14. Die Grundlagen der islamischen Rechtswissenschaft (Uṣūl al-Fiqh)
14. The Principles Of Islamic Jurisprudence (usūl Al-fiqh)
Schafi'i gilt als derjenige, der die Prinzipien der Ableitung (usul al-istinbat) herausgearbeitet und mit allgemeinen, umfassenden Grundsätzen geordnet hat. Somit war er der Begründer der Wissenschaft der Usul al-Fiqh (Prinzipien der Rechtswissenschaft), obwohl nach ihm viele Gelehrte kamen, die in den Usul al-Fiqh und ihren Definitionen kundiger waren. Die Fuqaha (Rechtsgelehrten) vor al-Schafi'i übten Ijtihad aus, ohne festgelegte Parameter für den Ijtihad zu besitzen; vielmehr stützten sie sich auf ihr Verständnis der Bedeutungen und des Zwecks der Ahkam der Scharia, auf ihre Ziele, auf das, worauf die Texte hinweisen, und auf das, was ihre Absichten (Maqasid) anzeigten. Aufgrund der Erfahrung dieser Fuqaha in der Erforschung der Scharia und ihrer gründlichen Vertrautheit mit der arabischen Sprache konnten sie deren Bedeutungen erfassen und ihre Ziele (Ghayat) und Absichten (Maqasid) begreifen. Sie brachten deren Begriffe und Zielsetzungen beim Ableiten von Regeln aus den Texten in Einklang, ohne dass es dafür schriftlich festgelegte Parameter gab. Ja, die Fuqaha vor al-Schafi'i, von der Zeit der Sahaba, der Tabi'in und derer, die nach ihnen kamen, befassten sich mit Fragen der Usul al-Fiqh, leiteten Beweise ab und stellten sie einander gegenüber. So wird etwa überliefert, dass 'Ali ibn Abi Talib über das Mutlaq (Absolute), Muqayyad (Eingeschränkte), Khass (Spezifische), 'Amm (Allgemeine), Nasikh (Aufhebende) und Mansukh (Aufgehobene) sprach. Dies geschah jedoch nicht in festgelegter oder systematischer Weise. Und jene Fuqaha, die sich mit bestimmten Fragen der Usul al-Fiqh befassten, besaßen keine allgemeinen und umfassenden Grundsätze, auf die sie sich bezogen hätten, um die Anzeige der Scharia zu verstehen oder zu wissen, wie man sie gegeneinander abwägen oder bevorzugen könne. Als al-Schafi'i jedoch kam, leitete er die Wissenschaft der Usul al-Fiqh ab und legte umfassende Gesetze fest, auf die man sich bezog, um die Stufen der Beweise der Scharia zu erkennen. Es hat sich unter den Menschen weithin herumgesprochen, dass al-Shafi'i die Wissenschaft der Usul in seinem Buch mit dem Titel al-Risala dargelegt hat, einem Werk, das berühmt ist. Die Wirklichkeit aber ist, dass al-Risala nur einen Teil der Wissenschaft der Usul enthält, die al-Shafi'i dargelegt hat. Wer die Bücher al-Shafi'is untersucht, wird finden, dass al-Risala nur einige der Themen der Wissenschaft der Usul al-Fiqh enthält und nicht alle Erörterungen al-Shafi'is zu den Usul. Shafi'i hat andere Bücher, die Erörterungen (zu den Usul) enthalten, wie das Buch der Widerlegung des Istihsan und das Buch Jamma' al-'Ilm. Selbst im Buch al-Umm finden sich auf seinen Seiten Erörterungen zur Wissenschaft der Usul. Darin hat er umfassende Grundsätze inmitten der detaillierten Regeln erwähnt.
Shafi’i is considered to be the one who delineated the principles of deduction (usul al-istinbat) and regulated it with general comprehensive principles. Thus, he was the originator of the science of usul al-fiqh (principles of jurisprudence), even though many people came after him who were more knowledgeable about usul al-fiqh and its definitions. The Fuqaha (jurists) before al-Shafi’i used to perform Ijtihād without having defined parameters for Ijtihād, rather they used to depend on their understanding of the Sharī’ah meanings and purpose of the ahkām, their aims, whatever its texts point to and whatever its objectives (maqasid) indicated. Due to the experience of those Fuqaha (jurists) in their study of the Sharī’ah and their thorough familiarity with the Arabic language, it allowed them to be acquainted with their meanings and to comprehend their aims (ghayat) and objectives (maqasid). They used to reconcile its concepts and objectives in deducing rules from the texts without having any recorded defined parameters. Yes, the Fuqaha before al Shafi’i, from the time of Sahabah, Tabi’in and those after them used to deal with issues of usul al fiqh and educe and oppose (evidences). Such as the narration about ‘Ali b’ Abi Talib that he spoke about the mutlaq (absolute), muqayyad (restricted), khas (specific), ‘aamm (general), nasikh (abrogator) and the mansukh (abrogated). However, that was not in a defined or set out manner. And those Fuqaha who dealt with certain issues of usul al-fiqh did not possess general and comprehensive principles to which they referred in order to understand the indication of the Sharī’ah or to know how to oppose or outweigh them. But when al-Shafi’i came he derived the science of usul al-fiqh and he laid down comprehensive laws to which reference was made in knowing the levels of the Sharī’ah evidences. It has become widely known to people that al Shafi’i set out the science of usul in his book entitled al-Risala, a work which is famous. But the reality is that the al-Risala contains only a portion of the science of usul outlined by al-Shafi’i. Anyone who examines the books of al-Shafi’i will find that al-Risala contains only some of the topics in the science of usul al-fiqh and it does not contain all of Shafi’i’s discussions on usul. Shafi’i has other books which contain discussions (on usul) such as The Book of the Refutation of Istihsan and the book Jamma’ al-’ilm. Even the book al-Umm within its pages there are discussion on the science of usul. In these he has mentioned comprehensive principles amidst the detailed rules.
Was al-Shafi'i dabei half, die Wissenschaft der Usul zu begründen, war, dass er zu einer Zeit kam, in der die islamische Rechtswissenschaft (Fiqh) begonnen hatte, sich stark zu entfalten. In den islamischen Ländern bildeten sich Gruppen von Mujtahidin heraus, und sie begannen, sich zu Madhhabs (Rechtsschulen) zu formieren. Die Auseinandersetzung zwischen den Mujtahidin und den Verfechtern der Madhhabs nahm in Fiqh und bei den Belegen verschiedene Perspektiven an. So stürzte er sich in Debatten mit denen, die sich an der Auseinandersetzung beteiligten. Diese Diskussionen waren es, die ihn dazu führten, über allgemeine und umfassende Prinzipien als regulierende Kriterien nachzudenken, die die Grundlage des Studiums und der Schlussfolgerung sein sollten. Er fasste diese Prinzipien zu einem einheitlichen Wissensgebiet zusammen, der Wissenschaft der Usul al-Fiqh. Das Beeindruckende an den Usul des al-Shafi'i ist, dass er die Erörterung der Usul in gesetzgeberischer und nicht in logischer Weise vorantreibt. Eine der größten Gefahren für das Studium, ja für die Wiederbelebung der Umma, besonders im Fiqh und in den Usul, ist der Weg der Logik. Al-Shafi'i distanzierte sich deutlich vom Weg der Logik und hielt am gesetzgeberischen Weg fest. Er war nicht an theoretischen Methoden oder Mutmaßungen interessiert. Er wollte wirkliche und bestehende Fragen regeln, d. h. er nahm die Texte der Sharī'ah und blieb an der Grenze des Textes und an der Grenze der Wirklichkeit stehen, die der Text anzeigte und die die Menschen selbst bezeugten. Hinsichtlich der Frage der Abrogation (Nasikh wal-Mansukh) stellte er die Prinzipien der Abrogation aus den Fällen auf, die für ihn als erwiesen galten, Abrogationen zu enthalten, und zwar aus dem, was im Ayah oder Hadith selbst erwähnt wird, aus der Anzeige (Dalala) der Abrogation oder aus dem, was über den Gesandten [ﷺ] an Hadithen überliefert ist, die auf Abrogation hinweisen, oder aus dem, was über die Gefährten des Gesandten Allahs [ﷺ] an Berichten und Urteilen überliefert wurde. Anders als die vielen, die nach ihm kamen und, sobald sie einen Widerspruch zwischen zwei Versen oder Ahadith sahen, sogleich behaupteten, der eine habe den anderen abrogiert, sodass sie schließlich schreckliche Fehler begingen, verfuhr al-Shafi'i so: Wenn er einen Grundsatz vorlegte, leitete er ihn nicht aus einer logischen Prämisse (muqaddima mantiqiyya) her, sondern wies die Quellen auf, aus denen er ihn entnommen hatte, sei es ein Bericht vom Propheten ﷺ oder die Rechtsgutachten (fatwas) der Sahabah. Seine Methode bei der Ableitung regelnder Grundsätze (qawa'id dabita) war praktisch: Er stützte sich auf die Wirklichkeit, auf die Belege und auf die Anwendung dieser Dinge auf greifbare Tatsachen. Das auffälligste Merkmal, durch das sich die usul al-fiqh al-Shafi'is auszeichnen, besteht darin, dass sie allgemeine Prinzipien für die Ableitung (istinbat) von Regeln enthalten, unabhängig davon, welche spezifische Methodik er selbst anwandte. Vielmehr eignen sich seine usul für jede Methodik, so verschieden sie auch sein mag. Damit ist sie ein Maßstab, an dem man erkennen kann, welche Meinungen richtig und welche nicht richtig sind. Sie ist ein umfassendes Gesetz, das bei der Herleitung neuer Regeln eingehalten werden muss, welche Methodik sich ein Mensch auch immer gesetzt haben mag, um Meinungen zu beurteilen und die Herleitung von Regeln durch ein allumfassendes Gesetz zu ordnen. Die usul al-Shafi'is war nicht allein als usul für seine madhhab (Rechtsschule) gedacht, obwohl die madhhab an ihr festhielt. Sie wurde nicht verfasst, um seine madhhab zu verteidigen und ihren Standpunkt zu erläutern. Vielmehr enthält sie allgemeine und umfassende Prinzipien für das istinbat (Ableitung). Das Motiv war nicht eine Neigung zu einer bestimmten madhhab, sondern der Wunsch, die Verfahren des Ijtihad zu regeln und den mujtahidun Grenzen und Richtlinien zu setzen. Er war aufrichtig in seinen Absichten, und er hatte das richtige Verständnis, als er die Wissenschaft der usul al-fiqh entwarf, und beeinflusste dadurch ausnahmslos jene mujtahidun und 'Ulama, die nach al-Shafi'i kamen, ob sie seine Meinungen ablehnten oder unterstützten. Bis sie trotz ihrer unterschiedlichen Ausrichtungen sich dabei wiederfanden, dem Weg zu folgen, den al-Shafi'i eingeschlagen hatte, indem sie umfassende Grundsätze (qawa'id kulliyya) aufstellten und in der Rechtswissenschaft (fiqh) und der Ableitung von Recht (istinbat) in geregelter Weise nach allgemeingültigen Gesetzen und Grundprinzipien vorgingen. Die Rechtswissenschaft (fiqh) nach ihm gründete sich auf festgelegte Fundamente und nicht, wie es vor ihm der Fall war, auf eine Sammlung von Fatwas und einzelnen Urteilen (aqdiya). Obwohl alle 'Ulama in der Nachfolge al-Shafi'is hinsichtlich des Begriffs der Grundlagen der Rechtswissenschaft (usul al-fiqh) vorgingen, unterschied sich dennoch die Art, wie sie das übernahmen, was al-Shafi'i erarbeitet hatte, entsprechend ihren unterschiedlichen rechtlichen Herangehensweisen. Einige folgten seinen Ansichten, begannen, sie zu erläutern und auszuweiten, und widersprachen ihnen, wie es die Anhänger al-Shafi'is selbst taten. Andere übernahmen den Großteil dessen, was al-Shafi'i gebracht hatte, obwohl sie in bestimmten Einzelheiten der Grundlagen (usul) von ihm abwichen, nicht aber den eigentlichen Kern der Grundlagen. Da sie hinsichtlich des Kerns, des Rahmens und des Verlaufs der Grundlagen al-Shafi'is keine Meinungsverschiedenheiten hatten, wie die Hanafiten und jene, die ihrer Methode folgten. Und es gab jene, die in diesen Grundlagen mit al-Shafi'i uneins waren, wie die Zahiriten und die Schia. Diejenigen, die al-Shafi'i in seinen Ansichten folgten, waren die Hanbaliten. Sie übernahmen die Grundlagen al-Shafi'is, obwohl sie sagten, der einzige (anerkannte) Konsens (ijma') sei der der Gefährten (Sahaba). Die Malikiten, die nach al-Shafi'i kamen, verbanden ihre Methodik mit einem Großteil dessen, was in den Grundlagen al-Shafi'is enthalten war, nahmen jedoch die Praxis der Leute von Medina als Beweis und wichen in bestimmten Einzelheiten von ihm ab. Was jene betrifft, die seiner Methode folgten und seine Ansichten annahmen, so sind sie die Anhänger seiner Rechtsschule (mazhab), die sehr regsam in der Wissenschaft der Grundlagen der Rechtswissenschaft (usul al-fiqh) waren und überaus zahlreich über dieses Thema schrieben. Bücher wurden nach der Methodik von al-Shafi’i in usul al-fiqh verfasst, die die Pfeiler und Stützen dieser Wissenschaft waren und noch immer sind. Unter den wichtigsten drei Büchern, von denen bekannt ist, dass sie von den Alten verfasst wurden, sind: Erstens das Buch al-Mu’tamad von Abu al-Husayn Muhammad ibn al-Basri (gest. 413 n. H.), zweitens das Buch al-Burhan von ‘Abd al-Malik ibn ‘Abd Allah al-Juwayni, allgemein bekannt als Imam al-Haramayn (gest. 478 n. H.), und drittens das Buch al-Mustasfa von Abu Hamid al-Ghazali (gest. 505 n. H.). Nach ihnen kam Abu al-Husayn ‘Ali, auch bekannt als al-Amidi. Er vereinte alle drei Bücher und erweiterte sie in seinem Buch al-Ihkam fi usul al-ahkam, das zu den bedeutendsten Werken über usul al-fiqh zählt. Was jene betrifft, die den größten Teil dessen übernahmen, was al-Shafi’i brachte, und in einigen Einzelheiten abwichen, so sind das die Hanafiten. Das liegt daran, dass ihre Methode der istinbat (Ableitung) mit den usul al-Shafi’is übereinstimmte, obwohl ihre Herangehensweise an die Wissenschaft der usul von den furu’ (Zweige des fiqh) beeinflusst war. Sie studierten die Prinzipien der usul, um die furu’ zu stützen. So machten sie die furu’ zur Grundlage. Die allgemeinen Prinzipien wurden auf sie gegründet und dazu gebracht, sie zu stützen. Vielleicht war es das, was sie zu dieser Vorgehensweise drängte, dass ihr Studium der usul dem Zweck diente, ihre madhhab zu stützen, und nicht dazu, Prinzipien hervorzubringen, nach denen ihre Schule Regeln ableiten sollte. Denn Abu Hanifa, der al-Shafi’i vorausging, starb in dem Jahr, in dem al-Shafi’i geboren wurde. Und seine Schlussfolgerungen waren nicht nach allgemeinen und umfassenden Prinzipien getroffen. Ebenso kamen nach ihm seine Schüler Abu Yusuf, Muhammad und Zufar. Sie befassten sich nicht damit, über usul al-fiqh zu schreiben, doch fiel es später den Gelehrten der hanafitischen madhhab zu, die Ableitung von Prinzipien zu verfolgen, die den furu’ der hanafitischen madhhab dienen würden. Die Prinzipien kamen später als die furu’ und gingen ihnen nicht voraus. Dennoch ist die hanafitische Usul im Großen und Ganzen aus der Usul al-Schafi'is hervorgegangen. Und worin sie sich mit den Schafi'iten darin unterschieden, dass das 'Amm (Allgemeine) ebenso qat'i (sicher) ist wie das Khass (Spezielle),
und die Überlegung gilt nicht dem Verständnis der Bedingung (Schart) und der Beschreibung (Wasf),
and the consideration is not for the understanding of the condition (shart) and description (wasf),
und dass es keine Tarjeeh (Abwägung) gibt aufgrund der großen Zahl der Überlieferer. Dies sind Einzelfragen und keine umfassenden Grundsätze. Deshalb ist es möglich, die hanafitische und die schafiitische Usul als ein einziges Usul für die Fiqh-Wissenschaft zu betrachten. Ihre Herangehensweise an die Furu' und an die Meinungsverschiedenheiten in bestimmten Einzelheiten stellt kein eigenes Usul dar; vielmehr sind sie in ihrer Umfassendheit, Allgemeinheit und ihren Grundsätzen ein und dasselbe Usul. Man findet kaum einen Unterschied zwischen einem Buch nach schafiitischem Usul und einem Buch nach hanafitischem Usul. Vielmehr sind sie alle eine Untersuchung derselben Grundlagen (Usul) der Fiqh-Wissenschaft. Eines der wichtigsten Usul-Bücher für die Hanafiten ist das Usul al-Bazdawi, verfasst von Fakhr al-Islam ‘Ali ibn Muhammad al-Bazdawi (gest. 483 n. H.).
and that there is no tarjeeh (outweighing) due to the great number of transmitters. These are detailed issues and not comprehensive principles. That is why it is possible to consider the Hanafi and Shafi’i usuls as one usul for fiqh. Its approach towards the furu’ and disagreements in certain details is not another usul but they are one usul in its comprehensivity, generality and principles. You hardly ever see any difference between a book in shafi’i usul and a book in Hanafi usul. Rather, all of them are a study of the same principles (usul) of fiqh. One of the most important books of usul for the Hanafis is the usul al-Bazdawi compiled by Fakhr al-Islam ‘Ali ibn Muhammad al-Bazdawi (d.483 A.H.)
Was diejenigen betrifft, die al-Schafi'i in seinen Usul widersprachen, so sind es die Zahiriten und die Schia. Sie widersprachen den Usul al-Schafi'is in einigen ihrer grundlegenden Elemente und nicht nur in Einzelheiten. Die Zahiriten lehnten den Qiyas (analogische Schlussfolgerung) vollständig ab und stützten sich allein auf die offensichtliche (zahir) Bedeutung der Texte. Selbst das, was als qiyas jali (klare Analogie) bezeichnet wird, galt bei ihnen nicht als Teil des Qiyas, sondern als Text. Ihre Berücksichtigung des Textes ist nichts anderes als eine Berücksichtigung der offensichtlichen (zahir) Bedeutung des Textes. Der Imam dieser Madhhab ist Abu Sulayman Dawud ibn Khalaf al-Isfahani (gest. 270 n.H.). Er gehörte zu den Schafiiten. Er lernte Fiqh bei den Schülern al-Schafi'is. Dann verließ er die Madhhab al-Schafi'is und wählte für sich selbst eine besondere Madhhab, in der er sich nur auf den Text stützte. Sie wird die zahiritische Madhhab (Buchstabengläubige) genannt. Ibn Hazm gehört zu ihnen. Gewisse Leute machten ihn bekannt und verliehen ihm eine glänzende Beschreibung, sodass die Menschen Interesse an seinen Büchern fanden, obwohl diese hinsichtlich der rechtswissenschaftlichen Erörterung und der Art, Belege abzuleiten, unter dem Niveau der Fiqh-Bücher und anderer Usul-Werke lagen. Was die Schia betrifft, so widersprachen sie den Usul al-Schafi'is in einem wesentlichen Punkt, denn sie machten die Aussprüche ihrer Imame zu einem Beweis der Scharia, so wie den Koran und die Sunna. Für sie gilt dies als ein Beweis, der dem Beweis des Korans und dem der Sunna zumindest nachfolgt. Sie erlaubten, dass die Rede der Imame die Sunna spezifiziert. Sie sagen:
„Die Weisheit (hikma) der Gesetzgebung verlangt die Darlegung eines Teils der Ahkām und erfordert die Verbergung eines anderen Teils der Ahkām. Doch er (Allahs Friede sei auf ihm ﷺ) übergab (den verborgenen Teil der Ahkām) seinen Sachwaltern (awsiya). Jeder Sachwalter (wasi) überträgt dem anderen die Aufgabe, ihn zu verbreiten, wenn es für ihn angemessen ist, entsprechend der Hikma (Weisheit), in Bezug auf ein ‘āmm (allgemein), das mukhassas (spezifiziert) wird, ein mutlaq (unbedingt), das muqayyad (eingeschränkt) wird, oder ein mujmal (mehrdeutig), das mubayyan (erläutert) wird. So mag der Prophet ﷺ etwas erwähnen, das ‘āmm (allgemein) ist, und das Spezifische erst eine Weile später in seinem Leben nennen. Oder er erwähnt es zunächst nicht, sondern überlässt es seinem Sachwalter (wasi), dies in seinem Namen zu tun.“
“The wisdom (hikma) of legislation demands the exposition of a body of ahkām and requires the concealment of a body of ahkām. But he (Allah’s peace be upon him) entrusted (the body of ahkām that is concealed) to his guardians (awsiya). Each guardian (wasi) delegates the other to spread it when it is appropriate for him, according to Hikma (wisdom), in terms of an ‘aamm (general) which is specified (mukhassas), a mutlaq (absolute) which is restricted (muqayyad) or a mujmal (ambivalent) which is clarified (mubayyan). So the Prophet may mention something which is ‘aamm (general) and mentions the specific after a while in his life. Or, he may not mention it originally, rather leaving his guardian (wasi) to do it on his behalf”.
Die imamitischen Schiiten stellen ihre Imame in eine Position nahe an der Sunna. Ijtihad ist für sie auf die Madhhab beschränkt; es ist dem Mujtahid nicht erlaubt, den Ansichten der Madhhab zu widersprechen, das heißt, es ist dem Mujtahid nicht erlaubt, Ijtihad mit dem zu betreiben, was den Aussprüchen des Imams al-Sadiq widerspricht. Sie haben Ahadith zurückgewiesen, außer wenn sie über ihre Imame überliefert wurden. Sie wenden den Qiyas nicht an. Es ist von ihren Imamen in ständig wiederholter Überlieferung (tawatur) berichtet worden, wie sie es in ihren Büchern überliefert haben, dass die Religion zerstört wird, wenn man bei der Scharia Analogien anwendet.
The Imami Shi’as place their Imams in a position close to the Sunnah. Ijtihād for them is restricted to the mazhab, it is not permitted for the mujtahid to contradict the views of the mazhab i.e, it is not permitted for the mujtahid to make Ijtihād with what contradicts the sayings of the Imam al Sadiq. They rejected ahadīth except if it came via their imams. They do not take Qiyas. It has been recurrently reported (tawatara) about their imams as they have narrated in their books that when analogy is made to the Sharī’ah the deen is destroyed.
Die Lage der muslimischen Gelehrten in der Wissenschaft der Usul al-Fiqh nach asch-Schafi'i, hinsichtlich ihrer Zustimmung oder Ablehnung gegenüber ihm, stellt sich wie folgt dar. Was die Wissenschaft selbst betrifft, so wurde sie nach asch-Schafi'i sehr ausführlich behandelt, und es entstanden zahlreiche Kommentatoren und Verfasser. Es ist erstaunlich, dass in den Zeitaltern, die auf das Zeitalter asch-Schafi'is folgten, der Ijtihad zurückging und es an Mudschtahidin mangelte, und dass in den darauffolgenden Zeitaltern die Tür des Ijtihad als geschlossen galt. Dennoch blühte die Wissenschaft der Usul al-Fiqh auf und gedieh, die Prüfung ihrer Grundlagen nahm zu, und ihre Fragestellungen wurden immer verfeinerter. Doch all dies geschah unter theoretischem und nicht unter praktischem Gesichtspunkt. Daher war sie wirkungslos darin, Mudschtahidin hervorzubringen, die Vorstellung von der Schließung der Tür des Ijtihad zu durchbrechen und ihr ein Ende zu setzen. Der Grund dafür mag darin liegen, dass die Usul al-Fiqh in jenen späteren Perioden einen rein theoretischen Weg einschlug, auf dem die theoretische Diskussion überwog, und dass Untersuchungen in sie aufgenommen wurden, die keinerlei Bezug zu den Usul al-Fiqh hatten. Die Aufmerksamkeit der Forscher richtete sich darauf, die Grundsätze, die sie stützen, mit Beweisen zu prüfen und zu überarbeiten und jenen mit dem stärksten Beweis auszuwählen, ungeachtet dessen, ob es für ihn eine Wirklichkeit gibt oder nicht. Ihre theoretischen Annahmen vervielfachten sich, sie untersuchten den Begriff der Dalala (Textimplikationen) und ordneten ihn nach den Einteilungen der Gelehrten der Logik (Mantiq). Sie warfen Diskussionen auf, die mit den Usul al-Fiqh nichts zu tun hatten, etwa über Husn (Schönheit) und Qubh (Hässlichkeit): Sind sie vernunftmäßig oder rechtlich bestimmt? Oder Fragen wie: Ist die Dankbarkeit (Schukr) gegenüber dem Wohltäter (Mun'im) eine Pflicht aufgrund der Scharia oder aufgrund des Verstandes? Sie leiteten Untersuchungen ein, die aus der Wissenschaft der Kalam (Scholastik) stammen und nicht aus den Usul al-Fiqh, etwa über die Unfehlbarkeit der Propheten und die Möglichkeit, dass die Propheten in Angelegenheiten, die die (Übermittlung der) Botschaft betreffen, Fehler machen oder vergessen könnten. Sie betrieben Studien zur arabischen Sprache und nicht zum Usul al-Fiqh. Sie untersuchten den Ursprung der Sprachen und befassten sich mit den Partikeln (huruf) und den Substantiven (asma). Auf diese Weise machten sie die Wissenschaft des Usul al-Fiqh starr und entzogen ihr ihren gesetzgeberischen Aspekt, der Mujtahidin hervorbrachte und das Fiqh bereicherte. Sie verwandelten sie in eine theoretische und philosophische Disziplin, in der der Gelehrte nicht einmal die einfachsten Regeln ableiten kann, bis ihr Nutzen nahezu verloren ging und sie keinerlei Wirkung mehr auf die Gesetzgebung oder die Ableitung von Regeln (istinbat) hatte. Da die Wissenschaft des Usul al-Fiqh für die Ableitung von Regeln und das Wachstum des gesetzgeberischen Aspekts unverzichtbar ist, gilt es, dem Studium des Usul al-Fiqh als einer auf der Wirklichkeit gründenden und nicht theoretischen Disziplin besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Es genügt, Studien zu betreiben, die sich auf die Ableitung von Regeln beziehen, welche zusammen mit den Belegen studiert werden, die die Regeln und die Wirklichkeiten anzeigen, auf die sich ihre Bedeutungen anwenden lassen, bis Mujtahidin hervorgebracht werden und ein gesetzgeberischer Reichtum entsteht, um die neuen Fragen zu behandeln, die sich tagtäglich in der muslimischen Welt und im Rest der Welt stellen.