4.9 Sollten wir nicht alle die Wahlfreiheit unterstützen?
4.9 Shouldn’t We All Support Freedom Of Choice
Ist nicht der zentrale Gedanke des liberalen Denkens, die individuelle Wahlfreiheit und die Rechte des Einzelnen zu maximieren? Die individuelle Wahl und Freiheit steht an erster Stelle, und es gibt im Großen und Ganzen keinen absoluten Maßstab, der dies beurteilen könnte. Sollten wir als Minderheiten im Westen dieses Paradigma nicht unterstützen?
Question: Isn’t the main concept of liberal thought to maximize individual choice and rights? Individual choice and freedom is paramount, and by and large, there is no absolute standard to judge that. So shouldn’t we as minorities in the West support that paradigm?
Das Problem besteht darin, dass die Existenz des Rechts in jeder Gesellschaft die individuelle Wahl ausschließt. Alle Menschen sind an Gesetze gebunden. Der Wille und die Wahlfreiheit eines jeden Menschen werden durch das Gesetz eingeschränkt. Doch der liberale Säkularismus behauptet, dass Gesetze nur dann gerechtfertigt seien, wenn sie Menschen davon abhalten, anderen zu schaden. Deshalb gilt das säkulare Recht als akzeptabel, insofern es die uneingeschränkte Wahlfreiheit der Menschen beschränkt, während das religiöse Recht als inakzeptabel gilt. Ersteres verhindert lediglich Schaden, was ein universelles Interesse aller Menschen ist, während Letzteres auf religiöse Hingabe ausgerichtet ist, die nur einige Menschen, die dieser Religion angehören, interessiert und niemanden sonst. Gegen diese vermeintliche Unterscheidung zwischen säkularem und religiösem Recht gibt es zahlreiche konzeptionelle Probleme. Das wichtigste davon ist die Tatsache, dass die Frage, was als "Schaden" gilt oder nicht, höchst umstritten ist. Warum sollte die säkulare Auffassung von Schaden die einzig gültige sein?
Answer: The problem is that the existence of law precludes individual choice in any and every society. All people are constrained by laws. Everyone’s will and freedom of choice is constricted by the law. But what liberal secularism claims is that laws are only justified when they prevent people from harming others. That’s why secular law is acceptable in its restricting of people’s unfettered freedom of choice whereas religious law is unacceptable. The former merely prevents harm, which is a universal interest of all human beings, while the latter is aimed at religious devotion, which only some people who belong to that religion care about and nobody else. There are many conceptual problems with this purported distinction between secular law and religious law. Chief among them the fact that what is or is not considered “harm” is highly debatable. Why is the secular conception of harm the only valid conception?
Was schädlich ist und was nicht, hängt von den übergeordneten metaphysischen Grundannahmen und den Überzeugungen über die menschliche Natur und die Welt ab. Diese Grundannahmen gelten nicht als „Religion“ im eigentlichen Sinne, unterscheiden sich aber nicht grundsätzlich von der religiösen Theologie. So schmuggelt der säkulare Liberalismus seine metaphysischen und normativen Imperative ein, indem er sie als universale Merkmale der menschlichen Natur tarnt.
What is or is not harmful depends on one’s greater metaphysical commitments and beliefs about human nature and the world. These commitments are not considered “religion” per se, but are not categorically different from religious theology. This is how secular liberalism smuggles in its metaphysical and normative imperatives: by masking them as universal features of human nature.
Ein einfaches und vertrautes Beispiel: Abtreibung. Die Frage der Abtreibung wird häufig als Streit zwischen einer religiösen und einer säkularen Seite dargestellt. Je nachdem, was man über den Fötus, seinen Status als „Person“, die moralischen Verantwortlichkeiten der biologischen Eltern usw. denkt, ist Abtreibung moralisch verwerflich oder nicht und Gegenstand gesetzlicher Regelung. Die Position der Lebensschutzbewegung gilt als von religiösen Überzeugungen getragen (was sie auch ist), während die Pro-Choice-Seite als von säkularen Anliegen und dem Streben nach Freiheit und individueller Autonomie getrieben gilt. Ihre zugrunde liegenden Annahmen über den Fötus und den weiblichen Körper usw. sind jedoch nicht weniger metaphysisch als die Überzeugungen ihrer religiösen Gesprächspartner. Dennoch wird die Debatte nicht als Gegenüberstellung zweier metaphysischer Überzeugungssysteme, einer Religion gegen eine andere, gerahmt. Vielmehr wird sie als religiöser Konservatismus gegen säkularen Freiheitsanspruch dargestellt, als religiöse Überzeugung gegen Wahlfreiheit.
A simple and familiar example: Abortion. The issue of abortion is often framed as a debate between a religious and a secular side. Depending on what you think about the fetus, its status as a “person,” the moral responsibilities of the biological parents, etc., abortion is or is not immoral and the subject of legal regulation. The position of the pro-life faction is considered to be driven by religious commitments (which it is), but the pro-choice side is seen as driven by secular concerns and a pursuit of freedom and individual autonomy, but their underlying beliefs about the fetus and the female body, etc., are no less metaphysical than the beliefs of their religious interlocutors. But the debate is not framed in terms of one set of metaphysical beliefs against another, one religion against another. Rather, it is framed as religious conservatism vs. secular liberty, religious conviction vs. freedom of choice.
Warum?
Why?
Wenn wir die Debatte als Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen metaphysischer Überzeugungen verstehen, dann würden wir natürlich fragen, warum die eine Gruppe automatisch der anderen vorgezogen werden sollte. Genau diese Frage sollten wir bei allen säkularen Gesetzen stellen. Sie alle beruhen auf metaphysischen Überzeugungen, die im Grunde „religiöser“ Natur sind, aber nicht als solche wahrgenommen werden. Diese Überzeugungen sind im Gesetz verankert und allen auferlegt. Wir alle sind gezwungen, der säkularen religiösen Ordnung und der Tyrannei des säkularen theokratischen Regimes zu gehorchen.
If we understood the debate as a disagreement between two sets of metaphysical commitments, then we would naturally ask why should one set be automatically preferred over the other. This is the precise question we should ask for all secular laws. They are all based on metaphysical beliefs that are fundamentally “religious” in nature, but are not perceived as such. Those beliefs are enshrined in the law and imposed on everyone. We are all forced to abide by the secular religious order and the tyranny of the secular theocratic regime.