Al-A'râf (Die Höhen) | Wem alle Herrschaft gehört 54-58
Al-a`rāf (the Heights) | To Whom All Authority Belongs 54-58
Euer Herr ist Gott, der die Himmel und die Erde in sechs Zeitaltern erschaffen hat und sich dann auf dem Thron niedergelassen hat. Er bedeckt den Tag mit der Nacht, die ihr eilends folgt. Die Sonne, der Mond und die Sterne sind Seinem Befehl untergeordnet. Wahrlich, Ihm gehören die Schöpfung und die Herrschaft. Gepriesen sei Gott, der Herr der Welten. (54)
Your Lord is God who has created the heavens and the earth in six aeons, and is established on the throne. He covers the day with the night in swift pursuit. The sun, the moon and the stars are made subservient to His command. Surely all creation and all authority belong to Him. Blessed is God, the Lord of the worlds. (54)
Ruft euren Herrn demütig und im Verborgenen an. Er liebt nicht jene, die das Maß überschreiten. (55)
Call upon your Lord with humility, and in the secrecy of your hearts. He does not love those who transgress the bounds of what is right. (55)
Verbreitet kein Unheil auf der Erde, nachdem sie so wohlgeordnet ist. Ruft Ihn in Furcht und Hoffnung an. Wahrlich, die Barmherzigkeit Gottes ist den Rechtschaffenen nahe. (56)
Do not spread corruption on earth after it has been so well ordered. Call on Him with fear and hope. Truly, God’s grace is ever near to the righteous. (56)
Er ist es, der die Winde als Vorboten Seiner kommenden Barmherzigkeit aussendet. Und wenn sie schwere Wolken herangetragen haben, treiben Wir sie zu einem toten Land, lassen Wasser darauf niederfallen und bringen damit allerlei Früchte hervor. So werden Wir auch die Toten wieder zum Leben erwecken, damit ihr daran denkt. (57)
He it is who sends forth the winds heralding His coming mercy, and when they have gathered up heavy clouds, We may drive them towards dead land and cause the water to fall upon it, and thus We cause all manner of fruit to come forth. Thus shall We cause the dead to come to life, so that you may keep this in mind. (57)
Gutes Land bringt seine Pflanzen reichlich hervor, mit der Erlaubnis seines Herrn, aber aus schlechtem Land kommt nur spärliches und kümmerliches Gewächs hervor. So erläutern Wir Unsere Zeichen auf vielfältige Weise für Leute, die dankbar sind. (58)
Good land brings forth its vegetation in abundance, by its Lord’s leave, but from the bad land only poor and scant vegetation comes forth. Thus do We expound Our revelations in various ways for the benefit of those who are grateful. (58)
Vorschau
Preview
Die Sure hat uns auf eine Reise mitgenommen, die sich über Epochen und Generationen erstreckt, vom allerersten Beginn des menschlichen Lebens bis zur Auferstehung nach dem Tod. Nun führt sie uns auf eine weitere Reise, in die Tiefen der Seele des Universums und in das, was davon vor unseren Augen erscheint. Sie erzählt uns von der Erschaffung der Himmel und der Erde, nachdem sie uns von der Erschaffung des Menschen berichtet hat. Unsere Aufmerksamkeit wird auf das gelenkt, was das Universum enthält, seine Geheimnisse, Aspekte und Phänomene, indem sie auf die Nacht verweist, die dem Tag in raschem Lauf folgt, sowie auf Sonne, Mond und Sterne, die dem Willen Gottes untergeordnet sind, und auf die Winde, die sich durch den Raum bewegen und die Wolken zu einem toten Land tragen, und im Nu belebt es sich und wird voller Leben, indem es allerlei Früchte hervorbringt.
The sūrah has taken us along a trip that extends over epochs and generations, from the very beginning of human life to resurrection after death. Now it takes us along another trip to the depths of the soul of the universe and what appears of it before our eyes. It tells us about the creation of the heavens and the earth after having told us of the creation of mankind. Our attentions are drawn to what the universe contains, its secrets, aspects and phenomena, referring to the night as it follows the day in quick pursuit, and to the sun, moon and stars which are subservient to God’s will, and the winds that move along in space, carrying the clouds to a land that is dead, and in no time, it quickens and becomes full of life, yielding all types of fruit.
Diese Betrachtung über verschiedene Aspekte des Königreichs Gottes folgt unmittelbar auf die Erzählung von der Erschaffung des Menschen und beschreibt sowohl den Anfang als auch das Ende der Lebensreise des Menschen. Die Sure bezieht sich auch auf die Haltung derer, die Satan folgen und hochmütig die Gesandten Gottes zurückweisen. Sie beschreibt außerdem einige Vorstellungen der Dschahiliyya, also der Unwissenheit, die in der menschlichen Gesellschaft herrschen kann, sowie die Traditionen, die sich Menschen selbst ausdenken und für die es keine Billigung durch das Gesetz Gottes gibt. All dies stellt die Sure dar, um den Menschen dazu anzuregen, zu ihrem Herrn zurückzukehren, der das Universum erschaffen und es seinem Willen unterworfen hat und der es nach seinen Gesetzen und seinem Willen lenkt. Denn Ihm allein gehören alle Schöpfung und alle Macht.
This reflection on different aspects of God’s kingdom comes immediately after relating the story of the creation of mankind and describing both the beginning and the end of man’s life journey. The sūrah also refers to the attitude of those who follow Satan and who arrogantly refuse to follow God’s messengers. It also describes some concepts of jāhiliyyah, or ignorance that may prevail in human society, and the traditions people invent for themselves having no sanction by God’s law. All this the sūrah portrays in order to motivate human beings to return to their Lord who created the universe and made it subservient to His will and who runs it according to His laws and will. Indeed, to Him alone belong all creation and all authority.
Ein klares Verständnis von Gott
A Clear Concept of God
Euer Herr ist Gott, der die Himmel und die Erde in sechs Äonen erschuf und sich auf den Thron erhob. Er bedeckt den Tag mit der Nacht, die sie eilends verfolgt. Die Sonne, der Mond und die Sterne sind seinem Befehl unterworfen. Wahrlich, Ihm gehören die Schöpfung und die Herrschaft. Gepriesen sei Gott, der Herr der Welten. (Vers 54)
Your Lord is God who has created the heavens and the earth in six aeons, and is established on the throne. He covers the day with the night in swift pursuit. The sun, the moon and the stars are made subservient to His command. Surely all creation and all authority belong to Him. Blessed is God, the Lord of the worlds. (Verse 54)
Der monotheistische islamische Glaube lässt keinen Raum für irgendeinen Versuch von Menschen, aus eigener Kraft ein bestimmtes Gottesbild zu entwickeln: wie Er ist oder wie Er handelt. Es gibt schlechthin nichts, das Gott in irgendeiner Weise ähnlich wäre. Daher steht es nicht dem menschlichen Verstand zu, zu versuchen, sich das Höchste Wesen vorzustellen. Eine menschliche Vorstellung kann nur innerhalb des Rahmens entwickelt werden, den der menschliche Verstand festlegen kann, auf der Grundlage dessen, was er aus der ihn umgebenden Welt macht. Da es schlechthin nichts gibt, das Gott ähnlich wäre, kann der menschliche Verstand daher kein bestimmtes Bild davon zeichnen, wie Gott ist.
The monotheistic Islamic faith allows no room for any attempt by human beings to work out by themselves any particular concept of God: what He is like or how He acts. There is simply nothing similar to God in any way whatsoever. Hence, it is not up to human intellect to try to picture the Supreme Being. A human concept can only be worked out within the framework that the human intellect can define, on the basis of what it makes out of the world around it. Since there is simply nothing similar to God, then the human intellect cannot draw any definite picture of what God is like.
Außerdem kann er sich schlechterdings nicht vorstellen, wie Seine Handlungen geschehen. Dem Menschen bleibt nur die Möglichkeit, über die Wirkungen der Handlungen Gottes im ihn umgebenden Universum nachzudenken.
Moreover, it simply cannot visualize how His actions take place. The only alternative available to man is to reflect on the effects of God’s actions in the universe around him.
Daher entstehen Fragen wie: „Wie hat Gott die Himmel und die Erde erschaffen?“, „In welcher Form hat Er Sich auf dem Thron niedergelassen?“ und „Was für ein Thron ist das, auf dem Er Sich niedergelassen hat?“ im Geist eines Gläubigen nicht. Tatsächlich sind alle diese und ähnliche Fragen völlig belanglos und sinnlos. Zu versuchen, auf solche Fragen Antworten zu geben, ist noch belangloser, und es kann von keinem Menschen unternommen werden, der die grundlegende Regel, die wir erläutert haben, richtig versteht. Leider haben sich einige islamische Gruppen bemüht, solche Fragen zu erörtern, und viel Zeit damit verschwendet; bei ihren Versuchen ließen sie sich von der griechischen Philosophie beeinflussen.§ Der Qur’ān verwendet den Ausdruck yawm, was „Tag“ bedeutet, wenn er die Zeitspanne beschreibt, in der Gott die Himmel und die Erde erschuf. Ihre Erschaffung erfolgte in sechs solcher yawm, also sechs Tagen. Auch dies gehört in den Bereich, der jenseits der Reichweite menschlicher Wahrnehmung liegt. Keinen Menschen und auch kein anderes Geschöpf hat es bei dieser Schöpfung als Augenzeugen gegeben: „Ich habe sie nicht zu Zeugen der Erschaffung der Himmel und der Erde genommen, auch nicht zu Zeugen ihrer eigenen Erschaffung.“ ()
Gottes anrufen in Furcht und Hoffnung
Calling on God with Fear and Hope
So erkennt das menschliche Bewusstsein, dass es von den lebendigen Szenen des Universums überwältigt wird, die es früher auf eine trübe, unaufmerksame Weise betrachtete. Damit verbunden ist die Erkenntnis, dass sich all diese großartigen Geschöpfe der Autorität des Schöpfers unterwerfen. An diesem Punkt erinnert die Sure die Menschen an ihren einzigen Herrn und weist sie an, Ihn in Demut und vollkommener Hingabe anzurufen. Sie müssen Seine Herrschaft anerkennen, um innerhalb der Grenzen ihrer Unterwerfung unter Ihn zu bleiben, indem sie Seine Autorität anerkennen und davon absehen, Verderbnis auf der Erde zu stiften oder zu verbreiten, indem sie Sein Gesetz aufgeben und ihren eigenen launenhaften Begierden folgen. „Ruft euren Herrn in Demut und im Verborgenen eurer Herzen an. Er liebt nicht jene, die die Grenzen des Rechten überschreiten.“
Thus, the human consciousness is overawed by the lively scenes of the universe which it used to look at in a dull inattentive way. Coupled with this is the realization that all these great creatures submit to the authority of the Creator. At this point, the sūrah reminds human beings of their only Lord and directs them to call upon Him with humility and full submission. They must acknowledge His Lordship in order to keep within the limits of their submission to Him, recognizing His authority and refraining from creating or spreading corruption in the land by abandoning His law and following their own capricious desires. “Call upon your Lord with humility, and in the secrecy of your hearts. He does not love those who transgress the bounds of what is right.
„Verbreitet nicht Verderbnis auf der Erde, nachdem sie so wohlgeordnet ist. Ruft Ihn in Furcht und Hoffnung an. Wahrlich, die Gnade Gottes ist den Rechtschaffenen stets nahe.“ (Verse 55-56)
Do not spread corruption on earth after it has been so well ordered. Call on Him with fear and hope. Truly, God’s grace is ever near to the righteous.” (Verses 55-56)
Diese Anweisung wird an der passendsten Stelle gegeben, wenn die Menschen in der richtigen Verfassung sind. Sie werden angehalten, ihren Herrn anzurufen und sich Ihm mit Demut und Unterwerfung zu nähern. Sie sollen Ihn auch im Verborgenen ihres Herzens anrufen und dabei keinen Lärm machen. Ein heimliches Bittgebet an Gott ist weitaus angemessener, denn es bekräftigt die enge Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Herrn. Muslim, der renommierte Ḥadīth-Gelehrte, überliefert diesen authentischen Ḥadīth auf die Autorität von Abū Mūsā, der berichtet: „Wir waren mit dem Gesandten Gottes auf einer seiner Reisen – (in einer Version wird angegeben, dies habe sich während eines Feldzugs ereignet) – da begannen die Leute, Gott laut zu preisen. Der Gesandte Gottes ﷺ sagte zu ihnen: O ihr Leute, sanft und leise! Ihr ruft nicht jemanden an, der taub oder abwesend ist. Ihr ruft Den an, der alles hört und ganz nahe ist. Er ist wahrlich mit euch.“ Der Duktus des Qur'ān betont das Bewusstsein, dass Gott in Seiner Majestät so nahe am Menschen ist. Dies wird hier in seiner praktischen Form beschrieben, wenn wir unser Bittgebet an Gott richten. Ein Mensch, der sich der Majestät Gottes bewusst ist, empfindet es als zu unbescheiden, Ihn mit lauter Stimme anzurufen. Erkennen wir, dass Er uns so nahe ist, gibt es keinen Grund, Ihn laut anzurufen. Neben dieser Szene aufrichtigen Bittgebets und völliger Demut vor Ihm ergeht zugleich die Anordnung, nicht zu versuchen, Seine Autorität an sich zu reißen, wie es die Araber in ihrer Zeit der Unwissenheit taten, als sie für sich selbst Herrschaft beanspruchten, obwohl alle Herrschaft allein Gott gehört. Ferner wird ihnen geboten, auf der Erde kein Unheil zu stiften, indem sie ihren launenhaften Begierden folgen, nachdem Gott die Erde in rechte Ordnung gebracht und das Gesetz festgelegt hat, das sowohl die Erde als auch das menschliche Leben regiert. Eine gläubige Seele, die ihren Herrn in Demut und im Verborgenen anruft, seine Nähe fühlt und auf Seine Antwort vertraut, neigt nicht zu Aggression und Verderbtheit. Diese beiden Haltungen sind in der Tiefe der menschlichen Seele und des menschlichen Empfindens eng miteinander verbunden. In seinem Ansatz greift der Qur'an diese Gefühle auf. Es ist ein Ansatz, der vom Schöpfer gestaltet wurde, der Seine Schöpfung kennt und über alles vollständig Bescheid weiß.
Die Toten wieder zum Leben erwecken
Bringing the Dead Back to Life
Noch einmal führt uns die Sure ein umfassendes Bild des Universums vor Augen, das wir betrachten sollen. Doch die Menschen achten oft wenig darauf und bleiben sich dessen nicht bewusst, was es vermittelt. Der Gedanke, den wir soeben besprochen haben, handelt von der Gnade Gottes, und die neue Szene liefert ein Beispiel dafür, wie diese Gnade wirkt. Wir sehen und spüren sie im Regen, der niederströmt, im wachsenden Grün und im Leben, das erwacht.
Once more the sūrah gives us a panoramic scene of the universe raising it before our eyes to contemplate, but people often pay little attention to it and remain unaware of what it conveys. The idea that we have just discussed speaks of God’s grace, and the new scene provides an example of God’s grace in action. We see and feel it in the rain that pours down, the growing vegetation and the life that quickens:
„Und Er ist es, Der die Winde als Vorboten Seiner Barmherzigkeit aussendet; und wenn sie schwere Wolken emporgetragen haben, treiben Wir sie einem toten Land entgegen und lassen Wasser darauf herabfallen, und so bringen Wir allerlei Früchte hervor. So werden Wir auch die Toten lebendig machen, damit ihr daran denkt.“ (Vers 57)
“He it is who sends forth the winds heralding His coming mercy, and when they have gathered up heavy clouds, We may drive them towards dead land and cause the water to fall upon it, and thus We cause all manner of fruit to come forth. Thus shall We cause the dead to come to life, so that you may keep this in mind.” (Verse 57)
All dies sind Erscheinungsformen dessen, was Gottes Herrschaft im Universum gemäß einem kunstvollen Plan bewirkt. Sie alle sind Gottes eigenes Werk. Ihn sollten daher alle Menschen als ihren einzigen Herrn anerkennen. Er ist es, der erschafft und den Lebensunterhalt bereitstellt durch das Wirken der Naturgesetze, die Er in Gang gesetzt hat als Zeichen Seiner Barmherzigkeit, die Er Seinen Dienern zuteilwerden lässt. In jedem Augenblick wehen Winde und bewirken, dass sich die Wolken zusammenziehen, was einen Regenfall auslöst. Doch all dies auf Gottes Handeln zurückzuführen, wie es tatsächlich der Fall ist, ist das neue Element, das im Qur'ān am anschaulichsten dargelegt wird, als würden wir es tatsächlich sehen, während wir die geschilderten Szenen betrachten.
All these are manifestations of what God’s Lordship brings about in the universe, in accordance with an elaborate plan. They are all of God’s own making. He, then, should be acknowledged by all human beings as their only Lord. It is He who creates and provides sustenance through the operation of the natural laws which He sets in motion as a sign of His mercy which He bestows on His servants. At every moment winds blow and cause the clouds to gather up, prompting a rainfall. But attributing all this to God’s action, as it is indeed the case, is the new element outlined most vividly in the Qur’ān as if we actually see it as we contemplate the portrayed scenes.
Für eine weiterführende Diskussion zum Attribut des Istiwā’ siehe Abschnitt 1.1 in „A Critique of ‘In the Shade of the Qur’ān“.
§ For further discussion on the Istiwā’ attribute, please refer to section 1.1 of A Critique of ‘In the Shade of the Qur’ān.
Dies ist der Grund, weshalb wir in unserer englischen Wiedergabe des Verses „aeon“ gewählt haben, also eine außerordentlich lange Zeitspanne. In seiner Übersetzung des Qur’ān schreibt Muhammad Asad in einer Fußnote: „Das Wort yawm, gewöhnlich mit ‚Tag‘ übersetzt, hier aber als ‚aeon‘ wiedergegeben, wird im Arabischen zur Bezeichnung jeder Zeitspanne verwendet, sei sie außerordentlich lang (aeon) oder außerordentlich kurz (Augenblick); seine Anwendung auf einen irdischen ‚Tag‘ von vierundzwanzig Stunden ist nur eine seiner vielen Bedeutungen.“ — Anmerkung des Herausgebers.
1 This is the reason for choosing ‘aeon’, i.e. an extremely long period, in our English rendering of the verse. In his translation of the Qur’ān, Muhammad Asad writes in a footnote: “The word yawm, commonly translated as ‘day’, but rendered above as `aeon’, is used in Arabic to denote any period, whether extremely long (aeon) or extremely short (moment): its application to an earthly ‘day’ of twenty-four hours is only one of its many connotations.” — Editor’s note.