6.2 Produktive Wege, das Hijab zu diskutieren
6.2 Productive Ways To Discuss The Hijab
Haben wir ein Problem mit Ländern, die es verbieten, in der Öffentlichkeit KKK-Kleidung, Nazi-Uniformen oder Konföderiertenflaggen zu tragen? Hoffentlich nicht. Doch was, wenn die Menschen in einem Land wie Frankreich über das Hijab so denken, wie wir über KKK-, Nazi- und Konföderiertenkleidung denken?
Do we have a problem with countries that ban people from wearing KKK garb or Nazi uniforms or Confederate flags in public? Hopefully not. But what if the people of a country — like France — feel about the hijab how we feel about KKK, Nazi, and Confederate dress?
Das ist keine Spekulation. Das ist mehr oder weniger das, was Laizisten in Frankreich, Deutschland und anderswo vertreten, nämlich dass das Kopftuch für sie die schlimmste Form der Unterdrückung darstellt, und dass es keine Rolle spielt, was Muslime über die Bedeutung des Kopftuchs sagen, so wenig wie das, was Neonazis über die Bedeutung des Hakenkreuzes sagen. Entscheidend sei allein, wofür das Kopftuch in ihren Augen und in den Augen der Gesellschaft insgesamt steht.
This is not speculation. This is more or less what secularists in France, Germany, and elsewhere argue, namely that the hijab represents to them the worst kind of oppression and it doesn’t matter what Muslims say the hijab means any more than what neo-Nazis say the swastika means. All that matters is what the hijab symbolizes to them, and to their society at large.
Muslime sollten diese Charakterisierung zurückweisen. Dafür müsste man aber etwas Substanzielleres vorbringen als „Ich sollte die Freiheit haben, zu tragen, was ich will.“ Dieses Argument wird sicherlich niemanden überzeugen, geschweige denn die Säkularisten von ihren negativen Einstellungen gegenüber dem Hijab abbringen.
Muslims should contest that characterization. But that would have to involve something more substantive than “I should have the freedom to wear whatever I want.” That argument is certainly not going to move anyone, much less disabuse the secularists of their negative attitudes toward the hijab.
Das Beharren darauf, dass das „Kopftuch eine Wahl ist“, ist ebenso wirkungslos, da die Säkularisten nicht wirklich anderer Meinung sind: Sie glauben, dass das Kopftuch Teil eines größeren Systems patriarchalischer Unterdrückung ist, und dass muslimische Frauen so tief in diesem System verwurzelt sind, dass sie nicht einmal erkennen, dass sie durch den Schleier unterworfen werden, obwohl sie es bewusst tragen.
Insisting that the “hijab is a choice” is equally ineffective since the secularists don’t really disagree: they believe the hijab is part of a larger system of patriarchal oppression and that Muslim women are so steeped in that system that they don’t even realize that they are being subjugated by means of veil despite their conscious choice to wear it.
Die Frage ist, wie Muslime sonst noch einen konstruktiven Dialog mit Nicht-Muslimen über das Kopftuch führen könnten. Das Beispiel der Jungfrau Maria zu verwenden, wenn man mit Christen spricht, ist eine naheliegende Wahl.
So how else could Muslims engage in a productive dialogue with non-Muslims about the hijab? Using the example of the Virgin Mary when speaking to Christians is an obvious choice.
Wir sollten auch auf andere historische Beispiele zurückgreifen. Die heutige freizügige Kleidung ist schließlich eine junge Verirrung. Wir sollten die Auswirkungen der Nacktheit und der Sexualisierung öffentlicher Räume auf das Verhalten der Menschen und auf ihre Psychen erörtern, also auf ihre Herzen und ihren Verstand.
We should draw on other historical examples. Modern bare-all dress, after all, is a recent aberration. We should discuss the effects of nudity and the sexualization of public spaces on people’s behavior and their psychologies (i.e., their hearts and minds).
Was ist mit der Bedeutung der Tatsache, dass das Bedecken und Schmücken des eigenen Körpers mit Stoff eine einzigartig menschliche Eigenschaft ist? Muslime greifen dabei selbstverständlich auf ihr Wissen über Adam und Eva zurück, doch selbst Säkularisten müssen einräumen, dass Tiere sich nicht in gleicher Weise bedecken. Tiere benutzen keinen Stoff, um den Körper zu verbergen und seine Konturen zu verschleiern. Säkularisten feiern gewiss die menschliche Vernunft, was ein weiteres unterscheidendes Merkmal ist, das den Menschen vom Tierreich abhebt. Die Bedeckung des Körpers sollte ähnlich verstanden werden, nämlich als ein Kennzeichen des Menschseins.
What about the significance of covering up and adorning oneself with fabric being uniquely human? Muslims of course draw on our knowledge of Adam and Eve, but even secularists have to admit that animals don’t cover in the same way. Animals don’t use fabric to hide the body and obfuscate its contours. Secularists certainly celebrate human reason, which is another distinguishing factor that sets humanity apart from the animal kingdom. Covering the body ought to be understood similarly, as a mark of humanity.
Doch selbst wenn Säkularisten sich auf den Naturalismus berufen und behaupten, „Nacktheit sei natürlicher“, wie das Tierreich zeige, sollten wir bedenken, dass auch das nicht ganz zutrifft. Man betrachte Paarungsrituale und wie sich Männchen und Weibchen schmücken und an komplizierten Tänzen und Bewegungen teilnehmen, um den anderen anzuziehen. Selbst bei Tieren ist die Paarung kein roher Vorgang, bei dem sich zwei nackte Körper berühren und begatten. Nein, auch Tiere nehmen die „Kleidung“ des anderen sehr ernst: Färbung, Dichte des Fells, Komplexität des Pigmentmusters usw. Auch Tiere achten auf äußere Erscheinung und Form, und zwar auf bewusste und sogar raffinierte Weise. Und es gibt nicht wenige Arten, bei denen insbesondere das Weibchen sich vor den Männchen verbirgt und sich rar macht, sodass die Männchen besonders hart arbeiten müssen, um sich zu „beweisen“ und die Gunst ihrer Partnerin zu gewinnen. Doch offenbar meinen manche Menschen, dass das Entkleiden bis auf die Haut oder das Entblößen des Körpers auf andere Weise, das Fotografieren dieser Körper und das „Matchen“ auf einer Dating-App auf dem Smartphone alles sei, was nötig und wünschenswert ist, bevor man sich der Intimität mit all ihren Verletzlichkeiten aussetzt.
But even if secularists want to invoke naturalism and claim that “nudity is more natural” as demonstrated by the animals kingdom, we should consider how even that is not exactly the case. Look at mating rituals and how males and females will adorn themselves and will participate in intricate dances and movements to attract the other. Even for animals, mating is not some brute affair of two naked bodies coming in contact and copulating. No, even animals take each other’s “clothes” very seriously: coloration, thickness of fur, intricacy of pigmentation pattern, etc. Even animals are concerned with externalities and form in a deliberate and even sophisticated way. And there are more than a few species where the female in particular will hide herself from males and make herself scarce so that the males have to work extra hard to “prove themselves” in order to win over their better half. But apparently, some humans think that stripping down to their skin or baring their bodies in other ways, taking pictures of said bodies, and “matching” on a smart phone dating app is all that is necessary and desirable before exposing themselves to intimacy and all its vulnerabilities.
Und was ist mit dem Futurismus? Wenn man an die Spitze der experimentellen Mode blickt, sieht man vieles, das an den Hijab erinnert. Gewiss gehört es bei einigen dieser Modetrends dazu, dass Frauen Gesicht und Haar bedecken. Wenn sich die westliche Kultur und Gesellschaft ständig weiterentwickelt, werden die Stile von heute zweifellos morgen veraltet sein. So ist, uns wird es gesagt, der endlose Marsch des „Fortschritts“. Wenn Frauen heute zu knapperer Kleidung neigen und ihr Haar zur Schau stellen, liegt der Schluss nahe, dass sich die Vorlieben verschieben und der Trend sich umkehren wird. In diesem Fall passt die muslimische Kleidung im weiteren Zusammenhang durchaus hinein.
And what about futurism? If you look at the cusp of experimental fashion, you will see much that is reminiscent of the hijab. Certainly women covering the face and hair is a part of some of these fashions. If Western culture and society is continuously advancing, undoubtedly the styles of today will be obsolete tomorrow. Such is the endless march of “progress,” we are told. If women today are inclined to skimpier outfits and brandishing their hair, it serves to reason that preferences will shift and the trend will reverse. In which case, Muslim dress is hardly out of place in that wider context.
Diese sind nur kurze Beispiele, doch jedes davon kann zu anregenden Diskussionen über die Bedeutung und den Sinn von Kleidung führen, und wie ich immer wieder sage, genau auf dieser Ebene muss die Debatte geführt werden: auf der Ebene von Bedeutung und Werten. Leere Begriffe wie „Wahlfreiheit“ anzuführen, verhindert diese Auseinandersetzung, untergräbt sie und bringt Muslime in eine unterlegene Position. Es ist Zeit, unsere Strategie zu ändern.
These are just brief examples, but each one has the potential to lead to thought-provoking discussions about the significance and meaning of dress, and as I keep saying, that’s the level of discussion that needs to happen: on the level of meaning and values. Invoking empty notions like “freedom of choice” forestalls that discussion, sabotages it, and puts Muslims in a losing position. Time to change our strategy.