Asch-Schams (Die Sonne)
Al-Shams (The Sun)
Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers.
In the Name of God, the Lord of Grace, the Ever Merciful.
Bei der Sonne und ihrem morgendlichen Glanz, (1)
By the sun and his morning brightness, (1)
bei dem Mond, wenn er ihm folgt, (2)
by the moon as she follows him, (2)
beim Tage, der seine Pracht offenbart, (3)
by the day, which reveals his splendour, (3)
bei der Nacht, die ihn verhüllt. (4)
by the night, which veils him. (4)
Bei dem Himmel und seinem Bau,
By the heaven and its construction, (5)
bei der Erde und ihrer Ausbreitung (6)
by the earth and its spreading, (6)
bei der Seele und ihrer Gestaltung (7)
by the soul and its moulding(7)
und Inspiration mit dem Wissen um Bosheit und Rechtschaffenheit. (8)
and inspiration with knowledge of wickedness and righteousness. (8)
Erfolgreich ist, wer sie rein hält, (9)
Successful is the one who keeps it pure, (9)
und verloren ist derjenige, der sie verdirbt. (10)
and ruined is the one who corrupts it. (10)
Im übermütigen Hochmut bezichtigten die Leute von Thamūd die Wahrheit der Lüge, (11)
In their overweening arrogance the people of Thamūd denied the truth, (11)
als sich ihr elendester Unglücksrabe erhob. (12)
when their most hapless wretch broke forth. (12)
Gottes Gesandter sagte zu ihnen: „Es ist eine Kamelstute, die Gott gehört, also lasst sie ihren Trunk haben.“ ﷺ (13)
God’s Messenger said to them: ‘It is a she-camel belonging to God, so let her have her drink.’ (13)
Doch sie wiesen ihn zurück, und sie schlachteten sie grausam ab.
But they rejected him, and cruelly slaughtered her.
Wegen dieser ihrer Sünde ließ ihr Herr Seine Geißel über sie niederfahren und ihre Stadt dem Erdboden gleichmachen.
For this their sin their Lord let loose His scourge upon them, and razed their city to the ground.
(14)
(14)
Er fürchtet nicht, was danach kommen mag. (15)
He does not fear what may follow. (15)
Übersicht
Overview
Diese Sure, die in all ihren Versen denselben Endreim beibehält und durchgehend denselben musikalischen Rhythmus bewahrt, beginnt mit mehreren ästhetischen Bildern, die gleichsam aus dem umgebenden Universum und seinen Erscheinungen hervorzugehen scheinen. Diese Erscheinungen bilden den Rahmen, der die große Wahrheit umfasst, die Gegenstand der Sure ist, nämlich die Natur des Menschen, seine angeborenen Fähigkeiten, seine Wahl des Handelns und seine Verantwortung für die Bestimmung seines eigenen Schicksals.
This sūrah, which maintains the same rhyme in all its verses and keeps the same musical beat throughout, starts with several aesthetic touches which seem to spring out from the surrounding universe and its phenomena. These phenomena form the framework which encompasses the great truth which is the subject matter of the sūrah, namely, the nature of man, his inherent abilities, choice of action, and responsibility in determining his own fate.
Diese Sure erwähnt auch die Geschichte der Thamūd und ihre ablehnende Haltung gegenüber den Warnungen, die sie von Gottes Gesandtem erhielten, ihre Tötung der Kamelstute und schließlich ihre vollständige Vernichtung. Dies ist ein Beispiel für die wenig verheißungsvollen Aussichten, die jene erwarten, die ihre Seelen verderben, anstatt sie rein zu halten, und die sich nicht innerhalb der Grenzen der Gottesfurcht halten. „Erfolgreich ist, wer sie läutert, und verloren ist, wer sie verdirbt.“ (Verse 9-10)
This sūrah also refers to the story of the Thamūd and their negative attitude to the warnings they received from God’s messenger, to their killing of the she-camel, and finally their complete annihilation. This provides an example of the unpromising prospects which await those who corrupt their souls instead of keeping them pure and who do not confine themselves within the limits of piety. “Successful is the one who keeps it pure, and ruined is the one who corrupts it.” (Verses 9-10)
Gottes feierlicher Schwur
God’s Solemn Oath
Bei der Sonne und ihrem morgendlichen Glanz, beim Mond, wenn er ihr folgt, beim Tag, wenn er ihre Pracht offenbart, bei der Nacht, wenn sie sie verhüllt. Beim Himmel und seinem Bau, bei der Erde und ihrer Ausbreitung, bei der Seele und ihrer Gestaltung und der Eingebung ihres Wissens um Frevel und Frömmigkeit. Erfolgreich ist, wer sie reinigt, und verloren ist, wer sie verdirbt. (Verse 1-10)
By the sun and his morning brightness, by the moon as she follows him, by the day, which reveals his splendour, by the night, which veils him. By the heaven and its construction, by the earth and its spreading, by the soul and its moulding and inspiration with knowledge of wickedness and righteousness. Successful is the one who keeps it pure, and ruined is the one who corrupts it. (Verses 1-10)
Gott schwört bei diesen Gegenständen und Naturerscheinungen, ebenso wie Er bei der menschlichen Seele schwört, bei ihrer Gestaltung und bei der Eingebung, die sie empfängt. Der Schwur verleiht diesen Geschöpfen eine zusätzliche Bedeutung und lenkt die Aufmerksamkeit des Menschen auf sie. Der Mensch sollte über diese Erscheinungen nachdenken und versuchen, ihren Wert und den Zweck ihrer Erschaffung zu erkennen.
God swears by these objects and universal phenomena as He swears by the human soul, how it is fashioned and the inspiration it receives. The oath gives these creatures an added significance and draws man’s attention to them. Man ought to contemplate these phenomena and try to appreciate their value and the purpose of their creation.
Es gibt tatsächlich eine Art besondere Sprache, durch die das menschliche Herz mit dem Universum in Verbindung tritt. Diese Sprache gehört zur menschlichen Natur. Sie ist eine Sprache, die ohne Laute und Artikulation auskommt. Sie ist eine Mitteilung an die Herzen und eine Eingebung für die Seelen, die jedes Mal erwachen, wenn der Mensch zum Universum emporblickt und einen erhebenden oder erfreulichen Anblick genießt. Daher fordert der Qur’ān den Menschen häufig dazu auf, über seine Umgebung nachzudenken. Er tut dies auf verschiedene Weise, mal direkt, mal mit Andeutungen, beiläufigen Hinweisen und Anregungen. In diesem Fall werden beispielsweise einige Erscheinungen des Universums zum Gegenstand des Schwurs Gottes gemacht, um als Rahmen für das Folgende in der Sūrah zu dienen. Diese ausdrücklichen Weisungen und indirekten Hinweise sind in den Sūrahs des vorliegenden Bandes sehr häufig. Es gibt kaum eine Sūrah, die den Menschen nicht auf die eine oder andere Weise dazu ermutigt, in einer geheimen Sprache mit dem Universum in Verbindung zu treten, damit er dessen Zeichen zu würdigen und dessen Ansprache zu verstehen vermag.
There exists in fact, some kind of a special language through which the human heart communicates with the universe. This language is part of human nature. It is a language which does not use sounds and articulation. It is a communication to hearts and an inspiration to souls which come alive whenever man looks up to the universe for an inspiring or cheerful sight. Hence, the Qur’ān frequently urges man to reflect upon his surroundings. It does this in various ways, sometimes directly and sometimes with hints, incidental touches and stimuli. In this case, for example, some phenomena of the universe are made the subject of God’s oath, in order to serve as a framework for what follows in the sūrah. These explicit directives and indirect hints are very frequent in the sūrahs of the present volume. There is hardly any sūrah which does not encourage man, in one way or another, to communicate with the universe, in secret language, so that he may appreciate its signs and understand its address.
Ein Blick in die menschliche Seele
A Look Into The Human Soul
Die Sure geht dazu über, die grundlegende Wahrheit über den Menschen darzulegen, und setzt diese Wahrheit in Beziehung zu den verschiedenen Erscheinungen des Universums, denn der Mensch ist eines der bemerkenswertesten Wunder in dieser harmonischen Schöpfung: „Und bei der Seele und Ihm, der sie gestaltet hat, und Ihm, der ihr ihre Verderbtheit und ihre Gottesfurcht eingegeben hat. Erfolgreich ist fürwahr, wer sie läutert, und zunichte geworden ist fürwahr, wer sie verdirbt.“ (Verse 7–10)
The sūrah moves on to state the basic truth about man, and relates this truth to the various phenomena of the universe, for man is one of the most remarkable wonders in this harmonious creation: “By the soul and its moulding and inspiration with knowledge of wickedness and righteousness. Successful is the one who keeps it pure, and ruined is the one who corrupts it.” (Verses 7-10)
Die Grundlage des islamischen Konzepts der menschlichen Psychologie wird in diesen vier Versen dargelegt, zusammen mit Vers 10 der vorangehenden Sure Die Stadt: „Und [Wir haben] ihm die beiden Wege gezeigt“, und Vers 3 der Sure 76, Der Mensch, der lautet: „Wir haben ihm den rechten Weg gezeigt, ob er dankbar oder undankbar sei.“ Sie ergänzen die Verse, die in der Sure 38, Ṣād, die Zweiheit in der Beschaffenheit des Menschen aufzeigen, die lautet: „Dein Herr sprach zu den Engeln: ‚Ich erschaffe den Menschen aus Ton. Wenn ich ihn gebildet und von Meinem Geist in ihn gehaucht habe, so fallt vor ihm nieder in Anbetung.‘“ (38: 71–72) Diese Verse ergänzen und beziehen sich außerdem auf die Verse, die die Verantwortung und Rechenschaftspflicht des Menschen für seine Taten bestimmen, wie etwa den in der Sure 74, Der Verhüllte, der lautet: „Jeder ist für das, was er erwirkt hat, verpfändet“, und den Vers in der Sure 13, Der Donner, der besagt, dass Gottes Haltung gegenüber dem Menschen unmittelbar mit dessen eigenem Verhalten zusammenhängt: „Gott ändert nicht die Lage eines Volkes, bis sie ändern, was in ihren Herzen ist.“ (13: 11) Diese und ähnliche Verse legen die islamische Sicht auf den Menschen mit vollkommener Klarheit dar.
The basis of the Islamic concept of human psychology is outlined in these four verses, along with verse 10 of the preceding sūrah, The City, “And [We have] shown him the two paths,” and verse 3 in Sūrah 76, Man, which says: “We have shown him the right path, be he grateful or ungrateful.” They supplement the verses which point out the duality in man’s make-up in Sūrah 38, Şād, which says: “Your Lord said to the angels, ‘I am creating man from clay. When I have fashioned him, and breathed of My spirit into him, kneel down and prostrate yourselves before him.’“ (38: 7172) These verses also supplement and relate to the verses which define man’s responsibility and accountability for his actions, such as the one in Sūrah 74, The Cloaked One, which reads: “Everyone is held in pledge for whatever he has wrought,” and the verse in Sūrah 13, Thunder, which states that God’s attitude to man is directly related to man’s own behaviour: “God does not change a people’s lot until they change what is in their hearts.” (13: 11) These and similar verses define the Islamic view of man with perfect clarity.
Historisches Beispiel
Historical Example
Die Sure gibt dann ein Beispiel für das Scheitern derer, die sich selbst verderben und zwischen sich und der göttlichen Rechtleitung eine Schranke errichten: „Aus ihrem übermütigen Hochmut verleugneten die Leute von Thamūd die Wahrheit, als ihr Unseligster hervorbrach. Der Gesandte Gottes sagte zu ihnen: ‚Es ist eine Kamelstute Gottes, so lasst sie ihren Trunk haben.‘ Doch sie wiesen ihn zurück und schlachteten sie grausam. Für diese ihre Sünde ließ ihr Herr Seine Geißel über sie niederfahren und ihre Stadt dem Erdboden gleichmachen. Er fürchtet nicht, was daraus folgen könnte.“ (Verse 11–15)
The sūrah then gives an example of the failure which befalls those who corrupt themselves, and erect a barrier between themselves and divine guidance: “In their overweening arrogance the people of Thamūd denied the truth, when their most hapless wretch broke forth. God’s Messenger said to them: ‘It is a she-camel belonging to God, so let her have her drink.’ But they rejected him, and cruelly slaughtered her. For this their sin their Lord let loose His scourge upon them, and razed their city to the ground. He does not fear what may follow.” (Verses 11-15)
Die Geschichte der Thamūd und ihres Gesandten Ṣāliḥ wird im Qur'ān mehrfach erwähnt. Bei jeder Erwähnung wird sie erörtert. Für weitere Einzelheiten kann der Leser den Kommentar zur Sūrah 89, Al-Fajr, in diesem Band heranziehen. Die vorliegende Sūrah jedoch stellt fest, dass das Volk der Thamūd seinen Propheten zurückwies und ihn der Lüge bezichtigte, schlicht aus Hochmut und Frechheit. Ihre Übertretung wird hier dadurch veranschaulicht, dass der unglückseligste Elende unter ihnen herbeieilt, um die Kamelstute zu schlachten. Er ist infolge seines Verbrechens der Elendeste. Ihr Gesandter hatte sie zuvor gewarnt und gesagt: „Es ist eine Kamelstute Gottes, so lasst sie ihren Trunk haben.“ Dies war seine Bedingung, als sie ihn um ein Zeichen baten. Das Zeichen bestand darin, dass die Kamelstute an einem Tag das Wasser für sich hatte und es am nächsten Tag dem übrigen Vieh überließ. Die Kamelstute muss noch etwas anderes Besonderes an sich gehabt haben, doch wollen wir nicht ins Einzelne gehen, da Gott uns nichts darüber mitgeteilt hat. Die Thamūd jedoch beachteten die Warnungen ihres Gesandten nicht und töteten die Kamelstute. Der Täter, der Hauptsünder, ist der Elendeste, doch wurden sie alle zur Verantwortung gezogen, weil sie ihn nicht zur Rechenschaft zogen. Im Gegenteil, sie klatschten Beifall zu dem, was er tat. Ein grundlegendes Prinzip des Islam besagt, dass die Gesellschaft in diesem Leben eine gemeinsame Verantwortung trägt. Dies steht nicht im Widerspruch zum Prinzip der individuellen Verantwortung im Jenseits, wenn jeder für seine eigenen Taten zur Rechenschaft gezogen wird. Es ist jedoch eine Sünde, einander nicht zu raten und nicht zu ermahnen, dem Guten zu folgen, und das Böse und die Übertretung nicht zu ahnden.
The story of the Thamūd and their messenger, Şāliĥ, is mentioned several times in the Qur’ān. A discussion of it is given every time it occurs. The reader may refer for further details to the commentary on Sūrah 89, The Dawn, in this volume. The present sūrah, however, states that the people of Thamūd rejected their prophet and accused him of lying simply because they were arrogant and insolent. Their transgression is represented here by the most hapless wretch among them rushing to slaughter the she-camel. He is the most wretched as a result of his crime. Their messenger had warned them in advance, saying, “It is a she-camel belonging to God, so let her have her drink.” This was his condition when they asked him for a sign. The sign was that the she-camel had the water for herself one day and left it for the rest of the cattle the next day. The she-camel must have had something else peculiar to her, but we shall not go into detail because God has not told us about it. The Thamūd, however, did not heed their messenger’s warnings but killed the she-camel. The person who perpetrated the crime, the arch sinner, is the most- wretched, but they were all held responsible because they did not take him to task. On the contrary, they applauded what he did. A basic principle of Islam is that society bears a collective responsibility in this life. This does not conflict with the principle of individual responsibility in the hereafter when everyone is answerable for his own deeds. It is a sin, however, not to counsel and urge one another to adhere to what is good and not to punish evil and transgression.