Einleitung
Introduction
Aḥmad ibn Ḥanbal, der im Jahr 241 der muslimischen Zeitrechnung starb, nach der christlichen Zeitrechnung 855, ist wohl einer der berühmtesten Muslime der Geschichte. Dank ihm kamen viele zu der Überzeugung, dass die einzig richtige Religion diejenige sei, die zur Zeit des Propheten Muḥammad ﷺ praktiziert wurde. Um ihre Gemeinschaft in dieser Welt zusammenzuhalten und im Jenseits Rettung zu erlangen, mussten Muslime so leben, wie der Prophet ﷺ und seine Gefährten gelebt hatten: essen, was sie aßen, sich kleiden, wie sie sich kleideten, und nur so kaufen und verkaufen, wie sie es getan hatten.
Aḥmad ibn Ḥanbal, who died in the 241st year of the Muslim calendar, 855 according to the Christian one, is probably one of the most famous Muslims in history. Thanks to him, many came to believe that the only right religion was the one practiced at the time of the Prophet Muḥammad. To keep their community together in this world and gain salvation in the next, Muslims needed to live as the Prophet and his Companions had lived: to eat what they ate, wear what they wore, buy and sell only as they had done.
„Gibt es etwas, was ich falsch mache?“, fragte eine von Ibn Ḥanbals Ehefrauen ihn einige Tage nach ihrer Heirat. „Nein“, antwortete er, „außer dass diese Sandalen, die du trägst, zur Zeit des Propheten ﷺ nicht existierten“ (62.7).
“Is there anything I’m doing wrong?” one of Ibn Ḥanbal’s wives asked him a few days after they were married. “No,” he answered, “except that those sandals you’re wearing didn’t exist at the time of the Prophet” (62.7).
Um so zu leben, wie die ersten Muslime gelebt hatten, war es notwendig, so viel wie möglich über sie zu wissen. Berichte über ihre Worte und Taten wurden von einem Gläubigen an den anderen weitergegeben, zusammen mit den Namen derer, die diese Berichte weitergereicht hatten. Zur Zeit Ibn Ḥanbals wurde von einem richtigen Bericht – der Ḥadīth genannt wird – erwartet, dass er eine Liste von Namen enthält, die mit dem Gewährsmann des Sprechers beginnt und mit der Person endet, die den Propheten ﷺ oder einen Gefährten gesehen hatte, wie er das tat oder sagte, was man wissen wollte.
To live as the first Muslims had lived, it was necessary to know as much as possible about them. Reports of their words and deeds were repeated by one believer to another, along with the names of those who had passed these reports on. By Ibn Ḥanbal’s time, a proper report—called a Hadith—was expected to include a list of names beginning with the speaker’s source and ending with the person who had seen the Prophet or a Companion doing or saying whatever it was that one wished to know.
Nachdem Ibn Ḥanbal während der abbasidischen Inquisition verhaftet worden war, riet ihm ein Wohlmeinender, indem er das folgende Ḥadīth anführte:
After Ibn Ḥanbal was arrested during the Abbasid Inquisition, a well-wisher counseled him by citing the following Hadith:
Wir haben gehört, dass al-Layth ibn Saʿd berichtete, unter Berufung auf Muḥammad ibn ʿAjlān, unter Berufung auf Abū l-Zinād, unter Berufung auf al-Aʿraj, unter Berufung auf Abū Hurayrah, dass der Prophet ﷺ, Gott segne ihn und schenke ihm Heil, sagte: „Wenn jemand euch auffordert, Gott ungehorsam zu sein, so hört nicht auf ihn“ (68.4).
We heard al-Layth ibn Saʿd report, citing Muḥammad ibn ʿAjlān, citing Abū l-Zinād, citing al-Aʿraj, citing Abū Hurayrah, that the Prophet, God bless and keep him, said: “If any ask you to disobey God, heed him not” (68.4).
Was, wenn ein Suchender zu einer bestimmten Frage keinen Hadith-Bericht finden konnte? In diesem Fall mochte er seine eigene Vernunft auf das Problem anwenden. Doch der Spielraum für ungezügeltes individuelles Bemühen war gering und wurde immer kleiner. Zu Ibn Ḥanbals Zeit glaubten die meisten Muslime nicht mehr, dass sie einfach nach eigenem besten Ermessen urteilen konnten. Für viele war es notwendig, alle einschlägigen Koranverse und Hadith-Berichte zu berücksichtigen und dann – mithilfe eines zunehmend komplexen Systems juristischer Schlussfolgerung – eine Regel zu finden, die dem Willen Gottes am ehesten zu entsprechen schien. Ibn Ḥanbal selbst aber konnte diesem Vorgehen nicht zustimmen. Seiner Ansicht nach bestand die Lösung darin, mehr Hadith-Berichte zu lernen, in der Hoffnung, dass der eine oder andere Bericht die benötigte Information liefern würde. In der Praxis stellte diese Lösung jedoch große Anforderungen an den Lernenden. Zum einen konnten die Menschen, die einen bestimmten Bericht kannten, irgendwo in den von Muslimen besiedelten Ländern leben, und man musste sie aufsuchen. Als Ibn Ḥanbal von einer Hadith-Sammelreise in die Stadt Kufa zurückkehrte, sprach ihn ein Freund an und warf ihm vor, es zu übertreiben:
What if a seeker could find no Hadith report about a particular question? In that case he might apply his own reasoning to the problem. Yet the scope for undisciplined individual effort was small and growing smaller. In Ibn Ḥanbal’s time, most Muslims no longer believed that they could simply judge as they thought best. For many, it was necessary to take into consideration all related Qurʾanic verses and Hadith reports, and then—using an increasingly complex system of legal reasoning—come up with a rule that seemed best to approximate God’s will. Yet Ibn Ḥanbal himself could not accept this approach. The solution, in his view, was to learn more Hadith reports, in the hope that one or another report would supply the information needed. In practice, however, this solution placed great demands on the learner. For one thing, the people who happened to know a particular report might be living anywhere in the lands settled by Muslims, and it was necessary to seek them out. On his return from a Hadith-gathering mission to the town of Kufa, Ibn Ḥanbal was accosted by a friend who reproached him for overdoing it:
„Heute ist es Kufa; morgen wird es wieder Basra sein! Wie lange könnt ihr das noch durchhalten?"
“Today it’s Kufa; tomorrow it’ll be Basra again! How much longer can you keep this up?
„Du hast doch schon dreißigtausend Überlieferungen abgeschrieben! Reicht das nicht?“ [Aḥmad] schwieg.
You’ve already copied thirty thousand reports! Isn’t that enough?” [Aḥmad] said nothing.
„Was, wenn du sechzigtausend erreichst?“ Er schwieg weiterhin.
“What if you reach sixty thousand?” He was still silent.
„Hunderttausend?“ „Ab dann“, antwortete er, „mag ein Mensch behaupten, etwas zu wissen“ (4.20).
“A hundred thousand?” “At that point,” he replied, “a man might claim to know something” (4.20).
Ein weiteres Problem bestand darin, den Überblick über das zu behalten, was man lernte. Vormoderne Gesellschaften werden oft als orale Kulturen beschrieben und vormoderne Menschen als Menschen mit außergewöhnlicher Fähigkeit, große Mengen an Material auswendig zu lernen. Doch nicht jeder fand das Auswendiglernen leicht. Ibn Ḥanbals etwas älterer Zeitgenosse al-Shāfiʿī soll Weihrauch eingenommen haben, um sein Gedächtnis zu stärken, bis hin zu inneren Blutungen.¹ Ibn Ḥanbal selbst bestand darauf, dass man die Ḥadīthe, die man lernte, aufschreibe (13.9). Er wird beschrieben, wie er seine nach Themen geordneten Notizen in die Moschee mitnahm, um zu unterrichten (26.2), und wie er in Papierstapeln wühlte, um den gesuchten Bericht zu finden (26.1).
Another problem was keeping track of what one was learning. Premodern societies are often described as oral cultures, and premodern people as having extraordinary abilities to memorize vast amounts of material, but not everyone found rote learning easy. Ibn Ḥanbal’s older contemporary al-Shāfiʿī reportedly ingested frankincense to strengthen his memory, to the point that he suffered internal bleeding.1 Ibn Ḥanbal himself insisted that one write down the Hadiths one learned (13.9). He is described as carrying his notes—organized by topic—into the mosque to teach (26.2) and rummaging through piles of papers to find the report he wanted (26.1).
Selbst wer viele Hadith-Berichte auswendig kannte, war seine Aufgabe erst begonnen. Es genügte nicht, viele Berichte zu kennen; man musste auch nach den Lehren leben, die sie enthielten. Für Ibn Ḥanbal bedeutete dies, sich jenen Luxus zu versagen, den der Prophet verschmähte oder nie gesehen hatte, etwa Stühle, die mit Silber verziert waren (53.3). Darüber hinaus war es notwendig, Gegenstände und Tätigkeiten zu meiden, die an sich erlaubt sein mochten, aber durch ihre Verbindung mit etwas Verbotenem oder bloß Verdächtigem befleckt waren. So konnte Ibn Ḥanbal etwa nicht wissen, ob die von der Regierung erhobenen Steuern gerecht eingezogen und ordnungsgemäß verwendet wurden. Deshalb weigerte er sich, irgendetwas zu essen, das ihm bei seinen Besuchen im Palast angeboten wurde, sei es als Gefangener oder als Gast (69.13, 69.25, 73.19–21). Ebenso weigerte er sich, Brot oder Kürbisse zu essen, die in einem Ofen gebacken worden waren, der seinem Sohn Ṣāliḥ gehörte, welcher ein Geschenk des Kalifen angenommen hatte (49.13, 49.20). Dieser Abscheu vor ritueller Verunreinigung wurde waraʿ genannt, wofür es offenbar keine genaue englische Entsprechung gibt; man übersetzt es oft mit „Gewissenhaftigkeit“ oder „Skrupulosität“. In der Praxis bedeutete waraʿ den Verzicht auf Luxus, und Bagdad, zu dieser Zeit ein sprichwörtlich wohlhabender und genusssüchtiger Ort, hatte viel Luxus zu bieten. Anders als einige seiner Gefährten glaubte Ibn Ḥanbal nicht daran, sich in die Vergnügungen anderer einzumischen.
Even if one learned many Hadith reports, one’s task had only begun. Simply knowing many reports was not enough: it was also necessary to live in accordance with the teachings they contained. For Ibn Ḥanbal, this meant denying oneself the luxuries the Prophet scorned, or had never seen, like chairs decorated with silver (53.3). It was, furthermore, necessary to avoid objects and activities that might have been acceptable in themselves but which were tainted by association with something forbidden or merely suspicious. For example, Ibn Ḥanbal had no way of knowing whether the taxes collected by the government were fairly levied and properly spent. He therefore refused to eat anything offered to him during his visits to the palace, whether as a prisoner or a guest (69.13, 69.25, 73.19–21). He also refused to eat bread or gourds baked in an oven that belonged to his son Ṣāliḥ, who had accepted a gift from the caliph (49.13, 49.20). This horror of ritual pollution was called waraʿ, which seems to have no precise English translation; it is often called “scrupulousness” or “scrupulosity.” In practice, waraʿ meant renouncing luxury, and Baghdad—a famously wealthy and self-indulgent place at the time—had many luxuries to offer. Unlike some of his associates, Ibn Ḥanbal did not believe in interfering with the pleasures of others.
Doch er weigerte sich, selbst daran teilzunehmen. Stattdessen verbrachte er seine Tage in einem schäbigen Zimmer, und manchmal fragte er sich, ob es falsch sei, ein paar Münzen in einen Lappen gewickelt aufzubewahren, weil dies einen Zweifel daran andeute, dass Gott für ihn sorgen werde (35.7, 41.17, 79.6).
Yet he refused to partake in them himself. Instead, he spent his days in a shabby room, sometimes wondering whether keeping a few coins wrapped in a rag was wrong because it implied doubt that God would provide for him (35.7, 41.17, 79.6).
Für die Zeitgenossen Ibn Ḥanbals war dieses Schauspiel besonders eindrucksvoll, weil seine Askese eine freie Entscheidung war. Den Namen nach zu urteilen, stammten viele seiner Mitgelehrten in der Ḥadīth-Wissenschaft von Mawālī ab, also von Nichtarabern, die den Islam angenommen hatten. Ihre Väter waren Händler und Handwerker, mit Namen wie „der Lederarbeiter“, „der Tuchhändler“, „der Essighersteller“ und so weiter. Ibn Ḥanbal dagegen war Araber: Er gehörte zu dem Volk, das der Welt den Propheten Muḥammad ﷺ und die Sprache der Offenbarung geschenkt hatte. Außerdem stammte seine Familie aus einem angesehenen Geschlecht, das dazu beigetragen hatte, das Regime der Abbasiden an die Macht zu bringen. Sein Großvater hatte als Gouverneur von Sarakhs gedient, einer Stadt, die heute an der Grenze zwischen Turkmenistan und Iran liegt (1.7). Vermutlich hätte Ibn Ḥanbal seine familiären Beziehungen nutzen können, um eine Stelle in der Verwaltung zu erhalten (3.5–7). Stattdessen entschied er sich, die Ḥadīth zu suchen. Zwar nahm er durchaus einen der Vorteile eines ererbten Vermögens in Anspruch: eine Reihe von Mietobjekten, die genug Einkommen lieferten, um ihn und seine Familie zu unterhalten (40.1). Doch wird auch berichtet, dass er seinen Mietern schon bei dem geringsten Anlass Mietnachlässe gewährte (42.1). Wenn die Preise hoch waren, scheint er überhaupt keine Miete eingezogen zu haben und lebte stattdessen vom Verkauf des Stoffes, den seine Frau Umm Ṣāliḥ webte (44.6).
For Ibn Ḥanbal’s contemporaries, this spectacle was an especially moving one because his austerity was a matter of choice. To judge by their names, many of his fellow Hadith scholars were descendants of mawālī, that is, of non-Arabs who had adopted Islam. Their fathers were traders and craftsmen, with names such as “the leather-worker,” “the draper,” “the maker of vinegar,” and so on. Ibn Ḥanbal, by contrast, was an Arab: he belonged to the people who had given the world the Prophet Muḥammad and the language of the Revelation. Moreover, his family was a prominent one that had helped to bring the Abbasid regime to power. His grandfather had served as governor of Sarakhs, a town that now lies on the border between Turkmenistan and Iran (1.7). Presumably, Ibn Ḥanbal could have used his family connections to obtain a government job (3.5–7). Instead, he chose to seek Hadith. Admittedly, he did accept one of the benefits of inherited wealth: a number of rental properties that supplied enough income to support him and his family (40.1). But he is also described as giving his tenants breaks on their rent on the slightest pretext (42.1). When prices were high, he seems not to have collected rent at all, living instead from the sale of cloth woven by his wife Umm Ṣāliḥ (44.6).
Im Nachhinein erkennen wir, dass Ibn Ḥanbal eine prägende Rolle in der Bewegung spielte, die später Sunnitentum genannt wurde. Für seine Anhänger bedeutete Muslim-Sein, die Praxis (Sunna) des Propheten ﷺ zusammen mit dem Qurʾān als Grundlage für die Gestaltung des eigenen Lebens zu nehmen. Es bedeutete, die Ḥadīthe – und nicht etwa die Worte eines lebenden religiösen Lehrers – als Quelle der richtigen Praxis zu betrachten. Es bedeutete, die Nachfolge der Kalifen nach Muḥammad ﷺ anzuerkennen, statt zu behaupten, wie es die Schiʿa tat, ʿAlī sei der würdigste unter den Gefährten des Propheten ﷺ gewesen. Schließlich bedeutete es, Spekulation in religiösen Fragen abzulehnen und sich weigerte, Angelegenheiten zu erörtern, die weder im Qurʾān noch in den Ḥadīthen ausdrücklich dargelegt sind.
With the benefit of hindsight, we see that Ibn Ḥanbal played a formative role in the movement later called Sunnism. For his followers, being a Muslim meant taking the practice (sunnah) of the Prophet, along with the Qurʾan, as the basis for living one’s life. It meant looking to Hadith—and not, for example, to the words of a living religious guide—as the source of right practice. It meant accepting the succession of caliphs after Muḥammad rather than claiming, as the Shiʿa did, that ʿAlī was the worthiest of the Prophet’s Companions. Finally, it meant rejecting speculation in matters of religion and refusing to discuss matters not spelled out in the Qurʾan or the Hadith.
Ironischerweise scheinen die Anhänger Ibn Ḥanbals jedoch kaum, nachdem er zu Grabe getragen worden war, sich schon gedrängt gefühlt zu haben, ihre Position mit den Waffen ihrer Gegner zu verteidigen, darunter theologische Disputation. Schon zu seinen Lebzeiten hatte sich eine Annäherung zwischen den hadithorientierten Muslimen und dem abbasidischen Regime vollzogen, das versucht hatte, der breiten Masse der Gläubigen seine eigene, von oben verordnete Führung nach schiitischem Vorbild aufzuzwingen. Und Ibn Ḥanbals Gefährten hatten bereits begonnen, die Überlieferungen und Meinungen zu sammeln, die zu Grundtexten für jene werden sollten, die in Rechtsfragen seiner Spur folgen wollten (wozu auch Glaube und Ritus gehörten, nicht nur die Bereiche, die westliche Rechtssysteme abdecken). Aus all dieser Tätigkeit ging die sogenannte hanbalitische Rechtsschule hervor, deren Begründer Ibn Ḥanbal nicht war, wohl aber ihre Inspiration oder zumindest ihre Galionsfigur.
Ironically, however, Ibn Ḥanbal seems hardly to have been laid to rest before his followers felt compelled to defend their position using the weapons of their adversaries, including theological disputation. Even while he was alive, a rapprochement had begun to take place between Hadith-minded Muslims and the Abbasid regime, which had tried to impose its own top-down, Shiʿa-style guidance on the mass of believers. And Ibn Ḥanbal’s associates had already begun collecting the reports and opinions that would become fundamental texts for those who wished to follow his lead in matters of law (which included belief and ritual as well as the areas covered by Western legal systems). From all this activity emerged the so-called Ḥanbalī legal school, of which Ibn Ḥanbal was not the founder, but certainly the inspiration, or at least the figurehead.
Indem Ibn Ḥanbal sich gegen den Schiitismus, den Rationalismus und die theologische Spekulation stellte, half er, jene Positionen zu formulieren, die heute zumindest nominell von der Mehrheit der Muslime auf dem Planeten vertreten werden.
By taking a stand against Shiʿism, rationalism, and theological speculation, Ibn Ḥanbal helped articulate the positions now held, at least nominally, by the majority of the Muslims now living on the planet.
Für jemanden, der Ibn Ḥanbals Weltsicht nicht teilt, mögen seine Positionen beengend, wenn nicht gar offen repressiv erscheinen. Zudem kann die Verehrung, die seine Anhänger für ihn empfanden, überschwänglich wirken. Tatsächlich bemühen sich viele heutige Muslime – darunter der Herausgeber zweier früherer arabischer Ausgaben dieser Biographie – ausdrücklich, den Heiligenkult zu verurteilen, dem Ibn Ḥanbal unterworfen wurde. Den Berichten in diesem Buch zufolge konnte Ibn Ḥanbal Nasenbluten heilen (61.2) und Ameisen aus seinem Haus vertreiben, indem er ein Gebet sprach (61.1).
For someone who does not share Ibn Ḥanbal’s view of the world, his positions may seem stifling, if not frankly repressive. Moreover, the adoration his followers felt for him can seem cloying. Indeed, many of today’s Muslims—including the editor of two prior Arabic editions of this biography—take pains to condemn the cult of sanctity to which Ibn Ḥanbal was subjected. According to the reports in this book, Ibn Ḥanbal could cure nosebleeds (61.2) and drive ants from his house by uttering a prayer (61.1).
Auf dem Schlachtfeld gegen die Byzantiner beteten die Soldaten für sein Wohlergehen, damit Gott ihre Schüsse auf die Ziele lenke (19.1). Nach seinem Tod breitete sich ein Licht von seinem Grab zu allen benachbarten Gräbern aus (95.1), und Scharen von Toten erschienen in Träumen, um zu sagen, dass sie ihn im Garten gesehen hätten (das heißt im Paradies) (93.14, 93.16ff.). Es ist nicht klar, wie viel davon zu Ibn Ḥanbals eigener Zeit tatsächlich geglaubt wurde, doch er scheint sicherlich mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben, als er wollte. „Ich wünsche mir etwas, das ich niemals haben werde“, soll er gesagt haben, „einen Ort, an dem überhaupt niemand ist“ (54.4).
On the battlefront against the Byzantines, soldiers would pray for his well-being so that God would guide their shots to their targets (19.1). After his death, a light spread from his grave to all the tombs nearby (95.1), and droves of dead men appeared in dreams to say that they had seen him in the Garden (that is, in Paradise) (93.14, 93.16ff.). It is not clear how much of this was actually believed in Ibn Ḥanbal’s own time, but he certainly seems to have been the object of more attention than he wanted. “I wish for something I’ll never have,” he is supposed to have said, “a place with no one in it at all” (54.4).
Für viele moderne Leser ist es gerade dieses Element, das Ibn Ḥanbal rehabilitiert, zumindest als Gegenstand einer Biographie. Ist er ein Heiliger (um einen Begriff aus dem Christentum zu verwenden, der streng genommen hier unpassend ist), dann ist es einer, der sein eigenes Heiligsein als zermürbend empfindet. Anders als die entrückten Gestalten der Heiligenlegenden ist Ibn Ḥanbal nicht nur ein Mann Gottes, sondern auch ein Ehemann, ein Vater und ein Hausbesitzer – vielleicht der einzige heilige Hausbesitzer der Weltliteratur. Statt mit Dämonen zu ringen, kämpft er mit den Problemen des Alltags: Woher soll das Geld für einen Schröpfkopf kommen (49.18), darf seine Tochter Klammern in ihr Haar stecken (65.9), erlaubt das Gesetz ihm, Butter zu behalten, wenn der Händler sie in Mangoldblätter eingewickelt schickt (49.24)? Und so hart die Entscheidungen auch sind, zu denen er sich schließlich durchringt, er bleibt überzeugt, dass seine Bemühungen niemals gut genug sind. Als man ihn einmal fragte, wie es ihm gehe, brach er in eine Tirade aus: „Wie kann es einem Menschen gehen“, antwortete er, „wenn sein Herr ihm Pflichten auferlegt, sein Prophet ﷺ von ihm verlangt, der Sunna zu folgen, seine beiden Engel auf gute Taten warten, seine Seele nach dem verlangt, was sie begehrt, der Teufel ihn zur Begierde antreibt, der Todesengel nach seinem Leben trachtet und seine Familie nach Geld verlangt?“ (56.6). Gerade diese menschliche Schwäche verstärkt schließlich die Wirkung der dramatischsten Episoden dieser Biographie – seine Inhaftierung, sein Prozess und seine Auspeitschung durch die abbasidische Inquisition.
For many modern readers, it is this element that vindicates Ibn Ḥanbal, at least as a subject of biography. If he is a saint (to use what is, strictly speaking, an inapposite Christian term), he is one who finds his own sainthood exasperating. Unlike the ethereal creatures of hagiography, Ibn Ḥanbal is not only a man of God but also a husband, a father, and a landlord—possibly the only saintly landlord in world literature. Instead of wrestling with demons, he struggles with the problems of daily life: where to find the money for a cupping (49.18), whether his daughter should be allowed to put clips in her hair (65.9), whether the law permits him to keep butter when the grocer sends it wrapped in leaves of chard (49.24). And, no matter how harsh the choices he eventually makes, he remains convinced that his efforts are never good enough. On one occasion, asked how he was, he launched into a tirade: “How can a man be,” he answered, “with his Lord imposing obligations, his Prophet demanding that he follow the sunnah, his two angels waiting for good deeds, his soul clamoring for what it wants, the Devil goading him to lust, the Angel of Death seeking his life, and his family asking for money?” (56.6). It is this human frailty, finally, that heightens the effect of the most dramatic episodes in this biography—his imprisonment, trial, and flogging at the hands of the Abbasid Inquisition.
Ibn Ḥanbal glaubte nicht daran, über Glaubensfragen zu spekulieren. Für ihn war es falsch, eine bestimmte Frage des Glaubens oder der Praxis zu erörtern, wenn die ersten Muslime sie nicht behandelt hatten. Der Abbasidenkalif al-Maʾmūn (gest. 218/833) hingegen nahm die Spekulation nicht nur an, sondern hielt sich selbst für die bestqualifizierte Person, sich daran zu beteiligen, und ferner glaubte er, seine Untertanen seien verpflichtet, alles anzunehmen, was er entscheiden mochte. Um dies zu prüfen, beschloss der Kalif, eine Position zu einem Problem einzunehmen, das nur durch den Gebrauch der Vernunft entschieden werden konnte. Dieses Problem war die Geschaffenheit des Qurʾān. Al-Maʾmūns Position war, dass Gott alles erschaffen habe, einschließlich des Qurʾān. Zu behaupten, wie es viele Traditionarier taten, das Wort Gottes sei ein Teil von Ihm und daher ebenfalls ewig, sei im Grunde, Christ zu sein, so bestand der Kalif darauf. Ibn Ḥanbal war jedoch niemand, der sich durch bloße Argumente überzeugen ließ. Als man ihn aufforderte zu bejahen, dass der Qurʾān geschaffen sei, weigerte er sich, dies zu tun, es sei denn, seine Ankläger könnten ihm einen Vers aus dem Buch selbst oder eine Aussage des Propheten ﷺ nennen, die dies bestätigte (69.7ff.).
Ibn Ḥanbal did not believe in speculating about matters of religion. For him, if the first Muslims had not addressed a particular question of faith or practice, it was wrong to discuss it. The Abbasid caliph al-Maʾmūn (d. 218/833), on the other hand, not only embraced speculation, he believed himself the best-qualified person to engage in it, and furthermore that his subjects were obliged to accept whatever he might decide. To test the point, the caliph decided to take a position on a problem that could only be decided by the use of reason. That problem was the createdness of the Qurʾan. Al-Maʾmūn’s position was that God had created everything, including the Qurʾan. To claim instead, as many Hadith-men did, that the Word of God was part of Him and therefore eternal too was in effect to be a Christian, or so the caliph insisted. But Ibn Ḥanbal was not one to be persuaded by mere argument. Asked to affirm that the Qurʾan is created, he refused to do so unless his interrogators could give him a verse from the Book itself or a statement by the Prophet saying this was so (69.7ff.).
Wie Ibn Ḥanbal zweifellos wusste, hieß es, sich allein auf Qur'an und Hadith zu stützen, dem Kalifen jede besondere Autorität zur Auslegung abzusprechen. Vorhersehbar drohte al-Ma'mūn, Ibn Ḥanbal zu töten, falls er nicht widerrief. Was danach geschah, liest man am besten so, wie die Biografie es erzählt; für den Zweck dieser Einleitung ist entscheidend, dass der Bericht ihn als ergreifend menschlich und furchtsam zeigt. „Es macht mir nichts aus, wenn sie mich im Gefängnis behalten“, soll er zu seinen Freunden gesagt haben. „Mein Haus ist bereits ein Gefängnis. Und es macht mir nichts aus, wenn sie mich mit dem Schwert töten. Das Einzige, wovor ich Angst habe, ist die Auspeitschung: Ich fürchte, dass ich sie nicht ertragen kann“ (68.1). Selbst Leser, die seinen Überzeugungen wenig Verständnis entgegenbringen, werden, so hoffe ich, Ibn Ḥanbal – oder zumindest seine literarische Gestalt – dafür bewundern können, dass er gewaltlosen, prinzipientreuen Widerstand gegen zwangsausübende staatliche Autorität leistete.
As Ibn Ḥanbal doubtless knew, to rely on Qurʾan and Hadith alone was to deny the caliph any special interpretive authority. Predictably, al-Maʾmūn threatened to kill Ibn Ḥanbal if he did not recant. What happened next is best read as it is told in the biography; what matters for the purpose of introduction is that the account depicts him as poignantly human and afraid. “I don’t care if they keep me in prison,” he is supposed to have told his friends. “My house is already a prison. And I don’t care if they kill me by the sword. The only thing I’m afraid of is being flogged: I’m afraid I won’t be able to take it” (68.1). Even readers who have little sympathy for his beliefs will, I hope, be able to admire Ibn Ḥanbal—or at least, his literary counterpart—for practicing principled nonviolent resistance to coercive state authority.
In der Einleitung zu seiner ausgezeichnet informativen Lebensbeschreibung Ibn Ḥanbals erklärt Christopher Melchert, warum er eine neue Biografie verfasst hat, statt eine alte zu übersetzen. Eine mittelalterliche Biografie, schreibt er, „präsentiert zwangsläufig einen mittelalterlichen Standpunkt“:
In the introduction to his wonderfully informative life of Ibn Ḥanbal, Christopher Melchert explains why he wrote a new biography instead of translating an old one. A medieval biography, he writes, “inevitably presents a medieval point of view”:
Ein hauptberuflicher Gelehrter hat vielleicht Gefallen an dieser Art von Literatur gefunden, doch den meisten Lesern würde sie grotesk erscheinen. So besteht beispielsweise ein Kapitel in Ibn al-Jawzis Biografie lediglich aus einer Liste der über vierhundert Personen, von denen Ahmad Hadithe sammelte. Eine angemessene Analyse würde den Rahmen einer gewöhnlichen Biografie ohne Weiteres sprengen. … Ich bezweifle, dass dies außer Spezialisten jemanden interessieren würde.
A full time scholar has had the chance to develop a taste for such literature, but most readers would find it grotesque. For example, one chapter of Ibn al-Jawzi’s biography is simply a list of the more than four hundred persons from whom Ahmad collected Hadith. A proper analysis would easily exceed the limits of a normal biography.…I doubt it would interest any but specialists.
Außerdem, so Melchert, würde die Übersetzung eines vormodernen Werkes zu lang geraten. Zum Beispiel würde al-Dhahabīs Lebensbeschreibung Ibn Ḥanbals „gut 60.000 [Wörter] und die Ibn al-Jawzis über 150.000 erfordern.“2
Moreover, says Melchert, the translation of a premodern work would be too long. For example, al-Dhahabī’s life of Ibn Ḥanbal “would require a good 60,000 [words] and Ibn al-Jawzi’s over 150,000.”2
Das letztgenannte Werk ist dasjenige, das hier herausgegeben und übersetzt wird: die Virtues des Imām Aḥmad ibn Ḥanbal (Manāqib al-Imām Aḥmad ibn Ḥanbal) des bagdadischen Hadithgelehrten, Rechtsgelehrten, Historikers, Biographen und Predigers Ibn al-Jawzī (gest. 597/1201).3 Melcherts Schätzung der Länge ist bemerkenswert genau: Die vorliegende Übersetzung des Textes von Ibn al-Jawzī umfasst etwa 173.500 Wörter.
The latter work is the one edited and translated here: the Virtues of the Imām Aḥmad ibn Ḥanbal by the Baghdadi Hadith scholar, jurist, historian, biographer, and preacher Ibn al-Jawzī (d. 597/1201).3 Melchert’s estimate of length is remarkably accurate: the present translation of Ibn al-Jawzī’s text comes to about 173,500 words.
Er hat auch mit seiner Kritik an den langen Namenslisten durchaus recht. Dabei erwähnt er nicht einmal die Überlieferungsketten. Wie Hadith-Sammlungen, arabische Chroniken und Biographien im Allgemeinen, führen auch sie ihre Quellen an, indem sie alle Personen aufzählen, die den ursprünglichen Bericht über das jeweilige Ereignis weitergegeben haben. Ibn al-Jawzī, selbst ein Hadith-Gelehrter, der über einen anderen Hadith-Gelehrten schreibt, scheint besonders sorgfältig darauf geachtet zu haben, alle seine Quellen anzugeben. Das Ergebnis ist ein Buch, dessen etwa die Hälfte aus Isnāden besteht, wie die Quellenlisten genannt werden.
He is also quite right about the long lists of names. And he does not even mention the chains of transmitters. Like collections of Hadith reports, Arabic chronicles and biographies generally cite their sources by listing all the individuals who transmitted the original account of the event in question. As a Hadith scholar writing about another Hadith scholar, Ibn al-Jawzī seems to have been especially careful to cite all his sources. The result is a book approximately half of which is taken up with isnāds, as the lists of sources are called.
Die zweisprachige Ausgabe dieses Buches enthielt das gesamte Originalmaterial, einschließlich der Isnāde. Diese Taschenbuchausgabe hingegen lässt fast alle Kapitel 2, 11–14, 20, 90 und 100 weg und behält nur einen repräsentativen Abschnitt, in der Regel den ersten, der dem Leser einen Eindruck davon vermitteln soll, was weggelassen wurde. Um die Übereinstimmung mit den Hardcover-Ausgaben zu wahren, wurden die Abschnittsnummern am Rand in dieser Taschenbuchausgabe jedoch unverändert belassen, auch wenn dies an einigen Stellen zu nicht fortlaufender Nummerierung geführt hat. Diese neue Ausgabe lässt zudem alle Isnāde außer dem ersten (1.1) weg. Wie in der zweisprachigen Ausgabe ist der Name, der zu Beginn jedes Berichts in eckigen Klammern steht, der Name des Überlieferers. Erscheint „Aḥmad“ in eckigen Klammern, so ist damit „Ibn Ḥanbal“ gemeint, und der folgende Bericht ist tatsächlich autobiografisch. Weitere häufig genannte Überlieferer sind Ibn Ḥanbals Söhne Ṣāliḥ und ʿAbd Allāh sowie sein Schüler al-Marrūdhī. Weitere Informationen zu diesen Persönlichkeiten finden sich im Glossar.
In the bilingual edition of this book, all of the original material, including the isnāds, was retained. This paperback edition, by contrast, drops almost all of Chapters 2, 11–14, 20, 90, and 100, keeping only a representative section, usually the first, intended to give the reader an idea of what has been left out. To maintain consistency with the hardcovers, however, the section numbers in the margins have been left unchanged in this paperback edition, even though that has led to some non-consecutive numbering in some places. This new edition also omits all the isnāds except for the first (1.1). As in the bilingual edition, the name given in brackets at the beginning of each report is the name of the narrator. When it appears in brackets, “Aḥmad” means “Ibn Ḥanbal” and the following report is in effect autobiographical. Other commonly cited narrators are Ibn Ḥanbal’s sons Ṣāliḥ and ʿAbd Allāh, and his disciple al- Marrūdhī. More information on these figures may be found in the Glossary.
In seiner aufschlussreichen Besprechung der zweisprachigen Ausgabe fragte Tasi Perkins, warum ich nicht mehr über den Verfasser dieses Buches sage.4 Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens sind die äußeren Fakten aus dem Leben Ibn al-Jawzīs leicht zugänglich, in mehreren Quellen sowohl in gedruckter Form als auch online. Wichtiger noch: Ibn al-Jawzī war weniger ein Autor im modernen Sinne als ein Kompilator. Wie der Literaturkritiker Abdelfattah Kilito dargelegt hat, kennt die vormoderne arabische Literatur zwar deutlich unterschiedene Gattungen (Lobdichtung, Liebesdichtung, Biographie usw.), jedoch nur wenige deutlich unterschiedene Autoren.5 Wie Ibn al-Jawzī selbst mitteilt, spricht dieses Buch für die gesamte ḥanbalītische Tradition und nicht für ihn als Einzelperson (vgl. z. B. 100.1). Natürlich spiegelt das Buch in der uns vorliegenden Form die Anliegen seiner Zeit und seines Ortes wider. Zufälligerweise behandelt ein Kapitel meines Buches Classical Arabic Biography aus dem Jahr 2001 genau dieses Thema, und deshalb habe ich es größtenteils vermieden, mich hier zu wiederholen. Dennoch sind Punkte, die zum Verständnis des Textes beitragen, in den Anmerkungen zu dieser Ausgabe enthalten (siehe beispielsweise die Anmerkungen 335, 337, 342, 371, 379, 385, 386 und 422).
In his insightful review of the bilingual edition, Tasi Perkins asked why I did not have more to say about the author of this book.4 There are several reasons why. First, the external facts of Ibn al-Jawzī’s life are readily found in several sources both in print and on line. More importantly, Ibn al-Jawzī was less an author in the modern sense than a compiler. As the literary critic Abdelfattah Kilito has argued, pre-modern Arabic literature has distinct genres (praise poetry, love poetry, biography, etc.) but few distinct authors.5 As Ibn al-Jawzī himself tells us, this book speaks for the whole Ḥanbalī tradition, not for him as an individual (see, e.g., 100.1). Of course, the book as we have it reflects the preoccupations of his time and place. As it happens, one chapter of my 2001 book Classical Arabic Biography deals with this topic, and for the most part I have preferred not to repeat myself here. Even so, points that help make sense of the text are included in the notes to this edition (see, for example, notes 335, 337, 342, 371, 379, 385, 386, and 422).
Abgesehen von der Länge war dieses Buch nicht besonders schwer zu übersetzen.
Leaving aside the matter of length, this book was not particularly difficult to translate.
Anders als einige der anderen Werke dieser Reihe ist es weder eine Sammlung von Argumenten über ein einst brennendes Thema, noch ein Leitfaden für Fachleute eines technischen Gebiets, noch ein Denkmal sprachlicher Brillanz. Es ist ein Buch von Menschen, die an schlichte Wahrheiten glaubten, die in einfacher Sprache ausgedrückt wurden, und es handelt auch von ihnen – auch wenn ein Teil dieser Einfachheit uns im Lauf der Zeit verloren gegangen ist. In gewisser Hinsicht waren gerade die schwierigen Stellen am angenehmsten zu bearbeiten. Dazu gehören die Bezüge zum Alltagsleben und zur materiellen Kultur.
Unlike some of the other works published in this series, it is not a collection of arguments about a once-burning issue, a guide for specialists in a technical field, or a monument to verbal cleverness. It is a book by and about people who believed in simple truths expressed in simple language—even if some of that simplicity has been lost to us with the passage of time. In a sense, the difficult parts were also the most enjoyable to work on. These include the references to daily life and material culture:
von einem getrockneten Molkeneintopf mit viel Fleisch und Mangold (38.11) bis zu den Gummischuhen, mit denen ein türkischer General durch den Schlamm zur Tür Ibn Ḥanbals stapft (73.41). Das Buch ist eine Fundgrube für Informationen über die materielle und soziale Welt des dritten Jahrhunderts der Hidschra, und ich hoffe, dass zumindest einige Leser sich an seinen Schätzen bedienen werden.
everything from “a dried-whey stew full of meat and chard” (38.11) to the galoshes a Turkish general wears as he splashes his way through the mud to Ibn Ḥanbal’s door (73.41). The book is a trove of information on the physical and social world of the third/ninth century, and I hope some readers, at least, will mine its riches.
Was ich am meisten wünschte, dass die Überlieferung uns bewahrt hätte, sind die Stimmen. Das Leben Ibn Ḥanbals wird als eine Reihe von Berichten erzählt, deren jeder von einem Augenzeugen oder von Ibn Ḥanbal selbst überliefert wird.
What I most wish the tradition had preserved for us is the voices. Ibn Ḥanbal’s life is told as a series of reports, each narrated by an eyewitness, or by Ibn Ḥanbal himself.
Wenn die Wörter auf der Seite tatsächlich Abschriften gesprochener Rede sind, müsste jeder Bericht eine eigene Stimme repräsentieren. In der Praxis scheint es jedoch wenig Variation im Register zu geben, möglicherweise weil Berichte, die ursprünglich in umgangssprachlichem Arabisch erzählt wurden, und vielleicht sogar in anderen Sprachen, von dem einen oder anderen Überlieferer in ein mehr oder weniger einheitliches literarisches Arabisch gebracht wurden (vgl. z. B. 38.10). Neben den Stimmen der Augenzeugen haben wir auch die Stimmen all der Personen, die sie zitieren. Dazu gehören Menschen aller Art, von Kalifen, Richtern und Gefängniswärtern bis hin zu Ärzten, Kaufleuten und Banditen.
If the words on the page really are transcriptions of speech, each report should represent a distinct voice. In practice, though, there does not seem to be much variation in register, possibly because reports originally narrated in informal Arabic, and perhaps even other languages, have been put into literary Arabic of a more or less uniform kind by one or another of the transmitters (see, e.g., 38.10). Beyond the voices of the eyewitnesses, we also have the voices of all the people they quote. These include everyone from caliphs, judges, and jailors to doctors, grocers, and bandits.
Ungewöhnlicherweise, wenn auch nur kurz, hören wir auch die Stimmen von Frauen (z. B. 61,7) und Kindern (65,9). Hier stellt sich allerdings wiederum das Problem, dass alle diese Personen anscheinend dieselbe Art von Arabisch sprechen, was es schwierig macht, ihnen im Englischen unverwechselbare Stimmen zu geben.
Unusually, if all too briefly, we also hear the voices of women (e.g., 61.7) and children (65.9). Here again, though, all of these people seem to be speaking the same sort of Arabic, making it difficult to give them distinctive voices in English.
Ein weiteres Problem waren die Namen. Wie in russischen Romanen des neunzehnten Jahrhunderts scheinen alle wichtigen Figuren mehrere Namen zu haben, und die Autoren scheinen sie wahllos zu verwenden. Tatsächlich gibt es (wie in russischen Romanen) Gründe, warum der eine Name statt eines anderen verwendet wird. Im Falle Ibn Ḥanbals nennen ihn diejenigen, die über ihn schreiben, gewöhnlich Aḥmad ibn Ḥanbal („Aḥmad, der Nachkomme des Ḥanbal“), oder kurz Aḥmad.
Another problem was names. As in nineteenth-century Russian novels, all of the important characters seem to have several names, and authors seem to use them indiscriminately. In fact (as in Russian novels) there are reasons why one name might be used rather than another. In Ibn Ḥanbal’s case, those who write about him usually call him Aḥmad ibn Ḥanbal (“Aḥmad the descendant of Ḥanbal”), or Aḥmad for short.
Aber seine Freunde, Gefährten und Schüler nannten ihn ʿAbū ʿAbd Allāh, „Vater des ʿAbd Allāh“. Diese Anrede vermittelt sowohl Vertrautheit als auch Respekt. Leider lässt sie sich leicht mit ʿAbd Allāh verwechseln, dem Namen von Ibn Ḥanbals Sohn. Außerdem ist Abū ʿAbd Allāh die Anredeform für mindestens zwei weitere Persönlichkeiten im Buch. Nach langem Überlegen entschied ich mich, ihn in der Einleitung und in den Anmerkungen Ibn Ḥanbal zu nennen, wo es nötig war, ihn möglichst eindeutig zu bezeichnen, in der Übersetzung dagegen überall dort Aḥmad zu nennen, wo es galt, Wärme oder Bewunderung zum Ausdruck zu bringen.
But his friends, associates, and students called him ʿAbū ʿAbd Allāh, “father of ʿAbd Allāh.” This form conveys both intimacy and respect. Unfortunately, it is easily confused with ʿAbd Allāh, the name of Ibn Ḥanbal’s son. Also, Abū ʿAbd Allāh happens to be the form of address for at least two other figures in the book. After much reflection, I decided to call him Ibn Ḥanbal in the introduction and notes, where it was necessary to refer to him as unambiguously as possible, but in the translation to call him Aḥmad wherever it was necessary to convey warmth or admiration.
ANMERKUNGEN ZUR EINLEITUNG.
NOTES TO THE INTRODUCTION.
1 Al-Dhahabī, Siyar, 10:15.
1 Al-Dhahabī, Siyar, 10:15.
2 Melchert, Ibn Hanbal, viii.
2 Melchert, Ibn Hanbal, viii.
3 Zu seinem Leben siehe Laoust, „Ibn al-Jawzī“, wo sein Geburtsjahr fälschlicherweise als 510/1126 statt 510/1116 angegeben wird.
3 On his life see Laoust, “Ibn al-Jawzī,” which erroneously gives his birthdate as 510/1126 instead of 510/1116.
4 Perkins, „Hagiographie.“
4 Perkins, “Hagiography.”.
5 Kilito, Author, bes. S. 17–23.
5 Kilito, Author, esp. pp. 17–23.