9.2 Die Widersprüchlichkeit des moralischen Fortschritts
9.2 The Incoherence Of Moral Progress
Liberale säkulare Progressive (darunter Humanisten, Atheisten, Reformer usw.) sehen nichts Falsches darin, dass sich die Moral im Laufe der Zeit verändert, und betrachten dies als einen natürlichen, unvermeidlichen Prozess, den wir alle annehmen sollten. Leider sind sie, zu ihrem Unglück, im Hinblick auf das eigentliche Wesen der Moral zutiefst verwirrt.
Liberal secular progressives (including humanists, atheists, reformists, etc.) think there is nothing wrong with morality changing over time and view it as a natural, inevitable process that we should all embrace. Unfortunately for them, they are deeply confused about the very nature of morality.
Diese Menschen haben kein Problem damit, dass die religiöse Moral mit der Zeit verworfen wird, weil sie religiöse Normen von vornherein nicht als moralisch verbindlich ansehen. Sie sagen Dinge wie: „Früher, aus religiösem Empfinden heraus, galt zum Beispiel Sex außerhalb der Ehe als falsch, aber die Zeiten haben sich geändert, und wir finden es nicht mehr so schlimm, weil wir fortgeschritten sind.“ Wie verworren dieses Denken ist, lässt sich leicht zeigen. Man betrachte einfach einen Wert, den diese Menschen durchaus als moralisch verbindlich empfinden, zum Beispiel die Rassengleichheit. Frage sie: Wären sie einverstanden, wenn die weiße Vorherrschaft eines Tages als moralisch akzeptabel gelten würde? Wäre es sinnvoll zu sagen, dass sich die Moral so entwickeln könnte, dass eines Tages die weiße Vorherrschaft die ethische Norm ist, nach der alle streben sollen? Warum nicht? Was, wenn an der weißen Vorherrschaft gar nichts Falsches ist, wir es aber nur noch nicht erkannt haben und erst künftige Menschen es erkennen werden, ähnlich wie Unzucht einst als falsch galt, künftige Menschen aber „entdeckt“ haben, dass sie nicht so schlimm ist? Was ist der Unterschied? Warum sollte sich die Moral nicht auf diese Weise entwickeln können?
These individuals have no problem with religious morality being discarded over time because they do not view religious norms as morally compelling in the first place. They say things like, “Well, in the past, due to religious sentiment, sex outside of marriage, for example, was considered wrong, but times have changed and we don’t find it so bad anymore because we have progressed.” It is very easy to show how muddled this thinking is. Simply consider a value that these people do find morally compelling, e.g., racial equality. Ask them, would they be OK with white supremacy being considered morally acceptable one day? Would it make sense to say that morality could evolve such that, one day, white supremacy is the ethical norm that all are expected to aspire to? Why not? What if there really isn’t anything wrong with white supremacy but we just don’t realize it yet and only future people will be able to realize it, similar to how at one point, fornication was considered wrong, but future people “discovered” that it’s not so bad? What’s the difference? Why couldn’t morality evolve in that way?
Darauf könnte die Antwort lauten: „Moral entwickelt sich nicht willkürlich. Sie entwickelt sich in eine bestimmte Richtung. Unsere Moral wird zunehmend genauer, je mehr sie Aberglauben abstreift und Schäden erkennt. Die einzig wirklich unmoralische Handlung ist es, einem anderen Menschen Schaden zuzufügen, und dies wird das ‚Schadensprinzip‘ genannt.“ Menschen, die vom liberalen Säkularismus geprägt sind, neigen zu dieser Ansicht: Das einzige wahre moralische Prinzip ist das Schadensprinzip. Auf dieser Logik beruhend behaupten sie (trotz zahlreicher gegenteiliger Belege), wir hätten entdeckt, dass Unzucht den Menschen nicht wirklich schade, weshalb sie nicht als unmoralisch betrachtet werden solle. Ferner hätten wir entdeckt, dass die Vorherrschaft der Weißen schädlich sei, weshalb sie als unmoralisch gelten solle.
Now the response to this might be: “Morality does not evolve haphazardly. It evolves in a specific direction. Our morality becomes increasingly accurate as it sheds superstitions and identifies harms. The only truly immoral act is to harm another person and this is called the ‘Harm Principle.’” Those indoctrinated by liberal secularism tend to have this view: The only true moral principle is the Harm Principle. Using this logic, they claim (despite plenty of countervailing evidence) that we have discovered that fornication doesn’t really harm people, so it should not be considered immoral. Furthermore, we have discovered that white supremacy is harmful, therefore it should be considered immoral.
Lassen Sie uns einen Schritt zurücktreten. Erstens: Wenn das Schadensprinzip, wie liberale Säkularisten behaupten, der Eckstein aller Moral ist, würden sie dann zugeben, dass sich auch dieses Prinzip weiterentwickeln kann? Wenn sich die Moral wandelt und fortschreitet, könnten wir dann eines Tages entdecken, dass es moralisch zulässig ist, Menschen zu schaden, und dass das Schadensprinzip ein überholtes Relikt der Vergangenheit ist? Wenn liberale säkulare Progressive dagegen behaupten, dies sei nicht möglich und das Schadensprinzip werde stets normativ verbindlich bleiben, dann sind sie in moralischer Hinsicht nicht wirklich progressiv. Sie glauben an moralische Absolute. Wie könnten sie dann gläubigen Muslimen vorwerfen, ebenfalls an moralische Absolute zu glauben, die von der Zeit unabhängig sind?
But let’s step back for a moment. First of all, if the Harm Principle is the keystone of all morality as liberal secularists claim, then would they concede that it could also evolve? If morality evolves and progresses, then could we one day discover that it is morally permissible to harm people and that the Harm Principle is an obsolete relic of the past? If liberal secular progressives maintain that this is not possible and the Harm Principle will always remain normatively compelling, then they are not really progressive when it comes to morality. They believe that there are moral absolutes. So how could they fault devout Muslims for also believing in moral absolutes that are invariant with time?
Nun, die Widerlegung des Schadensprinzips ist leicht genug: Man stellt einfach in Frage, was tatsächlich Schaden ausmacht und wer darüber entscheidet; außerdem weist man darauf hin, dass Schaden selbst ein wertgeladener Begriff ist, der von den eigenen umfassenderen moralischen und ontologischen Festlegungen abhängt, usw. Ich möchte mich jedoch auf die Idee der sich wandelnden Moral konzentrieren. Diejenigen, die dem Schadensprinzip als moralische Absolutheit verpflichtet sind, erklären veränderte moralische Haltungen im Laufe der Zeit als Funktion der Entdeckung dessen, was tatsächlich schädlich ist oder nicht. Doch was ist dieser Entdeckungsprozess?
Now, refuting the Harm Principle is easy enough to do (simply question what truly constitutes harm and who gets to decide that; and additionally, point out that harm itself is a value-laden concept that depends on your broader moral and ontological commitments, etc.). But I want to focus on the idea of evolving morality. Those who are dedicated to the Harm Principle as a moral absolute explain changing moral attitudes through time as a function of discovering what is or is not truly harmful. But what is this discovery process?
Epistemologisch betrachtet: Ist die Entdeckung von Schäden vergleichbar mit der Entdeckung neuer Planeten oder neuer chemischer Stoffe? Ist es eine empirische Angelegenheit? Wo kann man Schaden erkennen? Und, was noch wichtiger ist: Wie entwickelt sich unsere Fähigkeit, ihn zu erkennen, im Laufe der Zeit? Wir können nachvollziehen, wie die Entdeckung von Planeten im Universum durch verbesserte Teleskoptechnik einfacher geworden ist. Doch was ermöglicht es uns, im Laufe der Zeit neue Schäden zu entdecken?
Epistemologically speaking, is discovering harms akin to discovering new planets or new chemicals? Is it an empirical thing? Where can you see harm? And, more importantly, how does our ability to see it progress as a function of time? We can understand how discovering planets in the universe has become easier with improved telescope technology. But what is allowing us to discover new harms over time?
Eindeutig wird der liberale, säkulare Progressive keine nicht lächerliche, nicht nach Strohhalmen greifende Antwort darauf haben, daher wird er auf diese Linie zurückgreifen: „Schäden waren immer bekannt, aber mächtige, böse, eigennützige Menschen verhinderten, dass sich moralische Empfindungen änderten, um diese Schäden anzugehen.“ Dazu einige Anmerkungen. Erstens: Wo ist der Beweis dafür, dass bestimmte Schäden immer bekannt waren? Wenn wir die Weltgeschichte betrachten, war vieles von dem, was nach heutigen Maßstäben als ernsthaft „schädlich“ gilt, historisch unbekannt. Homophobie ist ein Beispiel. Transphobie ist ein weiteres. Kulturelle Aneignung ist ein anderes. Mikroaggression ist ein weiteres. Unterdrückung durch Pronomengebrauch ist ein weiteres. Tatsächlich muss man nur einen liberalen Kunstkurs besuchen, am besten in der Abteilung für Gender Studies der nächstgelegenen Universität, und praktisch alles, was dort als Unterdrückung, Entrechtung, Sexismus usw. gelehrt wird, war historisch unbekannt. Die Begriffe, auf denen diese „Unrechte“ beruhen, wurden erst vor ein bis zwei Generationen geprägt. Wie plausibel ist also die Sicht, dass viele der schweren „Schäden“, die liberale, säkulare Progressive heute anerkennen, historisch bekannt waren?
Clearly, the liberal secular progressive is not going to have a non-ridiculous, non-grasping-at-straws answer to this, so he will resort to this line: “Harms were always known but powerful, evil, self-serving people prevented moral sentiments from changing in order to address those harms.” A couple of notes on this. First, where is the proof that certain harms were always known? If we survey world history, much of what is considered seriously “harmful” by present standards was unheard of historically. Homophobia is one example. Transphobia is another. Cultural appropriation is another. Microagression is another. Oppression through pronoun usage is another. In fact, just attend a liberal arts class, preferably in the Gender Studies department at your nearest university, and virtually everything that is taught as oppression, disenfranchisement, sexism, etc., was historically unheard of. The very concepts upon which these “wrongs” are based were not coined prior to one or two generations ago. So how plausible is this view that many of the serious “harms” recognized by liberal secular progressives today were known historically?
Zweitens untergräbt diese Antwort wieder die ganze Vorstellung von moralischem Fortschritt. Wenn das Schadensprinzip ein unveränderlicher Absolutwert ist, wenn das, was schädlich ist und was nicht, ein unveränderlicher Absolutwert ist und wenn das menschliche Wissen darüber, was schädlich ist und was nicht, ein unveränderlicher Absolutwert ist, wo genau steckt dann all der moralische Fortschritt, von dem wir ständig so viel hören? Unser Gesprächspartner könnte entgegnen, der Fortschritt geschehe, wenn die Bösewichte besiegt werden und die wahre Gerechtigkeit triumphiert. Doch das ist eine sehr schwache Vorstellung von moralischem Fortschritt. Das glaubt doch jeder! Der Kampf zwischen Gut und Böse ist ein immerwährender, und manchmal gewinnen die Guten, manchmal verlieren sie. Selbst nicht-liberale, nicht-säkulare Theisten glauben an diese Art von Fortschritt! Das ist kaum die Vorstellung eines kontinuierlichen moralischen Fortschritts im Laufe der Menschheitsgeschichte, auf die sich liberale Säkularisten so gern berufen.
Secondly, again this response undermines the whole idea of moral progress. If the Harm Principle is an un-evolving absolute and what is or is not harmful is an un-evolving absolute and people’s knowledge of what is or is not harmful is an un-evolving absolute, then where exactly is all the moral progress we keep hearing so much about? Our interlocutor could say that the progress happens when the bad guys get beat and true justice triumphs. But that is a very weak idea of moral progress. Everyone believes in this kind of moral progress! The fight between good and evil is perpetual and sometimes, the good guys win. Other times they lose. Even non-liberal, non-secular theists believe this! This is hardly the notion of continuous moral progress over the course of human history that liberal secularists like to appeal to.
Letztlich hält diese Vorstellvon moralischem Fortschritt einer kritischen Prüfung nicht einmal im geringsten Maße stand. Der Gedanke leidet unter gravierenden erkenntnistheoretischen Problemen, und dies liegt teilweise an den begrifflichen Mängeln des Schadensprinzips selbst. Wenn liberale, säkulare Progressive sich auf moralischen Fortschritt berufen, sollten Muslime, die die universelle, unveränderliche Gültigkeit islamischer moralischer Prinzipien von der Zeit der Offenbarung bis heute aufrechterhalten, widersprechen. Muslime sollten auf diese Probleme hinweisen und von ihren ideologischen Gegnern verlangen, sich mit den klaffenden Lücken in ihrem Denken auseinanderzusetzen.
Ultimately, when this idea of moral progress is critically examined, it does not withstand the most minimal amount of scrutiny. The notion suffers from serious epistemological problems and this is partly due to the conceptual deficiencies within the Harm Principle itself. When liberal secular progressives invoke moral progress, Muslims who maintain the universal, unchanging applicability of Islamic moral principles from the time of revelation to present, should push back. Muslims should point out these problems and demand that their ideological opponents address the gaping holes in their thought.