Al-Baqarah (Soziale Gerechtigkeit und Fasten) 178–188
Al-Baqarah ( Social Justice And Fasting) 178- 188
Gläubige, euch ist die Wiedervergeltung bei Tötung vorgeschrieben: ein Freier für einen Freien, ein Sklave für einen Sklaven und eine Frau für eine Frau. Wenn jemandem von seinem Bruder etwas [von seiner Schuld] erlassen wird, so soll dies mit Billigkeit verfolgt werden, und die Entschädigung an seinen Mitmenschen soll auf gute Weise erfolgen. Dies ist eine Erleichterung von eurem Herrn und eine Gnade von Ihm.
Believers, just retribution is prescribed for you in cases of killing: a free man for a free man, a slave for a slave, and a female for a female. If something [of his guilt] is remitted to a person by his brother, this shall be pursued with fairness, and restitution to his fellow-man shall be made in a goodly manner. This is an alleviation from your Lord, and an act of His grace.
Wer danach übertritt, dem wird qualvolle Strafe zuteil. (178)
He who transgresses thereafter shall face grievous suffering. (178)
Und in der Vergeltung liegt Leben für euch, ihr Verständigen, auf dass ihr gottesfürchtig werdet. (179)
There is life for you, men of understanding, in this law of just retribution, so that you may remain God-fearing. (179)
Es ist euch vorgeschrieben: Wenn der Tod einem von euch naht und er Besitz hinterlässt, soll er seinen Eltern und den übrigen nahen Verwandten in angemessener Weise ein Vermächtnis hinterlassen. Dies ist eine Pflicht für die Gottesfürchtigen. (180)
It is prescribed for you, when death approaches any of you and he is leaving behind some property, to make bequests in favour of his parents and other near of kin in fairness. This is a duty incumbent on the God- fearing. (180)
Wer ein Testament nach dessen Kenntnisnahme abändert, dessen Sünde liegt allein auf denen, die es abgeändert haben. Gott hört alles und weiß alles. (181)
If anyone alters a will after having come to know it, the sin of acting thus shall fall only on those who have altered it. God hears all and knows all. (181)
Wenn jedoch jemand befürchtet, dass der Verfügende einen Irrtum oder ein Unrecht begangen hat, und zwischen den betroffenen Parteien eine Einigung herbeiführt, so begeht er dadurch keine Sünde. Gott ist wahrlich Allvergebend, Barmherzig. (182)
If, however, one fears that the testator has committed a mistake or a wrong, and brings about a settlement between the parties concerned, he will incur no sin thereby. God is indeed much- Forgiving, Merciful. (182)
Gläubige, das Fasten ist euch vorgeschrieben, so wie es denen vor euch vorgeschrieben war, damit ihr gottesfürchtig werdet. (183)
Believers, fasting is decreed for you as it was decreed for those before you, so that you may be God-fearing. (183)
[Fasten] an einer bestimmten Anzahl von Tagen. Wer jedoch unter euch krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll dieselbe Anzahl anderer Tage später nachfasten. Diejenigen, denen das Fasten eine zu schwere Last ist, können es durch die Speisung eines Bedürftigen ausgleichen. Wer aus eigenem Antrieb Gutes tut, dem ist es selbst zum Guten. Denn Fasten ist euch Gutes, wenn ihr es nur wüsstet. (184)
[Fast] on a certain number of days. But whoever of you is ill, or on a journey, shall fast instead the same number of days later on. Those who find fasting a strain too hard to bear may compensate for it by feeding a needy person. He who does good of his own account does himself good thereby. For to fast is to do good to yourselves, if you only knew it. (184)
Es war im Monat Ramadan, dass der Qur’ān offenbart wurde: eine Rechtleitung für die Menschen und klare Beweise dieser Rechtleitung sowie ein Maßstab zur Unterscheidung von Recht und Unrecht. Wer also von euch in diesem Monat anwesend ist, soll den ganzen Monat hindurch fasten; wer aber krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll die gleiche Anzahl an Tagen zu einem späteren Zeitpunkt nachholen. Gott wünscht für euch Erleichterung. Er wünscht nicht, dass ihr mit Beschwernis belastet werdet. Ihr seid jedoch verpflichtet, die erforderliche Anzahl an Tagen zu vollenden, und Gott zu preisen und zu verherrlichen, dafür dass Er euch recht geleitet hat, und Ihm eure Dankbarkeit zu erweisen. (185)
It was in the month of Ramadan that the Qur’ān was revealed: a guidance for mankind and a self- evident proof of that guidance and a standard to distinguish right from wrong. Therefore, whoever of you is present in that month shall fast throughout the month; but he who is ill or on a journey shall fast instead the same number of days later on. God desires that you have ease. He does not desire that you be afflicted with hardship. You are, however, required to complete the necessary number of days and to extol and glorify God for having guided you aright and to tender your thanks. (185)
Wenn Meine Diener dich nach Mir fragen, so bin Ich nahe; Ich erhöre das Gebet des Bittenden, wenn er Mich anruft. Sie sollen Mir daher antworten und an Mich glauben, damit sie den rechten Weg einschlagen. (186)
If My servants ask you about Me, well, I am near; I answer the prayer of the supplicant when he calls to Me. Let them then respond to Me, and believe in Me, so that they may follow the right way. (186)
Es ist dir erlaubt, in der Nacht vor dem Fasten mit deinen Frauen intim zu sein.
It is lawful for you to be intimate with your wives during the night preceding the fast.
Sie sind für euch wie ein Gewand, und ihr seid für sie wie ein Gewand. Gott weiß, dass ihr euch selbst in dieser Hinsicht betrogen habt, und Er hat sich euch in Seiner Barmherzigkeit zugewandt und euch vergeben. So dürft ihr nun mit ihnen verkehren und suchen, was Gott euch bestimmt hat. Esst und trinkt, bis ihr den weißen Streifen der Morgenröte vom Schwarz der Nacht unterscheiden könnt. Dann haltet das Fasten bis zum Einbruch der Nacht ein. Verkehrt nicht mit euren Frauen, wenn ihr in den Moscheen in der Abgeschiedenheit (I'tikaf) seid. Dies sind die Grenzen, die Gott gesetzt hat, so nähert euch ihnen nicht. So macht Gott den Menschen Seine Zeichen klar, damit sie gottesfürchtig werden. (187)
They are as a garment for you, as you are for them. God is aware that you have been deceiving yourselves in this respect, and He has turned to you in His mercy and pardoned you. So, you may now lie with them and seek what God has ordained for you. Eat and drink until you can see the white streak of dawn against the blackness of the night. Then resume the fast till nightfall. Do not lie with your wives when you are in retreat in the mosques. These are the bounds set by God, so do not come near them. Thus God makes clear His revelations to people, that they may remain God-fearing. (187)
Verzehrt nicht gegenseitig euer Vermögen auf unrechtmäßige Weise und bestecht damit nicht die Richter, um so wissentlich und sündhaft anderen einen Teil dessen vorzuenthalten, was ihnen rechtmäßig zusteht. (188)
Do not devour one another’s property wrongfully, nor bribe with it the judges in order that you may sinfully, and knowingly, deprive others of any part of what is rightfully theirs. (188)
Überblick
Overview
Dieser Abschnitt behandelt eine Reihe von Anweisungen zur sozialen Ordnung der muslimischen Gemeinschaft in ihrer Entstehungszeit in Madinah. Er führt zugleich einige Aspekte des muslimischen religiösen Gottesdienstes ein. Die beiden Teile gehen Hand in Hand und sind mit dem Gedanken verbunden, ein gottesfürchtiges Bewusstsein, also taqwā, zu bewahren, das am Ende jedes Teils betont wird. Es ist erwähnenswert, dass dasselbe Merkmal der taqwā bereits am Ende des vorangegangenen Verses (177) hervorgehoben wurde, der die grundlegenden Elemente der Rechtschaffenheit darlegte und Aspekte des Glaubens sowie praktischen Verhaltens umfasste.
This passage covers a series of instructions relating to the social organization of the Muslim community during its formative period in Madinah. It also introduces certain aspects of Muslim religious worship. The two parts go hand in hand, and are linked with the notion of maintaining a sense of God-fearing, or taqwā, which is emphasized towards the end of each part. It is worth recalling that the same feature of taqwā was highlighted at the end of the previous verse (177), which outlined the fundamental elements of righteousness, incorporating aspects of faith and practical behaviour.
Der Abschnitt behandelt die rechtlichen Aspekte der gerechten Vergeltung (Qiṣāṣ) bei Tötungsdelikten.
The passage discusses the legal aspects of just retribution (qişāş) in cases of killing.
Es legt die Bestimmungen zu Testament und Erbschaft dar und skizziert die Vorschriften zu Fasten, Gebet, der zeitweiligen Zurückgezogenheit in einer Moschee (i`tikāf) sowie die Regeln für finanzielle Ansprüche.
It outlines rulings on will and inheritance, and outlines provisions relating to fasting, prayer, retirement to a mosque for a certain period of time (i`tikāf), and rules governing financial claims.
Die Gliederung jedes dieser und anderer Themen in dem Abschnitt schließt mit einem direkten oder indirekten Verweis auf Taqwā.
The outline of each of these and other subjects in the passage is concluded with a direct or an indirect reference to taqwā.
Dieser konsequente und bewusste Ansatz unterstreicht das wesentliche Wesen der Religion des Islam. Er ist ein integrales System, ein unteilbares Ganzes. Seine gesellschaftlichen Ordnungen, Gesetzescodices und religiösen Riten entspringen dem Glauben und der umfassenden Weltordnung, die aus ihm hervorgeht. All dies wird durch ein gemeinsames Ziel zusammengehalten: die Unterwerfung unter Gott, den Schöpfer und Versorger, und die Verehrung Gottes, der den Menschen als Seinen Stellvertreter und Sachwalter in dieser Welt eingesetzt hat. Diese Treuhänderschaft ist an die Bedingung geknüpft, dass der Mensch allein Gott anbetet und alle seine Vorstellungen, Systeme und Gesetze ausschließlich von Ihm empfängt.
Das Gesetz der gerechten Vergeltung
The Law Of Just Retribution
Gläubige, euch ist die Wiedervergeltung bei Totschlag vorgeschrieben: ein Freier für einen Freien, ein Sklave für einen Sklaven und eine Frau für eine Frau. Wenn jemandem von seinem Bruder [etwas von seiner Schuld] erlassen wird, so soll dies mit Billigkeit verfolgt werden, und die Entschädigung an seinen Mitmenschen soll in guter Weise geleistet werden. Dies ist eine Erleichterung von eurem Herrn und ein Akt Seiner Gnade. Wer danach übertritt, dem wird qualvolle Strafe zuteil. Ihr habt Leben in diesem Gesetz der gerechten Vergeltung, ihr Verständigen, damit ihr gottesfürchtig bleibt. (Verse 178-179)
Believers, just retribution is prescribed for you in cases of killing: a free man for a free man, a slave for a slave, and a female for a female. If something [of his guilt] is remitted to a person by his brother, this shall be pursued with fairness, and restitution to his fellow-man shall be made in a goodly manner. This is an alleviation from your Lord, and an act of His grace. He who transgresses thereafter shall face grievous suffering. There is life for you, men of understanding, in this law of just retribution, so that you may remain God-fearing. (Verses 178-179)
Der Abschnitt beginnt mit einer Anrede an die Gläubigen, die deren Hauptmerkmal hervorhebt, nämlich dass sie den Glauben angenommen haben, was bedeutet, dass sie ihre Gesetze von Gott empfangen. Ihnen wird hiermit mitgeteilt, dass die Vergeltung bei Tötungsfällen ihnen gestattet ist, in Übereinstimmung mit den Bestimmungen, die in diesen beiden Versen festgelegt sind. Sie werden außerdem aufgefordert, über den Zweck und die Weisheit dieser Gesetzgebung nachzudenken, die im zweiten Vers dargelegt wird. Sie werden daran erinnert, dass sie ihr Gottesbewusstsein stärken müssen, das als Sicherheitsventil gegen jede Übertreibung oder Ungerechtigkeit bei der Bestrafung von des Mordes Beschuldigten dient.
The passage begins with an address to the believers, highlighting their main quality of having accepted the faith, which means that they receive their laws from God. They are hereby informed that retribution in cases of killing is permitted to them, in accordance with the provisions laid down in these two verses. They are also called upon to reflect on the purpose and wisdom of this legislation, outlined in the second verse. They are reminded of the need to enhance their sense of God-fearing, which acts as a safety valve against any excess or injustice in punishing those accused of killing.
Die Aussage zeigt eindeutig, wie Vergeltung geübt werden soll: ein Freier für einen Freien, ein Sklave für einen Sklaven, eine Frau für eine Frau. Doch heißt es: „Wenn ihm von seinem Bruder etwas erlassen wird, so soll dies mit Billigkeit verfolgt und ihm in rechtlicher Weise vergolten werden.“ (Vers 178) Diese Situation tritt ein, wenn die Verwandten des Opfers beschließen, eine finanzielle Entschädigung anzunehmen, anstatt auf der Hinrichtung des Täters als Vergeltung zu bestehen. Sobald dies vereinbart ist, sind auch die Verwandten des Opfers verpflichtet, eine faire und gütliche Einigung anzustreben, während der Vormund oder Vertreter des Täters seinerseits bereitwillig und ehrenhaft die Zahlung leisten muss.
Lebenserhaltung durch Vergeltung
Life Preservation Through Retribution
Dadurch wird starke Abschreckung erzielt, und weitere Verbrechen werden verhindert. Wenn eine Person mit Sicherheit weiß, dass der Preis für einen Mord ihr eigenes Leben ist, wird sie eher innehalten und nachdenken, bevor sie sich zur Tat entschließt. Leben wird auch dadurch bewahrt, dass den Angehörigen des Opfers Genugtuung verschafft wird, indem der Täter gerecht bestraft wird; infolgedessen werden sie weder weitere Rache am Täter oder seiner Familie suchen noch das Recht dazu haben. In der vorislamischen Arabischen Halbinsel kannte das Verlangen nach Rache keine Grenzen, was zu langwierigen Kriegen und Konflikten führte, die jahrelang anhielten – die berüchtigten al-Basūs-Kriege1 dauerten, mit Unterbrechungen, vierzig Jahre. Es gab noch andere Fehden innerhalb von Familien, Stämmen und Clans, in denen Blutrache und Blutvergießen über Generationen fortdauerten.
This is achieved by providing strong deterrence, preventing further crimes from being committed. When a person knows for certain that the price he will pay for committing murder is his own life, he is more likely to stop and think before deciding to go ahead. Life is also preserved by giving satisfaction to the victim’s relatives in exacting justice on the offender, with the effect that they will neither seek, nor have the right to seek, further revenge on the offender’s family. In pre-Islamic Arabia the desire for vengeance knew no limits, leading to protracted wars and conflicts that continued for years on end — the notorious al-Basūs 1 wars lasted, on and off, for forty years. There were other family, tribal and clan feuds in which vendettas and bloodshed continued for generations.
Das Gesetz der gerechten Vergeltung fördert das Leben in einem weiteren und umfassenderen Sinne. Mord ist ein Angriff auf das Leben und eine verbrecherische Tat gegen die Menschheit als Ganzes. Indem das Gesetz verhindert, dass auch nur ein einziger Mord begangen wird, wahrt es die Unantastbarkeit des Lebens als absoluten Wert. Dies ist ein weit höheres Ziel als die Rettung des Lebens eines einzelnen Menschen oder einer Gruppe von Menschen. Es ist ein Ziel, das das Leben verankert.
The law of just retribution promotes life in a wider and more comprehensive sense. Murder is an aggression on life and a criminal act against humanity as a whole. In preventing a single murder from being committed, the law upholds the inviolability of life as an absolute value. This is a far higher goal than saving the life of an individual or a group of people. It is a goal that enshrines life.
Wichtiger noch: Der Vers fordert die Gläubigen auf, über diese Angelegenheit gründlich nachzudenken und die Weisheit hinter der Vorschrift zu erkennen, damit „ihr gottesfürchtig bleiben möget“.
1 Al-Basūs ist die Bezeichnung für eine Reihe von Stammesfehden, die im vorislamischen Arabien stattfanden und über einen Zeitraum von etwa vierzig Jahren sporadisch andauerten.
1 Al-Basūs is the name given to a series of tribal conflicts which took place in pre-Islamic Arabia, and continued sporadically over a period of some forty years.
2 Abū al-Ḥasan ʿAlī Nadwī, Islam and the World. Academy of Islamic Research and Publications, Lucknow, 1980, S.56
2 Abū al-Ĥasan `Alī Nadwī, Islam and the World. Academy of Islamic Research and Publications, Lucknow, 1980, p.56
Fasten: Sein Wesen und sein Zweck
Fasting: Its Nature And Purpose
Für die muslimische Gemeinschaft, die Umma, die verpflichtet ist, einen Kampf des Strebens, d. h. den Dschihad, zu führen, um die universale Ordnung Gottes zu errichten, die Führung der Menschheit zu übernehmen und gegen die übrige Menschheit Zeugnis abzulegen, ist es nur natürlich, dass das Fasten zur Pflicht gemacht wurde. Das Fasten ist ein Mittel, die Entschlossenheit und Willenskraft des Menschen zu prüfen, und ein wichtiger Aspekt der Beziehung des Menschen zu Gott. Es ist eine Disziplin, die den Menschen lehrt, sich über seine körperlichen Bedürfnisse zu erheben und den Druck der Versuchung zu überwinden, um sich Gottes Segen und Lohn zu verdienen.
For the Muslim community, or ummah, duty-bound to undertake a campaign of struggle, i.e. jihad, as a means of establishing God’s universal order, to assume the leadership of mankind, and to stand witness against the rest of mankind, it is only natural that fasting should he made obligatory. Fasting is a means of testing man’s determination and will-power, and an important aspect of man’s relationship with God. It is a discipline that teaches man how to rise above his physical needs and overcome the pressure of temptation in order to earn God’s blessings and reward.
Dies sind wesentliche Voraussetzungen für die Disziplin und Schulung der Gläubigen, damit sie die Botschaft Gottes weitertragen können, trotz der Versuchungen, der Hindernisse und Mühsale, auf die sie unweigerlich stoßen werden.
These are essential ingredients for the discipline and training of the believers so that they may carry God’s message forward despite the temptations, the obstacles and hardships they are bound to encounter.
Obwohl ich es nicht befürworte, religiöse Pflichten und Praktiken, insbesondere im Bereich des Gottesdienstes, mit ihrem unmittelbaren materiellen Nutzen zu rechtfertigen, der sich durch Erfahrung oder durch wissenschaftliche Entdeckungen zeigt, würde ich nicht leugnen, dass das Fasten mehrere offensichtliche gesundheitliche Vorteile hat. Meiner Ansicht nach ist jedoch der gesamte Zweck, der den religiösen Pflichten zugrunde liegt, weit größer und umfassender als jeder körperliche Nutzen, den man daraus gewinnt. Das übergeordnete Ziel besteht darin, den Menschen angemessen für die Erfüllung seiner Rolle in dieser Welt und für die Vollkommenheit auszustatten, die er im Jenseits erlangen soll.
Although I am not in favour of justifying religious obligations and practices, especially in matters of worship, on the grounds of their immediate material benefits, which become apparent with experience or through scientific discovery, I would not deny that fasting has several obvious health benefits. But in my view, the whole purpose underlying religious obligations is far greater and more comprehensive than any physical advantages gained from them. The overall aim is to adequately equip man for the fulfilment of his role in this world and for the perfection he is intended to achieve in the life to come.
Befreiung vom Fasten auf Reisen
Exemption From Fasting When Travelling
Eine Reihe überlieferter Begebenheiten veranschaulicht die Haltung des Propheten ﷺ gegenüber der Befreiung vom Fasten im Ramadan während einer Reise. Sie geben uns einen Einblick, wie die frühen Muslime solche Regelungen aufnahmen und umsetzten, lange bevor die Gelehrten rechtliche Feinheiten einführten. Diese Berichte spiegeln einen realistischen und dynamischen Umgang mit dem Islam wider, der ihm und dem Leben unter ihm eine lebendige und angenehme Bedeutung verleiht.
A number of reported incidents illustrate the Prophet’s attitude towards the exemption from fasting in Ramadan while travelling. These give us a glimpse of how the early Muslims received and implemented such rules, long before scholars introduced legal technicalities. These reports reflect a realistic and dynamic approach to Islam which gives it, and life under it, a vigorous and agreeable meaning.
1. Jābir berichtet, dass der Prophet im Monat Ramadan von Madinah nach Makkah aufbrach, in dem Jahr, in dem Makkah an den Islam fiel. Er hielt das Fasten, bis er Kurā` al-Ghamīm erreichte, und ebenso taten es diejenigen, die mit ihm zogen. Dann ließ er ein Glas Wasser bringen, hob es hoch, damit alle es sehen konnten, und trank daraus.
1. Jābir reports that it was in the month of Ramadan that the Prophet left Madinah for Makkah, the year it fell to Islam. He observed the fast until he reached Kurā` al-Ghamīm, and so did those who marched with him. Then he called for a glass of water, raised it for everyone to see, and drank from it.
Später wurde ihm berichtet, dass manche Leute weiterhin fasteten. Da sagte er: „Sie sind ungehorsam! Sie sind ungehorsam!“ [Überliefert von Muslim und at-Tirmidhī] 2. Anas berichtet: „Einmal reisten eine Gruppe von uns mit dem Propheten ﷺ im Ramadan. Einige von uns fasteten, andere nicht. An einem heißen Tag hielten wir an, um zu rasten, mit wenig oder gar keinem Schatten. Den meisten Schatten hatte derjenige, der ein Hemd besaß, mit dem er sich bedecken konnte. Manche benutzten ihre Hände als Schutz vor der Sonne. Diejenigen, die fasteten, brachen vor Erschöpfung zusammen, während diejenigen, die nicht fasteten, die Zelte aufschlugen und den Tieren Wasser gaben.“
Later he was told that some people continued to fast. He said, “They are disobedient! They are disobedient!” [Related by Muslim and al-Tirmidhī] 2. Anas reports: “A group of us were once travelling with the Prophet in Ramadan. Some of us were fasting and some were not. On a hot day, we stopped to rest, with little or no shade available. The one who had maximum shade was a person who had a shirt to cover himself. Some used their hands as a cover from the sun. Those who were fasting collapsed of exhaustion while those who were not pitched the tents and gave water to the animals.
Obligatorisches Fasten
Obligatory Fasting
Das Fasten wurde den Muslimen im zweiten Jahr nach der Hidschra zur Pflicht gemacht, d. h.
Fasting was made obligatory for Muslims in the second year after the Hijrah, i.e.
die Auswanderung des Propheten ﷺ von Makkah nach Madinah (die den Beginn des islamischen Mondkalenders markieren sollte). So wurde die Pflicht zum Fasten kurz vor der Anordnung des Dschihād, also des Strebens für die Sache Gottes, verfügt. Als neue Pflicht fiel es den Muslimen zunächst schwer, das Fasten einzuhalten. Denjenigen, die es als zu anstrengend empfanden, wurde daher eine Erleichterung gewährt: Sie mussten stattdessen für jeden versäumten Fastentag einen bedürftigen Menschen speisen. Anschließend wird allgemein dazu aufgerufen, Bedürftige zu speisen, sei es als freiwillige Tat an sich oder indem mehr als die Mindestzahl an Bedürftigen anstelle des Fastens gespeist wird. „Und wer aus eigenem Antrieb Gutes tut, dem ist es selbst zum Vorteil.“ (Vers 184) Darauf folgt die Empfehlung, dass das Fasten – abgesehen von Fällen der Krankheit oder Reise – vorteilhafter und vorzuziehen sei, trotz der Mühsal oder Beschwerde, die es verursachen mag: „Denn das Fasten ist für euch von Nutzen, wenn ihr es nur wüsstet.“ (Vers 184) Hierin liegt offensichtlich ein erzieherisches Element und die Schulung der Willenskraft, damit die Muslime die Anstrengung auf sich nehmen, zu fasten. Dies hebt zugleich die gesundheitlichen Vorteile des Fastens hervor, trotz der Belastung, die alle wichtige Faktoren im islamischen Prozess der Selbstbildung sind.
the Prophet’s migration from Makkah to Madinah (which was to become the start of the Islamic lunar calendar). Thus, the obligation of fasting was decreed shortly before the ordinance of jihād, or striving for God’s cause. As a new duty, fasting was at first hard for the Muslims to observe. Those who found it too strenuous were, therefore, given a concession, requiring them instead to feed one needy person for every day of fasting they miss. A general recommendation to feed the needy is then made, either as a voluntary act in itself or by feeding more than the minimum number of needy people in lieu of fasting. “He who does good of his own account does himself good thereby.” (Verse 184) This is followed by the recommendation that, apart from cases of illness or travel, fasting would be more beneficial and preferable despite the hardship or discomfort it might cause: “For to fast is to do good to yourselves, if you only knew it.” (Verse 184) There is here an obvious element of education and training of will-power to enable Muslims to make the effort to fast. This also highlights the health benefits of fasting, in spite of the strain, all of which are important factors in the Islamic self- education process.
Diese Empfehlungen waren ein Schritt hin zur Aufhebung der Befreiung für gesunde, nicht reisende Personen und dazu, das Fasten im Monat Ramadan verpflichtend zu machen, wie es in Vers 185 festgelegt ist. Die Erleichterung blieb für ältere Menschen bestehen, denen das Fasten im Ramadan zu beschwerlich ist und von denen nicht erwartet wird, dass sie es zu einem späteren Zeitpunkt nachholen können.
Eine enge Beziehung zu Gott
A Close Relationship With God
Inmitten der Verse über das Fasten findet sich ein Vers, der eine tiefe Einsicht in die menschliche Natur widerspiegelt. Er dringt bis in die tiefsten Winkel der menschlichen Seele vor und bietet Trost sowie reichen Lohn für das Halten des Fastens in Befolgung der Gebote Gottes: „Und wenn Meine Diener dich über Mich fragen, so bin Ich doch nahe. Ich erhöre den Bittruf des Bittenden, wenn er Mich anruft. So sollen sie denn auf Mich hören und an Mich glauben, damit sie den rechten Weg finden.“ (Vers 186)
Interposed among the verses dealing with fasting comes a verse reflecting a profound insight into human nature. It reaches to the deepest recesses of the human psyche, offering solace and ample rewards for keeping the fast in response to God’s commands: “If My servants ask you about Me, well, I am near; I answer the prayer of the supplicant when he calls to Me. Let them then respond to Me, and believe in Me, so that they may follow the right way.” (Verse 186)
Wie gütig und mitfühlend Gott doch ist! Jede Beschwernis, der man beim Fasten begegnet, verblasst im Vergleich zu dieser freundlichen und sanften Zusicherung. Die Wortwahl schafft eine Atmosphäre der Vertrautheit und Nähe, denn Gott selbst stellt eine unmittelbare Verbindung zwischen Ihm und Seinen Dienern her. Er erteilt Seinem Gesandten, dem Propheten Muhammad ﷺ, keine Anweisung, wie er den Gläubigen auf ihre Fragen über Ihn antworten soll. Er gibt die Antwort selbst: „Ich bin nah.“ Seine Nähe dient nicht nur dem Zuhören, sondern auch einer unmittelbaren Erwiderung: „Ich erhöre das Gebet des Betenden, wenn er Mich anruft.“ (Vers 186)
How kind and compassionate God truly is! Any hardship encountered in keeping the fast fades in comparison with this friendly and gentle reassurance. The choice of words creates an atmosphere of intimacy and accessibility, with God Himself stating a direct contact between Him and His servants. He does not give instructions to His Messenger, the Prophet Muĥammad on how to answer believers’ questions about Him. He gives the answer Himself: “I am near.” His closeness is not only to listen but also for immediate response: “I answer the prayer of the supplicant when he calls to Me.” (Verse 186)
Dieser Vers erfüllt das Herz eines Gläubigen mit Liebe, Zuversicht und vollkommener Geborgenheit. In dieser Atmosphäre von Freundlichkeit und Mitgefühl fordert Gott, der keines Menschen bedarf, die Gläubigen auf, Ihm zu antworten und an Ihn zu glauben, in der Hoffnung, dass sie dadurch zu Weisheit und Rechtschaffenheit geleitet werden. „Sie sollen also Mir antworten und an Mich glauben, damit sie auf dem rechten Weg wandeln.“ (Vers 186) Indem Gläubige sich Gottes Großzügigkeit und Leitung verdienen, gehen sie in jeder Hinsicht als Gewinner hervor.
This verse fills a believer’s heart with love, confidence and utter reassurance. In this atmosphere of friendliness and compassion, God, who has no need for anyone, directs believers to respond to Him and believe in Him, in the hope that this will guide them to wisdom and righteousness. “Let them then respond to Me, and believe in Me, so that they may follow the right way.” (Verse 186) By earning God’s generosity and guidance, believers end up winners on all counts.
Weitere Regeln zum Fasten
Further Rules On Fasting
Die Sure setzt dann ihre Ausführungen zu den Regeln des Fastens fort. Sie weist darauf hin, dass verheirateten Muslimen zusätzlich zu Essen und Trinken der intime Umgang mit ihren Ehepartnern zwischen Sonnenuntergang und Morgengrauen erlaubt ist. Sie gibt die genaue Zeit an, in der gefastet wird, nämlich vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang. Sie weist darauf hin, dass in jeder Zeitspanne während des Ramadan, in der sich Menschen zum Gottesdienst in eine Moschee zurückziehen, also während der i`tikāf, der intime Umgang für verheiratete Personen nicht erlaubt ist.
The sūrah then resumes its elaboration on the rules of fasting. It points out that, in addition to food and drink, married Muslims are permitted sexual intimacy with their spouses between sunset and dawn. It gives the exact time for the fasting which extends from dawn till sunset. It points out that during any period when people retire to a mosque for worship in Ramadan, i.e. i`tikāf, sexual intimacy is not permitted for married people.
Es ist dir erlaubt, in der Nacht vor dem Fasten mit deinen Frauen intim zu sein.
It is lawful for you to be intimate with your wives during the night preceding the fast.
Sie sind für euch wie Kleidung, und ihr seid für sie wie Kleidung. Gott weiß, dass ihr euch in dieser Hinsicht selbst betrogen habt, und Er hat sich euch in Seiner Barmherzigkeit zugewandt und euch vergeben. So dürft ihr nun mit ihnen verkehren und suchen, was Gott euch bestimmt hat. Esst und trinkt, bis ihr den weißen Streifen der Morgendämmerung vom schwarzen Dunkel der Nacht unterscheiden könnt. Dann haltet das Fasten bis zum Einbruch der Nacht. Verkehrt nicht mit euren Frauen, während ihr in den Moscheen in I'tikaf seid. Dies sind die Grenzen, die Gott gesetzt hat, so nähert euch ihnen nicht.
They are as a garment for you, as you are for them. God is aware that you have been deceiving yourselves in this respect, and He has turned to you in His mercy and pardoned you. So, you may now lie with them and seek what God has ordained for you. Eat and drink until you can see the white streak of dawn against the blackness of the night. Then resume the fast till nightfall. Do not lie with your wives when you are in retreat in the mosques. These are the bounds set by God, so do not come near them.
So macht Gott Seine Zeichen den Menschen deutlich, damit sie gottesfürchtig bleiben.
Thus God makes clear His revelations to people, that they may remain God- fearing.
(Vers 187)
(Verse 187)
Als das Fasten zum ersten Mal eingeführt wurde, aß, trank und hatte man mit seiner Frau keinen Geschlechtsverkehr mehr, sobald man nachts eingeschlafen war, selbst wenn man vor der Morgendämmerung wieder aufwachte. Es kam vor, dass manche Muslime zur Zeit der Abendmahlzeit nichts zu essen hatten. Eine Person wurde vom Schlaf übermannt, bevor sie etwas essen konnte, und musste auch am folgenden Tag fasten, was das Fasten beschwerlich machte. Ebenso gab es einige, die Lust auf Geschlechtsverkehr verspürten und sich dem hingaben. Der Prophet ﷺ wurde sich der großen Mühsal, die die Muslime erlitten, deutlich bewusst. Bald darauf erleichterte Gott die Lage, indem Er diesen Vers als Zeichen Seiner Barmherzigkeit und Güte offenbarte.
Ehrlichkeit zu jeder Zeit
Honesty At All Times
Im Zusammenhang mit dem Fasten und dem Verzicht auf Essen und Trinken warnt die Sure erneut, diesmal davor, sich fremdes Eigentum anzueignen. Der Vers bezieht sich konkret auf das Vorlegen falscher und betrügerischer Beweise vor einem Richter oder Schiedsmann, um ein für einen selbst günstiges Urteil zu erwirken, das einem das Recht gibt, das Eigentum eines anderen an sich zu nehmen. Um den Abschreckungscharakter zu verstärken, folgt die Warnung unmittelbar auf den Hinweis auf die von Gott gesetzten Grenzen und den Aufruf zu mehr Gottesbewusstsein und Gottesfurcht.
Within this context of fasting and abstention from food and drink, the sūrah sounds another warning, this time against usurping other people’s possessions. The verse refers specifically to presenting false and fraudulent evidence before a judge or an arbiter in order to obtain a favourable judgement giving one the right to appropriate someone else’s property. To reinforce the sense of deterrence, the warning follows immediately after reference to the bounds set by God and the call for more consciousness and fear of Him.
VerEhrt euer Vermögen nicht gegenseitig auf unrechtmäßige Weise und bestecht nicht mit ihm die Richter, um vorsätzlich und sündhaft anderen einen Teil dessen zu entziehen, was ihnen rechtmäßig zusteht. (Vers 188)
Do not devour one another’s property wrongfully, nor bribe with it the judges in order that you may sinfully, and knowingly, deprive others of any part of what is rightfully theirs. (Verse 188)
Ibn Kathīr zitiert zu diesem Vers einen Bericht von `Alī ibn Abī Ţalĥah, der Ibn `Abbās überliefert, einen Vetter und Gefährten des Propheten ﷺ, wonach der Vers sich auf jemanden bezieht, der einem anderen Geld schuldet. Da der Gläubiger keine Urkunde besitzt, die die Schuld beweist, leugnet der Schuldner die Verpflichtung vollständig. Er bringe die Angelegenheit dann vor einen Richter, obwohl er genau weiß, dass er im Unrecht ist, und nehme sich damit etwas, das ihm nicht zusteht, und habe überhaupt keinen berechtigten Anspruch. Er fügt hinzu, dass Mujāhid, Sa`īd ibn Jubayr, `Ikrimah, al-Ĥasan, Qatādah, al-Suddī, Muqātil ibn Ĥayyān und `Abd al-Raĥmān ibn Zayd ibn Aslam alle davor gewarnt haben, einen Streit fortzuführen, wenn man weiß, dass man im Unrecht ist. Ibn Kathīr verweist außerdem auf Überlieferungen bei al-Bukhārī und Muslim, in denen Umm Salamah den Propheten ﷺ mit den Worten zitiert: „Ich bin nur ein Mensch."
Commenting on this verse, Ibn Kathīr cites a report by `Alī ibn Abī Ţalĥah who quotes Ibn `Abbās, a cousin and Companion of the Prophet, as saying that the verse refers to someone owing money to another. Knowing that the creditor has no document to prove the debt, the debtor denies liability altogether. He would then put the matter before a judge, knowing very well that he is in the wrong, taking what is unlawful to him, and has no case whatsoever. He adds that Mujāhid, Sa`īd ibn Jubayr, `Ikrimah, al-Ĥasan, Qatādah, al-Suddī, Muqātil ibn Ĥayyān, and `Abd al- Raĥmān ibn Zayd ibn Aslam have all warned against contesting a dispute when one knows oneself to be in the wrong. Ibn Kathīr also refers to accounts in al-Bukhārī and Muslim in which Umm Salamah quotes the Prophet as saying: “I am only human.