10.1 Tafsīr (Koranexegese)
10.1 Tafsīr (qur’ānic Exegesis)
Das Wort tafsīr ist die Form taf'eel vom Wort al-fasr, was erklären (bayān) bedeutet. Man sagt: "Ich habe die Sache erklärt" (ohne die Verdopplung des Konsonanten auszusprechen), "afsuruhu fasran", und "Ich habe sie erklärt" (mit der Verdopplung): "ufassiruhu tafsīran", wenn man sie erklärt hat. Der Unterschied zwischen tafsīr und ta'weel besteht darin, dass tafsīr die Erklärung dessen ist, was mit dem Wortlaut gemeint ist, während ta'weel die Erklärung dessen ist, was mit der Bedeutung gemeint ist. Das Wort tafsīr wird gewählt, wenn es um die Erklärung der Verse des Qur'ān geht. Der Qur'ān wurde in arabischer Sprache offenbart, daher sind seine Ausdrücke arabisch, einschließlich der Ausdrücke fremden Ursprungs wie istabraq (Brokat). Sie wurden entsprechend den Prinzipien des Arabischen arabisiert und wurden so Teil der arabischen Ausdrucksweise. Der Stil des Qur'ān ist die bekannte Redeweise der Araber. Er sagte:
The word tafsīr is the form taf'eel from the word al-fasr which means to explain (bayan). You say I explained the thing (without pronouncing the tashdeed), 'afsuruhu fasran', and I explained it (with the tashdeed); 'ufassiruhu tafsīran' when you explained it. The difference between tafsīr and ta'weel is that tafsīr is the explanation of what is intended by the wording and ta'weel is the explanation of what is intended by the meaning. The word tafsīr is chosen when applying to the explanation of the verses of the Qur’ān. The Qur’ān has been revealed in the Arabic language so its expressions are Arabic, including the expressions which are of a foreign origin like istabraq (brocade). It is has been Arabized according to the principles of Arabic and it became part of the Arabic expressions. The style of the Qur’ān is the well-known way of Arabs in their speech. He said:
„Ein arabischer Koran“ [TMQ Zumar: 28]
“An Arabic Qur’ān” [TMQ Zumar: 28]
Die Araber pflegten ihn zu rezitieren, die Stärke seiner Beredsamkeit zu erfassen und seine Bedeutungen zu verstehen. Doch nicht alle Araber konnten sich dem gesamten Qur’ān nähern, sodass sie ihn allgemein und im Einzelnen allein durch das Zuhören verstanden hätten. Denn dass der Qur’ān in der Sprache der Araber offenbart wurde, bedeutet nicht, dass alle Araber seine Worte und Wendungen verstanden. Ebenso wenig kann jedes in einer bestimmten Sprache verfasste Buch von allen Menschen dieser Sprache verstanden werden. Das Verstehen eines Buches erfordert nicht nur Sprache, sondern auch ein Maß an Verstandeskraft und Auffassungsgabe, das dem Niveau und der Erhabenheit des Buches entspricht. Die Wirklichkeit der Araber zur Zeit der Offenbarung des Qur’ān war so, dass nicht alle in der Lage waren, den Qur’ān allgemein und im Einzelnen zu verstehen. Vielmehr unterschieden sie sich in ihrem Verständnis entsprechend ihrer geistigen Höhe. Aus diesem Grund war die Fähigkeit der Sahabah, den Qur’ān zu erklären und zu verstehen, verschieden, bedingt durch die Unterschiede in ihrem Verständnis der arabischen Sprache sowie durch die Unterschiede in ihrer Intelligenz und Auffassungsgabe. Die Ausdrucksweisen des Qur’ān selbst und ihre Bedeutungen wurden nicht von allen Arabern gleichermaßen verstanden. Anas ibn Malik überlieferte, dass ein Mann 'Umar ibn al-Khattāb nach seinem Wort fragte:
The Arabs used to recite it, comprehend the strength of its eloquence and understand its meanings. But not all of the Qur’ān can be approached by all Arabs who would understand it generally and specifically just by merely listening to it because by revealing the Qur’ān in the language of the Arabs does not mean that all Arabs will understand its words and phrases. Since not every book written in a certain language can be understood by the people of that language. The understanding of a book does not require language only but also a level of intellect in understanding and comprehension which agrees with the level and elevation of the book. The reality of the Arabs when the Qur’ān was being revealed was that not all of them were able to understand the Qur’ān generally and specifically. Rather, they used to differ in their understanding according to their intellectual elevation. Because of that reason the Sahabah's ability to explain and understand the Qur’ān was at variance due to the disparity of their understanding of the Arabic language and also due to the disparity in their intelligence and comprehension. The Qur’ānic expressions themselves and their meanings were not all understood by all Arabs. Anas ibn Malik narrated that a man asked 'Umar ibn al-Khattab about His saying:
„Und Früchte und Abba (Gras, Kraut usw.)“ [TMQ ‘Abasa: 31]
“And fruits and abba (herbage, etc)” [TMQ ‘Abasa: 31]
Umar antwortete:
What is the abba? 'Umar replied:
„Uns wurde untersagt, uns selbst übermäßig zu belasten und uns über die Maßen tief in Angelegenheiten zu vertiefen.“
‘We have been forbidden from over-burdening ourselves and going excessively deep into issues’
Auch wird überliefert, dass 'Umar auf der Kanzel stand und folgenden Vers rezitierte:
It has also been narrated about 'Umar that he was on the minbar and he read:
Oder dass Er sie durch Takhawwuf (allmähliches Dahinschwinden ihrer Kräfte und ihrer Gesundheit) ergreift. [TMQ Nahl: 47]
“Or that He that he may catch them with takhawwuf (gradual wasting of their and health)” [TMQ Nahl: 47]
Dann erkundigte er sich nach der Bedeutung von Takhawwuf. Ein Mann aus Huzayl sagte: Takhawwuf bedeutet bei uns die allmähliche Abnahme (Tanaqqus).
Then he inquired about the meaning of takhawwuf? A man from Huzayl said: takhawwuf for us is the gradual decrease (tanaqqus).
Darüber hinaus gibt es im Qur'ān viele Verse, zu deren Verständnis die Kenntnis sprachlicher Ausdrücke und Stile nicht ausreicht. Vielmehr bedürfen sie der Kenntnis bestimmter Ausdrücke, weil diese Ausdrücke auf bestimmte Bedeutungen hinweisen, wie etwa in Seinem Ausspruch:
Furthermore, there are many verses in the Qur’ān for whose understanding knowledge of linguistic expressions and styles is not sufficient. Rather, they require information about certain expressions because these expressions point to specific meanings such as in His saying:
„Bei den Winden, die Staub verstreuen" [TMQ Dhāriyāt: 1]
“By (the winds) that scatter dust” [TMQ Dhāriyāt: 1]
„Bei den (Pferden), die laufen, keuchend (im Atem)“ [TMQ ‘aadiyaat: 1]
“By the (steeds) that run, with panting (breath)” [TMQ ‘aadiyaat: 1]
{Gewiss, Wir haben ihn in der Nacht der Bestimmung herabgesandt.} [TMQ Qadr: 1]
“Verily ! We have sent it (this Qur’ān) down in the night of al-qadr (decree)” [TMQ Qadr: 1]
„Bei der Morgenröte; bei den zehn Nächten (das heißt, den ersten zehn Tagen des Monats Dhul-Hijja)" [TMQ Fajr: 1-2]
“By the dawn ; by the ten nights ( that is, the first ten days of the month of Dhul-hijja)” [TMQ Fajr: 1-2]
Und andere solche Verse, die auf allgemein bekannte Bedeutungen hinweisen, und es gibt weitere Verse, deren Verständnis die Kenntnis der Ursachen ihrer Offenbarung erfordert.
And other such verses which point to well known meanings, there are other verses whose understanding requires knowledge of the causes of revelation.
Im Qur’ān gibt es Verse, die muḥkam (eindeutig) und klar in ihrer Bedeutung sind. Dazu gehören besonders die mekkanischen Verse, die die Grundlagen der Religion im Bereich der ʿAqīdah betreffen, sowie die medinensischen Verse, die die Grundlagen der Rechtsvorschriften betreffen, vor allem jene, die sich auf Rechtsgeschäfte (Muʿāmalāt), Strafen (ʿUqūbāt) und Zeugnisse (Bayyināt) beziehen. Es gibt im Qur’ān aber auch mutashābihāt (mehrdeutige) Verse, die für viele Menschen in ihrer Bedeutung unklar sind, besonders jene Verse, die mehrere Deutungen zulassen oder die es erforderlich machen, die wörtliche Bedeutung zugunsten einer anderen Bedeutung zu verlassen, weil sie dem Glaubensbekenntnis widersprechen, das frei von anthropomorphen Elementen sein muss.
There are verses in the Qur’ān which are muhkam (explicit) and clear in meaning. They are the verses especially the Makkan verses which pertain to the fundamentals of the deen in terms of the ‘aqīdah and the verses which pertain to the fundamentals of the rules which are the Madinan verses, especially those related to transactions (mu'amalat), punishments ('uqubat) and testimonies (bayyinat). There are mutashabihat (ambiguous) verses as well in the Qur’ān which are ambiguous in meaning for many people, especially the verses that are open to a number of meanings or necessitates leaving the apparent meaning for another meaning because of the contradiction with the creed which should be free of anthropomorphic elements.
Obwohl die Gefährten am kompetentesten darin waren, den Qur'ān zu verstehen, da sie die meisten Kenntnisse der arabischen Sprache besaßen und die Umstände und Ereignisse miterlebt hatten, um die der Qur'ān offenbart wurde, unterschieden sie sich dennoch in ihrem Verständnis und in ihrer Fähigkeit, den Qur'ān auszulegen (Tafsīr), aufgrund des Unterschieds in ihrer Vertrautheit mit der arabischen Sprache und aufgrund des Unterschieds in ihrer Nähe zum Gesandten Allahs ﷺ. Die bekanntesten Mufassirun unter den Gefährten waren 'Alī ibn Abī Ṭālib, 'Abdullāh ibn 'Abbās, 'Abdullāh ibn Mas'ūd und Ubayy ibn Ka'b; sie sind die vier, die die meisten exegetischen Überlieferungen in die verschiedenen muslimischen Städte weitergaben. Was ihnen ein so tiefes Wissen im Tafsīr ermöglichte, war ihr starkes Verständnis der arabischen Sprache, ihr Erfassen ihrer rhetorischen Formen und Stile, ihr Zusammensein mit dem Propheten ﷺ und ihre Nähe zu ihm, wodurch sie die Ereignisse kannten, aufgrund derer Qur'ān-Verse offenbart wurden, sowie ihre Verstandeskraft und Einsicht, durch die sie Bedeutungen auf die beste Weise miteinander verknüpfen und zu richtigen Ergebnissen gelangen konnten. Deshalb scheuten sie sich nicht, im Verständnis des Qur'ān gemäß dem zu wirken, was der Verstand verlangte, und Ijtihād zu üben. Vielmehr übten sie Ijtihād im Tafsīr, sprachen darüber gemäß ihren eigenen Meinungen (Ijtihādāt) und trafen Entscheidungen auf Grundlage dessen, wozu sie durch ihr Verständnis und ihren Ijtihād gelangt waren. Daher gelten die Tafsīrs jener Gelehrten als eine der höchsten Formen des Tafsīr. Doch viele haben über sie gelogen, und es wurden in ihren Tafsīr Aussagen eingeschoben, die sie nicht gesagt haben; deshalb findet man in ihrem Tafsīr viele Erfindungen. Was von vertrauenswürdigen Überlieferern authentisch überliefert ist, ist die stärkste Form des Tafsīr. Alles andere aus den erfundenen Berichten darf man nicht übernehmen, da nicht erwiesen ist, dass sie es gesagt haben. Die Vorsicht, die man gegenüber den erfundenen Tafsīren dieser vier Autoren walten lassen muss, bedeutet jedoch nicht, dass man davor warnt, ihre Tafsīre zu lesen. Vielmehr ist sie eine Warnung davor, sie zu übernehmen und danach zu handeln, da es sich um Erfindungen handelt. Ihre Lektüre hingegen, und das Bestimmen eines richtigen Verständnisses anhand der Sprache, der Scharīʿa und des Verstandes unter Berücksichtigung dessen, was in ihnen erwähnt wird, ist nützlich, denn in diesen erfundenen Überlieferungen finden sich wertvolle Erklärungen zum Verständnis, auch wenn ihre Überlieferungsketten in Bezug auf die Zuschreibung an die Gefährten schwach sind.