4.10 Fördert der Islam Gleichheit?
4.10 Does Islam Promote Equality
Es herrscht eine große Verwirrung bei dieser Frage. In einem Sinne ja, natürlich akzeptieren Muslime das Prinzip der Gleichheit, denn es liegt im Wesen aller Moral. Inwiefern?
There is major confusion on this question. In one sense, yes, of course Muslims accept the principle of equality because that is at the essence of all morality. How so?
Implizit liegt jedem moralischen System zugrunde, dass gleichartige Dinge gleich behandelt werden sollten. Wenn wir es als falsch beurteilen, dass Person A in einem Lebensmittelgeschäft etwas stiehlt, dann sollten wir auch das Verhalten von Person B als falsch beurteilen, wenn sie dasselbe tut, sofern alle übrigen Umstände gleich sind. Der Zusatz „sofern alle übrigen Umstände gleich sind“ ist wichtig, denn in einem Sinn sind Person A und Person B nie gleich, schlicht weil sie zwei verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Lebensumständen, unterschiedlicher Herkunft usw. sind. Vom Standpunkt der Moral aus ist jedoch entscheidend, dass Person A und Person B in einer relevanten Hinsicht gleich sind und keine moralisch bedeutsamen Unterschiede bestehen. Hat Person A zum Beispiel grüne und Person B blaue Augen, so ist das für die Tatsache, dass beide einen Diebstahl begangen haben, nicht moralisch relevant, und deshalb behandeln wir sie vor dem Gesetz gleich. Ist Person A dagegen ein Millionär und Person B ein hungernder Obdachloser, dann handelt es sich um einen moralisch relevanten Unterschied, und wir sollten das Handeln von Person B anders behandeln und verstehen.
Implicit in any and all moral systems is that two like things ought to be treated equally. If Person A shoplifts at a grocery story and we judge that as wrong, then if Person B does the same thing, we should also judge that act as wrong, all else being equal. The “all else being equal” part is important because, in one sense, Person A and Person B are never equal for the simple reason that Person A and Person B are two different people with different circumstances, different backgrounds, etc. What is important from the standpoint of morality, however, is that Person A and Person B are equal in a relevant way and there are no differences that are morally relevant. For example, if Person A has green eyes and Person B has blue eyes, that is not morally relevant to the fact that both men have committed theft, so we will treat them as equal before the law. But if Person A is a millionaire and Person B is a starving homeless person, then that is a morally relevant difference and we should treat and understand Person B’s actions differently.
Was wir daraus lernen, ist, dass unser Verständnis von Gleichheit stark von diesen „moralisch relevanten Faktoren“ abhängt. Das ist wichtig, weil die Menschen heutzutage auf das islamische Recht schauen und sagen: „Seht, wie der Islam Frauen und Männer unterschiedlich behandelt! Offensichtlich lehnen die Muslime Gleichheit ab!“ Leider kommen auch einige Muslime zu dieser falschen Einschätzung.
What we learn from this is that our notion of equality is highly dependent on these “morally relevant factors.” This is important because people nowadays look at Islamic law and say, “Look at how Islam treats women and men differently! Clearly, Muslims reject equality!” Some Muslims unfortunately also make this mistaken assessment.
In Wirklichkeit erkennt das islamische Recht jedoch an, dass es unter bestimmten Umständen moralisch relevante Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Da Männer und Frauen in gewissen Hinsichten tatsächlich sehr verschieden sind, wäre es sinnvoll, dass es Situationen gibt, in denen diese Unterschiede moralisch zum Tragen kommen. Aus dieser Perspektive ist somit nicht das islamische Recht ungerecht und unterdrückend, sondern vielmehr jedes System der Moral und des Rechts, das diese Unterschiede ignoriert.
In reality, however, Islamic law recognizes that there are, in some circumstances, morally relevant differences between men and women. Given that men and women are in actuality very different in certain respects, it would make sense that there are scenarios where those differences would, morally speaking, come into play. From this perspective then, it is not Islamic law that is unjust and oppressive but rather any system of morality and law that ignores these differences.
Außerdem ist es so albern und inhaltsleer, wie der Liberalismus für den Gedanken der Gleichheit wirbt und ihn feiert, als hätte er ihn entdeckt. Sie eignen sich einen Wert an, den buchstäblich jeder Mensch teilt. Gleichheit ist, wie gesagt, bereits in der Normativität selbst angelegt. Wo sich moralische Systeme unterscheiden, ist die Frage, wie sie jene moralisch relevanten Faktoren verstehen und definieren, und das ist eine Diskussion auf der metaethischen und metaphysischen Ebene. Statt zum Beispiel sinnlos darüber zu streiten, ob der liberale Säkularismus den Grundsatz der Gleichheit stärker achtet als das islamische Recht, könnte man doch fragen, wie ein ideales menschliches Leben aussieht. Warum nicht darüber diskutieren, was menschliches Gedeihen (Aufblühen) umfasst und woraus eine ideale Gesellschaft besteht? Das sind die eigentlichen Fragen, die unter anderem jene moralisch relevanten Faktoren erhellen würden. Der liberale Säkularismus aber verschanzt sich hinter leeren Schlagworten wie „Freiheit“ und „Gleichheit“ und erklärt diese Fragen für irrelevant: Die Menschen könnten selbst entscheiden, und es gebe keine richtige oder falsche Antwort. Das ist natürlich Unsinn.
Furthermore, cheering for and rallying behind the notion of equality, as liberalism does, as if they discovered the concept, is so silly and vapid. They are taking credit for a value that literally everyone has. Again, equality is implicit to normativity itself. Where moral systems differ is how they understand and define those morally relevant factors, and that is a discussion that happens on the meta-ethical and metaphysical levels. For example, instead of pointlessly debating meaningless questions such as whether liberal secularism respects the principle of equality more than Islamic law does, why not debate what an ideal human life looks like? Why not debate what human flourishing entails and what an ideal society consists of? These are the real questions that will, among other things, illuminate these morally relevant factors. But liberal secularism, while hiding behind empty slogans of “freedom” and “equality,” says these questions are irrelevant, that people can decide for themselves, and that there is no right or wrong answer. This, of course, is nonsense.