14.3 Die Auswirkung von Streitgesprächen und Debatten (munazarat) auf die islamische Rechtswissenschaft
14.3 The Effect Of Disputes And Debates (munazarat) On Islamic Jurisprudence
Zwei Ereignisse fanden zur Zeit der Sahaba statt: Das erste ist der Bürgerkrieg (Fitna) um ‘Uthman, und das zweite sind die Debatten, die zwischen den ‘Ulamā geführt wurden. Dies führte zu Meinungsverschiedenheiten über die Arten der Sharī'ah-Beweise, was zum Entstehen neuer politischer Gruppierungen führte, die wiederum zur Entstehung verschiedener rechtswissenschaftlicher Schulen (Madhāhib) führten. Denn nachdem ‘Uthman ermordet worden war und der Treueeid (Bay'a) auf das Kalifat ‘Ali ibn Abi Talib geleistet wurde, stritt Mu'awiyya ibn Abu Sufyan mit ihm, und es brach ein Krieg zwischen den beiden Parteien aus, der mit dem Urteil der beiden Schiedsrichter endete. Dies führte zur Bildung neuer politischer Gruppierungen, die zuvor nicht existiert hatten. Diese Gruppen entwickelten neue Ansichten. Die Meinung begann politisch, mit Blick auf den Kalifen und das Kalifat, und umfasste dann den größten Teil der übrigen Ahkām. Es entstand eine Gruppe von Muslimen, die ‘Uthman wegen seiner Politik während seines Kalifats verabscheute, die Alis Annahme des Schiedsverfahrens (Tahkīm) missbilligte und die über Mu'awiyya erzürnt war, weil er sich das Kalifat mit Gewalt angeeignet hatte. So lehnten sie sich gegen alle drei auf. Ihre Auffassung war, dass Muslime dem Kalifen der Muslime den Treueeid rein nach ihrer freien Wahl ohne Zwang oder Gewalt leisten sollten. Und dass jeder, der für das Kalifat geeignet ist, auch berechtigt ist, Kalif zu sein. Die Muslime sollten ihm die Bay'a leisten, und das Kalifat werde ihm durch den Treueeid übertragen, solange er ein Mann, Muslim und gerecht ist, selbst wenn er ein äthiopischer Sklave wäre, und dass Gehorsam gegenüber dem Kalifen nur dann verpflichtend sei, wenn seine Angelegenheit innerhalb der Grenzen des Qur'ān und der Sunnah liege. Diese Leute übernahmen keine Entscheidungen aus Ḥadīthen, die von ‘Uthman, ‘Ali oder Mu'awiyya überliefert wurden, und auch nicht, wenn ein Ḥadīth von einem Sahabi überliefert wurde, der einen dieser Männer unterstützte. Sie verwarfen all deren Ahadīth, Meinungen und Rechtsgutachten und stellten das, was von jenen überliefert wurde, die sie billigten, über alles andere. Sie berücksichtigten nur ihre eigenen Meinungen und ihre eigenen Gelehrten unter Ausschluss anderer. Sie hatten ihre eigene Fiqh, und sie werden die Khawarij genannt. Eine andere Gruppe innerhalb der Muslime entstand, die ‘Ali ibn Abi Talib verehrte und seine Nachkommen liebte. Sie vertraten die Ansicht, dass er und seine Nachkommen einen größeren Anspruch auf das Khilafah hätten als jeder andere, und sie glaubten, er sei der Wasi (Treuhänder), dem der Gesandte ﷺ das Khilafah nach sich vermacht habe. Sie verwarfen viele Ahadith, die vom Gesandten ﷺ überliefert wurden und von der Mehrheit der Sahabah berichtet werden. Sie stützten sich nicht auf die Ansichten der Sahabah und deren Rechtsentscheide. Sie verließen sich nur auf die Ahadith, die von ihren Imamen und der Familie des Propheten ﷺ überliefert wurden, und auf die Rechtsentscheide, die von ihnen ausgingen. Sie hatten ihre eigene Fiqh, und sie sind die Schi'a. Was die Mehrheit der Muslime betrifft, so übernahm sie die Ansichten der genannten Gruppen nicht. Sie vertrat die Ansicht, dass der Treueid einem Khalifah aus Quraysch geleistet werden solle, sofern eine solche Person gefunden werde, und sie brachte ausnahmslos allen Sahabah große Achtung, Zuneigung und Loyalität entgegen. Die Streitigkeiten zwischen ihnen deutete sie als Ijtihad in spekulativen Scharia-Regeln, die nicht mit Glauben (Iman) oder Unglauben (Kufr) verbunden waren. Als Beweis verwendete sie jeden authentischen Hadith, der von einem Sahabi überliefert wurde, ohne Unterscheidung zwischen den Sahabah. Da für sie alle Sahabah vertrauenswürdig waren, akzeptierten sie alle Fatwas und Ansichten der Sahabah. Deshalb stimmten ihre Ahkam in einer Reihe von Themen nicht mit den Ahkam der anderen politischen Gruppen überein, aufgrund ihrer Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Rechtsprechung, der Methode des Istinbat (Ableitung von Regeln) und der Arten der Belege.
Two events took place during the time of the Sahabah: The first is the civil war (fitna) regarding ‘Uthman and the second are the debates which took place between the ‘‘Ulamā. This resulted in disagreements over the types of Sharī’ah evidences which led to the presence of new political groups which in turn led to the presence of various juristical schools of thought. That is because after ‘Uthman was murdered and the bay’a (pledge) of the Khilafah was given to ‘Ali ibn Abi Talib with whom Mu’awiyya ibn Abu Sufyan disputed and war broke out between the two factions and ended with the judgement of the two arbitrators. This resulted in the formation of new political groups which had not existed before. These groups came to have new opinions. The opinion began politically concerning the Khalifah and the Khilafah. Then it included most of the remaining ahkām. A group of Muslims arose who loathed ‘Uthman for his policies during his Khilafah and they resented Ali’s acceptance of arbitration (tahkeem) and they were angry over Mu’awiyyah for seizing the Khilafah by force. So they rebelled against all of them. Their view was that Muslims should give pledge to the Khalifah of the Muslims purely according to their choice without coercion or force. And that whoever qualifies for the Khilafah he is eligible to be the Khalifah. Muslims should give bay’a to him and the Khilafah will be contracted to him by the pledge as long as he is a man, Muslim and just even if he was a Ethiopian slave, and that obedience to the Khalifah is not obliged except if his matter was within the limits of the Qur’ān and Sunnah. These people did not take rulings reported in hadīth narrated by ‘Uthman, Ali, Mu’awiyya or if a hadīth was narrated by a Sahabi who supported any one of them. They rejected all of their ahadīth, opinions and legal verdicts and they outweighed what was narrated by those they approved of. They only considered their opinions and their own scholars to the exclusion of others. They had their own fiqh and they are called the Khawarij. Another group from the Muslim arose which adored ‘Ali ibn Abi Talib and loved his descendants. They took the view that he and his descendants had greater right to the Khilafah over anyone else and they believed he was the wasi (trustee) to whom the Messenger bequeathed the Khilafah after him. They rejected many ahadīth narrated about the Messenger by the majority of the Sahabah. They did not depend on the views of the Sahabah and their legal verdicts. They only relied on the ahadīth narrated by their imams and the family of the Prophet and relied on the legal verdicts originating from them. They had their own fiqh and they are the Shi’a. As for the majority of the Muslims they did not adopt the opinions adopted by the aforementioned groups. They took the view that the pledge should be given to a Khalifah from Quraysh if such a person was found, and they conveyed without a single exception, great respect, affection and loyalty to all the Sahabah. And they interpreted the disputes between them as being Ijtihād in speculative Sharī’ah rules which were not linked to belief (imān) or disbelief (kufr). They would use as proof every authentic hadīth narrated by a Sahābi without any discrimination between the Sahabah. Since for them all of the Sahabah were trustworthy and they accepted all the fatwas and opinions of the Sahabah. Due to this their ahkām did not accord with the ahkām of the other political groups in a number of topics due to their disagreement regarding ruling, method of istinbat (inference of rules) and in the types of evidences.
Daraus wird deutlich, dass der Bürgerkrieg (Fitna) eine rechtliche und politische Lage schuf, die zu Meinungsverschiedenheiten führte, welche sich auf die Geschichte auswirkten. Die Uneinigkeit betraf jedoch nicht die Scharia selbst, sondern das Verständnis der Scharia. Deshalb waren alle, die sich uneinig waren, Muslime, obwohl ihre Meinungsverschiedenheit über die Einzelbestimmungen (furu') und Regeln hinausging und die Grundlagen, die Belege und die Methode der Schlussfolgerung betraf.
From this it becomes clear that when the civil war (fitna) happened it created a jurisprudential and political condition which led to disagreements which had an impact on history. However the disagreement was not over the Sharī’ah but concerning the understanding of the Sharī’ah. That is why all of the people who disagreed were Muslims even though their disagreement exceeded the furu’ and rules to the foundations, evidences and the method of inference.
Was die Debatten betrifft, die zwischen den ʿUlamāʾ stattfanden, so führten sie zu juristischen Meinungsverschiedenheiten, aber nicht zu politischen Meinungsverschiedenheiten, weil der Streit nicht den Kalifen, das Kalifat oder das Herrschaftssystem betraf. Er betraf die Regeln und deren Herleitung. Grundlage dafür war, dass zwischen bestimmten Mudschtahidin Debatten und Meinungsverschiedenheiten stattfanden, die zu einem Streit über die Methode der Ableitung (Istinbāt) führten. In Medina kam es zu islamischen Diskussionen über die Herleitung von Regeln zwischen Rabīʿa ibn Abī ʿAbd ar-Rahmān und Muhammad ibn Schihāb az-Zuhrī, was viele Fuqahāʾ (Rechtsgelehrte) von Medina dazu veranlasste, sich von Rabīʿas Sitzungen zurückzuziehen, bis sie ihm den Titel „Rabīʿat ar-Raʾy“ verliehen. Ähnliches geschah in Kufa zwischen Ibrāhīm an-Nakhaʿī und asch-Schaʿbī. Aus diesen Debatten bildete sich eine Reihe von Meinungen über die Methode der Regelherleitung, bis die Mudschtahidin unterschiedliche Methodologien der Iǧtihād entwickelten. Mitte des 2. Jahrhunderts n. H. traten diese unterschiedlichen Methoden der Iǧtihād deutlich zutage, ebenso die Meinungsverschiedenheiten über sie, und es bildeten sich verschiedene Ansichten. Die Tābiʿūn standen einer Gruppe von ʿUlamāʾ und Mudschtahidin nahe und folgten daher deren Methode. Für diejenigen, die nach ihnen kamen, wurde der Umfang der Meinungsverschiedenheit jedoch größer. Die Gründe für ihre Uneinigkeit beschränkten sich nicht auf das Verständnis der Texte, sondern erstreckten sich auf Gründe, die mit den Belegen der Scharīʿa und sprachlichen Bedeutungen verbunden waren. Auf diese Weise entstanden ihre Meinungsverschiedenheiten in den Furūʿ (Zweige der Fiqh) und den Usūl (Grundlagen der Rechtswissenschaft). Sie bildeten Lager, und jedes Lager hatte seine eigene Rechtsschule (Madhhab). Dadurch entstanden die Madhāhib. Die Schulen waren zahlreich, mehr als vier, fünf, sechs und mehr. Die Meinungsverschiedenheit der Mudschtahidin über die Methode der Iǧtihād lässt sich auf ihren Streit über drei Punkte zurückführen: Erstens die Quellen, aus denen die Regeln der Scharīʿa abgeleitet werden. Zweitens die Auffassung des Textes der Scharia, und drittens Meinungsverschiedenheiten über bestimmte sprachliche Bedeutungen, die beim Verstehen des Textes zur Anwendung kommen.
As for the debates which took place between the ‘Ulamā it led to juristic disagreements but did not lead to political disagreements because the disagreement was not over the Khalifah, the Khilafah or the ruling system. It was over the rules and their deduction. The basis of that was that debates and disagreements took place between the certain mujtahidin which led to a disagreement over the method of inference (istinbat). In Madina Islamic discussions concerning the deduction of rules took place between Rabi’a ibn Abi ‘Abd al-Rahman and Muhammad ibn Shihab al-Zuhri which led many fuqaha (jurists) of Madina to withdraw from Rabi’a’s sessions until they came to give him the title of ‘Rabi’at ar-ra’i’. A similar thing also happened in Kufa between Ibrahim al Nakha’i and al-Sha’bi. From these debates a number of opinions came to be formed about the method of deducing rules until the Mujtahidin came to have different methodologies in Ijtihād. In the middle of the 2nd century A.H these different methods of Ijtihād became apparent and so did the disagreements concerning them and various views were formed. The Tabi’in used to be close to a group of ‘Ulamā and mujtahidin so they came to follow their method. Though, for those who came after them the scope of the disagreement became wider. The reasons for their disagreement did not stop at the understanding of the texts but extended to reasons linked to Sharī’ah evidences and linguistic meanings. It was in this manner that their disagreements took place in the furu’ (branches of fiqh) and usul (principles of jurisprudence). They came to form factions, each faction had its own school (mazhab). Owing to this the mazhabs were formed. The schools were many, more than four, five, six and more. The disagreement of the mujtahidin over the method of Ijtihād is attributable to their disagreement around three issues: First, the sources from which the Sharī’ah rules are deduced. Second, the perception of the Sharī’ah text and third, disagreement over certain linguistic meanings which are applied in understanding the text.
Was den ersten Punkt betrifft, so lässt er sich auf vier Gründe zurückführen:
As for the first it is attributable to four issues:
1. Die Methode der Authentifizierung der Sunnah und das Kriterium, nach dem eine Überlieferung einer anderen vorgezogen wird. Denn die Authentifizierung der Sunnah umfasst die Aufgabe, ihre Überlieferung und die Art der Überlieferung zu prüfen. Die Mujtahidin waren sich über die Methode der Authentifizierung uneins. Einige von ihnen führten die mutawatir (übereinstimmend überlieferte) und die mashhur (weithin bekannte) Sunnah als Beweis an und gaben dem Vorrang vor allem, was von den Vertrauenswürdigen unter den Fuqaha überliefert wurde. Das bedeutete, dass sie dem mashhur-Hadith denselben Rang (Hukm) wie dem mutawatir-Hadith beimaßen, und sie nutzten ihn, um das ʿāmm (allgemeine) im Qurʾān zu spezifizieren. Es gab auch solche, die dem Vorrang gaben, worin sich die Leute von Madīna einmütig einig waren, und die die vereinzelten Ahadith (khabar al-ahad) verwarfen, die dem widersprachen. Und es gab solche, die als Beweis anführten, was rechtschaffene (ʿudūl) und vertrauenswürdige (thiqāt) Überlieferer berichteten, unabhängig davon, ob sie zu den Fuqaha gehörten oder nicht, ob sie zur Familie des Propheten ﷺ gehörten oder nicht und ob es mit den Leuten von Madīna übereinstimmte oder ihnen widersprach. Unter ihnen vertraten einige die Ansicht, dass Hadith-Überlieferer nur dann zu berücksichtigen seien, wenn sie zu ihren Imamen gehörten. Sie hatten eine bestimmte Methode der Überlieferung des Hadith in dessen Beachtung und Anwendung, und sie hatten bestimmte Überlieferer, auf die sie sich stützten, auf andere aber nicht. Einige Mujtahidin waren uneins hinsichtlich des mursal-Hadith, das heißt dessen, was ein Tabiʿi unmittelbar vom Propheten ﷺ überliefert, während er die Sahaba auslässt. Unter den Mujtahidin gab es solche, die den mursal-Hadith als Beweis heranzogen, und solche, die dies nicht taten.
1. The method of authenticating the Sunnah and the criterion by which one narration is preferred over another and that is because the authentication of the Sunnah assumes the task of authenticating its narration and the manner of narration. The mujtahidin differed on the method of authentication. Some of them advanced the mutawatir (concurrent) and mashhur Sunnah as proof and outweighed whatever was narrated by the trustworthy amongst the fuqaha. This meant that they gave the mashhur hadīth the same hukm (value) of the mutawatir and they used it to specify the ‘aamm (general) in the Qur’ān. There were those who gave preponderance to what the people of Madina were unanimously agreed upon and disregarded the isolated ahadīth (khabar al ahad) which went against it and there were those who advanced as evidence what upright (‘udul) and trustworthy (thiqat) transmitters narrated whether they were from the fuqaha or not whether they were from the family of the Prophet or not and whether it agreed with the people of Madina or went against it. Amongst them there were those who took the view that hadīth transmitters are not to be considered except if they are from their imams. They had a specific method in transmitting the hadīth in its consideration and use and they had specific transmitters on which they relied but did not rely on others. Some mujtahidin differed with regards to the mursal hadīth which is what a Tabi’i narrates directly from the Prophet while omitting the Sahabah. Amongst the mujtahidin there were those who would use the mursal hadīth as proof and there were those who did not.
Diese Meinungsverschiedenheit über die Methode zur Authentifizierung der Sunnah führte dazu, dass einige eine Sunnah als Beleg heranzogen, die andere nicht heranzogen, und einige einer Sunnah den Vorzug gaben, die für andere von geringerem Rang war. Dies brachte die Meinungsverschiedenheit bis hin zur Art und Weise, wie die Sunnah als Beweisquelle des Scharīʿa herangezogen wird. So entstand die Meinungsverschiedenheit bei den Beweisquellen der Scharīʿa.
So this disagreement regarding the method of authenticating the Sunnah led to some of them using a Sunnah as proof which the others did not use and some of them gave preference to a Sunnah which was of lesser preference to others and this took the disagreement to the manner in which the Sunnah is taken as a Sharī’ah evidence. So the disagreement in the Sharī’ah evidences took place.
2. Meinungsverschiedenheit hinsichtlich der Rechtsgutachten der Sahabah und ihrer Bewertung. Die Mujtahidin und die Imame waren uneins bezüglich der rechtlichen Urteile (Fatwas), die von einzelnen Sahabis stammten. Manche nahmen eine beliebige dieser Fatwas, ohne sich auf eine bestimmte festzulegen, wandten sich aber auch nicht von allen ab. Andere vertraten die Ansicht, dass sie lediglich einzelne rechtliche Urteile von Menschen darstellen, die nicht unfehlbar sind. Daher habe der Gelehrte das Recht, eine beliebige dieser Fatwas zu übernehmen oder Rechtsurteile zu geben, die allen widersprechen. Sie betrachteten sie als aus Quellen abgeleitete Scharia-Regeln und nicht als Scharia-Beweise. Wieder andere vertraten die Auffassung, dass bestimmte Sahabah unfehlbar (ma'sum) seien und deren Ansicht als Scharia-Beweis zu gelten habe. Demnach seien ihre Aussprüche die Aussprüche des Propheten ﷺ, ihre Handlungen die Handlungen des Propheten ﷺ und ihre Zustimmung die Zustimmung des Propheten ﷺ. Die übrigen Sahabah seien dagegen nicht unfehlbar (ma'sum), weshalb ihre Ansichten überhaupt nicht zu übernehmen seien, weder als Scharia-Beweis noch als Scharia-Regel. Ferner gab es Stimmen, die vertraten, man solle von bestimmten Sahabah nicht lernen, weil sie an dem Bürgerkrieg (Fitna) teilgenommen hätten, und von denjenigen, die nicht teilgenommen haben, könne man hingegen übernehmen. Infolgedessen entstand eine weitere Facette dieser Meinungsverschiedenheit hinsichtlich der Beweise.
2. Disagreement regarding the legal verdicts of Sahabah and their evaluation. The mujtahidin and the imams differed with regards to the jurisprudential legal verdicts which came from individual Sahabis. There were those who took any one of these fatwas and did not restrict themselves to any particular one but did not turn away from all of them either and there were those who took the view that they constituted as individual jurisprudential legal verdicts ensuing from people who are not infallible, so the scholar has the right to take any one of the fatwas or give legal verdicts which go against all of them. They viewed them as Sharī’ah rules which have been deduced and not as Sharī’ah evidences and there were those who took the view that certain Sahabah were infallible (ma’sum) and his view is to be takes as a Sharī’ah evidence. So his sayings constitute the sayings of the Prophet and his actions constitute the actions of the Prophet and his consent constitutes the consent of the Prophet . As for other Sahabah they are not infallible (ma’sum) so their views are not to be taken at all, neither in the capacity of a Sharī’ah evidence nor in the capacity of a Sharī’ah rule. Also, there were those who took the view that one should not take from certain Sahabah because of their participation in the civil war (fitna) and those who did not participate, one can take from them. Consequently, another facet of this difference of opinion arose about evidences.
3. Meinungsverschiedenheit beim Qiyas (analoger Schluss). Einige Mujtahidin wiesen die Anwendung des Qiyas als Beweis zurück und sprachen ihm den Status eines Beweises der Scharia ab. Unter ihnen gab es jedoch auch solche, die den Qiyas als Beweis vorbrachten und ihn nach dem Qur'an, der Sunnah und dem Idschma' (Konsens) als Beweis der Scharia betrachteten. Doch obwohl sie darin übereinstimmten, dass er einen Beweis darstellt, waren sie uneinig darüber, was als 'Illah (rechtlicher Grund) für die Hukm gilt und worauf der Qiyas beruht. Infolgedessen entstand die Meinungsverschiedenheit über die Beweisquellen.
3. Disagreement in Qiyas (analogical deduction). Some mujtahiddin rejected the use of Qiyas as evidence and they disclaimed its status as a Sharī’ah evidence. Among them there were those who advanced qiyas as a proof and considered it a Sharī’ah evidence after the Qur’ān, Sunnah and ijma’ (consensus). However, despite their agreement that it constitutes a proof they disagreed as to what qualifies as an ‘illah (legal cause) for the hukm and on what qiyas is based. As a result the difference of opinion surrounding evidences arose.
4. Meinungsverschiedenheit über den Idschma' (Konsens). Die Muslime waren sich darin einig, dass der Idschma' ein Beweis ist. Einige von ihnen betrachteten den Idschma' der Gefährten als Beweis, andere den Idschma' der Familie des Propheten ﷺ. Wieder andere sahen den Idschma' der ahl al-halli wal-'aqd (der einflussreichen und führenden Persönlichkeiten) als Beweis, und wieder andere den Idschma' aller Muslime. Manche betrachteten den Idschma' als Beweis, weil er eine Übereinstimmung in einer Meinung darstellt; wenn sie also in einer Angelegenheit übereinstimmten und eine Ansicht vertraten, gilt dies als Idschma', der als Beweis dient. Andere betrachteten den anerkannten Idschma' als Beweis, nicht weil er eine Übereinstimmung in einer Meinung darstellt, sondern weil er auf einen Beweis hinweist. Die Gefährten, die Familie des Propheten ﷺ und die Bewohner Medinas standen in Gefährtenschaft zum Gesandten Allahs ﷺ, sahen ihn und sind vertrauenswürdig ('udul). Wenn sie eine scharia-rechtliche Meinung vertreten, ohne deren Beweis anzuführen, wird ihre Meinung so verstanden, dass sie offenbart, der Gesandte Allahs ﷺ habe diese Meinung geäußert, nach ihr gehandelt oder dazu geschwiegen. Sie überlieferten also ein Urteil (hukm), ohne seinen Beweis zu überliefern, weil dieser unter ihnen allgemein bekannt war. Dass der Idschma' für sie einen Beweis darstellt, bedeutet daher, dass er einen Beweis offenbart. Deshalb gilt ihre Übereinkunft, sich gegenseitig zu erinnern und danach ihre Meinung zu äußern, nicht als Idschma'. Vielmehr besteht der Idschma' darin, dass sie eine Meinung äußern, ohne sich bereits vorher auf sie geeinigt zu haben. Daher entstand eine weitere Meinungsverschiedenheit hinsichtlich der Beweise.
4. Disagreement over ijma’ (consensus). The Muslims agreed on the consideration that ijma’ is a proof. Some of them viewed the ijma’ of the Sahabah as a proof and some of them saw the ijma’ of the Prophet’s family as proof. Some saw the ijma’ of the ahl halli wal ‘aqd (the influential and leading figures) as proof and some saw the ijma’ of the Muslims as proof. There were those who viewed ijma’ as a proof because it constituted an agreement on an opinion, therefore, if they agreed on a matter and advanced a view then it is considered an ijma’ which is used as an evidence. And there were those who viewed the recognised ijma’ as a proof not because it constitutes an agreement on an opinion but because it reveals an evidence. So the Sahabah, family of the Prophet and the people of Madina had companionship with the Messenger and saw him and they are trustworthy (‘udul). When they hold a Sharī’ah opinion but do not cite its evidence, their opinion is considered as disclosing the opinion as having been stated by the Messenger or he acted upon it or was silent about it. Thus, they reported a hukm but did not report its evidence due to it being widely known amongst them. Therefore, the meaning of ijma’ constituting a proof for them is that it reveals an evidence.That is why their agreement and reminding each other and then giving their opinion is not considered an ijma’. Rather the ijma’; is that they should give an opinion without reaching an agreement on it. Therefore another difference of opinion came regarding the evidences.
Diese vier Fragen haben die Kluft der Meinungsverschiedenheit zwischen den Mujtahidin vergrößert. Sie werden nicht mehr als Meinungsverschiedenheiten über das Verständnis des Textes betrachtet, wie es zur Zeit der Sahabah und Tabi'een der Fall war, sondern sie sind darüber hinausgegangen und zu einer Meinungsverschiedenheit über die Methode des Verstehens geworden. Mit anderen Worten: Es handelt sich nicht mehr um eine Meinungsverschiedenheit über die Regeln, sondern sie hat sich darüber hinaus zu einer Meinungsverschiedenheit über die Methode der Herleitung der Regeln entwickelt. Deshalb finden wir, dass manche Mujtahidin die Auffassung vertreten, die Beweisquellen der Scharia seien der Qur'an, die Sunnah, die Aussage des Imam 'Ali, der Konsens (Ijma') der Familie des Propheten ﷺ und der Verstand. Andere vertraten die Auffassung, die Beweisquellen der Scharia seien der Qur'an, die Sunnah, der Ijma', der Qiyas, das Istihsan (juristische Präferenz), die Fatwa des Sahabi (Mazhab al-Sahabi) und die Scharia der Völker vor uns (Shari'ah man qablana). Wieder andere waren der Meinung, die Beweisquellen seien der Qur'an, die Sunnah und der Ijma', und es gab solche, die meinten, die Beweisquellen seien der Qur'an, die Sunnah, der Ijma', der Qiyas, al-Masalih al-Mursalah (Erwägungen des öffentlichen Interesses) usw. Deshalb waren sie uneins über die Beweisquellen der Scharia. Dies führte zu Unterschieden in der Methodik des Idschtihad.
These four issues have widened the rift of disagreement between the mujtahidin. They are not considered as disagreements over the understanding of the text as was the case in the time of the Sahabah and Tabi’een but it passed that and became a disagreement over the method of comprehension. In other words, it is not considered as a disagreement over the rules but it surpassed that and became a disagreement over the method of deducing rules. That is why we find some mujtahidin taking the view that the Sharī’ah evidences are the Qur’ān, Sunnah, saying of Imam ‘Ali , ijma’ of the family of the Prophet and the mind. Some of them took the view that the Sharī’ah evidences are the Qur’ān, Sunnah, ijma’, qiyas, istihsan (juristic preference), the fatwa of the Sahābi (mazhab al-sahābi) and the Sharī’ah of the people of before (shari’ min qablina). Some of them were of the opinion that the evidences were the Qur’ān, Sunnah and ijma’ and there were those who held that the evidences were the Qur’ān, Sunnah, ijma’, qiyas, al-masalih al mursala (considerations of public interest) etc... That is why they disagreed about the Sharī’ah evidences. This led to the differences in the methodology of Ijtihād.
Was die zweite Frage betrifft, auf die die Unterschiede in der Methode der Ijtihād zurückgeführt werden, so handelt es sich um die Art, wie der Text der Sharī'ah betrachtet wird. Einige der Mujtahidin beschränkten sich auf das Verständnis des im Text der Sharī'ah genannten Ausdrucks und blieben innerhalb der Grenzen der Bedeutungen stehen, die dieser anzeigte, und sie beschränkten sich auf diese Bedeutungen. Sie werden Ahl al-Hadīth genannt.
As for the second issue to which the differences in the method of Ijtihād are attributed, it is how the Sharī’ah text is viewed. Some of the mujtahidin restricted themselves to the understanding of the expression mentioned in the Sharī’ah text and they stopped at the limits of the meanings they indicated and confined themselves to these meanings. They have been called the Ahl al-hadīth.
Einige von ihnen untersuchen die vernunftgemäße Bedeutung, die der Ausdruck neben der offensichtlichen Bedeutung impliziert; sie wurden als Ahl ar-Ra’y bezeichnet. Daher haben viele gesagt, dass die Mujtahidun in zwei Gruppen geteilt sind: Ahl al-Hadīth und Ahl ar-Ra’y. Diese Einteilung bedeutet nicht, dass die Ahl ar-Ra’y in ihrer Rechtsfindung nicht auf das Hadīth zurückgreifen, oder dass die Ahl al-Hadīth in ihrer Rechtsfindung nicht auf Ra’y (Meinung) zurückgreifen. Vielmehr greifen sie alle auf Hadīth und Ra’y (Meinung) zurück, denn sie alle stimmen darin überein, dass das Hadīth ein Beweis der Scharia ist und dass Ijtihād mittels Ra’y beim Verstehen des vernunftmäßigen Gehalts des Textes ein Beweis der Scharia ist. Wer dies genau prüft, erkennt, dass der Gegenstand nicht die Anhänger des Hadīth oder der Ra’y selbst sind. Vielmehr geht es um den Beweis, auf dem der schariarechtliche Beweis beruht. Denn die Muslime stützten sich auf das Buch Allahs und die Sunnah Seines Gesandten ﷺ; fanden sie etwas nicht ausdrücklich darin festgelegt, leiteten sie es aus diesen mithilfe ihrer eigenen Meinung ab. So gilt die Regel, die klar ausgesprochen ist, etwa:
Some of them study the reasoned meaning that the expression connotates apart from the apparent meaning, they were called as Ahl ar-Ra’i. It is from here that many have said that the mujtahidin are divided into two groups: Ahl al-hadīth and Ahl al-ra’i. This division does not mean that the Ahl al-ra’i in their legislation do not refer to the hadīth and that the Ahl al-hadīth in their legislation do not refer to ra’i (opinion). Rather, all of them take hadīth and ra’i (opinion) because all of them agree that hadīth is a Sharī’ah proof and that Ijtihād using ra’i in understanding the intelligible aspect of the text is a Sharī’ah proof. What becomes apparent to anyone who scrutinises this is that the subject is not the proponents of hadīth or ra’i themselves. Rather, the issue is the evidence on which the Sharī’ah evidence depends. That is because the Muslims relied on the Book of Allah and the Sunnah of His Messenger , if they did not find that clearly stated they used their own opinion in deducing that from them. So the rule which is clearly stated like:
„Allah hat den Handel erlaubt und den Riba (Wucher) verboten“
“Allah has permitted trading and forbidden riba (usury)”
Seine Beweiskraft gilt als das Buch Allahs, ebenso wie alles, was klar im Hadith ausgesagt ist, wie etwa:
its evidence is considered the Book of Allah and anything clearly stated in the hadīth such as:
„Ein Mann soll kein Geschäft abschließen, das gegen das Geschäft seines Bruders gerichtet ist.“ [Recorded by Muslim on the authority of Ibn ‘Umar]
“Let not a man conduct a transaction against the transaction of his brother”[Recorded by Muslim on the authority of Ibn ‘Umar]
Sein Beleg gilt als das Hadith. Was dagegen darüber hinausgeht, etwa das Verbot, Eigentum wegen des Azan des Freitagsgebets zu vermieten, oder dass das eroberte Land unter die Kontrolle des Bayt al-Mal (Schatzkammer) fällt und von allen Menschen genutzt wird usw., gilt als Meinung (Ra’i), auch wenn sie auf dem Qur’an und der Sunnah beruht. So haben sie alles, wofür es keinen eindeutigen Text gab, als Meinung (Ra’i) bezeichnet, auch wenn sie danach handelten, sei es aufgrund einer umfassenden Regel (Hukm Kulliy) oder weil es aus dem Qur’an und der Sunnah abgeleitet wurde. Die Wahrheit ist, dass dieses Ra’i, nach dem man aufgrund einer umfassenden Regel (Hukm Kulliy) oder eines allgemeinen Prinzips handelt oder das aus dem Verständnis des im Qur’an und in der Sunnah genannten Textes abgeleitet wurde, nicht Meinung genannt wird, sondern eine Scharia-Regel (Hukm Shar’i) ist, da es eine auf einem Beleg beruhende Aussage ist und somit die Befolgung des Beleges darstellt.
its evidence is considered the hadīth. As for anything other than this, like the prohibition of leasing property due to the azan of Jum’a prayer or such as the conquered land coming under the control of the bayt al-mal (treasury) and its use by all the people etc, it is considered an opinion (ra’i) even if it is based on the Qur’ān and Sunnah. So they called everything that did not have a clear text an opinion (ra’i) even if they acted upon it due to a comprehensive rule (hukm kulliy) or it was deduced from the Qur’ān and Sunnah. The truth is that this ra’i which is acted upon via a comprehensive rule (hukm kulliy) or general principle or it has been deduced from an understanding of the text mentioned in the Qur’ān and Sunnah it is not called an opinion but rather it is a Sharī’ah rule (hukm shar’i) since it is a statement based on an evidence, it constitutes adherence to the evidence.
Die Einteilung der Mudschtahidin in Ahl al-Hadīth und Ahl al-Ra’y beruht darauf, dass einige Fuqahā’ die Grundlagen geprüft haben, auf denen die Ableitung (Istinbāṭ) aufgebaut war. Es wurde ihnen klar, dass die Bedeutungen der Rechtsvorschriften der Scharī’a verständlich sind und dass sie offenbart wurden, um die Probleme der Menschen zu lösen, ihnen Nutzen (Maṣāliḥ) zu verschaffen und Schäden (Mafāsid), die ihnen begegnen, abzuwenden. Deshalb ist es unerlässlich, die Texte so weit wie möglich zu verstehen, sodass sie alles umfassen, was durch den Ausdruck angezeigt wird. Auf dieser Grundlage gelangten sie zu einem Verständnis, gewichteten einen Text gegenüber einem anderen und zogen Schlussfolgerungen für Fragen, zu denen es keinen (eindeutigen) Text gab. Manche Fuqahā’ widmeten ihre Aufmerksamkeit der Bewahrung des Einzelüberlieferung-Hadīth (Ḫabar al-Āḥād) und der Fatwās der Gefährten (Ṣaḥāba). In ihren Ableitungen beschritten sie den Weg, diese Einzelhadīthe und Berichte über die Gefährten innerhalb der Grenzen ihres Wortlauts zu verstehen, und wendeten sie auf eingetretene Ereignisse an. Als Folge davon entstand Uneinigkeit darüber, ob Texte als Beweise der Scharī’a zu betrachten seien und ob die ‘Illa (Rechtsursache) zu berücksichtigen sei oder nicht.
„Allah wird euch das Wissen, nachdem Er es euch gegeben hat, nicht entziehen; vielmehr wird es durch den Tod der gelehrten Männer mit ihrem Wissen hinweggenommen werden. Dann werden Unwissende zurückbleiben, die, wenn man sie befragt, Rechtsgutachten nach ihrer eigenen Meinung abgeben, wodurch sie sich selbst und andere in die Irre führen und vom rechten Weg abkommen.“ [Recorded by Bukhari on the authority of ‘Abd Allah Ibn ‘Amr]
“Allah will not deprive you of knowledge after he has given it to you, but it will be taken away through the death of the religious learned men with their knowledge. Then there will remain ignorant people who, when consulted, will give verdicts according to their opinions whereby they will mislead others and go astray” [Recorded by Bukhari on the authority of ‘Abd Allah Ibn ‘Amr]
‘Awf ibn Malik al-Ashja’i überlieferte, dass der Gesandte Allahs ﷺ sagte:
‘Awf ibn Malik al-Ashja’i narrated that the Messenger of Allah said:
„Meine Umma wird sich in etwa siebzig Sekten spalten, und die größte unter ihnen wird die Prüfung für jene Menschen sein, die mit ihren eigenen Meinungen Analogien zur Religion (ad-Din) ziehen, indem sie das verbieten, was Allah erlaubt hat, und das erlauben, was Allah verboten hat.“ ﷺ [Recorded by Al-Bazzar and Tabarani in his Al-Kabeer]
“My Ummah will become divided into some seventy sects, the greatest will be the test of the people who make analogy to the deen with their own opinions, with it forbidding what Allah has permitted and permitting what Allah has forbidden” [Recorded by Al-Bazzar and Tabarani in his Al-Kabeer]
Ibn ʿAbbās berichtete, dass der Gesandte Allahs ﷺ sagte:
Ibn ‘Abbas said that the Messenger of Allah said:
„Wer über den Qur’ān mit seiner eigenen Meinung spricht, soll sich seinen Platz im Feuer sichern.“ [Reported by Tirmidhi]
“Whoever speaks about the Qur’ān with his own opinion, let him reserve his place in the fire”. [Reported by Tirmidhi]
Diese Ahadith tadeln den Gebrauch von ra’y eindeutig. Allerdings ist das ra’y, das darin getadelt wird, nicht dasselbe ra’y, das die Gelehrten der ra’y-Schule wie die Hanafiten anwenden. Vielmehr ist das tadelnswerte ra’y das Reden über die Scharia ohne jede Grundlage. Das ra’y dagegen, das sich auf eine scharianische Grundlage stützt, zeigen die Ahadith und die Berichte über die Gefährten (athar) als scharianische Regel, und es ist kein tadelnswertes ra’y. Der Prophet ﷺ hat dem Richter erlaubt, eigenen Ijtihad auszuüben, und ihm eine Belohnung in Aussicht gestellt: Auch wenn er sich bei der Ausübung seiner eigenen Meinung irrt, erhält er eine Belohnung, sofern es sein Ziel war, die Wahrheit zu erkennen und ihr zu folgen. Der Prophet ﷺ befahl den Gefährten am Tag der Schlacht der Verbündeten (Ahzab), das Nachmittagsgebet (‘Asr) bei den Banu Qurayza zu verrichten. Einige übten eigenen Ijtihad aus und beteten unterwegs; sie sagten, der Befehl nenne keine Verzögerung, vielmehr habe er gemeint, man solle zügig vorankommen. Sie berücksichtigten also den Sinn. Die anderen übten ebenfalls Ijtihad aus und verschoben das Gebet bis zu den Banu Qurayza; sie verrichteten das ‘Asr-Gebet bei Nacht. Sie berücksichtigten also den Wortlaut. Der Gesandte ﷺ billigte beide Gruppen, jede gemäß ihrer eigenen Meinung. Mu‘adh berichtete, dass der Gesandte Allahs ﷺ ihn nach Jemen schickte und sagte:
These ahadīth are explicit in their censure of the use of ra’i. However, the ra’i is not the same ra’i employed by the scholars of ra’i like the Hanafis. Rather the blameworthy ra’i is that of speaking about the Sharī’ah without any authority. As for the ra’i which is premised on a Sharī’ah basis, the ahadīth and reports about the Sahabah (athar) indicate that it is a Sharī’ah rule and based on an objectionable ra’i. The Prophet has permitted the judge to exercise his own Ijtihād and informed him of reward, despite if he makes a mistake in exercising his own opinion, one reward, if his aim was to gain knowledge of the truth and follow it. The Prophet ordered the Sahabah on the day of the (battle of) Ahzab (the confederates) to pray the mid-day (‘asr) prayer in Bani Qurayza. Some exercised their own Ijtihād and prayed on the way, they said it does not mention any delay rather what he meant was to advance quickly, thus they took into consideration the meaning. The others exercised their Ijtihād and delayed the prayer until Bani Qurayza. They prayed the ‘asr prayer at night, thus they took into consideration the wording. The Messenger accepted both groups, each one on its own opinion. Mu’az narrated ‘that when the Messenger of Allah sent him to Yemen he said:

„Was wirst du tun, wenn ein Urteil zu fällen ist?“ Mu'ādh sagte: „Ich werde nach dem urteilen, was im Buch Allahs steht.“ Er fragte: „Doch was, wenn es nicht im Buch Allahs steht?“ Er sagte: „Dann werde ich nach der Sunnah des Gesandten Allahs ﷺ urteilen.“ Er fragte: „Doch was, wenn es nicht in der Sunnah des Gesandten Allahs ﷺ steht?“ Da antwortete er: „Dann werde ich mich selbst bemühen und Ijtihād betreiben, das macht mir keine Sorgen.“ Er sagte:
“What will you do when a judgement presents itself. Mu’az said: ‘I will judge by what is in the Book of Allah. He said: But what if it is not in the Book of Allah? He said: I will judge by what is in the Sunnah of the Messenger of Allah . He said: But what if it is not in the Sunnah of the Messenger of Allah ? He replied: I will exercise my own Ijtihād, it does not bother me He said:
Also schlug der Gesandte Allahs ﷺ mir auf die Brust und sagte: „Lob sei Allah, der den Boten des Gesandten Allahs ﷺ so gemacht hat, dass er mit dem übereinstimmt, was dem Gesandten Allahs ﷺ gefällt.“ [Reported by Abu Dawud]
So the Messenger of Allah beat my chest and said: ‘Praise be to Allah who has made the messenger of the Messenger of Allah to accord with what pleases the Messenger of Allah” [Reported by Abu Dawud]
So dies ist die ra’i, nach der die Fuqaha und die Mujtahidin, die die ra’i vertraten, beim Handeln gemäß der Sunnah vorgingen. Es ist die ra’i, die auf dem Text beruht. Sie sind auch die Ahl al-Hadīth, selbst wenn sie Ahl al-ra’i genannt wurden. Selbst die Hanafiten, die als Ahl al-ra’i berühmt geworden sind, stimmen darin überein, dass die Meinung Abu Hanifahs lautet, dass das Hadīth, das nicht Sahih ist, also das Hadīth Hasan, eher befolgt werden muss als Qiyas oder ra’i. Er gab daher dem Hadīth vom Qahqaha (lautes Lachen) den Vorrang vor Qiyas und ra’i, obwohl es Hasan ist. Und er verhinderte das Abschlagen der Hand eines Diebes für einen Diebstahl, dessen Wert weniger als zehn Dirham beträgt, obwohl das Hadīth nicht den Rang eines Sahih erreichte, sondern Hasan ist. Dies zeigt, dass ra’i für sie ein Verständnis des Textes ist und die ra’i, die auf dem Text beruht. Sie stellten Qiyas einen niedrigeren Rang als das Hadīth Hasan bei, geschweige denn das Hadīth, das Sahih ist. Dies weist darauf hin, dass mit ra’i das Verständnis des Textes gemeint ist und die ra’i, die auf dem Text beruht. Die Ahl al-ra’i sind also auch Ahl al-Hadīth.
So this is the ra’i on which the fuqaha and the mujtahidin who advocated ra’i proceeded on acting upon the Sunnah. It is the ra’i which is based on the text. They are also the Ahl al-hadīth even if they were called the Ahl al-ra’i. Even the Hanafis who have become famous as Ahl al-ra’i agree that the opinion of Abu Hanifah is that the hadīth other than the Sahih, i.e, the hadith hasan is more entitled to be followed than qiyas or ra’i. So he gave precedence to the hadīth of qahqaha (loud laughter), even though it is hasan, over qiyas and ra’i. And he prevented the cutting of the hand of a thief for a theft whose value is less than ten dirhams but the hadīth did not reach the level of Sahih rather it is hasan which indicates that ra’i for them is an understanding of the text. They gave qiyas a rank lower than the hasan hadīth let alone the hadīth which is Sahih. This indicates that what is intended by ra’i is the understanding of the text and the ra’i which is based on the text. So the Ahl al-ra’i are Ahl al-hadīth as well.
Als Drittes folgt eine Frage, die zu Meinungsverschiedenheiten über die Methode der Ableitung von Regeln führte. Sie betrifft bestimmte sprachliche Bedeutungen, die beim Verstehen des Textes angewandt werden. Die Meinungsverschiedenheit unter den Mudschtahidin entstand aus den Stilformen der arabischen Sprache und dem, was diese anzeigen. Manche vertraten die Ansicht, der Text sei ein Beweis für die Feststellung des Hukm aus seinem Wortlaut (mantuq) und für den Beweis des Gegenteils dieses Hukm aus dem entgegengesetzten Verständnis (mafhum al-mukhalif). Andere sahen den nicht spezifizierten ʿĀmm (allgemeinen) Text als gewiss (qatʿi) an, was den Umgang mit allen seinen Teilen betrifft, und wieder andere sahen ihn als mutmaßlich (zanni) an. Manche betrachteten den allgemeinen Befehl als gleichbedeutend mit einer Verpflichtung; sie wichen davon nur ab, wenn es einen Hinweis (qarina) auf das Gegenteil gab. Der Befehl verpflichtet also zu einer Handlung. Manche vertraten dagegen die Ansicht, ein Befehl sei lediglich eine Aufforderung zur Handlung. Es ist der Hinweis (qarina), der klärt, ob es sich um eine Verpflichtung handelt oder nicht. Infolgedessen entstanden Meinungsverschiedenheiten über das Verständnis der Texte, was zu Differenzen in der Methode des Idschtihād führte.