9. Wissenschaft und Kultur
9. Science And Culture
Im Arabischen sagt man: Der Mann hat Wissen (‘ilm) erlangt (‘alima). Das bedeutet, dass er die wahre Wirklichkeit des Wissens (‘ilm) erreicht hat. Jemand hat Kenntnis von einer Sache erlangt bedeutet, dass er sich ihrer bewusst geworden ist, das heißt, dass er über eine Angelegenheit unterrichtet wurde oder mit ihr vertraut wurde. Außerdem sagt man in der Sprache: Er hat Verständnis erlangt (thaqifa), was bedeutet, dass er gewandt geworden ist, also gebildet und kultiviert (thaqif) ist. Er hat eine Sprache verstanden (thaqifa), das heißt, er hat sie beherrscht und rasch begriffen. Diese sprachlichen Bedeutungen bilden die Grundlage für den Gebrauch der Wörter. Wenn diese Wörter jedoch verwendet werden, um andere Bedeutungen anzuzeigen, die mit der sprachlichen Bedeutung in Beziehung stehen, ist das erlaubt, wie etwa bei der Übernahme des Wortes fa’il (Subjekt) in der Grammatik. Die sprachliche Bedeutung (der Wörter) herrschte vor, und deshalb wandten die Alten das Wort ‘ilm auf alle Formen des Wissens an, ohne zwischen den Wissenschaften und Disziplinen zu unterscheiden. Dann begannen die Menschen, die intellektuellen und naturwissenschaftlichen Disziplinen als allgemein für alle Menschen zu betrachten, während andere traditionelle (textbezogene) Disziplinen als spezifisch für die Nation galten, von der sie überliefert wurden. In der Folge begannen sowohl ‘ilm (Wissenschaft) als auch thaqafa (Kultur), entsprechend verschiedenen spezifischen Disziplinen definiert zu werden, und erhielten terminologische Bedeutungen, die sich von ihren sprachlichen Bedeutungen unterschieden. Nach dieser Terminologie haben sie folgende Bedeutung: Wissenschaft (‘ilm) ist das Wissen, das durch Beobachtung, Experiment und Bildung erworben wird, wie Physik, Chemie und die übrigen empirischen Wissenschaften, und Kultur (thaqafa) ist das Wissen, das durch Überlieferung, Lernen und Schlussfolgerung erworben wird, wie (das Studium der) Geschichte, Sprachen, Jurisprudenz (fiqh), Philosophie und die übrigen nicht-empirischen Disziplinen. Und es gibt weitere nicht-empirische Disziplinen, die als Wissenschaften (ʿilm) gelten, obwohl sie zur Kultur (thaqafa) gehören, wie Arithmetik, Ingenieurwesen und Industrie. Auch wenn sie unter die Kultur fallen, werden sie als Teil der Wissenschaft betrachtet, weil sie für alle Menschen gleichermaßen gelten und nicht auf eine bestimmte Nation beschränkt sind. Ähnlich verhält es sich mit allem aus dem Bereich der Kultur, das mit handwerklichen Tätigkeiten zusammenhängt, die der Industrie ähneln, etwa Handel und Schifffahrt: Sie gelten als Teil der Wissenschaft und sind universell. Die Künste dagegen, wie Malerei, Bildhauerei und Musik, gehören zur Kultur. Sie folgen einer bestimmten Sichtweise, die eine spezifische Kultur darstellt. Der Unterschied zwischen Kultur (thaqafa) und Wissenschaft (ʿilm)
In Arabic language it is said: the man has obtained (‘alima) knowledge (‘ilm). This means that he attained the true reality of knowledge (‘ilm). He gained knowledge of a thing means he became cognisant of it, which means that he became informed of a matter or acquainted with it. Also in the language it is said: He has gained comprehension (thaqifa), which means that he has become proficient, thus he is educated and cultured (thaqif). He has understood (thaqifa) a language (means) he has mastered and understood it swiftly. These linguistic meanings are the basis of the use of words, However if these words were used to indicate other meanings that relate to the linguistic meaning then that is permitted, like in the case of the adoption of the word fa’il (subject) in grammar for example. The linguistic meaning (of the words) was prevailing and this is why the ancients used to apply the word ‘ilm on all forms of knowledge without differentiating between the sciences and disciplines. Then people began to consider intellectual and natural disciplines as being general to all people whilst other traditional (textual) disciplines were considered specific to the nation from which it was transferred. Subsequently, each of science (‘ilm) and culture (thaqafa) began to be defined according to different specific disciplines, acquiring terminological meanings which were different to their linguistic meanings. According to this terminology they have the following meaning: Science (‘ilm) is the knowledge which is acquired through observation, experimentation and education like physics, chemistry and the rest of the empirical sciences and culture (thaqafa) is the knowledge which is acquired by way of transmission, learning and deduction as in (the study of) history, languages, jurisprudence (fiqh), philosophy and the rest of the non-empirical disciplines. And there are other non-empirical disciplines which are included as sciences (‘ilm) even though they come within culture such as arithmetic, engineering and industry; even though they come under culture (thaqafa) they are regarded as part of science because they are universal to all people and not specific to any one nation. In a similar way anything from the culture related to crafts which resemble industry such as trade and shipping; they are considered to be part of science and they are universal. As for the arts such as; painting, sculpture and music they are part of culture. They follow a particular viewpoint; which is a specific culture. The difference between culture (thaqafa) and science (‘ilm)
Dass die Wissenschaft allen Nationen gemeinsam ist und nicht auf eine bestimmte Nation im Ausschluss einer anderen beschränkt ist. Was die Kultur (thaqafa) betrifft, so kann sie spezifisch sein, indem sie der Nation zugeschrieben wird, aus der sie hervorgegangen ist, oder sie kann Teil der spezifischen und besonderen Eigenschaften der Nation sein, wie Literatur und Heldenbiographien sowie deren Philosophie über das Leben, oder sie kann universal sein, wie Handel, Schifffahrt usw. Daher wird die Wissenschaft universell von allen Nationen übernommen, weil sie universell ist und nicht auf eine bestimmte Nation beschränkt. Was die Kultur (thaqafa) betrifft, so sollte die Nation mit ihrer eigenen Kultur beginnen; wenn sie diese studiert hat und mit ihr vertraut ist, bis sie in ihren Köpfen fest verankert ist, dann kann sie andere Kulturen studieren. Die Muslime pflegten zwischen den Wissenschaften zu unterscheiden, die eine Person selbst erlangte, und den Wissenschaften, die sie von anderen empfing. Ibn Chaldun sagt in seinem Buch al-Muqaddima:
is that science is universal to all nations and not specific to any nation to the exclusion of another nation. As for culture (thaqafa) it might be specific, being ascribed to the nation from which it resulted or it may be part of the nation’s specific and particular characteristics such as literature and biographies of heroes, and their philosophy concerning life or they may be universal such as trade, shipping etc. Therefore, science is adopted universally from all nations because it is universal and not specific to any particular nation. As for culture (thaqafa) the nation should begin with its own culture, when she has studied it and is cognisant of it until it becomes focused in their minds then they can study other cultures. The Muslims used to differentiate between the sciences which a person used to attain by himself and the sciences he used to receive from others. Ibn Khaldun says in his book al-Muqaddima:

Die Wissenschaften sind von zweierlei Art: Die eine ist die natürliche, die der Mensch durch sein Denken erreicht, und die andere ist die überlieferte, die er von demjenigen nimmt, der sie verfasst hat. Die erste sind die philosophischen und rationalen Wissenschaften, die er durch sein Denken suchen kann und die ihn durch die menschlichen Fähigkeiten zu ihren Gegenständen und Fragestellungen, zu all ihren entscheidenden Beweisen und den Aspekten ihrer Lehren führen. So gelangt er durch sein Unterscheidungsvermögen und sein Studium von dem Falschen zum Richtigen, und zwar in seiner Eigenschaft als Mensch, der über die Fähigkeit des Denkens verfügt. Die zweite sind die überlieferten und schriftlich festgehaltenen Wissenschaften. Sie beruhen auf der Überlieferung, die von einer scharia-gemäßen Quelle stammt. Der Verstand hat in diesem Bereich keinen Spielraum, außer die Nebenfragen auf die Grundlagen (Usul) zurückzuführen.
“The sciences are of two types: A natural type which is for man to arrive at through his thinking and a textual type which he takes from the one who authored it. The first are the philosophical and aphoristic sciences which he can seek by his thought and be guided through the human faculties to its subjects and issues and all its decisive proofs and aspects of its teachings. So as in his discernment and study he attains the correct (opinion) from the incorrect, in his capacity as a human being possessing the faculty of thought. The second are the textual and written sciences. They depend on the report coming from a shar’i source. The mind has no scope in this regard except to relate the branch issues to the usul (foundation)”.
Er sagte auch: „Die rationalen oder natürlichen Wissenschaften sind allen Nationen gemeinsam, da der Mensch durch sein Denken auf natürliche Weise zu ihnen gelangt. Die textlichen Wissenschaften hingegen sind der muslimischen Religion und ihren Anhängern eigen.“ Es scheint, dass Ibn Chaldun mit der Festlegung der textlichen Wissenschaften auf die islamische Millah nur ein Beispiel meinte, denn auch andere Nationen haben textliche Wissenschaften, die ihnen eigen sind, wie ihre Gesetzgebung und ihre Sprache. Ibn Chalduns Aussage deutet nicht darauf hin, dass er zwischen Wissenschaft und Kultur unterschied. Sie zeigt lediglich, dass er zwischen textlichen und rationalen Wissenschaften unterschied. Seine Äußerungen sind kein Beleg dafür, dass die Muslime zwischen Wissenschaft und Kultur unterschieden, sondern vielmehr dafür, dass die Muslime lediglich zwischen Disziplinen unterschieden. Sie teilten diese daher in zwei Abschnitte ein. Ihre Einteilung erfolgte jedoch im Hinblick auf deren allgemeinen Erwerb und nicht im Hinblick auf die Art des Erwerbs. Deshalb bezeichneten sie sie als rationale Wissenschaften, also solche, die durch den Verstand erworben werden, und als textliche Wissenschaften, die aus dem Text erworben werden. Heute hingegen unterscheiden die Menschen zwischen Disziplinen im Hinblick auf die Art, in der sie gewonnen wurden. So wenden sie den Begriff „Wissenschaft“ (ʿilm) auf alles an, was durch die empirische Methode erworben wird, und den Begriff „Kultur“ (thaqafa) auf alles, was auf anderem Wege als durch die empirische Methode erworben wird.
He also said “The rational or natural sciences are common to all nations since man arrives at them naturally through his thought. As for the textual sciences they are specific to the Muslim religion and its adherents.” It appears that what Ibn Khaldun meant by specifying the textual sciences with the Islamic millah was only an example because nations other than the Islamic nation as well have textual sciences specific to them such as their legislation and language. Ibn Khaldun’s statement does not indicate that he distinguished between science and culture. It only indicates that he distinguished between textual and rational sciences. His comments are not an evidence to say that the Muslims used to differentiate between science and culture rather they are an evidence to prove that the Muslims used only to differentiate between disciplines. Thus, they divided them into two sections. However their division was in terms of their general acquisition and not in terms of the manner of acquisition. So they designated them as rational sciences i.e, acquired via the mind. And textual sciences acquired from the text. However, people today differentiate between disciplines in terms of the manner in which they were received. Thus, they apply the term ‘science’ (‘ilm) on anything that is acquired through the empirical method and they apply the term ‘culture’ (thaqafa) on anything acquired by means other than the empirical method