Fatir – Der Schöpfer (Der alle Gnade gewährt) 1–3
Fatir The Originator ( Giving All Grace ) 1-3
Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen.
In the Name of God, the Lord of Grace, the Ever Merciful.
Alles Lob gebührt Gott, dem Schöpfer der Himmel und der Erde, der Engel zu Boten bestimmt, ausgestattet mit Flügeln, zwei, drei oder vier. Er fügt seiner Schöpfung hinzu, was Er will.
All praise is due to God, the Originator of the heavens and the earth, who assigns angels to be messengers, endowed with wings, two, or three, or four. He adds to His creation what He pleases.
Gewiss, Gott hat Macht über alle Dinge. (1)
Indeed God has power over all things. (1)
Was Gott an Gnade für die Menschen öffnet, kann niemand zurückhalten; und was Er zurückhält, kann niemand außer Ihm freigeben. Er allein ist der Allmächtige, der Allweise. (2)
Whatever grace God opens up to man, none can withhold it; and whatever He withholds, none other than Him can release. He alone is Almighty, Wise. (2)
Menschen! Gedenkt der Segnungen, die Gott euch geschenkt hat. Gibt es etwa einen anderen Schöpfer außer Gott, der euch Versorgung vom Himmel und von der Erde gewährt? Es gibt keine Gottheit außer Ihm.
People! Remember the blessings God has bestowed upon you. Is there any creator other than God who can give you sustenance from heaven and earth? There is no deity other than Him.
Wie könnt ihr euch abwenden? (3)
How can you turn away? (3)
Der Urheber
The Originator
Aller Lobpreis gebührt Gott, dem Schöpfer der Himmel und der Erde, der Engel zu Boten bestimmt, ausgestattet mit Flügeln, zwei, drei oder vier. Er fügt seiner Schöpfung hinzu, was Er will. Gewiss, Gott hat Macht über alle Dinge. (Vers 1)
All praise is due to God, the Originator of the heavens and the earth, who assigns angels to be messengers, endowed with wings, two, or three, or four. He adds to His creation what He pleases. Indeed God has power over all things. (Verse 1)
Die Sure beginnt damit, Gott alles Lob darzubringen, denn ihr ganzes Anliegen ist es, unsere Herzen zu Ihm hinzuwenden, Seine Zeichen zu betrachten, Seine Barmherzigkeit zu würdigen und die Wunder Seiner Schöpfung anzuschauen. Wir sind dazu angehalten, diese Wunder in vollem Maße zu schätzen, damit unsere Herzen von Seinem Lob und Seiner Verherrlichung überfließen: „Alles Lob gebührt Gott.“ Als Nächstes folgt die Eigenschaft Gottes, die auf die Schöpfung und ihr Hervorbringen hinweist: „der Urheber der Himmel und der Erde.“ Er hat all diese großen Himmelskörper hervorgebracht, von denen wir einige um uns herum sehen. Von dem kleinsten und uns nächsten dieser Körper, nämlich unserer Mutter Erde, wissen wir nur wenig. Dennoch unterliegen sie alle einem einzigen Naturgesetz, das sie trotz der gewaltigen Entfernungen, die sie voneinander trennen und die wir nur mit großer Mühe erahnen können, in Harmonie hält. Trotz ihrer riesigen Größe und der endlosen Räume, die ihre Umlaufbahnen trennen, bestehen zwischen ihnen bestimmte Beziehungen, die, wenn sie auch nur ein wenig gestört würden, zu einer großen Katastrophe führen könnten.
The sūrah begins by offering all praise to God, as its whole purpose is to make our hearts turn to Him, contemplate His signs, appreciate His mercy, and look at the wonders of His creation. We are made to fully appreciate these wonders so that our hearts overflow with His praise and glorification: “All praise is due to God.” Next comes God’s attribute indicating creation and His bringing it into being: “the Originator of the heavens and the earth.” It is He who has originated all these great bodies, some of which we see around us. We know only a little about the smallest and nearest to us of all these bodies, i.e. our mother earth. Yet they are all subject to one law of nature that keeps them in harmony, despite the huge distances separating them, which we can only imagine with great difficulty. Despite their great sizes and endless spaces separating their orbits, there exists certain relations between them which, if disturbed even by just a little, could lead to a major catastrophe.
Wir achten oft wenig auf die Koranstellen über die Erschaffung der Himmel und der Erde oder auf ihre anschaulichen Beschreibungen des Universums. Das liegt daran, dass unsere Sinne durch die Gewöhnung abgestumpft sind. Deshalb erheben uns diese Szenen nicht zu derselben Inspiration, die sie einem Herzen schenken, das Gott stets gedenkt und daher empfänglich bleibt für das, was Seine mächtige Hand hervorbringt. Nur ein solches Herz empfindet die Ehrfurcht, die diese Szenen vermitteln.
Unbegrenzte Gnade
Unrestricted Grace
Was Gott an Gnade für die Menschen öffnet, kann niemand zurückhalten; und was Er zurückhält, kann niemand außer Ihm freigeben. Er allein ist der Allmächtige, der Weise.
Whatever grace God opens up to man, none can withhold it; and whatever He withholds, none other than Him can release. He alone is Almighty, Wise. (Verse 2)
Was wir in diesem zweiten Vers der Sure finden, ist ein Aspekt der Macht Gottes, der am Ende des ersten Verses erwähnt wird. Wenn dieser Aspekt im Herzen und im Verstand eines Menschen verankert wird, erfährt er eine vollständige Wandlung in seinen Vorstellungen, Gefühlen, Werten, Maßstäben und seinem Leben insgesamt. Er verwirft jeden Gedanken daran, dass eine andere Macht die Himmel und die Erde beherrschen könnte, und er tritt in Verbindung mit der Macht Gottes selbst. Er lässt jeden Gedanken daran fahren, Gnade von irgendjemand anderem zu erhalten, und bezieht alles auf die Gnade Gottes. Er verschließt ihm jede Tür und jeden Weg im Universum, öffnet ihm aber die Tür und den Weg, die zu Gott führen.
What we have in this second verse of the sūrah is an aspect of God’s power mentioned at the end of the first verse. When this aspect is instilled in a person’s heart and mind, he undergoes a complete transformation in his concepts, feelings, values, standards and life generally. It invalidates any thought of any other power having any control over the heavens and earth, and puts him in touch with God’s own power. It makes him abandon any thought of receiving grace from anyone else and links all to God’s grace. It closes before him every door and way in the universe yet opens for him the door and the way leading to God.
Die Gnade Gottes kann sich in unzähligen Aspekten widerspiegeln. Tatsächlich kann der Mensch nicht einmal damit beginnen, diese festzuhalten. Sie liegen in ihm selbst und in der Art, wie er erschaffen ist; in der Ehrenstellung, die ihm verliehen wurde; in den Segnungen, die ihn von allen Seiten umgeben, von oben wie von unten. Sie finden sich auch in den Gunstbezeigungen, mit denen er überhäuft wird.
God’s grace can be reflected in countless aspects. Indeed man cannot even begin to record these. They are within him and the way he is created; the position of honour he is given; the blessings that are all around him from every side and from above and beneath him. It is also to be found in the favours showered on him.
Die Gnade Gottes spiegelt sich ebenso sehr in dem wider, was dem Menschen vorenthalten wurde, wie in dem, was ihm gewährt wurde. Wenn Gott sie jemandem öffnet, findet dieser sie in jeder Lage, in jeder Sache, in jedem Zustand und an jedem Ort. Er findet sie sogar in sich selbst, in seinen Gefühlen, rings um sich her, wo auch immer und wie auch immer er sich befinden mag, selbst wenn ihm alles entzogen ist, was die Menschen für wichtig halten. Umgekehrt gilt: Wenn Gott jemandem Seine Gnade vorenthält, wird dieser sie in jeder Sache, in jeder Lage, an jedem Ort und in jedem Zustand vermissen, auch wenn ihm alles zur Verfügung steht, was die Menschen mit Reichtum und Glück verbinden.
Eine persönliche Erfahrung
A Personal Experience
Es steht mir persönlich zu, Gott zu preisen und hier meine Dankbarkeit für die Gnade festzuhalten, die Er mir in Bezug auf diesen Vers des Qur’ān erwiesen hat. Dieser Vers war mir gegenwärtig in einer Zeit, in der ich in großer, mehrfacher Bedrängnis war, geistiger Trockenheit, seelischer Not und vielfachem Leid ausgesetzt. Es war dieser Vers, der mir zu Hilfe kam, denn Gott ermöglichte mir, seine Wahrheit zu sehen, die sich in meinen Geist ergoss wie ein kühler Trank, der durch die Glieder eines äußerst durstigen Menschen fließt. Es war keine Bedeutung, die ich verstand; vielmehr war es eine Wirklichkeit, die ich erlebte. Insofern war es selbst ein Akt der Gnade. Er zeigte sich mir als wirkliche Auslegung des Verses und öffnete sich mir wie Blütenknospen an einem Frühlingstag. Ich hatte ihn schon oft gelesen und gehört, doch in jenem Augenblick vermittelte er seine Bedeutung als süße Wirklichkeit, zeigte mir sein Inneres und sprach: „Ich bin hier, ein Beispiel für die Gnade Gottes, wenn Er sie öffnet.“ Um mich herum hatte sich nichts verändert, doch alles erfuhr eine grundlegende Wandlung in meiner Wertschätzung. Es ist ein großer Segen, dass sich unsere Herzen öffnen, um eine große Wahrheit des Daseins zu empfangen, wie sie der vorliegende Vers darlegt. Es ist ein Segen, den man erleben und schätzen kann, den man aber selten anderen weitergeben kann. Ich lebte jenen Augenblick und durchlebte die Erfahrung. Es war vielleicht die schwerste Zeit meines Lebens. Doch plötzlich verschwand alle Schwierigkeit, und ich war von aller Not und Bedrängnis befreit. Ich erlebte einen geistigen Schauer, während ich noch am selben Ort war. Das ist die Gnade Gottes, die Er jedem öffnet, den Er erwählt, und die Er in einem einzigen Vers des Qur’ān überfließen lässt. Ein Vers öffnet ein Fenster des Lichts, lässt eine Quelle göttlicher Gnade hervorsprudeln, bahnt einen Weg zu Zufriedenheit und Zuversicht, und das alles in einem Augenblick. Mein Herr, Du hast diesen Qur’ān von oben herabgesandt, um den Gläubigen Rechtleitung und Gnade zu bringen. Mein Herr, ich preise Dich mit Zunge und Herz, und mein Dank an Dich ist grenzenlos.9
It behoves me personally to praise God and record here my gratitude to Him for the grace He bestowed on me in relation to this verse of the Qur’ān. This verse was present with me at a time when I was in great, compounded difficulty, experiencing spiritual dryness, psychological hardship and much affliction. It was this verse that came to my support, for God facilitated for me that I should see its truth, which poured into my spirit like a cool drink passing through the limbs of an extremely thirsty person. That was not a meaning I understood; rather, it was a reality I experienced. Thus, it was in itself an act of grace. It presented itself to me as a real interpretation of the verse, opening up to me like flower buds on a spring day. I had read and heard it many times before, but at that moment, it delivered its meaning as a sweet reality, showing me its inner self and saying: ‘I am here, a sample of God’s grace when He opens it.’ Nothing changed around me, but everything underwent a fundamental change in my appreciation. It is a great blessing that our hearts should open to receive a great truth of existence, such as the one the present verse states. It is a blessing one can experience and appreciate, but can seldom impart to others. I lived that moment and went through the experience. It was perhaps the hardest time of my life. Yet suddenly I found all difficulty disappear, and I was released of all trouble and hardship. I was experiencing a spiritual thrill, while I was still in the same place. That is God’s grace which He opens to anyone He chooses and makes it overflow in just one verse of the Qur’ān. One verse opens up a window of light, lets a spring of divine grace gush through, charts a way to contentment and reassurance and all in a split second. My Lord, You have bestowed this Qur’ān from on high to provide guidance and grace to believers. My Lord, I praise You with my tongue and heart, and my gratitude to You is without limit.9
9 Obwohl der Autor den Zeitpunkt und den Anlass nicht nennt, die er hier als die schwierigste Zeit seines Lebens beschreibt, bezieht er sich höchstwahrscheinlich auf eine bestimmte Erfahrung während seiner zweiten Inhaftierung (1954–1964). Ich glaube, dass ihm am meisten zu schaffen machte, mit anzusehen, wie eine große Zahl von Männern jeden Alters schwer gefoltert wurde und viele unter der Folter starben, obwohl keiner von ihnen ein Verbrechen begangen hatte und ein Ende ihrer Not nicht in Sicht war. Das musste einen Mann mit einem so empfindsamen und mitfühlenden Wesen wie dem des Autors schwer belasten. — Anmerkung des Herausgebers.
9 Although the author does not specify the time and the occasion that he is describing here as the most difficult in his life, he is most probably referring to a specific experience during his second imprisonment (1954-64). I believe what caused him most difficulty was to see a great number of men of all ages being severely tortured, and many dying under torture, for no crime any of them had committed, with no end to their plight in sight. This was bound to weigh heavily on a man with a sensitive and compassionate nature like the author. — Editor’s note.
Wer sonst?
Who Else?
Der dritte Vers in dieser kurzen Passage bestätigt die Bedeutung der ersten beiden. Er erinnert die Menschen an Gottes Segnungen, betont, dass Gott allein erschafft und Unterhalt für Seine Schöpfung gewährt, und verwundert sich darüber, wie die Menschen diese Wahrheit aus den Augen verlieren, obwohl sie so klar und offensichtlich ist.
The third verse in this short passage confirms the import of the first two, reminding people of God’s blessings, emphasizing that God is the only One who creates and provides sustenance for His creation, and wondering at how people lose sight of this truth when it is so clear and obvious:
Menschen! Denkt an die Gaben, die Gott euch geschenkt hat. Gibt es etwa einen Schöpfer außer Gott, der euch vom Himmel und von der Erde versorgt? Es gibt keine Gottheit außer Ihm. Wie könnt ihr euch da abwenden? (Vers 3)
People! Remember the blessings God has bestowed upon you. Is there any creator other than God who can give you sustenance from heaven and earth? There is no deity other than Him. How can you turn away? (Verse 3)
Nichts ist nötiger, als dass die Wohltaten Gottes erwähnt werden, damit die Menschen sie sehen, spüren und erkennen. Dennoch vergessen sie sie. Die Erde um sie herum und der Himmel über ihnen schenken ihnen reichliche Segnungen und grenzenlosen Unterhalt, bei jedem Schritt und zu jeder Zeit. Es ist Gott, der Schöpfer, der all dies gewährt. Ihnen wird hier die Frage gestellt, ob es einen anderen Schöpfer gibt, der ihnen all die guten Dinge in ihre Hände gibt. Offensichtlich können sie dies nicht bejahen. Tatsächlich behaupteten sie dies nicht einmal in ihrer schlimmsten Zeit des Götzendienstes, als sie Gott allerlei Teilhaber zur Seite stellten. Da es außer Gott niemanden gibt, der erschafft und versorgt, warum erinnern sie sich nicht und drücken keine Dankbarkeit aus? Warum richten sie ihren Dank nicht allein an Ihn und bringen ihre Dankbarkeit durch Lobpreisungen und Gebete zum Ausdruck? In der Tat: „Es gibt keine Gottheit außer Ihm.“ Wie kommt es, dass sie sich von dieser unbestreitbaren Wahrheit abwenden? „Wie könnt ihr euch abwenden?“ (Vers 3) Es ist äußerst seltsam, dass sich jemand von dieser klaren Wahrheit abwendet, die durch den ständigen Unterhalt belegt wird, den sie vom Himmel und von der Erde empfangen. Noch seltsamer ist es, dass ein Mensch sich von all dem abwendet, obwohl er zugibt, dass aller Unterhalt allein von Gott stammt.
Nothing is needed more than the mention of God’s blessings for people to see, feel and recognize them. Nevertheless, they do forget them. The earth around them and the skies above them give them abundant blessings and unlimited sustenance, in every step and at every moment. It is God the Creator who gives all this. They are asked here whether there is a different creator who provides them with all the good things in their hands. Obviously, they cannot say this. Indeed, they did not even claim this during their worst period of idolatry, associating all sorts of partners with God. Since there is none other than God to create and provide, why do they not remember and express gratitude? Why do they not address their gratitude to Him alone and express their thanks by praises and prayers? Indeed “There is no deity other than Him.” How is it that they turn away from this indisputable truth? “How can you turn away?” (Verse 3) It is most singular that anyone should turn away from this clear truth, evidenced by the constant sustenance they are provided with from heaven and earth. Even more singular is for a person to turn away from it all while admitting that all sustenance comes from God alone.