10.3 Ist der Islam der Grund dafür, dass die muslimische Welt „rückständig“ ist? Lateinamerika widerspricht
10.3 Is Islam The Reason The Muslim World Is “backwards”? Latin America Begs To Differ
Die immer wiederkehrende Frage: Warum „hinkt“ die muslimische Welt hinterher?
The perennial question: Why does the Muslim world “lag behind”?
Die immer gleiche Antwort: Wegen des Islam! Solche Analysen erwartet man von Orientalisten, Neokonservativen und Barack Obama. Leider teilen aber auch manche Muslime diese Haltung. Seit Beginn der Kolonialzeit sind sich selbsthassende Muslime mit ihren Kolonialherren darin einig, dass der Islam das Problem ist und der einzige Ausweg darin besteht, sich vom Islam loszusagen.
The perennial answer: Because of Islam! We expect this kind of analysis from the likes of Orientalists, neoconservatives, and Barack Obama. But unfortunately, some Muslims also share such sentiments. From the beginning of the colonial period, self-hating Muslims have agreed with their colonial masters that Islam is the problem and the only way forward is to shed Islam.
Natürlich sagen die selbsthassenden Muslime nicht wörtlich: „Der Islam ist das Problem.“ Stattdessen sagen sie Dinge wie: „Der Islam muss sich reformieren“, oder: „Wir müssen die klassische Fiqh überprüfen und bei Bedarf neuen Ijtihad anwenden“, oder: „Die klassische Gelehrsamkeit enthielt frauenfeindliche Elemente.“ Das ist der nicht allzu subtile Ansatz der muslimischen Modernisten, die oft selbst klassisch ausgebildet sind und all die Insignien traditioneller Gelehrter tragen. Nicht alle Modernisten tragen Anzug und Krawatte.
Of course, the self-hating Muslims don’t come out and say, “Islam is the problem,” literally. They will, instead, say things like, “Islam needs to reform,” or, “We need to revisit classical fiqh and apply new ijtihad as needed,” or, “Classical scholarship had misogynistic elements.” This is the not-so-subtle approach of Muslim modernists, who oftentimes will be classically trained themselves and will wear all the trappings of traditional scholars. Not all modernists wear suits and ties.
Manche tragen traditionellere Kleidung.
Some wear more traditional garb.
Drei große Reformer: Jamal al-Din al-Afgani, Muhammad Abduh, Syed Ahmad Khan.
Three arch-reformers: Jamal al-Din al-Afgani, Muhammad Abduh, Syed Ahmad Khan.
Ja.
Yes.
Indem diese Modernisten religiöse Autorität beanspruchen und religiöse Sprache verwenden, können sie den durchschnittlichen Muslim, der in der Regel große Achtung vor den Ulama und dem heiligen Wissen hat, leichter beeinflussen. Die Kolonialmächte erkannten dies natürlich und nutzten es aus, indem sie einige dieser Gelehrten beauftragten, für europäische Interessen einzutreten. Diese Dynamik wird bis heute in vollem Umfang eingesetzt.
By wielding religious authority and using religious language, these modernists are better able to influence the average Muslim, who generally has a deep respect for ulama and sacred knowledge. The colonial powers, of course, recognized this and took advantage by deputizing some of these scholars to advocate for European interests. This dynamic is still used in full force to this day.
Lassen Sie uns dieser Frage von „Rückständigkeit“ nun gründlicher nachgehen. Wem nützt es, wenn Muslime ihre schlechte wirtschaftliche Lage in der Welt als Folge ihrer eigenen religiösen Tradition betrachten?
Now let’s think more deeply about this question of “lagging behind.” Who stands to benefit when Muslims view their bad economic position in the world as a function of their own religious tradition?
Hmm… Nun, wenn diese Frage zu schwierig ist, schauen wir uns andere Regionen der Welt an, die zurückliegen.
Hmm… Well, if that question is too difficult, let’s look at other regions of the world that are lagging behind.
In den Nachrichten ist kürzlich Venezuela.
In the news recently is Venezuela.
Warum hinken Länder wie Venezuela hinterher? Laut westlichen liberalen Kommentatoren, etwa der New York Times, und in jüngerer Zeit Donald Trump, ist die Antwort einfach:
Why do countries like Venezuela lag behind? According to Western liberal commentators, like the New York Times and, recently, Donald Trump, the answer is simple:
„Dass Herr Maduro [Präsident von Venezuela] gehen muss, ist seit einiger Zeit offensichtlich. Seit er 2013 den linksgerichteten Machthaber Hugo Chávez ablöste, hat seine Misswirtschaft, Vetternwirtschaft und Korruption, verschärft durch den Verfall des Ölpreises, der die dominierende Einnahmequelle Venezuelas ist, das Land an den Rand des Ruins gebracht. Die Hyperinflation hat die Löhne praktisch wertlos gemacht, Menschen sterben an Hunger und mangelnder medizinischer Versorgung, und Millionen sind in die Nachbarländer geflohen.“40
“That Mr. Maduro [President of Venezuela] must go has been obvious for some time. Since he succeeded the leftist strongman Hugo Chávez in 2013, his mismanagement, cronyism and corruption, exacerbated by the drop in the price of oil, Venezuela’s dominant source of revenue, have brought the country to ruin. Hyperinflation has rendered wages virtually worthless, people are dying of starvation and lack of medical care, and millions have fled to neighboring countries.”40
Sehen Sie? Die westlichen Mächte haben das Wohl des venezolanischen Volkes nur im Blick! Diese armen Venezolaner verhungern! Es gibt keine Medikamente! Sie erleben eine Hyperinflation! WIR MÜSSEN ETWAS UNTERNEHMEN! Wir müssen einen „Regimewechsel“ unterstützen! Vielleicht müssen wir einmarschieren! Das ist im Moment die einzige humanitäre Option! Natürlich wird mit keinem Wort erwähnt, dass Hunger, fehlende Medikamente, Hyperinflation und so weiter die direkte Folge jahrelanger Sanktionen gegen Venezuela sind. Wie erstaunlich, dass ein Land wirtschaftlich leidet, wenn man ihm harte Wirtschaftssanktionen auferlegt! Dann kann man bequemerweise jede politische Fraktion, die man loswerden will, für die wirtschaftliche Not verantwortlich machen, um so die Unterstützung eines Militärputsches oder sogar einer Bodeninvasion zu rechtfertigen. Das ist die zirkuläre Argumentation, die die New York Times und andere westliche Medienhäuser ohne jegliches Problembewusstsein verbreiten.
See? Western powers only have the best interests of Venezuela’s people at heart. These poor Venezuelans are starving to death! They have no medicine! They’re experiencing hyperinflation! WE HAVE TO DO SOMETHING! We have to support “regime change”! Perhaps, we need to invade! That is the only humanitarian option at this point! Of course, no mention of the fact that the starvation, the lack of medicine, the hyperinflation, etc., are the direct result of years of sanctions on Venezuela. Gee, isn’t it amazing how when you put severe economic sanctions on a country, that country will suffer economically? Then, conveniently, you can blame whatever political faction you want to get rid of for the economic hardship in order to justify supporting a military coup or even a ground invasion. This is the circular reasoning the New York Times and other Western media outlets trot out without a shred of self-awareness.
Das arme Venezuela ist nicht das einzige Opfer dieser Taktik. Viele andere lateinamerikanische Länder wurden durch den amerikanischen „Humanitarismus“ in die Knie gezwungen. Amerika, der Retter der Welt, muss diese rückständigen Länder vor ihrer eigenen Inkompetenz bewahren. Es ist der einzige Weg.
Poor Venezuela is not the only victim of this tactic. Many other Latin American countries have been brought to their knees by way of American “humanitarianism.” America, the savior of the world, has to save these backwards countries from their own incompetence. It’s the only way.
TruthDig berichtet:
TruthDig reports:
„Eine Durchsicht der Archive der New York Times zeigt, dass die Redaktion der Times zehn von zwölf von den USA unterstützten Putschen in Lateinamerika befürwortet hat; zwei Leitartikel, nämlich die zur Invasion Grenadas im Jahr 1983 und zum Putsch in Honduras im Jahr 2009, reichten von zweideutig bis zu zögerlicher Ablehnung.“
“A survey of The New York Times archives shows the Times editorial board has supported 10 out of 12 American-backed coups in Latin America, with two editorials—those involving the 1983 Grenada invasion and the 2009 Honduras coup—ranging from ambiguous to reluctant opposition.
„Der Grund, weshalb die CIA, das US-Militär und seine Partner aus der Wirtschaft in der Vergangenheit Regierungen in Lateinamerika ins Visier genommen haben, liegt darin, dass diese Regierungen dem US-Kapital und den strategischen Interessen der USA feindlich gegenüberstanden, nicht darin, dass sie undemokratisch waren. Auch wenn die Einwände der Times zum Illiberalismus manchmal zutreffen mögen, sind sie bei der Analyse dessen, was sich tatsächlich abspielt, größtenteils ein Non-Sequitur.“41
“The reason the CIA and U.S. military and its corporate partisans historically target governments in Latin America is because those governments are hostile to U.S. capital and strategic interests, not because they are undemocratic. So while the points the Times makes about illiberalism may sometimes be true, they’re mostly a non sequitur when analyzing the reality of what’s unfolding.”41
So, kurz gesagt, so handelt Amerika: Oberste Priorität haben die wirtschaftlichen Interessen der USA. Wer macht mit? Wer lässt Amerika und amerikanische Konzerne gewähren und darf die Wirtschaftsressourcen der Welt für ein Trinkgeld nutzen? Die meisten Länder werden ihre Türen schnell öffnen, denn wer liebt Amerika nicht?
So, in short, this is how America does things. First priority is American economic interests. Who is going to play ball? Who is going to let America and American corporations have their way and enjoy the world’s economic resources for pennies on the dollar? Most countries will quickly open their doors because who doesn’t love America?
„Der Westen ist in jeder Hinsicht so überlegen. Freiheit, Demokratie, Menschenrechte. Bitte lehrt uns eure Art zu leben. Schießt nur nicht!“ Doch natürlich gibt es immer die Unruhestifter, die sich einfach nicht an das Programm halten wollen. Was tut Amerika also? Es verhängt lähmende Sanktionen, brutale Sanktionen, die die Bevölkerung am Ende verhungern lassen. Wer kann vergessen, dass die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright sagte, der Hungertod von 500.000 irakischen Kindern sei „es wert“ gewesen?
“The West is so superior in every way. Freedom, democracy, human rights. Please teach us your ways. Just don’t shoot!” But of course, there will always be the troublemakers who just can’t get with the program. So what does America do? Impose crippling sanctions, brutal sanctions that end up starving the population to death. Who can forget US Secretary of State Madeleine Albright saying 500,000 Iraqi children starving to death was “worth it”?
Dann berichten die amerikanischen Medien pflichtbewusst über das menschliche Elend und sagen: „Seht nur! Diese armen Menschen sterben! Wir müssen etwas für diese armen, hungernden Kinder tun!“ Das menschliche Elend, das durch die Tyrannei von Diktatoren entsteht, die den Vereinigten Staaten freundlich gesinnt sind, wird natürlich nicht kommentiert und gilt nicht als Grund zum Handeln.
Then, the American media dutifully reports on the human misery and says, “See! These poor people are dying! We have to do something for those poor starving children!” Of course, the human misery that is suffered due to the tyranny of American-friendly dictators is not commented upon or seen as a reason for action.
So ist die muslimische Welt nicht einzigartig in ihrer „Rückständigkeit“. Keineswegs. Viele Regionen außerhalb Nordamerikas und Westeuropas sind wirtschaftlich in gleicher Weise zurückgeblieben. Warum also wird allein der Islam beschuldigt? Warum werden die islamische Tradition und die traditionelle islamische Gelehrsamkeit verantwortlich gemacht? Warum wird die männliche Autorität unter Muslimen verantwortlich gemacht? Das ergibt keinen Sinn.
So, the Muslim world is not unique in its “backwardness.” Not at all. Many regions outside of North America and Western Europe are economically stunted in the same way. So why does Islam get all the blame? Why does the Islamic tradition and traditional Islamic scholarship get the blame? Why does Muslim male authority get the blame? This makes no sense.
„Wir müssen erkennen, was wirklich geschieht: Eine Geiselnahme. Alle diese Länder haben die Waffe an ihrem Kopf. Nach einiger Zeit tritt das Stockholm-Syndrom ein (d. h. ein psychologisches Phänomen, bei dem die Geisel beginnt, Zuneigung und Verbundenheit zum Entführer zu empfinden).
We have to recognize what is really happening: A hostage situation. All these countries have the gun to their heads. After a while, Stockholm Syndrome sets in (i.e., a psychological phenomenon where the hostage starts to feel affection and affinity for the kidnapper).
Immer wenn jemand anfängt, über die Rückständigkeit der muslimischen Welt zu reden und diese als Folge des Islams darzustellen, verweise ihn einfach auf all die anderen nichtmuslimischen Länder. Was erklärt deren Notlage? Ist es nur so, dass eine Handvoll Länder im Westen die Zauberformel gefunden hat, nicht zu verhungern und im Elend zu versinken, während die übrigen 90 % der Weltbevölkerung davon keine Ahnung haben? Was hat es Westeuropa ermöglicht, die Zauberformel zu entdecken, und nicht dem Rest der Welt? Gibt es irgendeine Art rassischer Überlegenheit, die Europäer befähigt hat, dies zu tun? Ist die weiße arische Rasse etwas Besonderes? Ist es das, was uns die New York Times und Donald Trump glauben machen wollen?
Whenever someone starts running his mouth about the Muslim world lagging behind and how that is a function of Islam, just point him to all these other non-Muslim countries. What explains their plight? Is it just that a handful of countries in the West figured out the magic formula for not starving to death and wallowing in squalor and the other 90% of the world’s population is utterly clueless? What allowed Western Europe to discover the magic formula and not the rest of the world? Is there some kind of racial superiority that Europeans have that allowed them to do this? Is the white aryan race special? Is that what the New York Times and Donald Trump want us to believe?
40. https://www.nytimes.com/2019/01/24/opinion/venezuela-mad-uro-trump.htm.
40. https://www.nytimes.com/2019/01/24/opinion/venezuela-mad-uro-trump.htm.
41. https://www.truthdig.com/articles/your-complete-guide-to-the-n-y-times-support-of-u-s-backed-coups-in-latin-america
41. https://www.truthdig.com/articles/your-complete-guide-to-the-n-y-times-support-of-u-s-backed-coups-in-latin-america