und das Aramäische den ursprünglichen Charakter der urteilsemitischen Sprache bewahrt hätten, und befürwortete deshalb eine starke Anlehnung an das Arabische und Aramäische bei der Schaffung des modernen Hebräisch in Palästina. In Wirklichkeit wurde das moderne Hebräisch jedoch zu einer neuen semitisch-europäischen Mischsprache, die zahlreiche Wörter aus dem Jiddischen, Arabischen, Aramäischen, Ladino, Lateinischen, Griechischen, Polnischen, Russischen, Englischen und anderen europäischen Sprachen übernahm. Die von Ben-Yehuda verfolgten Muster des Entlehnens und Sich-Orientierens am Arabischen bauten jedoch auf früheren umfangreichen hebräischen Entlehnungen und morphologischen Anlehnungen an das Arabische auf, die während des goldenen Zeitalters der arabisch-islamischen Zivilisation stattgefunden hatten. Obwohl der Einfluss des Arabischen auf das moderne Hebräisch nicht allein Ben-Yehuda oder seinem Hebräischen Sprachkomitee zugeschrieben werden kann, wurden viele der neuen Wörter, die Ben-Yehuda unter dem Einfluss des Arabischen prägte, Teil der heutigen Standardsprache des Hebräischen. Beispiele für hebräische Wörter, die Ben-Yehuda auf der Grundlage arabischer Wörter prägte, sind qattar („Lokomotive“), das er vom arabischen qitar entlehnte; taarikh („Datum“), vom arabischen taarikh („Geschichte“, „Datierung“); und adiv („höflich“), das vom arabischen adib („gebildet“) stammt. Morphologische Muster nach dem Vorbild des Arabischen finden sich im modernen hebräischen Gruß boqer tov („Guten Morgen“) und seinem Refrain boqer or („Morgen des Lichts“), die nach dem arabischen sabah al-khair („Guten Morgen“) bzw. sabaḥ an-nur („Morgen des Lichts“) gebildet sind (Shehadeh 1998: 60).
Believing that Arabic and Aramaic have preserved the ancient character of proto-Semitic language, Ben-Yehuda favoured a strong reliance upon Arabic and Aramaic in the creation of modern Hebrew in Palestine, although in reality modern Hebrew became a new Semito-European hybrid language borrowing many words from Yiddish, Arabic, Aramaic, Ladino, Latin, Greek, Polish, Russian, English and other European languages. However, the patterns pursued by Ben-Yehuda, of borrowing from and modelling on Arabic, built upon previous extensive Hebrew borrowings and morphological modelling on Arabic that took place during the golden age of Arab Islamic civilisation. Although the influence of Arabic on modern Hebrew cannot be attributed entirely to Ben-Yehuda or his Hebrew Language Committee,22 many of the new words coined by Ben-Yehuda under the influence of Arabic became part of the standard Hebrew language of today.23 Examples of the Hebrew words coined by Ben- Yehuda on the basis of Arabic words included qattar (‘locomotive’), which he borrowed from the Arabic qitar; taarikh (‘date’), from the Arabic taarikh (‘history’, ‘dating’); and adiv (‘polite’), which comes from the Arabic adib (‘cultured’).24 Morphological patterns modelled on Arabic are found in the modern Hebrew greeting boqer tov (‘good morning’) and its refrain boqer or (‘morning of light’), modelled after the Arabic sabah al-khair (‘good morning’) and sabaḥ an-nur (‘morning of light’) (Shehadeh 1998: 60).
Dabei ist zu beachten, dass hier nicht nur von Mustern direkter Entlehnungen aus dem Arabischen die Rede ist, sondern auch von Lehnübersetzungen.
It should be borne in mind that the reference here is not only to patterns of direct borrowings from Arabic, but also to loan translation:
Wörter, die eng nach dem Vorbild des Arabischen gebildet sind und aus dem Sprachmaterial des Arabischen bestehen. Wie wir unten sehen werden, hatte diese Nachbildung und Lehnübersetzung aus dem Arabischen in der Folge einen großen Einfluss auf die Umwandlung palästinensisch-arabischer Ortsnamen in israelische hebräische Ortsnamen durch das israelische Namenskomitee.
words modelled closely after Arabic, consisting of the speech material of Arabic. As we will see below, this modelling on and loan translation from Arabic would subsequently have a major impact on the transformation of Palestinian Arab toponyms into Israeli Hebrew toponyms by the Israeli Names Committee.
Ben-Yehuda wurde als Lazar Perelman im litauischen Dorf Luzhky geboren und besuchte eine Talmud-Schule im damaligen Russischen Kaiserreich in Belarus.
Ben-Yehuda was born Lazar Perelman, in the Lithuanian village of Luzhky, and attended a Talmudic school in Belarus in the Russian Empire.
Ein sprachlicher Utopist und säkularer sprachlicher Zionist: Der einflussreichste Lexikograf der zionistischen Volkssprache entlehnte außerdem viele Wörter aus literarischem und umgangssprachlichem Arabisch, aus dem Griechischen, dem Aramäischen und anderen Sprachen. Ben-Yehuda, ein Zeitungsredakteur, wanderte 1881 nach Palästina aus und wurde zur treibenden Kraft dieser zionistischen Sprachrevolution in der Volkssprache (Stavans 2008; Rabkin, 2006: 54–57; 2010: 132). Damals sprachen die Juden in Jerusalem Arabisch, Jiddisch und Französisch. Ben-Yehuda machte es sich zur Aufgabe, eine neue Sprache wiederzubeleben und weiterzuentwickeln, die vor allem das Jiddische und andere Sprachen ersetzen sollte, die von den europäischen zionistischen Kolonisten in Palästina gesprochen wurden. Er hatte Geschichte und Politik des Nahen Ostens an der Sorbonne-Universität in Paris studiert und das palästinensische Arabisch der Umgangssprache erlernt. In den vier Jahren, die er an der Sorbonne verbrachte, besuchte er Hebräischkurse. Es war diese Erfahrung in Paris und seine Begegnung mit dem Aufkommen des französischen Sprachnationalismus am Ende des 19. Jahrhunderts, die Ben-Yehuda (Perelman) dazu inspirierte, die „Wiederbelebung“ des Hebräischen als praktisches und zionistisch-nationalistisches Kulturprojekt zu versuchen.
A linguistic utopian and a secular linguistic Zionist, the most influential lexicographer of the Zionist vernacular also borrowed many words from literary and colloquial Arabic, Greek, Aramaic and other languages. A newspaper editor, Ben-Yehuda immigrated to Palestine in 1881 and became the driving spirit behind this Zionist vernacular revolution (Stavans 2008; Rabkin, 2006: 54–57; 2010: 132). At that time the Jews in Jerusalem spoke Arabic, Yiddish and French. Ben-Yehuda set out to resurrect and develop a new language that could replace Yiddish, in particular, and other languages spoken by the European Zionist colonists in Palestine. He had studied history and politics of the Middle East at the Sorbonne University in Paris and learned Palestinian colloquial Arabic. In the four years he spent at the Sorbonne he took Hebrew classes. It was this experience in Paris, and his exposure to the rise of French linguistic nationalism at the end of the 19th century, that inspired Ben-Yehuda (Perelman) to attempt the ‘resurrection’ of Hebrew as a practical and Zionist nationalist cultural project.
Nach seiner Ankunft in Palästina im Jahr 1881 änderte Lazar Perelman seinen Namen in Eliezer Ben-Yehuda („Sohn Judas“) und wurde der Erste, der das „moderne Hebräisch“ als Umgangssprache verwendete und es von einer biblischen Sprache und einer Sprache der Liturgie (lashon hakodesh) in eine „säkular-nationalistische“ moderne Sprache verwandelte. Ben-Yehudas zweite Frau Paula Beila nahm den hebräischen Namen Hemda an, und er zog seinen Sohn Ben-Tzion („Sohn Zions“) auf, indem er ihn ausschließlich modernes Hebräisch sprechen ließ, ihn völlig isolierte und nicht zuließ, dass er in seiner Kindheit anderen Sprachen ausgesetzt wurde.
After arriving in Palestine in 1881, Lazar Perelman changed his name to Eliezer Ben-Yehuda (‘Son of Judah’) and became the first to use ‘modern Hebrew’ as a vernacular and transform it from a biblical language and a language of liturgy (lashon hakodesh) into a ‘secular-nationalist’ modern language. Ben-Yehuda’s second wife Paula Beila took the Hebrew name Hemda, and he raised his son, Ben-Tzion (‘son of Zion’), speaking only modern Hebrew by totally isolating him and refusing to let him be exposed to other languages during childhood.
Ben-Yehuda war Herausgeber mehrerer hebräischsprachiger Zeitungen, darunter Ha-Tzvi (Der Hirsch). Letztere wurde von den osmanischen Behörden für ein Jahr geschlossen, nachdem die orthodoxe jüdische Gemeinde Jerusalems heftigen Widerstand geleistet hatte, da sie seine Arbeit als gotteslästerlich ansah.
Ben-Yehuda served as editor of a number of Hebrew-language newspapers, including Ha-Tzvi (the Deer). The latter was closed down for a year by the Ottoman authorities following fierce opposition from the Orthodox Jewish community of Jerusalem, which viewed his work as sacrilegious.
Jerusalem war eine überwiegend arabischsprachige Stadt, deren jüdische Einwohner sowohl Arabisch als auch Jiddisch sprachen und sich dagegen wehrten, die „heilige Sprache“ (lashon hakodesh), Hebräisch, im alltäglichen Gespräch zu verwenden. Andere ortsansässige Juden verspotteten das neue Hebräisch als eine „künstlich hergestellte“, hybride Sprache.
Jerusalem was a predominantly Arabic-speaking city, whose Jewish residents spoke both Arabic and Yiddish and objected to the use of the ‘holy tongue’ (lashon hakodesh), Hebrew, for everyday conversation. Other local Jews ridiculed the new Hebrew as a ‘fabricated’, hybrid language.
In Jerusalem wurde Ben-Yehuda zu einer zentralen Figur bei der Gründung des Hebräischen Sprachkomitees (Va’ad Ha-lashon ha-ʿIvrit). Es wurde zunächst 1890 eingerichtet, war ein Jahr lang tätig, wurde aufgelöst und 1904 wiederbelebt; Ben-Yehuda war dessen erster Präsident. Ben-Yehudas sprachliche Bemühungen wurden schließlich von Erfolg gekrönt, als die britische Kolonialverwaltung in Palästina 1922 unter dem zionistisch-jüdischen Hohen Kommissar Herbert Samuel beschloss, das moderne Hebräisch neben Arabisch und Englisch als eine von drei Amtssprachen des britischen Mandatsgebiets Palästina anzuerkennen.
In Jerusalem Ben-Yehuda became a central figure in the establishment of the Hebrew Language Committee (Va’ad Ha-lashon ha-ʿIvrit). It was initially set up in 1890, operated for one year, disbanded and then revived in 1904; Ben-Yehuda was its first president. Ben-Yeduda’s linguistic efforts were crowned with success when the British colonial authorities in Palestine decided in 1922, under a Zionist Jewish High Commissioner, Herbert Samuels, to recognise modern Hebrew as one of the three official languages of British Mandatory Palestine, alongside Arabic and English.
Ben-Yehudas Komitee wurde durch die Israelische Akademie der Hebräischen Sprache ersetzt, die nach einem Gesetz der Knesset vom 27. August 1953 als „Oberstes Institut der Hebräischen Sprache“ gegründet wurde und an der Hebräischen Universität Jerusalem angesiedelt ist. Als das moderne Hebräisch unter den osteuropäischen zionistischen Siedlern in Palästina immer weiter verbreitet wurde, begann das Hebräische Sprachkomitee, Mitteilungsblätter und Wörterbücher zu veröffentlichen, und prägte Tausende von Wörtern, die heute in Israel im alltäglichen Gebrauch sind. Der Präsident des Komitees, Ben-Yehuda, stellte außerdem das erste moderne hebräische Wörterbuch zusammen. Ben-Yehuda vertrat die Auffassung, dass zur Schließung der Lücken im modernen Hebräisch nicht europäische Sprachen, sondern das Arabische herangezogen werden sollten, eine lebendige, verwandte semitische Sprache, und sah im Arabischen eine wichtige Quelle für fehlende Wurzeln und neue Wörter im Hebräischen (Shehadeh 1998: 61‒62). Ben-Yehudas Behauptungen, aufgestellt in einem Artikel von 1914 mit dem Titel „Quellen zur Füllung der Lücken in unserer Sprache“, griffen ähnliche Thesen auf, die westliche Bibelarchäologen und Bibelgeographen des 19. Jahrhunderts wie Edward Robinson und Victor Guérin vertreten hatten. Er schrieb: „Die Mehrzahl der Wurzeln, die sich im arabischen Wortschatz finden, waren einst Teil des hebräischen Lexikons, und all diese Wurzeln sind weder fremd noch arabisch, sondern gehören uns, die wir sie verloren haben und nun wiedergefunden haben“ (Ben-Yehuda 1914: 9; siehe auch Blau 1981: 32).
Ben-Yehuda’s committee was replaced by the Israeli Academy of the Hebrew Language, which was established following an Act of the Israeli Knesset, passed on 27 August 1953, as ‘The Supreme Institute of the Hebrew Language’ and located in the Hebrew University of Jerusalem. As modern Hebrew became more widely spoken among East European Zionist settlers in Palestine, the Hebrew Language Committee began to publish bulletins and dictionaries and coined thousands of words that are in everyday use today in Israel. The Committee’s President, Ben-Yehuda, also compiled the first modern Hebrew dictionary. Ben-Yehuda argued that Arabic, a living fellow Semitic language, rather than European languages, should fill modern Hebrew lacunae, seeing Arabic as a major source for missing roots and new words in Hebrew (Shehadeh 1998: 61‒62). Ben-Yehuda’s claims, made in a 1914 article entitled ‘Sources to Fill the Lacunae in our Language’, echoed similar claims put forward by Western biblical archaeologists and scriptural geographers in the 19th century such as Edward Robinson and Victor Guérin. He wrote: ‘the majority of the roots found in the Arabic vocabulary were once part of the Hebrew lexicon, and all of these roots are not foreign, nor are Arabic, but are ours, which we lost and have now found again’ (Ben-Yehuda 1914: 9; see also Blau 1981: 32).
Ben-Yehuda, damals Leiter des in Jerusalem ansässigen Komitees für die hebräische Sprache, bestand auf der Bedeutung des Arabischen für die Wiederbelebung der toten Sprache Hebräisch und die Neuerfindung des modernen (aschkenasischen) Hebräisch.
Ben-Yehuda, then head of the Jerusalem-based Committee of the Hebrew Language, insisted on the relevance of Arabic for reviving the dead language of Hebrew and reinventing modern (Ashkenazi) Hebrew.
Joshua Blau, emeritierter Professor für arabische Sprache und Literatur an der Hebräischen Universität Jerusalem und Präsident der Israelischen Akademie der hebräischen Sprache (1981–1993), schreibt, dass Ben-Yehuda auf der Nützlichkeit des lebendigen Arabischen bestand: „Um die Mängel der hebräischen Sprache zu ergänzen, prägt das Komitee Wörter nach den Regeln der Grammatik und der sprachlichen Analogie aus semitischen Wurzeln: aus aramäischen und besonders aus arabischen Wurzeln“ (Blau 1981: 33).
Joshua Blau, Professor Emeritus of Arabic Languages and Literature at the Hebrew University of Jerusalem and President of the Israeli Academy of the Hebrew Language (1981‒1993), writes that Ben-Yehuda insisted on the usefulness of living Arabic: ‘In order to supplement the deficiencies of the Hebrew language, the Committee coins words according to the rules of grammar and linguistic analogy from Semitic roots: Aramaic and especially from Arabic roots’ (Blau 1981: 33).