Al-Qasas (Die Geschichte)
Al-Qasas (The Story)
Prolog
Prologue
Diese Sure wurde in Mekka offenbart, zu einer Zeit, als die Muslime eine kleine Minderheit ohne Macht waren, während die Götzendiener die volle Kontrolle über Macht, Reichtum, Stellung und Autorität besaßen. In diesem Zusammenhang legt die Sure den wahren Maßstab für Werte und Macht fest: Sie stellt unmissverständlich klar, dass es im Universum nur eine wahre Macht gibt, die Gottes, und nur einen wahren Wert, den Glauben. Wer die Unterstützung Gottes genießt, braucht sich nicht zu fürchten, auch wenn er keine materielle Macht besitzt, und wem Gott entgegensteht, kann weder Frieden noch Sicherheit finden, auch wenn er über alle Arten materieller Macht verfügt. Ein Mensch, der den Wert des Glaubens in sich verankert, genießt jedes Gute, während derjenige, dem er fehlt, keinerlei Nutzen davontragen wird.
This sūrah was revealed in Makkah, at a time when the Muslims were a small minority without power, while the idolaters were in full control of power, wealth, position and authority. In this context, the sūrah establishes the true standard of values and power: it clearly states that there is only one true power in the universe, God’s, and only one true value, faith. Whoever enjoys God’s support need have no fear, even though he may be bereft of material power, and whomever God opposes can enjoy neither peace nor security even though he may be in possession of all types of material power. A person who enshrines the value of faith enjoys every good thing, whilst the one who lacks it will not reap any benefit whatsoever.
Der Inhalt der Sure befasst sich mit Aspekten, die Moses und den Pharao betreffen, und endet mit Einzelheiten über Qārūn [oder Korah] und seine Behandlung des Volkes Moses.
The corpus of the sūrah deals with aspects pertaining to Moses and Pharaoh, and concludes with details about Qārūn [or Korah] and his treatment of Moses’ people.
Die erste dieser beiden Geschichten handelt von Macht und Autorität: Pharao, ein skrupelloser Tyrann, ist auf jede mögliche Gefahr bedacht. Dem gegenüber steht Moses, ein Säugling ohne Macht und ohne Schutz. Pharao hatte sich erhoben, herrschte über die Menschen und teilte sie in Gruppen und Klassen ein. Er verfolgte die Kinder Israels, tötete ihre Männer und verschonte ihre Frauen und achtete genau darauf, dass sie nichts unternahmen, was seine Herrschaft an sich reißen könnte. Doch seine ganze Macht und alle seine Vorsichtsmaßnahmen waren gegen ein kleines Kind wirkungslos, das von der einzigen wahren Macht beschützt wurde, die vor allem Bösen bewahrt. Diese Macht stellt Pharao offen heraus: Sie legt das Kind in seinen eigenen Schoß und bringt es in seinen eigenen Palast, damit seine eigene Frau es verwöhnt, während Pharao daneben steht und nichts gegen Moses ausrichten kann. Im Gegenteil, er vollbringt mit eigenen Händen das, was zu seinem Untergang führt.
The first of these two stories tackles power and authority, showing Pharaoh, a ruthless tyrant, alert to any source of danger. Then, there is Moses, a suckling baby with neither power nor shelter. Pharaoh had exalted himself, ruling over and dividing people into sections and classes, persecuting the Children of Israel, slaying their men and sparing their women, watching carefully lest they should do anything that might constitute a usurpation of his control. Yet all his might and precautions were of little avail against a little child who was cared for by the only real power that protects from all evil. Indeed this power challenges Pharaoh openly, throwing the child into his own lap, placing him in Pharaoh’s own palace so as to be doted upon by his own wife, while he stands by, unable to do anything against Moses. On the contrary, he does with his own hands what brings about his downfall.
Die zweite Geschichte zeigt den Wert des Reichtums ebenso wie den Wert des Wissens. Der Reichtum zog die Aufmerksamkeit aller auf sich, als sie Qārūn in seinem prunkvollen Schmuck einherstolzieren sahen. Er besaß so gewaltige Schätze, dass allein das Tragen der Schlüssel zu diesen Schätzen eine ganze Gruppe kräftiger Männer erforderte, die bei dieser Aufgabe sehr ermüdet wären. Darüber hinaus besaß Qārūn auch Wissen, das er für den Grund hielt, der ihm all diesen Reichtum eingebracht hatte. Doch jene unter seinem Volk, die mit wahrem Wissen ausgestattet waren, ließen sich von einem solchen Reichtum nicht blenden. Sie richteten ihren Blick auf die Belohnung Gottes, in dem Wissen, dass diese unendlich besser und beständiger ist. Dann griff die Macht Gottes ein, indem sie ihn und sein Haus in die Erde versinken ließ, und zeigte den Betrachtern, dass weder Reichtum noch Wissen Qārūn von irgendeinem Nutzen waren. Das Eingreifen ist hier unmittelbar, ebenso wie bei Pharao, als er und seine Truppen im Meer ertranken.
The second story demonstrates the value of wealth, as also the value of knowledge. Wealth occupied everyone’s attention as they watched Qārūn strutting about in his various adornments. He possessed such enormous treasures that just to carry the keys of these treasures required a whole group of strong men, who would find the task very tiring. What is more, Qārūn also had knowledge which he thought to have brought him all this wealth. Yet those endowed with true knowledge among his people were not bewitched by such wealth. They looked to God’s reward, knowing that this is infinitely better and more lasting. Then God’s power intervened sinking him and his household into the earth, showing beholders that neither wealth nor knowledge were of any avail to Qārūn. The intervention here is direct just as it is with Pharaoh when he and his troops were drowned in the sea.
Sowohl Pharao als auch Qārūn überhoben sich und unterdrückten die Kinder Israels.
Both Pharaoh and Qārūn exalted themselves, tyrannizing the Children of Israel:
mit der brutalen Gewalt der Macht, der andere mit finanzieller Stärke. Das Ende war in beiden Fällen dasselbe: der eine wurde von der Erde verschlungen, der andere im Meer ertränkt. In keinem der beiden Fälle sehen wir eine gegnerische Kraft, die der direkten Macht Gottes hätte widerstehen können, die eingriff, um der Tyrannei und Ungerechtigkeit ein Ende zu setzen. Die beiden Geschichten zeigen deutlich: Wenn das Böse und die Verderbtheit offenkundig sind, während die Guten und Rechtschaffenen machtlos erscheinen, greift Gott, der Allmächtige, direkt und offen ein, um dem allem ein Ende zu bereiten.9
one with the brute force of authority, the other with financial might. The end was the same in both instances: one was swallowed by the earth, the other was drowned in the sea. In neither case do we see any opposing force capable of resisting God’s direct power that intervened to put an end to tyranny and injustice. The two stories clearly show that when evil and corruption are manifest, while those who are good and righteous appear powerless, God Almighty intervenes directly and openly to put an end to it all.9
Zwischen den beiden Geschichten führt die Sure die Götzendiener in mehreren Runden vor Augen, welche Bedeutung diese Berichte haben. Sie lenkt ihre Aufmerksamkeit auf einige der Zeichen Gottes, die im Universum gegenwärtig sind, ebenso auf das Schicksal früherer Gemeinschaften und auf Szenen aus dem Tag des Gerichts. All dies bekräftigt die Lehre der Geschichten und bestätigt das unabänderliche Gesetz Gottes.
In between the two stories, the sūrah takes the idolaters on a couple of rounds opening their eyes to the significance of these narrations and directs their attention to some of God’s signs that are present in the universe, as also the fate of past communities or scenes from the Day of Judgement. All these endorse the moral of the stories and confirm God’s unalterable law.
Die Ungläubigen pflegten zu dem Propheten ﷺ zu sagen: „Wenn wir mit dir der Rechtleitung folgten, würden wir aus unserem Land gerissen.“ (Vers 57) Auf diese Weise rechtfertigten sie ihre Ablehnung der Botschaft des Propheten ﷺ damit, dass die Menschen sie aus ihrem Land reißen würden, wenn sie ihre alten Glaubensvorstellungen änderten. Mit anderen Worten: Sie wollten sicherstellen, dass die Menschen sie weiterhin mit Ehrfurcht und Verehrung betrachteten, da sie die Hüter der Heiligen Moschee waren. Gott erzählt hier die Geschichten von Moses und dem Pharao und zeigt, welche Menschen Sicherheit genießen und welche von überwältigender Furcht erfasst werden. Er teilt ihnen mit, dass Menschen nur unter dem Schutz Gottes wirklich Sicherheit empfinden können, auch wenn ihre Lage anders aussehen mag. Furcht hingegen entbehrt eines solchen Schutzes, auch wenn es scheinen mag, dass Sicherheit in vollem Maße vorhanden ist. Die Geschichte Qārūns wird erzählt, um diese grundlegende Wahrheit auf andere Weise zu bestätigen.
The unbelievers used to say to the Prophet: “If we were to follow the guidance along with you, we would be torn away from our land.” (Verse 57) In this way, they justified their rejection of the Prophet’s message on the basis that people would tear them away from their land if they changed their old beliefs. In other words, they wanted to ensure that people still held them in awe and reverence as they were the custodians of the Sacred Mosque. God relates here the stories of Moses and Pharaoh showing which people enjoy security and which experience overwhelming fear. It tells them that it is only under God’s protection that people can truly feel secure even though their situation may appear otherwise. Fear, however, lacks such protection even though it may seem that security is fully present. Qārūn’s story is related to confirm this basic truth in a different way.
Die Haltung der Ungläubigen wird folgendermaßen beantwortet: „Haben Wir ihnen nicht einen sicheren heiligen Bezirk gegeben, zu dem die Früchte aller Dinge gebracht werden, als Versorgung von Uns? Doch die meisten von ihnen wissen es nicht.“ (Vers 57) Dies ist eine Erinnerung daran, dass es Gott ist, der ihnen Sicherheit gewährt hat, indem Er das Heilige Haus in ihrer unmittelbaren Nähe bestimmt hat. Er ist es, der ihnen Sicherheit verliehen hat, und Er ist es, der sie ihnen leicht wieder entziehen kann. Darauf folgt eine Warnung vor Überheblichkeit und Undankbarkeit: „Wie viele Gemeinschaften haben Wir vernichtet, die sich ihres Lebens in Wohlstand und Überfluss rühmten! Die Wohnstätten, die sie zurückließen, waren kaum mehr bewohnt. Wir sind es, die das Erbe allein antreten.“ (Vers 58)
The unbelievers’ stance is answered as follows: “Have We not given them a secure sanctuary to which are brought the fruits of all things, as a provision from Us? But most of them have no knowledge.” (Verse 57) This is a reminder that it is God who has provided them with security, appointing the Sacred House in their own vicinity. It is He who has extended security to them and it is He who can easily deprive them of it. This is followed by a warning against arrogance and ungratefulness: “How many a community that exulted in its life [of ease and plenty] have We destroyed. The dwellings they left behind were but scarcely inhabited. It is We who are the only heirs.” (Verse 58)
Die Sure macht ihnen dann deutlich, dass sie bereits gewarnt wurden, als ein Gesandter Gottes zu ihnen geschickt wurde. Gottes Gesetz war stets so, dass Menschen vernichtet werden, wenn sie auf ihren irregeleiteten Wegen beharren, nachdem sie so gewarnt worden sind: „Dein Herr würde niemals eine Gemeinschaft vernichten, bevor er ihr einen Gesandten geschickt hat, der ihr Unsere Offenbarungen vorträgt. Niemals würden Wir eine Gemeinschaft vernichten, es sei denn, ihre Menschen sind entschlossen, Unrecht zu tun.“ (Vers 59)
The sūrah then makes it clear to them that they have already been warned when a messenger of God has been sent to them. God’s law has always been that people are destroyed if they persist in their erring ways once they have been so warned: “Your Lord would never destroy a community without first sending them a messenger who would recite to them Our revelations. Never would We destroy a community unless its people are intent on wrongdoing.” (Verse 59)
Darauf folgt eine Szene vom Tag des Gerichts, an dem sie allein dastehen, nachdem sie von jenen Wesen öffentlich verstoßen wurden, die sie fälschlicherweise als Teilhaber Gottes bezeichnet hatten. So werden sie sich bewusst gemacht, welche Strafe sie am Tag des Gerichts erwartet, nachdem sie auch im diesseitigen Leben bestraft wurden. Es sagt ihnen erneut, wo Sicherheit liegt und was Furcht hervorruft.
This is followed by a scene from the Day of Judgement when they stand alone, having been publicly disowned by those beings whom they alleged to be God’s partners. Thus they are made to realize what punishment they will incur on the Day of Judgement, after they have also been punished in this life. It tells them again where security lies and what brings fear.
Die Sure endet mit Gottes Verheißung an Seinen Gesandten, als er von den Götzendienern aus Makka vertrieben wird. Diese Verheißung macht deutlich, dass Gott, der ihm diese Botschaft des Qur'ān übertragen und die mit seinem Auftrag verbundenen Pflichten festgelegt hat, ihm gewiss die Rückkehr in seine Heimatstadt ermöglichen wird und ihm Unterstützung gegen den Götzendienst und die Götzendiener gewähren wird. Gott hat ihn mit der Botschaft begnadet, nach der er nie getrachtet hatte.
The sūrah concludes with God’s promise to His Messenger as he is driven out of Makkah by the idolaters. This promise makes it clear that God, who has assigned to him this Qur’ānic message and defined the duties involved in his assignment, will surely facilitate his return to his home town, giving him support against idolatry and idolaters. God had favoured him with the message to which he had never aspired.
Er wird ihm gewiss beistehen und ihn in die Stadt zurückbringen, aus der er vertrieben wurde. Die in dieser Sure erzählten Geschichten bekräftigen dieses Versprechen. Mose kehrte in genau das Land zurück, aus dem er aus Furcht um sein Leben geflohen war. Seine Rückkehr dauerte nur eine verhältnismäßig kurze Zeit. Er zog erneut fort, diesmal jedoch mit den Kindern Israels. Auf diese Weise wurden die Israeliten gerettet, während Pharao sein demütigendes Schicksal ereilte.
He will certainly give him support and return him to the city from which he was driven out. The stories related in this sūrah endorse this promise. Moses returned to the very land from which he fled in fear for his life. When he returned it was but for a relatively short time. He once again left, only this time with the Children of Israel. In this way, the Israelites were saved whilst Pharaoh met his humiliating fate.
Die abschließende Anmerkung der Sure besiegelt auch Gottes Versprechen: „Ruft neben Gott keine andere Gottheit an. Es gibt keine Gottheit außer Ihm. Alles wird vergehen außer Ihm selbst. Bei Ihm liegt alles Urteil, und zu Ihm werdet ihr alle zurückkehren.“ (Vers 88)
The final note in the sūrah also seals God’s promise: “Never call on any deity side by side with God. There is no deity other than Him. Everything is bound to perish except Himself. With Him rests all judgement, and to Him you all shall return.” (Verse 88)
So ist das Thema und die Aussage der Sure in aller Kürze. Sie wird in vier Phasen dargelegt:
Such is, in a nutshell, the sūrah’s theme and import. This is outlined in four phases:
Moses' Geschichte, die Kommentare, die darauf folgen, Qārūns Geschichte und dieses abschließende Versprechen.
Moses’ story, the comments that follow it, Qārūn’s story and this final promise.
9 Bei meinem Kommentar zur Sure 20, Ṭā Hā, sagte ich: „Aus diesem Bericht lernen wir auch, dass Gott nicht zu ihren Gunsten eingriff, als die Kinder Israels die Demütigung hinnahmen, die Pharao ihnen im Zuge seiner Verfolgungskampagne auferlegte, indem er ihre Männer tötete und ihre Frauen verschonte. Sie fügten sich einfach in ihre Unterdrückung und fürchteten Pharao und seine Macht. Doch als der Glaube im Herzen derer, die an Moses und seine Botschaft glaubten, an erster Stelle stand und sie bereit waren, die Folter mit erhobenem Haupt zu ertragen und ihre Ablehnung Pharaos sowie ihren Glauben an Gott zu bekunden, da griff Gott ein und führte den Kampf. So wurde der Sieg auf dem Schlachtfeld errungen, wie er zuvor in ihren Herzen und Seelen errungen worden war.“ (Bd. XI, S. 343.)
9 In commenting on Sūrah 20, Ţā Ĥā, I said: “We also learn from this account that when the Children of Israel accepted the humiliation Pharoah imposed on them, by virtue of his persecution campaign, killing their men and sparing their women, God did not interfere on their side. They simply accepted their subjugation, fearing Pharaoh and his power. But when faith was paramount in the hearts of those who believed in Moses and his message, and when they were ready to withstand the torture with their heads held high, declaring their rejection of Pharaoh and their belief in God, then God intervened and conducted the battle. Thus, victory was achieved on the battlefield as it was earlier achieved within their hearts and souls.” (Vol. XI, p. 343.)
Jedoch ist das, was ich eben in dieser Sure gesagt habe, genauer und entspricht dem Sinn dieser Sure. Dennoch ist das, was ich in jenem Kommentar sagte, mit einer Änderung in der Formulierung annehmbar. Hier zeigt die Sure, wie das Eingreifen Gottes von Anfang an erfolgte, doch der endgültige Sieg wurde erst errungen, als der Glaube in den Herzen derer, die glaubten, eindeutig die Oberhand gewonnen hatte und sie das Wort der Wahrheit offen aussprachen angesichts einer skrupellosen Tyrannei.
However, what I have just said in this sūrah is more accurate and accords with the import of this sūrah.. Yet what I said in that comment is acceptable with some change in phraseology. Here, the sūrah demonstrates how God's power intervened right from the outset, but the ultimate victory was only achieved when faith was clearly uppermost in the hearts of those who believed, and when they openly declared the word of truth in the face of ruthless tyranny.